PodcastsDas Netz muss sprechen lernen

Im Netz tobt der Mob? Nicht, wenn wir uns verstehen. Das tun wir am besten in gesprochener Sprache. Ein Lob der unterschätzten Nische Podcast. von 

Podcasts - mehr als Radio

Podcasts - mehr als Radio  |  © sylvi.bechle / photocase.com

Im Netz tobt der Pöbel, lautet ein moderner Mythos. Wut und Unflat bestimmten die Debatten und mancher lässt sich angesichts dieser Überzeugung sogar zu der Forderung hinreißen, Twitter müsse verboten werden . Der Blogger und Podcaster Tim Pritlove hat eine Theorie, die das Phänomen erklären könnte. Und nein, es ist nicht die gern gescholtene Anonymität , die Schuld ist.

Pritlove ist Programmierer und seit vielen Jahren beim Chaos Computer Club aktiv. Seit 2005 produziert er einen erfolgreichen Podcast namens CRE , früher Chaosradio Express. Er fasst das Phänomen in einem kurzen Satz zusammen: "Bei Blogs ist Shitstorm, beim Podcast die ganze Zeit Bällebad." Was er meint: Nicht das Netz sei das Problem, sondern die geschriebene Sprache.

Anzeige

Auf der diesjährigen re:publica hielt er dazu einen Vortrag und sagte dort: "Bei Blogs entfaltet sich gern ein Kommentargewitter, das im Wesentlichen draufhaut, und man fragt sich angesichts dessen, ob sich irgendwer im Internet überhaupt noch lieb hat." Bei Podcasts, also bei vernetzten, abonnierbaren Internetradiosendungen, sei das anders. Deren Inhalte würden sehr viel wohlmeinender aufgenommen – eben weil die gesprochene Sprache viel mehr Nuancen transportiere als die geschriebene. Man verstehe sie einfach besser.

"Dadurch, dass man die Personen wahrnimmt und zum Beispiel Ironie heraushört", werde Podcasts mit dem "Mindestrespekt" begegnet, den viele in schriftlich geführten Debatten vermissen ließen, sagt Pritlove.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Eigentlich logisch. Unsere Kommunikation basiert auf gesprochener Sprache. In dieser sind wir wirklich trainiert, verstehen Anspielungen, Hintersinn, Ironie. Geschrieben hingegen wird erst seit ein paar Tausend Jahren. Die Fähigkeit, Schrift zu verfassen und zu verstehen, müssen wir mühsam erlernen, die Chance für Missverständnisse ist damit viel höher.

Noch ein Aspekt: "Beim Lesen von Texten hört man immer seine eigene, als unangenehm empfundene innere Stimme", sagt Linus Neumann. Bei Podcasts dagegen sei es die Stimme anderer, die zu hören sei, da sei man gelassener. Der Diplom-Psychologe bloggt ebenfalls seit längerer Zeit und hat vor kurzem Podcasting entdeckt .

Pritlove schließt an seine Beobachtung zwei Schlussfolgerungen an. Die erste formuliert er so: "Irgendwie nervt mich das Web. Alles ist Text. Das ist vorsintflutlich, die wesentliche Kommunikation der Menschen ist Sprache." Das derzeitige Internet sei eine "Textwüste" und "audiofeindlich". Die Ursache sieht er in der "Diktatur der Suchmaschinen".

Bislang können diese tatsächlich nur Text sicher verarbeiten. Sie lernen gerade erst, auch Bilder zu verstehen. Dementsprechend verbreitet sind auf Text und Video basierende Angebote. Gesprochene Sprache hingegen wird von Suchmaschinen noch ignoriert – nach Meinung Pritloves ist das der Grund dafür, dass Podcasts von der breiten Masse bislang als unbedeutend angesehen würden.

Leserkommentare
    • Thems
    • 03. Mai 2012 17:15 Uhr

    Als begeisterter Podcast-Hörer kann ich auch nur sagen, dass die Länge nicht das Problem ist, zumindest für mich nicht. Abends zum Einschlafen, auf dem Weg in die Uni und auch einfach mal beim Entspannen im Garten. Man muss ja auch nicht den Podcast am Stück hören, Software mit Lesezeichen und Einschlaf-Funktion sind vorhanden.
    Die Frage, ob man sich dann 3 Stunden mit einem Thema befassen möchte ist eine andere. Ob man hinterher wirklich besser informiert ist, ist ebenfalls unklar. Wie immer gilt, mehrere Quellen heranziehen.

    Ich bin zwar kein SEO, aber könnte man dem ganzen nicht entgehen, wenn man seine Audiofiles in Textformate bringt, bspw. mit Diktiersoftware? Den Text könnte man ja ganz dezent verborgen in auf der Homepage platzieren, wenn man möchte.

    Was die psychologische Komponente betrifft würde ich nicht unerwähnt lassen, dass die meisten Blogposts von einzelnen Autoren geschrieben werden, wohingegen beim Podcast im Regelfall mehrere Personen zugegen sind. Dadurch entstehen Diskussionen die auch die Komplexität mancher Themen besser umreißen können als es Artikel schaffen und verschiedene Blickwinkel auf eine Problemstellung vermitteln.

