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Der Wissenschaftsverlag Springer Science hat Bilder unter anderem aus Wikipedia ohne Quellenangabe zum Kauf angeboten. Nun muss das Archiv gesäubert werden. von 

Wissenschaftliche Bilddatenbank Springer Images

Wissenschaftliche Bilddatenbank Springer Images  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Peter Murray-Rust, Professor an der Universität von Cambridge, war sauer. "Wenn es um Open Access und die Rechte der Autoren und Leser geht, hielt ich Springer für einen der seriöseren Verlage", schrieb der Wissenschaftler Anfang Juni in seinem Blog . "Jetzt bin ich aber desillusioniert."

Stein des Anstoßes: Murray-Rust war auf die Plattform Springer Images gestoßen. Dort veröffentlicht der Wissenschaftsverlag Springer Science Bilder aus seinen Publikationen und bietet sie zur Nachlizensierung an. Doch statt der freien Lizenz, unter der Murray-Rust seine Arbeiten veröffentlicht hatte, fand er sie dort unter einer weniger freien Lizenz angeboten, die eine kommerzielle Nachnutzung untersagte. Wer die wissenschaftlichen Bilder von Murray-Rust veröffentlichen wollte, sollte den Verlag bezahlen, obwohl der keine Rechte erworben hatte, um für eine kommerzielle Nutzung Geld verlangen zu dürfen.

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Ein einfacher Fehler, der bald behoben werden sollte, wie der Verlag dem Autor per E-Mail mitteilte. Nachdem die Veröffentlichungen Murray-Rusts Wellen geschlagen hatte, sah sich der Verlag zu einer Stellungnahme genötigt. Auf Google Plus gab Springer-Manager Wim van der Stelt zwar einen Fehler zu, ging aber sogleich in die Offensive: "Herr Murray-Rust schiebt das Problem nicht nur unzutreffend auf Springer Images, sondern legt nahe, dass Springer kommerzielle Nutzungsrechte verkauft, die längst frei verfügbar sind. Das ist nicht nur ein ungeheuerlicher Vorwurf, sondern schlichtweg falsch und beschädigt unseren Ruf."

Wikipedia hat nichts gegen Nachnutzung

Doch diese Nicht-Entschuldigung kam bei den Autoren, auf die Verlage wie Springer schließlich angewiesen sind, eher schlecht an. Murray-Rust schaute sich weiter auf der Plattform des Verlags um und fand zahlreiche Beispiele für Inhalte, für die sich Springer kurzerhand ein Copyright angeeignet hatte.

So tauchten in der Datenbank auch Bilder auf, die mit dem Bildverweis "Wikipedia" gekennzeichnet waren und keinerlei Hinweis auf Lizenz oder Autoren enthielten. Dabei untersuchte Murray-Rust nur den kostenlos verfügbaren Bestand von Springer Images – die 600 Dollar, die ihn der volle Zugang zur Datenbank gekostet hätte, waren ihm zu teuer.

Eigentlich wäre es kein Problem, Wikipedia-Bilder auf der Plattform einzubinden. Die freie Enzyklopädie legt schließlich großen Wert darauf, dass ihre Inhalte auf möglichst vielfältige Weise weiterverwendet werden. Die Plattform Wikimedia Commons enthält mittlerweile über 13 Millionen Dateien: Fotos, Grafiken, Videos, Tonaufnahmen – alle kostenlos verfügbar.

Gegen einen Weiterverkauf hat auch niemand etwas. Wer eine kommerzielle Nachnutzung verhindern will, kann seine Bilder erst gar nicht bei Wikipedia hochladen. Einzige Bedingung bei den meisten Bildern: Der jeweilige Autor muss genannt werden und bearbeitete Fotos müssen wieder unter der freien Lizenz veröffentlicht werden.

Leserkommentare
    • JayB
    • 18. Juni 2012 15:33 Uhr

    Man darf als Autor Bilder aus allen möglichen Quellen zitieren und verwenden, auch aus Internet-Quellen, auch ohne Genehmigung der Rechteinhaber, auch unabhängig vom urheberrechtlichen Status, auch als Großzitat oder Kleinzitate. Voraussetzung ist, dass das Bild veröffentlich ist – also nicht ein Preview aus einer geschützten Bilddatenbank ist –, dass es tatsächlich zum Artikel passt, den Inhalt/die Argumente unterstützt, und der Text auf das Bild eingeht usw. Normales Zitatrecht in den Wissenschaften halt. Quelle, Autor, urheberr. Status etc. muss man natürlich nennen. Aber was bitteschön hat Springer da geritten, die Bilder getrennt von den Artikeln einfach online zu stellen? Ohne Prüfung? Und auch noch zur gewerblichen Weiterverwertung? Wenn Du als Normalo ein Bild auf deinen Blog lädst, ohne dass es unter das Zitatrecht fällt, bekommst du gleich Ärger, im Zweifelsfall sogar richtig böse Ärger. Die fetten Verleger aber machen, was sie wollen. Was -- soll -- das ??? Der Typ von kino.to geht für solche illegale gewerbliche Verwertung in den Knast! Ich glaub' ich les' nicht richtig.

  1. In diesem Lizenzdschungel blickt doch auch keiner mehr durch. Und je größer die Datenhalde, umso höher die Wahrscheinlichkeit für Lizenzverstöße.

    Überhaupt dreht sich immer mehr in unserer Gesellschaft um Lizenzen. Scheinbar ist das ein Nebeneffekt, wenn man die Produktion in Billiglohnländer auslagert.

    Wer weiß... vielleicht verdient in der Zukunft jeder 10. in der Lizenzindustrie seine Brötchen. *schüttel*

  2. Dieser Fall ist durchaus symptomatisch für das mitunter recht eigenwillige Selbstverständnis mancher Verlage, die einerseits mit zelotenhafter Strenge die reine Lehre in Sachen Urheberrecht predigen, dieses aber andererseits erstaunlich flexibel auslegen,wenn sie selbst davon profitieren können.

    Exemplarisch hierzu auch der Fall Helene Hegemann, der zu einigen recht interessanten argumentativen Verrenkungen von Verlag und Fachjournalisten führte.

    Merke: Wenn ein Blogger nicht sauber zitiert, oder es wagt, ein Werbebanner zu schalten, dann ist dies der Anfang vom Ende der abendländischen Zivilisation und man kann ihm eine Horde Abmahnanwälte auf den Hals hetzen.

    Klaut hingegen ein Autor mit Verlagsvertrag von einem Blogger, dann nennt man das Intertextualität und setzt das so entstandene "Werk" auf die Nominiertenliste für den Preis der Leipziger Buchmesse.

    Angesichts derartiger Praktiken sollten die Betroffenen sich nicht wundern, dass das Mass an Selbstmitleid, das die Buchbranche in Deutschland derzeit pflegt, beim lesenden Publikum - bzw. beim publizierenden Publikum wenn es um die Scientific Community und den Zwist um Open Access geht - nicht unbedingt auf Gegenliebe stösst, bzw. sie statt Krokodilstränen meist nur die kalte Schulter als Antwort gezeigt bekommt.

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