ÖffentlichkeitTwitter im Weltraum

Inzwischen twittern und bloggen auch Astronauten und schicken ihre Botschaften direkt aus dem All. Für Raumfahrtagenturen ist das Teil der Öffentlichkeitsarbeit. von Konstantin Winkler

Der Esa-Astronaut Paolo Nespoli während seiner ISS-Mission 2011

Der Esa-Astronaut Paolo Nespoli während seiner ISS-Mission 2011  |  © Esa/Nasa

Thomas Reiter, heute Direktor bei der europäischen Raumfahrtagentur ESA, war der erste Blogger im All. Sozusagen. Während seiner Mission an Bord der Internationalen Raumstation ISS 2006 führten Mitarbeiter am Boden ein Blog über seinen wissenschaftlichen Alltag und starteten damit das erste Weblog, das live über eine Weltraummission berichtete.

Was damals durchaus eine Sensation war, ist inzwischen fast normal: Menschen auf der Erde können ungefilterte Informationen von Raumfahrtmissionen sehen. Astronauten bekommen ihre eigenen Accounts bei Twitter und Flickr und teilen ihre Eindrücke aus dem All mit, schicken Texte und Fotos. Sie interagieren mit Weltraumbegeisterten aus der ganzen Welt, beantworten Fragen und erfüllen sogar Fotowünsche. Eine neue Schnittstelle entsteht.

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Welche Erfahrungen dabei gemacht werden, haben Vertreter von Nasa, Esa und des DLR auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin diskutiert.

"Alles fing damit an, dass jemand nach Fotos eines bestimmten Erdteils fragte", erzählt Paolo Nespoli, der unter dem Namen @astro_paolo twittert. Der Italiener und Esa-Astronaut war noch vor Kurzem im All. Im Mai 2011 kehrte er von einer Langzeitmission auf der ISS zurück, 159 Tage hat er dort verbracht. Seine Freizeit an Bord nutzte er unter anderem dazu, beeindruckende Fotos zu machen und aus dem Weltraum zur Erde zu schicken.

Der Mond geht über dem Horizont der Erde auf - eines der Fotos, die Paolo Nespoli im All machte.

Der Mond geht über dem Horizont der Erde auf - eines der Fotos, die Paolo Nespoli im All machte.  |  © Esa/Nasa

Schon als Kind habe er in der Dunkelkammer gestanden und Fotos entwickelt, erzählt Nespoli. Das fotografische Talent sieht man den Fotos an, die er bei Flickr hochgeladen hat. Er aber hält das weniger für Talent: "Alle Fotos, die jemand im All macht, sehen fantastisch aus. Das liegt weniger an meinem fotografischen Talent als an den Objekten selbst."

Er fotografierte aber nicht ausschließlich für seinen Twitter- und Flickr-Stream. Während seines Abdockmanövers bei der ISS-Mission 27 im Mai vergangenen Jahres machte er das erste und zugleich letzte Foto der ISS mit angedocktem Space Shuttle. Für die Nasa ein historisches Bild.

Für künftige Missionen wünscht Nespoli sich denn auch einen ausgebildeten Fotografen an Bord, der sich in Vollzeit um Bilder kümmern kann. Einen Tipp gibt er seinem potenziellen Nachfolger dabei mit auf den Weg: "Afrika kann man immer gut knipsen, bei Irland ist das schwieriger. Die Wolken verdecken immer die Sicht."

Auch, wenn es so klingt, so einfach wie auf der Erde ist es nicht, ein Bild bei Flickr hochzuladen oder via Twitter zu verbreiten. Bis 2010 konnten Astronauten ihre Botschaften nur an die Bodenstation schicken, dort saß dann ein Mitarbeiter, der sie unter ihren Accounts veröffentlichte. Inzwischen gibt es an Bord der ISS aber Internet.

Aus Sicherheitsgründen ist die ISS jedoch nicht direkt mit dem Netz verbunden. Sie hat leidglich eine verschlüsselte Verbindung zur Bodenstation in Houston, im amerikanischen Bundesstaat Texas. Von einem Rechner dort werden dann die Tweets versendet. Die Astronauten haben über die Funkstrecke zum Boden einen Fernzugriff auf diesen Rechner und sehen dessen Desktop auf ihren Laptops an Bord.

Ein Überwachung der Inhalte oder gar eine Zensur findet dabei aber nicht statt, versichert Nespoli: "Der Account gehört mir und was ich darüber twittere, entscheide ich selbst."

Auch ob ein Astronaut Twitter nutzen will oder nicht, bleibt ihm selbst überlassen. Es gebe keine Pflicht dazu, Social Media sei Privatsache, sagt Nespoli, der auf der re:publica in seinem blauen Astronauten-Overall erschienen ist.

Unabhängig davon nutzen die Raumfahrtbehörden diese Dienste längst und sehen das als Teil ihres Auftrags an. Der Account @NASA existiert bereits seit November 2008, sagt Nasa-Sprecher Bob Jacobs: "Die Leute wollen wissen, wofür wir die Steuergelder ausgeben. Mit Twitter können wir transparent zeigen, was wir genau machen und zugleich Feedback einfangen." Viele Bereiche der Agentur unterhalten zu diesem Zweck eigene Accounts.

Offline-Treffen

Da 140 Zeichen dafür aber nicht immer reichen, bringt man bei der Nasa Weltraumbegeisterte auch in der Offline-Welt zusammen. Sie können dabei hinter die Kulissen schauen, Astronauten treffen und über ihre Eindrücke bloggen. Was zunächst Nasa-Tweetup hieß, läuft inzwischen unter dem Namen Nasa-Social. Man wolle sich nicht auf Twitter beschränken, begründet Jacobs die Namensänderung.

Das Konzept wurde inzwischen auch in Europa von der Esa und dem DLR übernommen. Gemeinsam veranstalteten die Raumfahrtagenturen im vergangenen Jahr ein Space-TweetUp in Köln, bei dem 60 Twitterer eingeladen waren. Im März wurde das Konzept in Toulouse wiederholt. Auch Paolo Nespoli war anwesend und berichtete über Dockingmanöver an der ISS.

Von Twitter hat er sich inzwischen etwas zurückgezogen. Seit seiner Landung im Juni 2011 nutzte er die Plattform nur noch passiv, sagt er. Er halte sie aber unabhängig davon für wichtig.

Korrektur: In einer ersten Version des Textes wurde Reiter als Vorstand des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums bezeichnet und fälschlicherweise geschrieben, er habe das Blog aus dem All selbst geführt. Herzlichen Dank an Henning Krause vom DLR für den Hinweis. (Kai Biermann)

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