Über was dieses Spiel alles Buch führt: "100 Gegner in die Weichteile geschossen", verkündet eine Einblendung, nachdem ein weiteres Pixelmännchen im Kugelhagel zusammengesackt ist. Doch es ist keine Zeit, über diese seltsame Auszeichnung nachzudenken. Die Schüsse kommen noch aus allen Richtungen und die Mauer, hinter der Max Payne sich versteckt hält und fluchend seine Waffe nachlädt, bröckelt im Maschinengewehrfeuer.

Das ungefähr ist die Standardsituation des neuen Blockbustertitels von Rockstar Games, für den derzeit landesweit an jeder Bushaltestelle geworben wird: schießen, ducken, laden, schießen. Ja, es gibt eine Story dazu, die allerdings diese Orgie nur notdürftig bemäntelt. Weswegen sich die Frage stellt: Braucht es die Geschichte überhaupt?

Der Vollständigkeit halber: Der ehemalige Polizist Payne flieht vor der Mafia aus New Jersey nach Sao Paolo, wo er als Bodyguard in Diensten einer reichen Familie steht. Natürlich wird diese Familie von Verbrecherbanden bedroht, und natürlich wird bald die Dame des Hauses verschleppt, zu deren Rettung Payne nun aufbricht. Dieser flüchtig gesteckte Rahmen ist der Vorwand, um zur Sache zu kommen, zum Schießen und Bluten, zum Exzess. Und schon rücken Ganoven in lächerlich großer Bataillonsstärke an.

Versumpfter Racheengel

Payne, das ahnt selbst der unkundigere Spieler, ist ein sprechender Name. So wie Else Schweigestill bei Thomas Mann oder auch Schwanzus Longus bei Monthy Python. Max Payne hat maximal große Schmerzen: Seine Frau und Tochter sind ermordet worden. In seinem beschädigten Leben halten ihn allein Alkohol, Tabletten und sein Fatalismus, der dem Spiel seinen Nichtszuverlieren-Kitsch verleiht und ja gerne mit Tiefe verwechselt wird.

Payne ist gewissermaßen die unrasierte Version eines Racheengels, der die ganze Welt für sein Leid und seine Demütigung bestrafen will und dem es egal ist, ob er dabei umkommt. Es treibt ihn in versumpfte Docks, brennende Hochhäuser, leere Fußballstadien, Discos und in die Favelas mit ihren großzügig bewaffneten Straßengangs. Dort schleicht Payne von Deckung zu Deckung und schießt Tausende Kugeln in Dealer und Paramilitärs, der permanente Ausnahmezustand also. Aber: Macht das Spaß?

Etwa zehn Stunden lenkt man den Helden durch diese sehr bunte, sehr schrille, sehr MTV-hafte – man muss es leider so nennen – Inszenierung des Tötens. Man bewältigt Gegnerwelle um Gegnerwelle, während die Rettung der Frau wieder und wieder verschoben wird. Zwischendurch stöhnt Payne im verkaterten Bariton über den Zustand der Welt, sinniert über ihre Verdorbenheit, blickt verächtlich auf die Dekadenz der Reichen und auf die Verwahrlosung der Armen.