Cyber-AbwehrzentrumDie Festung der Nerds

Seit einem Jahr hat Deutschland ein Cyberabwehrzentrum. Es soll das Land vor Angriffen schützen. Seine Mitarbeiter sehen sich als Suchende, nicht als Kämpfer im Cyberwar. von Anna Sauerbrey

Nationales Cyber-Abwehrzentrum in Bonn

Nationales Cyber-Abwehrzentrum in Bonn  |  © Wolfgang Rattay/Reuters

Das Telefon klingelt. Ein junger Mann sitzt neben dem Apparat, ein Bügel seiner schwarzen Brille ist notdürftig mit Klebeband repariert. Er hat Dienst und ist allein dort, im dritten Stock eines unscheinbaren Zweckbaus an der Godesberger Allee in der Bonner Innenstadt. Am Kopfende des Raumes winden sich Graphen, türmen sich Cluster und klettern Balkendiagramme an Skalen über sechs große Flachbildschirme. Jetzt, an einem Donnerstagmittag, rauscht der Cyberspace friedlich vor sich hin, und der Mann mit der kaputten Brille ist gerade dabei, eine Beschwerde wegen eines vermeintlich fehlerhaften Sicherheitszertifikats zu bearbeiten. Nun unterbricht er das Tippen und hebt den Hörer ab. Es gebe da ein Problem, sagt der Anrufer.

Seit einem Jahr hat Deutschland ein eigenes Cyberabwehrzentrum. Es wird geleitet vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI. Als Innenminister Hans-Peter Friedrich das Nationale Cyberabwehrzentrum eröffnete, versprach er sich viel davon: "Die Infrastruktur wird zunehmend von international organisierten Angreifern attackiert", sagte er. Mit Infrastruktur meinte er Industrieanlagen, die Strom- und Wasserversorgung, den öffentlichen Nahverkehr, und mit Attacken Angriffe aus dem Cyberspace. Was diese anrichten könnten, nannte er "nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe". Nun sollte Deutschlands Sicherheit auch in Bonn verteidigt werden.

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Der junge Mann mit der notdürftig reparierten Brille hat seinen Dienst um acht Uhr 30 angetreten. Seinen Namen möchte er lieber für sich behalten, denn seine Welt soll unzugänglich bleiben. Am Morgen, als er das Pförtnerhäuschen passierte, da ging er auch an jenem sorgsam laminierten Schild vorüber, das das "Mitführen von Informationstechnik" untersagte. Auf dem Flur überwachten Kameras jeden Schritt. Die Metalltür zum "Lagezentrum" öffnete sich mit einem Sirren, als er seinen elektronischen Hausausweis vor eine Metallplatte hielt. Seinen Rucksack stopft er unter den Schreibtisch. Wachdienste sind für jeden Mitarbeiter der Abteilung Operative Netzabwehr Pflicht, eine eher lästige, gibt der junge Brillenmann zu: "Lieber analysieren wir einzelne Gefahren in die Tiefe", sagte er. Er hoffte, dass es ein ruhiger Tag werden würde.

Und zunächst war er das auch. Was hier an Daten aufbereitet wird, sammelt ein Netz von Sensoren, das das BSI und die mit ihm verbündeten Institute und Firmen im Cyberspace ausgeworfen haben. Es ist ein maschinelles Immunsystem, das Gefahren aufspürt und von IT-Experten ständig an neue Virentypen angepasst wird.

Gemessen wird in Viren pro Minute

Längst ist die Zahl der Schadprogramme, die je nach Verbreitungsart und Zerstörungskraft Wurm, Virus oder Trojaner heißen, so groß, dass nur noch ihresgleichen mit ihnen fertig werden: Analyseprogramme, die genau wie die digitalen Erreger aus Codes bestehen. Erst, wenn ein Analyseprogramm ein besonders interessantes Exemplar findet, eine neue oder besonders schädliche Art, landet das Biest auf dem Seziertisch eines Analysten wie dem Informatiker mit der Brille. Das hatte er gemeint mit: Gefahren "in die Tiefe" analysieren.

Aber gerade jetzt war noch nichts dergleichen zu finden. Der junge Mann richtete seine Aufmerksamkeit auf eine rote Kurve. Sie zeigt den Puls des Netzes an. Er wird in "Messages per minute" (Mpm) gemessen und beziffert die Zahl der virenverseuchten Nachrichten pro Minute, die an einer Art E-Mail-Falle im Netz haften bleiben. In dem Moment mäanderte der Wert bei 0,2 Mpm, deutlich unterhalb des Mittelwerts für diese Tageszeit. "No alerts found", beruhigte ein grüner Balken. Dann flackerte eine Tabelle gelb auf. Vorwarnstufe.

