Max Payne 3Bäng, bumm, bäng

Keine Ambition, kaum Story, nur viele Leichen: "Max Payne 3", der neue Blockbuster von Rockstar Games, ist eine pompöse Inszenierung von Gewalt, mehr leider nicht. von 

Max Payne 3

Max Payne 3  |  © Rockstar Games

Über was dieses Spiel alles Buch führt: "100 Gegner in die Weichteile geschossen", verkündet eine Einblendung, nachdem ein weiteres Pixelmännchen im Kugelhagel zusammengesackt ist. Doch es ist keine Zeit, über diese seltsame Auszeichnung nachzudenken. Die Schüsse kommen noch aus allen Richtungen und die Mauer, hinter der Max Payne sich versteckt hält und fluchend seine Waffe nachlädt, bröckelt im Maschinengewehrfeuer.

Das ungefähr ist die Standardsituation des neuen Blockbustertitels von Rockstar Games, für den derzeit landesweit an jeder Bushaltestelle geworben wird: schießen, ducken, laden, schießen. Ja, es gibt eine Story dazu, die allerdings diese Orgie nur notdürftig bemäntelt. Weswegen sich die Frage stellt: Braucht es die Geschichte überhaupt?

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Der Vollständigkeit halber: Der ehemalige Polizist Payne flieht vor der Mafia aus New Jersey nach Sao Paolo, wo er als Bodyguard in Diensten einer reichen Familie steht. Natürlich wird diese Familie von Verbrecherbanden bedroht, und natürlich wird bald die Dame des Hauses verschleppt, zu deren Rettung Payne nun aufbricht. Dieser flüchtig gesteckte Rahmen ist der Vorwand, um zur Sache zu kommen, zum Schießen und Bluten, zum Exzess. Und schon rücken Ganoven in lächerlich großer Bataillonsstärke an.

Versumpfter Racheengel

Payne, das ahnt selbst der unkundigere Spieler, ist ein sprechender Name. So wie Else Schweigestill bei Thomas Mann oder auch Schwanzus Longus bei Monthy Python. Max Payne hat maximal große Schmerzen: Seine Frau und Tochter sind ermordet worden. In seinem beschädigten Leben halten ihn allein Alkohol, Tabletten und sein Fatalismus, der dem Spiel seinen Nichtszuverlieren-Kitsch verleiht und ja gerne mit Tiefe verwechselt wird.

Payne ist gewissermaßen die unrasierte Version eines Racheengels, der die ganze Welt für sein Leid und seine Demütigung bestrafen will und dem es egal ist, ob er dabei umkommt. Es treibt ihn in versumpfte Docks, brennende Hochhäuser, leere Fußballstadien, Discos und in die Favelas mit ihren großzügig bewaffneten Straßengangs. Dort schleicht Payne von Deckung zu Deckung und schießt Tausende Kugeln in Dealer und Paramilitärs, der permanente Ausnahmezustand also. Aber: Macht das Spaß?

Etwa zehn Stunden lenkt man den Helden durch diese sehr bunte, sehr schrille, sehr MTV-hafte – man muss es leider so nennen – Inszenierung des Tötens. Man bewältigt Gegnerwelle um Gegnerwelle, während die Rettung der Frau wieder und wieder verschoben wird. Zwischendurch stöhnt Payne im verkaterten Bariton über den Zustand der Welt, sinniert über ihre Verdorbenheit, blickt verächtlich auf die Dekadenz der Reichen und auf die Verwahrlosung der Armen.

Leserkommentare
  1. möchte ich auf diesen großartigen Kommentar eines Lesers vom Vorjahr verweisen, bezüglich der Einseitigkeit der in der "Zeit" veröffentlichten Kritiken von Shooter-Games.

    http://www.zeit.de/digita...

    Dennoch bin ich froh, dass der Verfasser dieser Rezension, zumindest scheinbar andere Rockstar-Games ausprobiert hat.

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    Redaktion

    Lieber obsidian,

    ich habe überhaupt nichts gegen Shooter. Man kann sich aber darüber unterhalten, ob ein Spiel dieses Genres gelungen oder nicht gelungen ist. Und in diese Bewertung gehört nicht nur, ob es sich gut steuern lässt oder die Grafik einem gefällt, sondern auch: Wie ist es erzählt? Und: Was will mir das Spiel eigentlich erzählen? Ich glaube, dass das Medium des Videospiels mittlerweile mehr kann, als die immergleiche Bewältigung von Gegnerwellen in lediglich wechselnder Umgebung. Die von mir erwähnten Spiele "Red Dead Redemption" und "GTA" sind im Kern ja auch Shooter.

    Mit besten Grüßen
    D. Hugendick

  2. "Rockstar Games hat wieder seine Erfindung namens Bullet Time integriert[...]"

    Das ist nicht richtig. Remedy, der vorherige Besitzer der Rechte an Max Payne und Co. war der Erfinder der Bullett Time in Videospielen. [1]

    Ansonsten: Ein leider sehr einseitiges Review. Max Paynes Geschichte wurde schon immer (Teil I&II) sehr überzeichnet dargestellt, wie eben in dem vorgestellten dritten Teil. Das ist sicherlich Geschmackssache, genau wie die MTV-mäßigen Bildstörungen. Trotzdem ist es meiner Meinung nach Rockstar sehr gut gelungen den gebrochenen Charakter Max und die anderen (teils sehr Klischee behafteten) NPCs filmreif zu inszenieren.

