SchottlandVerwaltung verbietet Blog über Schulessen

Martha Payne ist neun und bloggt über das Essen an ihrer schottischen Schule. Die Bezirksregierung untersagte ihr das, überlegte es sich nach Protesten aber anders. von 

Screenshot des Blogs "Never Seconds", auf dem eine neunjährige Schülerin ihr Schulessen bewertet

Screenshot des Blogs "Never Seconds", auf dem eine neunjährige Schülerin ihr Schulessen bewertet  |  © Martha Payne / Screenshot ZEIT ONLINE

Martha Payne mochte ihr Schulessen nicht. Das ist eine Erfahrung, die wahrscheinlich viele Neunjährige teilen, aber das Mädchen aus dem schottischen Ort Lochgilphead tat etwas eher Ungewöhnliches für ihr Alter. Sie begann, über das Schulessen zu bloggen. Zwei Monate lang bewertete sie auf Never Seconds – was so viel heißt wie niemals Nachschlag – das tägliche Menü. Das wurde ihr nun von der Gemeindeverwaltung verboten.

Am Donnerstag erschien der wohl letzte Eintrag auf ihrem Blog, mit der Überschrift "Goodbye" . Darin schreibt sie, dass ihr in der Schule mitgeteilt worden sei, sie dürfe keine Kamera mehr mitbringen und keine Fotos mehr machen. Ihr Vater Dave ergänzte, das sei keine Entscheidung der Schule, die Martha sehr bei dem Blog unterstützt habe. Die Verwaltung des Bezirkes Argyll and Bute habe das verfügt.

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In den vergangenen Wochen hatte Martha Payne jeden Tag in der Schulkantine ihren Teller fotografiert und den Inhalt anschließend bewertet. Für jedes Essen vergab sie auf einer Geschmacksskala ( Food-o-meter ) und auf einer Gesundheitsskala ( Health Rating ) jeweils null bis zehn Punkte. Außerdem zählte sie die Menge ( Mouthfuls ), die Gänge ( Courses ), den Preis und die Zahl der Haare im Essen.

Jetzt gibt es auch Nachschlag

Das mit den Haaren war eher als Scherz gemeint. Es zeigt aber, warum sie häufig hungrig nach Hause kam, wie sie in einem Interview erzählte , und warum sie letztlich mit Hilfe ihres Vaters das Bloggen anfing. Wirklich gut ist das Schulessen wohl wirklich nicht, und auch das Bestellsystem scheint so kompliziert zu sein , dass sie nicht immer das Essen bekam, das sie eigentlich wollte.

Vor allem aber die Bilder, die sie veröffentlichte , schockierten nicht nur ihre Eltern. Innerhalb weniger Tage sprach sich das Blog herum und erste Medien fingen an, darüber zu berichten.

Nach drei Wochen hatte ihr Vater dann einen Termin bei der Verwaltung des zuständigen Regierungsbezirks Argyll and Bute. Martha bloggte anschließend , dass sie nun so viel Salat, Obst und Brot nehmen dürften, wie sie wollten. Vorher gab es einen solchen Nachschlag nicht. Eine Woche später schrieb sie, dass die öffentliche Verkündung dieser Neuerung für große Freude gesorgt habe.

Daraufhin schickte ihr der weit über Großbritannien hinaus bekannte Koch Jamie Oliver ein signiertes Kochbuch: "Dear Martha, great work, clever girl!!"

Doch war das längst nicht alles, was das Mädchen mit seinen kurzen und wirklich fairen Essenskritiken erreichte. Schüler aus aller Welt sandten ihr Fotos von ihrem Essen und tauschten sich mit ihr darüber aus. Martha selbst wurde von Nick Nairn eingeladen . Der Sternekoch lud sie in seine Kochschule ein, um über die Qualität des britischen Schulessens zu debattieren.

Leserkommentare
    • yamsun
    • 15. Juni 2012 19:50 Uhr
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke für die Vervollständigung. Ein ZEIT-Nachtrag oder EDIT wäre noch schön @ Autor

  1. 2. @ #1!

    Danke für die Vervollständigung. Ein ZEIT-Nachtrag oder EDIT wäre noch schön @ Autor

  2. Redaktion
    3. Rudern

    Danke, die Aktualisierung kommt sofort.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  3. Ich finde es absolut nachahmenswert, was sie macht! Unseren Kindern wird immer erzählt, wie großartig unsere Demokratie sei - ich wiederum finde es dann großartig, daß dies eine Neunjährige beim Wort nimmt.
    Übrigens ist die erste Reaktion auf solche Versuche von Kinder-Demokratie leider oft autoritär. Meist ist es reine Hilflosigkeit der Erwachsenen. Aber wenn sie sich nochmal besinnen und die Sache bedenken, ist die zweite Reaktion freundlicher - d.h., wenn sie die Souveränität haben, vor den Kindern Fehler einzugestehen.
    Und insofern - finde ich auch die Reaktion des Verwaltungsbezirks-Leiters nachahmenswert.

  4. ...kann ich da nur sagen.
    Ich habe mich reingelesen und da steht nichts böswilliges, gemeines oder gar zynisches in dem Blog.
    Einfach die Wahrheit mit einem Bild dazu.
    So leicht kann man die Welt verändern wenn man ein wenig Mumm hat.
    Brilliant.

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    • -lupo-
    • 15. Juni 2012 23:47 Uhr

    ... und einen Internetanschluss!

    God save the internet!

  5. die EU hatte Geld zugesagt, wenn die Bundesländer noch mal die gleiche Leistung dazu geben für Obst und Co und noch unter Wulf hat Niedersachsen dem gesunden Futter für Schulkantinen abgesagt.

    Man sollte sich nichts vormachen - Schottland ist überall.

    • -lupo-
    • 15. Juni 2012 23:47 Uhr

    ... und einen Internetanschluss!

    God save the internet!

    Antwort auf "Absolut Brilliant..."
    • Sieg
    • 15. Juni 2012 23:49 Uhr

    Bauern von Großen Konzernen abhängig machen anstatt das sie ihre gesunden Produkte an Schulen verkaufen.
    Irgendwann wird es soweit sein , dass der Bundekanzler die Staatsgäste mit einem Burger und Pommes empfängt wie Obama es tut. Aber er kennt es ja nicht anders.

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