Der Brillenmann hob den Blick. Die Webseite des Bundesjustizministeriums war seit sechs Minuten und sechs Sekunden nicht mehr zu erreichen, meldete einer seiner digitalen Helfer, die nichts anderes tun, als eine Liste von Webseiten zu kontaktieren, um zu überprüfen, ob sie noch da sind. Wurde das Bundesjustizministerium mit einer "DDoS-Kanone" beschossen, der üblichen Angriffswaffe der Internetaktivisten Anonymous? Sie pflegen ihre Gegner mit so vielen automatisierten Anfragen zu bombardieren, dass deren Internetpräsenz zusammenbricht. Aber der junge Mann winkte ab. Beim Bundesjustizministerium ruckelte es schon seit Tagen. Doch dann, endlich, klingelt das Telefon, und er bekommt etwas auf den Tisch.

Leserkommentare
  1. aus welchem Roman ist das ?

    Die Passage die mit dem 15. Absatz beginnt ist wirklich 1a.
    Könnte aber doch leicht als von McCarthy oder Kramer, dem erfinder des Hexenhammer, zu deutlich inspiriert erscheinen.

    Eine Leserempfehlung
    • iushee
    • 22. Juni 2012 23:56 Uhr

    Der Artikel ist wirklich interessant,

    • iushee
    • 22. Juni 2012 23:58 Uhr
    3. .....

    ...aber das Herumreiten auf der Brillen-Geschichte ist wirklich peinlich. Reduzieren Sie den IT-Experten wirklich darauf, dass seine Brille defekt ist, weil das so schön ins Bild des Nerds passt? Traurig...

    2 Leserempfehlungen
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    Wir haben diesen Kommentar auf Ihren Wunsch hin entfernt. Danke, die Redaktion/ds

  2. Das neue Staatsmedium - die Zeit oder was?

    Der Name einer Bundesbehoerde darf geheim gehalten werden, aber Private Unternehmer werden an den Pranger gestellt? (Passage zum drive By Download)
    Wenn dann bitte Gleiches Recht für alle.

    (Abgesehen davon dass vermutlich die IT-Abteilungen in vielen Unternehmen kompetenter sein durften als bei staatlichen Diensten. Bei einer Unternehmen ist teilweise ein finanzielles Risiko im Spiel - bei einer Behoerde wird hoechstens Steuergeld verschwendet... - das hat ja System und kümmert keinen)

    Eine Leserempfehlung
  3. Journalisten, staatliche Stellen und Romanautoren der achtziger Jahre benutzen den Begriff Cyer, unter anderen Menschen, auch technophilen kommt er nie vor. Ich frage mich, warum.

  4. Bitte, ich kann das Wort Nerd nicht mehr lesen. Es muss seit ein paar Wochen bei SPON und auch hier bei der Zeit für alle Artikel herhalten, indem es um Menschen geht, die irgendetwas im technischen Bereich arbeiten oder aber nichts technisches machen, dafür aber eine schicke schwarze Brille mit dickem Rand tragen. Wird dies das Unwort 2012?

    Nerd mit Ingenieur gleichzusetzen ist vollkommen daneben. Nerd bedeutet Fachidiot und ich glaube nicht, dass man Menschen, die heute in komplexen heterogenen Umgebungen Arbeiten als Fachidioten bezeichnen kann.

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    ist man mit dem Nerd nicht umbedingt richtig, da gebe ich Ihnen Recht. Vielleicht wäre der Geek hier angebrachter, wie man bei einem Blick auf Parties mit Ing-Studenten-Beteiligung oft denken könnte.

    und Stolz drauf.

    ...keinerlei wissenschaftlicher Fortschritt und echte Innovation.

    So einfach ist das.

    benutzt noch das Wort "Nerd".

    Man kriegt den Eindruck, die Zeit glaube, ihre Leser stammten nicht vom Volk der Denker ab, sondern seien irgendwie, nun ja, im Oberstuebchen zurueck- und im 20.JH steckengeblieben.

    • pirre
    • 25. Juni 2012 11:34 Uhr

    …werte Kommentatoren, der Artikel ist ursprünglich im Tagesspiegel erschienen.

    Dennoch stimme ich zu, dass die Sache mit der Brille ziemlich am Thema vorbei geht.

  5. ist man mit dem Nerd nicht umbedingt richtig, da gebe ich Ihnen Recht. Vielleicht wäre der Geek hier angebrachter, wie man bei einem Blick auf Parties mit Ing-Studenten-Beteiligung oft denken könnte.

    Antwort auf "Schon wieder die Nerds"

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