Programmieren : Ruby schlägt Ryan

2012 soll das "Year of Code" werden. Doch Informatik ist eine Männerdomäne. Initiativen wie "Rails Girls" wollen deshalb Frauen das Programmieren beibringen.
Teilnehmerin des Workshops "Rails Girls" in Berlin

Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Verabredung zum Brunch: Zwanzig Frauen treffen sich am Samstagvormittag in einem Berliner Hinterhaus; sie haben Nudelsalat mitgebracht und selbstgebackene Kekse. Hippe Mittzwanzigerinnen, die in Berlin studieren oder jobben. Ein ganz normaler Mädels-Treff – wenn da nicht die Laptops auf ihren Knien wären. Und die Plakate an den Wänden. "I love HTML" steht da, und darunter: "More than Ryan Gosling ".

Die Frauen sind hier, um die Grundzüge des Programmierens zu lernen. "Rails Girls" heißt die Veranstaltung, benannt nach Ruby on Rails , dem in der Programmiersprache Ruby geschriebenen Gerüst zum Erstellen von Websites und -anwendungen.

Initiiert wurde der monatliche Anfängerinnen-Kurs von Anika Lindtner. Im April nahm die Studentin selbst an einem Software-Workshop im Berliner Betahaus teil – und war begeistert: "Plötzlich saß ich nächtelang vor dem Computer und habe programmiert." Um mehr Frauen für das Programmieren zu interessieren, organisierte Lindtner selbst ein Event in Berlin und warb auf Twitter dafür. "Wir hatten einen unglaublichen Zulauf", sagt sie.

Die vor allem in den USA bekannte Code Academy , eine von Studenten der Columbia University gegründete Online-Schule, hat das Jahr 2012 zum Year of Code , also zum "Jahr des Programmierens" erklärt. "Kaum eine andere Fähigkeit wird im 21. Jahrhundert so wichtig sein", sagt Mitbegründer Zach Sims. "Wer programmiert, sieht die Welt auf eine neue Art."

"Code kann so cool sein"

Doch Informatik ist eine Männerdomäne, der Frauenanteil in den entsprechenden Studiengängen lag im Jahr 2010 bei gerade einmal 14 Prozent . Einen kompletten Studiengang können Initiativen wie "Rails Girls" zwar nicht ersetzen, aber sie können einen ersten Einblick in die Welt des Programmierens geben.

Meike Adam hat sich für diesen Samstag im Mai angemeldet. Die 32-Jährige arbeitet als Eventmanagerin und hat noch nie in ihrem Leben ein Programm geschrieben. "Ich bin froh, wenn ich heute nichts kaputt mache", sagt sie schmunzelnd. In Wahrheit möchte sie so viel wie möglich lernen. "Software ist heute überall", sagt sie. Warum sollen nur die Profis wissen, wie die Welt funktioniert? Und vor allem: Warum fast nur Männer?

Zu zweit oder zu dritt setzen sich die Frauen vor ihre Bildschirme. Jeder Kleingruppe steht ein Coach zu Verfügung, der sie – freiwillig und unentgeltlich – durch den Tag führt. Meikes Lehrerin heißt Maria. Sie weist ihr Team ein: Was bedeuten einzelne Befehle? Was ist HTML? Und was sind libraries ?

Schritt für Schritt erstellen die Frauen eine Web-App: Eine Tabelle, in der man Bilder und Texte speichern und bearbeiten kann. Klingt einfach. Doch für diese Anwendung braucht die Gruppe mehrere Stunden. Wie ein Trainer feuert Maria sie an, gibt sich Mühe, den "blöden Programmiererjargon" mit anschaulichen Beispielen zu umschiffen. "Code kann so cool sein", sagt sie, "aber viele Mädels trauen sich nicht an die Informatik heran." Bei den "Rails Girls" sind sie unter sich, die Stimmung ist konzentriert, aber fröhlich. Wenn ein Programm funktioniert, wird in allen Ecken des Raumes gejubelt.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Vermischung

Hier werden zwei unterschiedliche Dinge vermischt. Das Heranführen von Frauen an die Programmierung ist absolut notwendig; dieser Bereich ist immer noch viel zu sehr eine Männerdomäne (trotz der gewaltigen Pionierarbeit, die Frauen in diesem Berech geleistet haben).

Das "Jahr des Programmierens" und Programmieren als Kernfähigkeit des 21. Jahrhunderts hingegen sind eine ziemlich dümmliche Überhöhung der Nerdkultur und einer technischen Fähigkeit. Die produktive Nutzung der Funktionalität und Möglichkeiten ist es, die den Unterschied macht. Es war auch nicht das 20. Jahrhundert das Jahrhundert des Automobilingenieurs oder des Kühlschrankkonstrukteurs; die /Nutzung/ dieser beiden Geräte hat die Welt dramatisch verändert.