    Überzeichnung als Stilmittel; das kennt man auch aus DC Comic-Verfilmungen. Schade, dass diese Rezension nicht auf dieses Stilmittel eingeht, sondern auf _nur eine_ Ausprägung des Stilmittels, die überzeichnete Gewaltdarstellung, verwendet um über das ganze Werk zu urteilen. Der Vergleich zu "Mad World" (2009; SEGA für Nintendo Wii) oder zu Tarantino-Filmen drängt sich auf.

    Christopher

    [1] http://en.wikipedia.org/w...

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    Redaktion

    Lieber Christoph,

    dass Überzeichnung ein Stilmittel sein kann: geschenkt. Allerdings sollte man sich schon fragen: Wozu ist es da? Ein Stilmittel, das reiner Selbstzweck ist, finde ich zu wenig. Zumal in einem Spiel, das im Vergleich zu anderen Games dieser Entwickler erzählerisch leider sehr wenig zu bieten hat.

    Mit bestem Gruß
    D. Hugendick

  3. 3. Fehler

    Die "Bullettime" wurde nicht von Rockstar eingeführt, sondern von Remedy Entertainment, die damals das erste Max Payne entwickelt haben.
    Man sollte sich schon vorher informieren, bevor man einen Artikel schreibt.
    Das Spiel selbst hab ich nicht gespielt, dennoch erscheint mir auch diese Kritik sehr oberflächlich. Aber gut, Zeit ist keine Spielemagazin und hätte auch besser, es in Zukunft komplett sein zu lassen.

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    Ich muss Ihnen aus tiefsten Herzen widersprechen.
    Die ZEIT ist kein Spielemagazin, stimmt, aber gerade deshalb freut es mich das sich die ZEIT dem Thema annimmt, genauso wie Literatur, Kino, Fernsehen etc.
    Spiele sind "Mainstream" und brauchen sich nicht in Fachliteratur verstecken.

    Und was die Kritik betrifft:
    Man muss kein Huhn sein um den Unterschied zwischen einem schlechten und einem guten Ei zu erkennen :-)

  4. >Rockstar Games hat wieder seine Erfindung namens Bullet Time integriert, eine Art Zeitlupenfunktion, mit deren Hilfe der Spieler verfolgen kann, wie Kugeln einen Kopf oder andere Körperteile durchlöchern.

    Der Teil ist ungenau. Erfunden wurde die Bullet Time in der Filmkunst der frühen 80er und mit John Woo, Blade und Matrix populär gemacht.

    Übersetzt - und damit für die Computerspiele "erfunden" - wurde das Ganze von Remedy Entertainment, die 2002 von Take2 aufgekauft wurden, womit Rockstar Games Publisher und diverse Rockstar Studios spätere Entwickler den zweiten (zusammen mit Remedy) und dritten Teil wurden.

    • sjdv
    • 21. Mai 2012 13:05 Uhr

    Ich habe das Spiel für die PS3 gekauft und habe eine etwas andere Meinung. Die Handlung ist zunächst mal sehr gelungen, die Charakter sind kinoreif und die Graphik und das Ambiente einfach atemberaubend.
    Wahr ist, dass das Spiel linear angelegt ist, d.h. nicht die Vielfalt eines Sandbox Games wie GTA oder Red Dead Redemption bietet.
    Insgesamt kann ich es wirklich empfehlen, auch wenn es wahrscheinlich nicht das Potential hat, dass man sich damit monatelang beschäftigen kann.
    Interessant auch, dass eine andere Kritik bei der Zeit viel positiver war:
    http://www.zeit.de/digita...

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    • 15thMD
    • 21. Mai 2012 15:57 Uhr

    Es ist doch super, wenn ein Spiel in eriner Zeitung von 2 unterschiedlichen Personen betrachtet wird, die dann eben 2 Meinungen entwickeln....

    • Aonyx
    • 21. Mai 2012 13:06 Uhr

    hat zumindest der Artikel. Als jemand, der damals Remedy's Max Payne Reihe gerne gespielt hat (insbesondere wegen der Verquickung von Film Noire und Graphic Novel sowie der dichten Atmosphäre) und seitdem die Entwicklung über Rockstar's GTA Reihe und Red Dead Redemption mitgemacht hat, ist das neue Spiel mit Max in vielerlei hinsicht ein Rückschritt. Je mehr ich über es erfahren musste, desto weniger sprach es mich noch an. Rockstar scheint hier einfach den Zug verpasst zu haben und verliert sich in Details, während das Gesamtbild aus dem Ruder läuft.

  5. Mir fehlt in dieser Rezension der Vergleich mit dem ersten Teil. Das wäre auch hilfreich, um die Einschätzungen des Autors bzgl. Flachheit/Gewaltüberschuss/whatever besser einordnen zu können. Außerdem versteht sich das eigentlich von selbst. Ich meine - wenn ich Deus Ex 3 rezensiere, dann komme ich an ein paar Seitenblicken auf Deus Ex 1 nicht vorbei. Genauso bei Filmen: Wenn ich Matrix 3 rezensiere, komme ich an Matrix 1 nicht vorbei. Und der erste Max Payne steht in puncto Klassikerstatus wohl nur wenig hinter den Genannten zurück.

  6. Redaktion

    Lieber Christoph,

    dass Überzeichnung ein Stilmittel sein kann: geschenkt. Allerdings sollte man sich schon fragen: Wozu ist es da? Ein Stilmittel, das reiner Selbstzweck ist, finde ich zu wenig. Zumal in einem Spiel, das im Vergleich zu anderen Games dieser Entwickler erzählerisch leider sehr wenig zu bieten hat.

    Mit bestem Gruß
    D. Hugendick

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Thomas Mann | Games | Computerspiel | Blockbuster
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