SterbehilfeTony Nicklinson twittert für seinen Todeswunsch

Tony Nicklinson leidet unter dem Locked-in-Syndrom und will nur eines: sterben. Um auf seinen juristischen Kampf aufmerksam zu machen, nutzt er jetzt Twitter.

Tony Nicklinsons Twitter-Account

Tony Nicklinsons Twitter-Account

"Hello World", twitterte Tony Nicklinson am 13. Juni. "Ich habe das Locked-in-Syndrom und dies ist mein allererster Tweet."

Eine knappe Woche später folgen ihm bereits mehr als 26.000 Menschen. Sie lesen die Botschaften eines Mannes, der nicht länger leben will.

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Nicklinson ist Brite und 58 Jahre alt. Im Jahr 2005 erlitt er einen Schlaganfall. Seitdem ist er Locked-in-Patient. Das bedeutet, er ist geistig vollkommen gesund und hellwach. Aber er kann seinen Körper nicht mehr steuern, er ist darin eingeschlossen. Nur seine Augen kann er noch bewegen. Mit ihnen steuert er einen Computer, über den er kommunizieren kann.

Der Ehemann und Vater zweier Kinder will dieses Leben nicht länger führen. Er bezeichnet es als "Alptraum". Tony Nicklinson hat nur einen Wunsch: Er möchte von einem Arzt getötet werden dürfen. In Großbritannien ist aktive Sterbehilfe aber untersagt.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Ab dem heutigen Dienstag kann Nicklinson dem High Court, dem höchsten britischen Zivilgericht, seinen Wunsch erklären. Nicklinson will die Richter davon überzeugen, dass es sein Recht ist, über seinen Tod selbst zu entscheiden, so wie er es könnte, wenn er sich noch bewegen könnte. Für die Anhörung dazu sind vier Tage angesetzt.

In einem Beitrag für die BBC schreibt Nicklinson: "Ich verlange eine Ergänzung des Mord-Paragrafen, die es unter bestimmten Umständen erlaubt, einer anderen Person das Leben zu nehmen." Er tue das auch, damit andere Menschen nicht ein ähnlich unwürdiges Leben führen müssten, wenn sie das nicht wollten.

Twitter nutzt er, um auf sein Anliegen aufmerksam zu machen. Er weist auf TV-Dokumentationen zu seinem Fall hin sowie auf Zeitungsartikel. Er twittert aber auch über seinen furzenden Hund und seine größte Leidenschaft: Rugby.

Und er verlinkt auf ein Video, das ihn beim Twittern zeigt. Die Stimme, die im Video zu hören ist, wird von seinem Computer generiert. Eine Software liest – mit gewöhnungsbedürftiger Betonung – vor, was Nicklinson mühsam per Augenzwinkern eingegeben hat.

Das bringt ihm unzählige gute Wünsche und aufmunternde Worte ein – und natürlich die Frage, ob die neuen Freuden der Kommunikation mit so vielen Menschen etwas an seinem seinen Todeswunsch ändern können. Doch Nicklinson hat in mehreren Interviews klargestellt, dass nichts und niemand ihn umstimmen werde.

So sagte er dem Independent: "Ich fühle mich der Welt insgesamt verbundener. Aber obwohl es eine interessante Übung in menschlicher Interaktion ist, werde ich immer noch wissen, was zu tun ist, wenn es soweit ist. In anderen Worten: Bei Twitter zu sein, reicht nicht aus, um etwas an meinem Wunsch zu ändern. Vielleicht werde ich der erste Mensch sein, der über Twitter Goodbye sagt."

 
Leserkommentare
  1. unterstützt die Familie seinen Wunsch.

    Ehrlich gesagt, wundert mich das nicht, denn sein Zustand ist bedauernswert und seine Willensäußerung klar.

    Ich vermute, dass die BBC-Reportage, die zurzeit erstellt wird, dies auch dokumentiert.