Dazu kommt, das Programmieren (oder besser und wichtiger: Softwareentwicklung) nichts ist, was man mal nebenbei lernt, wenn man gelangweilt ist. Es hat seinen guten Grund, dass die Studiengänge, die in diese Richtung ausbilden, Jahre dauern und eigentlich nur Nutzen bringen, wenn man sich schon in den Jahren vorher intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Es ist eine ziemliche Beleidigung zu behaupten, dass man das mal so nebenbei erledigen könne. Das würde niemand von einem Jura- oder Medizinstudium behaupten. Und auch da würde wohl niemand behaupten, dass man irgendwie produktiv als Jurist oder Arzt arbeiten könne, nur weil man in ein winziges Spezialgebiet der Materie einen kleinen Einblick gewonnen hätte.

Zielgruppe

Eine Einführung im Sinne eines "girl's day" oder einer Berufsbegleitung im Zuge der Berufswahl ist sinnvoll. Wenn es sich aber an Studenten anderer Fachrichtungen wendet oder gar, wie im Artikel, an ausgebildete Erwachsene, die wohl nicht ihr Leben neu beginnen wollen, dann ist eine solche Einführung so sinnvoll wie eine Einführung in Spezialitäten des internationalen Kaufvertragsrechts unter Berücksichtigung der besonderen Situation der DDR. Gehirnakrobatik, Beschäftigungstherapie ohne tieferen Sinn. Geistig natürlich nicht anspruchslos, aber nicht zielführend. Wobei die juristische Perspektive, die man kennenlernt, auch dafür sorgt, dass man "die Welt auf eine neue Art sieht". Und das ist nun wirklich eine Perspektive, die täglich entscheidend ist.

Warum die Art, mit der Programmierer die Welt sehen, nun die entscheidende, alles verändernde sein soll, ist mir nicht klar und konnte mir bisher auch niemand erklären (es ist ja nicht so, dass Herr Sims diese These als Erster aufgestellt hätte). Und in meiner Arbeit als Softwareentwickler konnte ich die Besonderheit noch nicht entdecken.

Natürlich ist derjenige, der Daten und Informationen kontrolliert und präsentiert, in einer besonderen Machtposition. Dafür muss man aber nicht Programmierer sein. Diese Position haben die Dateninhaber inne, Präsentatoren von Politikern bis Journalisten, die Fachanwender, die die Daten und ihre Bedeutung kennen, aber nicht diejenigen, die die Wege bauen, auf denen sie transportiert werden.

Was reden Sie da eigentlich?

Hier geht es doch nicht darum sich auf einen IT-Job vorzubereiten um ab nächsten Monat für Siemens oder IBM zu produzieren.

Es geht darum Spaß an PC und den Sprachen zu bekommen.
Keiner will das studieren oder überhaupt sich mit den verschiedenen Sprachen beschäftigen wenn er Anfänger ist.
Das ist doch wohl logisch.

Aber wissen Sie was? Diese EInstellung ist es die Mädchen (und auch Jungen) vom Programmieren abhalten. Weil da so "Experten" sind die auf die Anfänger herabblicken, diese in Fachbegriffen ertränken und jeden wichtigen, kleinen Erfolg niedermachen.

zu hoher Sockel

Natürlich kann man in ein paar Tagen lernen zu programmieren! Dazu braucht man kein jahrelanges Studium. Wie viele andere Dinge auch lernt man Programmieren am besten dadurch, dass man es viel und ausgiebig tut. Und dazu muss man vor allem eines: Anfangen! Und genau dazu dienen diese Veranstaltungen. Wer, wie sie, das Programmieren auf einen zu hohen Sockel stellt, der verunsichert damit völlig unnötig potentielle Anfänger.

Dass die Teilnehmerinnen nach ihrem Kurs weder das Andockmodul der internationalen Raumstation noch den Zentralcomputer der Deutschen Bank programmieren werden, dürfte jedem klar sein. Es gibt aber auch einfache und weniger kritische Aufgaben, die sich mit ein wenig Programmierkenntnissen elegant lösen lassen.

Man muss nicht alles können

Worum geht es denn dann? Um "am Computer hocken, ohne zu spielen"? Um ein diffuses Gefühl, etwas gemacht zu haben, was irgendwie doch nicht ganz sinnlos sein könnte?

"Spaß am PC" ist ein abgedroschenes Konzept, um ängstlichen Menschen die Angst vor der Maus zu nehmen. Heute kaum noch notwendig, und wenn, dann sicher nicht mit Programmieren, sondern mit Computerbenutzung - was etwas völlig anderes ist als Programmieren (und für die meisten Menschen weitaus sinnvoller).

Wenn man sich nicht mit den theoretischen Konzepten, der Sprache und der Mathematik beschäftigt, ergibt es überhaupt keinen Sinn, sich mit der Materie zu beschäftigen. Dann ist am Computer spielen sinnvoller, weil ehrlicher.

