Fahne mit dem Symbol der Anonymous-Bewegung bei einer Demo gegen Acta im Februar in Berlin © Adam Berry/Getty Images

Wie weit sind wir eigentlich beim Thema Nerd-Politik, wo stehen wir und wohin wollen wir damit? Es lohnt sich durchaus, diese Frage zu stellen. Haben doch hohe EU-Beamte als Nachwirkung des Kampfes um Sopa gerade den Niedergang von Acta angekündigt , scheint die transpazifische Handelspartnerschaft zu lahmen und hat die deutsche Piratenpartei bereits zum vierten Mal Sitze in einem Regionalparlament gewonnen .

Seit den frühen Tagen der Informationskriege ringen diejenigen, die sich für Freiheit und Technologie interessieren, mit zwei ideologischen Fallen: Nerd-Determinismus und Nerd-Fatalismus. Beide sind äußerst verlockend für Menschen, die Technik lieben.

Beim "Nerd-Determinismus" tun Technologen riskante und dumme politische, juristische und behördliche Vorhaben mit der Begründung ab, sie seien technisch sowieso nicht umsetzbar. Geeks, die sich für den Schutz der Privatsphäre interessieren, wischen Überwachungsgesetze , Abhörverfahren und andere Spionage im Internet mit der Aussage beiseite, sie könnten sich problemlos davor schützen und solcher Überwachung entkommen.

Amerikanische und europäische Sicherheitsbehörden beispielsweise fordern, Netzanbieter sollten Hintertüren einbauen, damit Ermittler den Datenverkehr überwachen können. Geeks lachen verächtlich darüber und glauben, nichts davon werde all die cleveren Leute betreffen, die ihre Mails und ihren Datenverkehr verschlüsseln.

Es nutzt nichts, wenn zu wenige es tun

Es stimmt, Geeks können sich solchen Dingen entziehen, sie können Netzwerküberwachung umgehen und geschlossene Systeme überwinden , wie sie auf Smartphones, Tablets, Konsolen und Computern inzwischen alltäglich sind. Allerdings ist das nicht genug, um uns und die Welt vor dieser Entwicklung zu bewahren.

Es spielt keine Rolle, wie toll Dein E-Mail-Anbieter ist oder wie stark verschlüsselt Deine E-Mails. Wenn 95 Prozent der Menschen, mit denen Du kommunizierst, keine Verschlüsselungstechnik nutzen und ihre Botschaften mit einen kostenlosen Webmailer verschicken, der Ermittlern Zugang zu ihren Daten gibt, dann können Polizisten, Spione und Kontrollfanatiker auch praktisch all Deine E-Mails lesen, wenn sie es wollen.

Das ist nicht alles. Denn für Dinge, die nicht legal sind, interessieren sich auch keine Investoren. In Großbritannien beispielsweise ist es erlaubt, die von Anbietern installierte SIM-Sperre eines Mobiltelefons wieder zu entfernen. Man kann einfach in einen Laden spazieren und sein Handy innerhalb von ein paar Minuten von einem der Angestellten freischalten lassen.

Als das in den USA noch verboten war (derzeit ist es fast legal), konnten nur Menschen die SIM-Sperre ihrer Telefone beseitigen, die in der Lage waren, schwer nachvollziehbare Anleitungen aus dem Internet zu verstehen und korrekt auszuführen. Kein Telefonhändler aber wird für diese Arbeit einen Mitarbeiter anstellen, solange es illegal ist. (Sogar in meiner Reinigung gibt es inzwischen jemand, der hinter einem Klapptisch sitzt und für einen Fünfer jedes Telefon freischaltet.)

Investoren interessieren sich nicht für Illegales

Ohne Kundschaft werden auch die Hersteller solcher Freischalt-Programme diese nur soweit entwickeln, wie es unbedingt nötig ist, damit sie selbst sie bedienen können. Doch um aus einem solchen Werkzeug ein fertiges Produkt zu machen, das jeder bedienen kann und kaufen will, braucht es meistens Investoren, Märkte und Kommerzialisierung.

Das bedeutet nicht, dass nicht irgendein talentierter Hacker aus reiner Freude an der Fähigkeit aus einem illegalen Werkzeug ein perfektes Instrument bastelt. Aber diese glitzernden Edelsteine sind seltene Ausnahmen.