    • outis
    • 19.06.2012 um 18:07 Uhr

    Als ich noch gesund war (mit 19 Jahren, jetzt bin ich 24) hätte ich auch eine
    Patientenverfügung wie die meisten Menschen verfasst: ich möchte nicht lange
    Zeit im Koma liegen und kein Schwerstpflegefall sein oder dauerbeatmet
    werden. Wenn ich dies geschrieben hätte, wäre das mein Todesurteil gewesen.
    Wie lang ist den „nicht lange Zeit“ oder ab wann wird man denn nicht mehr
    beatmet, sondern dauerbeatmet?
    Heute hat sich meine Meinung grundlegend geändert. Ich kann mich jetzt auch
    an den kleinen Dingen des Alltags erfreuen. Aber ich freu mich jedes Mal wie ein kleines Kind.
    Am Anfang habe ich wahrlich wie ein „richtig hoffnungsloser Fall“ gewirkt. Aber
    in 15 Jahren vielleicht merkt man mir meine Behinderung nicht mehr auf den
    ersten Blick an. Da frage ich mich wirklich: Woher nimmt ein so genannter
    „kompetenter Experte“ (der natürlich nicht behindert ist) das Recht, mal eben
    so über meine komplette Zukunft zu entscheiden?!
    In meinen Augen hat kein Mensch das Recht, einen anderen Menschen die
    Hoffnung auf solch ein Glück zu nehmen und sei
    der die Ausgangslage noch so aussichtslos. Ich hab doch gezeigt, dass diese
    Hoffnung durchaus berechtigt ist! Womit wir bei der Frage wären, ob mein
    Leben „lebenswert“ ist oder nicht. Bei einem gesunden Menschen würde man
    sich solch eine Frage tunlichst verbitten, von daher finde ich sie einfach nur
    überaus dreist und anmaßend.“ Quelle: http://www.dradio.de/down...

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ZeeKaa
    • 19.06.2012 um 20:37 Uhr

    Unter anderem steht da noch:
    "Also das ist das Überraschende, das haben wir nämlich geprüft, nicht nur wir, auch unsere belgischen Kollegen. Übereinstimmend fanden wir alle heraus,dass auch bei extrem fortgeschrittenen Lähmungen, bei Patienten, die über 15 viele Jahre vollkommen gelähmt sind, künstlich ernährt, künstlich beatmet werden, nur noch hin und wieder mit den Augen kommunizieren, die Lebensqualität dieser Menschen von gesunden Menschen nicht zu unterscheiden ist. D.h. die Lebensqualität ist gut , durchschnittlich gut, genauso wie ihre und meine. Der Wunsch zu sterben, was viele unserer Kollegen annehmen, dass das eigentlich das Beste wäre für diese Patienten, ist zumindest mir und auch meinen belgischen Kollegen nie vorgekommen, was erstaunlich ist." Vielleicht gibt es ja jemanden auf Twitter mit dem locked-in-Syndrom der eine positivere Lebenseinstellung hat. Wäre doch eine interessante Ergänzung zu diesem Artikel.

    • ZeeKaa
    • 19.06.2012 um 20:37 Uhr

    Unter anderem steht da noch:
    "Also das ist das Überraschende, das haben wir nämlich geprüft, nicht nur wir, auch unsere belgischen Kollegen. Übereinstimmend fanden wir alle heraus,dass auch bei extrem fortgeschrittenen Lähmungen, bei Patienten, die über 15 viele Jahre vollkommen gelähmt sind, künstlich ernährt, künstlich beatmet werden, nur noch hin und wieder mit den Augen kommunizieren, die Lebensqualität dieser Menschen von gesunden Menschen nicht zu unterscheiden ist. D.h. die Lebensqualität ist gut , durchschnittlich gut, genauso wie ihre und meine. Der Wunsch zu sterben, was viele unserer Kollegen annehmen, dass das eigentlich das Beste wäre für diese Patienten, ist zumindest mir und auch meinen belgischen Kollegen nie vorgekommen, was erstaunlich ist." Vielleicht gibt es ja jemanden auf Twitter mit dem locked-in-Syndrom der eine positivere Lebenseinstellung hat. Wäre doch eine interessante Ergänzung zu diesem Artikel.

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