Es gibt einen recht einfachen Weg, festzustellen, ob die Beschäftigung mit dem Programmieren für einen Schüler sinnvoll ist: Wenn er sich gerne mit Mathematik beschäftigt, dann kann es auch sein, dass er gerne und gut programmiert. Wenn nicht, dann ist es zu 99% sicher, dass es vergebliche Liebesmüh ist.

Würden Sie jemanden, der keinerlei Ahnung von Musik hat und sie nicht gerne hört, auch empfehlen, mal wild auf die Tasten eines Klaviers zu hauen? Weil es Spaß macht? Dann ist es eine Beschäftigung für dreijährige Kinder, danach wird es langsam peinlich.

Nein.

Es geht mir darum, dass es völlig sinnlos ist, einzelne spezielle Bröckchen kennzulernen, wenn das Konzept fehlt. In Rails ein Webformular zu bauen, um die moderne IT und die Kontrolle der Daten zu durchschauen, hat mit Bildung soviel zu tun wie das Einstellen des Zündwinkels des Motors eines Autos etwas über Verkehrskonzepte beibringt.

Aber es hinterlässt ein warmes Gefühl in der Magengegend, dass man doch irgendwas getan hätte.

Nur nichts sinnvolles.

Schrott

Ein großes Problem der IT-Welt sind solche Halblaien mit ihren kleinen Tricks. Das sind Leute, hinter denen man wochenlang herarbeiten muss, um ihre konzeptlosen Machwerk wieder geradezubiegen.

Nein, man kann nicht in ein paar Tagen programmieren lernen. Man kann in ein paar Tagen lernen, wie man etwas zusammenschustert, was Leute, die noch viel weniger Ahnung haben, beeindruckt. Mehr nicht.

Das kann eine Grundlage sein, wenn man daraus das Interesse entwickelt, sich ernsthaft mit der Materie zu beschäftigen. Jahre-, jahrzehntelang. Sonst hat es nicht mehr Tiefgang als ein Ferientauchkurs - danach ist man auch kein Profitaucher und kann auch dessen Arbeit nicht beurteilen.

@1. Du verwechselst da was

Nämlich Informatik und Programmieren. In der Informatik lernt man sehr viel mehr. Wer nur progen möchte, muss nicht Informatik studieren und nicht als ITler arbeiten. Coden kann man in zehn bis 20 Stunden lernen und anschließend kann man was sinnvolles damit machen. Niemand wird hingehen und diese Leute deshalb als ITler beschäftigen und das steht auch nirgendwo in dem Artikel.

Computer Kids

Ich kenne einige Computer Kids, die bereits mit 14 Jahren programmieren konnten, zwar keine Windows Betriebssysteme, aber Programmieren ist etwas was man selbst lernen kann, dazu braucht es kein Studium.

Ja selbst ich habe mit 14 Jahren angefangen Homepages im Windows Editor zu schreiben, weils noch keine HTML Editoren gab, die einem die mühselige Arbeit des Code schreiben abnehmen.

Es gibt nur ein paar Dinge die dazu wichtig sind.

Zeit, Wille, Durchhaltevermögen und Kreativität.

Aha, soso

mal wieder ein Computerkurs speziell für Frauen. So etwas gabs schon an unserer Schule. Den Sinn habe ich nie verstanden, die Jungs hatten außer daddeln auch keinerlei echte Computerkenntnisse. Als wenn das Geschlecht etwas mit logischer Auffassungsgabe zu tun hätte..!

Es ist auffällig, daß diejenigen, die für Gleichstellung einstehen, am fleißigsten vermeintliche Geschlechtsunterschiede herausstellen.

.....

Die generell niedrigere Studentenanzahl von technischen Studien ergibt sich nur daraus das man so viel Mathematik reinpumpt und eine heranführung an diese Mathematik nach bester Uni-Manier dem Studenten selber überlässt und ihn damit oftmals alleine lässt, besonders wenn er eben kein wahnsinniger Mathe-Könner ist.

Wer programmiert, sieht die Welt auf eine neue Art.

Ja, dazu muss er aber wissen wie ein Computer so funktioniert, also was eine Turingmaschine ist, welche Komplexitätsklassen es gibt, was NP-Vollständigkeit bedeutet.

So etwas kann man bequem in jeder Schule unterrichten, bspw. in Mathe, Informatik oder Philosophie. Lernfeld 6 der Fachinformatiker bietet sich dazu an.

Ein bißchen Gefrickel in Ruby um ein Webformular zu basteln bleibt nun mal Gefrickel, ohne die theoretischen Konzepte kann und wird man nicht verstehen wie ein Computer funktioniert und damit die Welt auch nicht anders sehen.

Wer sich mit dem Thema (ohne großartige Mathematik) befassen will, sollte Joseph Weizenbaums »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft« lesen, vor allem das Kap. »Die Naturwissenschaft und der zwanghafte Programmierer«.