    2 Leserempfehlungen
  1. Stimmt schon, der geschriebene Text kam lange nach der gesprochenen Sprache und hatte eigentlich zunächst den Zweck, das Gesprochene über Entfernungen transportieren und auch archivieren zu können.

    Den geschriebenen Text als 1:1 Kommunikation gibt es vielleicht sogar seit erst noch kürzerer Zeit.

    Nun, die gesprochene Sprache, dank Übertragungs- und Aufzeichnungsmöglichkeiten also auch für Transport und Archivierung geeignet, hat auch so ihre Tücken.

    Wenn ich manche Radiosender höre, bekomme ich Aggressionen... fühle mich mit Mist überflutet. Von Stimmen, die kaum ein Ohr wirklich hören will.

    So einfach ist es also nicht.

    Wir müssen uns vielmehr auf unsere Sprache rückbesinnen. Übrigens, sowohl die gesprochene als auch die geschriebene. Denn unsere Kommunikation hat einen Tiefpunkt erreicht, über die pure Information reicht sie nur noch wenig hinaus.

    Pritloves Ansätze sind nicht so abwegig, aber ganz überzeugen sie mich nicht.

    Vor vielen Jahren wurde von Soziologen oder Psychologen angeregt, der Verrohung der Teilnehmer am Straßenverkehr entgegenzuwirken, indem man eine (audielle) Verbindung aller Autofahrer in einem bestimmten Umkreis schafft. Interessiert hat den Vorschlag wohl kaum jemanden.

    Nein, eine Rückbesinnung auf die Sprache ist nötig. Wir brauchen die gesprochene Sprache psychisch. Aber nicht wie Menschen, die Radio, TV oder Podcast laufen lassen, um "eine menschliche Stimme um sich zu haben", das reicht nicht aus. Auch wenn es sich bei Pritlove so anhört.

    Eine Leserempfehlung
  2. Vielleicht ist es ja so, dass gerade die Suchmaschinenunfreundlichkeit die Podcasts eben schützt.
    Davor von den Shitstormern gefunden zu werden.

    Die im Artikel vorgenommene Abeleitung halte ich für falsch. Spätestens im YouTube Kommentarbereich haut's ja nicht mehr hin.

    Und das Audioübertragung dem Verständnis hilft wage ich auch zu bezweifeln, nicht umsonst Buchstabiert man am Telefon ja sehr aufwändig.
    Und dort wo es hilft, es aber auch nur ein Schritt dabei ist, Abstraktes (den Gedanken) in die Wirklichkeit umzusetzen, führt der Weg am Ende zum persönlichen Gespräch.
    Und in der Mitte, da steht bestimmt irgendwo der Podcast, aber zwischen dem Video und dem IP-Telefonat, da wird er halt immer klein bleiben.

    2 Leserempfehlungen
  3. Die These, dass der Umgangston nur wegen der mangelnden Audioform so rau ist, kann ich als "Gamer" widerlegen. Was man da im Teamspeak zu hören bekommt, ist eigentlich immer unter aller Sau. Mag sein, dass es geringfügig besser ist, aber rentiert das den Aufwand?

    Ich persönlich verbringe sowieso viel zu viel Zeit damit, Informationen von Leuten aufzusaugen, die mich gar nicht wirklich intessieren. Kümmert es mich wirklich, was Poster XY von der politische Lage in Mali hält? Warum lese ich es dann? Naja, weil es so einfach geht. Viele Infos in kurzer Zeit. Beim Hören ist es genau anders rum: Ich werde endlos zugeschwafelt. Und im dümmsten Fall stelle ich nach zwei Stunden fest, dass wirklich gar kein informationeller Mehrwehrt vorhanden ist.

    Nein, ich persönlich brauche Podcasts auf keinen Fall. Schon gar nicht auf dem Handy für den Bus oder so.
    Aber jeder wie er mag.

    Eine Leserempfehlung
  4. Für Leute, die mit dem Lesen Schwierigkeiten haben.

    • Nibbla
    • 03. Mai 2012 18:55 Uhr

    Ich persönlich mag ab und zu einen Podcast nebenbei.
    Aber wenn ich lese schaff ich einfach ca 400 Wörter pro Minute (vlt auch bissal weniger) und beim sprechen schafft man nur ca 150 Wörter pro Minute.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vor allem ist gesprochene Sprache 1. sequentiell aufzunehmen und 2. nach ihrer Aufnahme ist sie "wech". Den geschriebenen Text kann ich stundenlang vor meinen Augen stehen lassen.

    Trotzdem aber stimmt der im Artikel genannte Ansatz.

    Es geht um die Metainhalte, die nun einmal kein Text huckepack mittransportieren kann. Weshalb ja auch Missverständnisse unweigerlic sind - wenn eine Ironie, ein nuanciertes "es anders meinen" nicht sichtbar werden kann, was dann ggf. zu einem ruppigen Abtausch führt.

    Da kann die gesprochene Sprache mehr. Jedoch, wie ich schon sagte, wir brauchen eine Rückbesinnung auf unsere Sprachkultur, sonst nutzt das alles nichts.

    In früheren Jahren war ich lizenzierter Funkamateur, tolle Sache. Irgendwann wurde der 27-MHz-Bereich für alle Leute freigegeben, "Elfmeterfunk" oder "Jedermannfunk" nannten wir es.

    Unbeschreiblich, was sich dort teilweise abgespielt hat, da hat das gesprochene Wort sich als das Gegenteil dessen erwiesen als oben in dem Artikel gesagt ist.

    Ich werde jedenfalls beginnen, mich selbst mit dem Thema Podcast etwas vertrauter zu machen. Dann kann ich sehen, wie weit sich die Ansichten von Tim Pritlove und Linus Neumann bestätigen.

  5. Vor allem ist gesprochene Sprache 1. sequentiell aufzunehmen und 2. nach ihrer Aufnahme ist sie "wech". Den geschriebenen Text kann ich stundenlang vor meinen Augen stehen lassen.

    Trotzdem aber stimmt der im Artikel genannte Ansatz.

    Es geht um die Metainhalte, die nun einmal kein Text huckepack mittransportieren kann. Weshalb ja auch Missverständnisse unweigerlic sind - wenn eine Ironie, ein nuanciertes "es anders meinen" nicht sichtbar werden kann, was dann ggf. zu einem ruppigen Abtausch führt.

    Da kann die gesprochene Sprache mehr. Jedoch, wie ich schon sagte, wir brauchen eine Rückbesinnung auf unsere Sprachkultur, sonst nutzt das alles nichts.

    In früheren Jahren war ich lizenzierter Funkamateur, tolle Sache. Irgendwann wurde der 27-MHz-Bereich für alle Leute freigegeben, "Elfmeterfunk" oder "Jedermannfunk" nannten wir es.

    Unbeschreiblich, was sich dort teilweise abgespielt hat, da hat das gesprochene Wort sich als das Gegenteil dessen erwiesen als oben in dem Artikel gesagt ist.

    Ich werde jedenfalls beginnen, mich selbst mit dem Thema Podcast etwas vertrauter zu machen. Dann kann ich sehen, wie weit sich die Ansichten von Tim Pritlove und Linus Neumann bestätigen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    gesprochene Sprache das Ziel sein sollte.

    Wo wir doch per Video weitere Nuancen dazu gewinnen würden.

    Und dann greift wieder Ihr Elfmeterfunkargument, siehe Youtube.

    Was es braucht ist eine gewisse Zugangshürde, sonst wird es nicht wert geschätzt.

    Und damit meine ich nicht einmal eine finanzielle.

    Es scheint schon die im Artikel angesprochene Googlehürde ausreichend hilfreich zu sein.

    Schade, die Technik wird, wie angedroht im Artikel aber auch diese Hürde niederreißen, vollkommen ungeachtet aller Folgen.

  6. gesprochene Sprache das Ziel sein sollte.

    Wo wir doch per Video weitere Nuancen dazu gewinnen würden.

    Und dann greift wieder Ihr Elfmeterfunkargument, siehe Youtube.

    Was es braucht ist eine gewisse Zugangshürde, sonst wird es nicht wert geschätzt.

    Und damit meine ich nicht einmal eine finanzielle.

    Es scheint schon die im Artikel angesprochene Googlehürde ausreichend hilfreich zu sein.

    Schade, die Technik wird, wie angedroht im Artikel aber auch diese Hürde niederreißen, vollkommen ungeachtet aller Folgen.

    Antwort auf "@Nibbla"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist eine Gratwanderung, was die Betrachtung angeht: Ich betrachte youtube tendentiell mehr als "rundfunkähnliche Darbietung".

    Also als eine Einbahnstraße.

    Was im Artikel von dessen zwei Protagonisten wohl gemeint ist, ist etwas anderes, nämlich so etwas wie "Echtzeitkommunikation" und zwar per Gegensprech- nicht Wechselsprechanlage.

    Möglicherweise liegt da der Zweifel, den ich ja auch ich selbst teile.

    "Miteinander Sprechen" ist eine andere Sache als sich gegenseitig Audiobotschaften zu schicken. Da haben Sie Recht, wenn Sie fragen, wozu denn das gut sein soll.

    Ich denke, eine im Sinne der obigen Ideenträger stattfindende audielle Kommunikation bedarf noch reichlich Ideenreichtums, bis sie praxisreif sein kann. Das wird sicherlich so sein.

    Bis dahin, und da bekräftige ich aber meine schon geäußerte Ansicht, kann Audio wenigstens Schwingungen mitübertragen, die der getippte Text gar nicht erst erkennen kann. Zumindest in Botschaften, die persönlich oder einem bekannten Nutzerkreis geschickt werden. Im Radio nicht, das stimmt.

    Eine beginnende Chance mag ich es nennen und ich verkenne nicht die Elfmeterfunker, die ich ja sogar selbst ins Spiel gebracht habe.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Blog | Blogger | Chaos Computer Club | Debatte | Kommunikation | Sendung
Service