ZEIT ONLINE: Herr Young, warum haben Sie Julian Assange 2006 dabei geholfen, WikiLeaks zu gründen?

John Young: Ich bekam eine anonyme Anfrage, ob ich unter meinem Namen eine Seite im Internet registrieren könnte. Solche Anfragen bekam ich von vielen Aktivisten, die etwas Ähnliches wie Cryptome aufbauen wollten. Ich half ihnen gern. Dann bekam ich regelmäßig E-Mails von einer Gruppe namens WikiLeaks.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Assange je kennengelernt?

Young: Nicht besser als Tausende anderer Leute, mit denen ich per E-Mail Kontakt habe.

ZEIT ONLINE: Sie haben auf Cryptome kürzlich Bilder der ecuadorianischen Botschaft in London hochgeladen, wo sich Assange momentan aufhält. Was haben Sie sich dabei gedacht?

Young: Nun, ich habe noch immer keine Beweise dafür gesehen, dass er wirklich dort ist. Assange ist ein Meister der List und der Täuschung. Momentan kennen wir nur die Aussagen seiner Freunde, die ihn dort angeblich besucht haben. Die Interviews, die er von der Botschaft aus gegeben haben soll, könnten gefälscht sein.

ZEIT ONLINE: Assange behauptet, dass Schweden ihn in die USA ausliefern würde und dass ihm dort die Todesstrafe droht. Glauben Sie das?

Young: Assange kann sagen was er will, es herrscht ja Meinungsfreiheit. Ich kann auch sagen, was ich will, nämlich, dass er Unsinn redet. Er ist einfach ein Großmaul. Assange hat die amerikanische Regierung bisher sehr erfolgreich unter Druck gesetzt und ihre Reaktionen benutzt, um sich zu inszenieren.

ZEIT ONLINE: WikiLeaks hat nach langer Pause einen neuen Leak veröffentlicht, die syrischen Mails. Kommt WikiLeaks jetzt wieder?

Young: Nein, WikiLeaks ist längst keine Organisation mehr, die gegen mächtige Regierungen arbeitet. Sie hat sich mit ihnen verbündet durch die Veröffentlichung der syrischen Mails. Wer soll schließlich die Mails abgefangen haben, wenn nicht westliche Regierungen? WikiLeaks hat einmal wieder gezeigt, dass es ihnen nicht um das Gemeinwohl geht.

ZEIT ONLINE: Sie erklärten WikiLeaks schon im Dezember 2010 für tot, einen Monat nach dem Depeschen-Skandal. Warum scheitern viele Whistleblower-Gruppen so schnell?

Young: Wenn man freiwillig seine Zeit für eine Sache opfert, sucht man Anerkennung, sonst fehlt der Anreiz, weiterzumachen. Das führt häufig zu Konflikten zwischen den Aktivisten, sie sind frustriert, fühlen sich nicht genügend gewürdigt. All dies ist WikiLeaks passiert, und das ist bei Whistleblowing-Plattformen nicht ungewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Haben sich diese Konflikte durch den Medienhype um Assange verschärft?

Young: Möglicherweise, ja. So viel Publicity, wie WikiLeaks hatte, ist für diese Art von Arbeit gar nicht notwendig, im Gegenteil: Zu viel Ruhm korrumpiert. Ich hatte die WikiLeaks-Aktivisten davor gewarnt: Achtet darauf, nicht permanent im Rampenlicht zu stehen, weil ihr unter einen unglaublichen Druck geraten werdet, dem ihr möglicherweise nicht standhalten könnt.

ZEIT ONLINE: Sie und Assange waren Mitglieder derselben Cypherpunk-Gruppe in den späten achtziger Jahren. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Young: Das Anliegen von Cypherpunks war es, mehr Transparenz in die Weltpolitik zu bringen. Wir glauben, dass Geheimniskrämerei einer Demokratie schadet. Sobald Sie akzeptieren, dass Geheimhaltung für dieses und jenes notwendig sei, verbreitet sie sich wie ein Virus.

"Whistleblowing ist mittlerweile ein abgenutzter Begriff"

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie mit Cryptome erreichen?

Young: Wir wollen zeigen, dass ein Paar wie meine Lebensgefährtin und ich für Informationsfreiheit kämpfen kann. Wir brauchen dafür kein Geld und keine große Organisation. Das Internet ist eine starke Waffe, wenn man es zu nutzen weiß.

ZEIT ONLINE: Sie betreiben Ihre Seite seit 16 Jahren. In dieser Zeit hat sich das Internet gewandelt. Bekommen Sie heute anderes Material zugeschickt als früher?

Young: Ja, es gibt viel mehr Material über Unternehmen, die Einzelpersonen ausspionieren. Es gibt auch viel mehr Informationen über Personen, die sich gegenseitig ausspionieren, weil sie jetzt die technischen Möglichkeiten dazu haben. Das Internet ist eine einzige große Spionagemaschine, so etwas hat es noch nie gegeben.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie schon einmal Ärger mit dem Gesetz?

Young: Unsere Seite ist schon gehackt und ausspioniert worden, unsere E-Mails wurden gelesen und das FBI beobachtet uns. Das gehört bei dem, was wir tun, dazu. Wir machen aber nichts Illegales.

ZEIT ONLINE: Was hat das FBI denn bei Ihnen gemacht?

Young: Sie haben uns drei- oder viermal besucht, waren aber immer höflich. Sie haben uns nur einmal gedroht, weil wir angekündigt hatten, die Namen der Agenten zu veröffentlichen, die bei uns waren. Aber es ist dann doch nichts passiert.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Zukunft von Whistleblowing-Seiten aus?

Young: Whistleblowing ist mittlerweile ein abgenutzter Begriff, es geht auch nicht nur darum, geheime Informationen ans Licht zu bringen. Wir begreifen uns als eine Art Bibliothek. Dieser Ansatz ist viel nachhaltiger, als immer nur nach dem neuesten Leak zu suchen. Das macht nur süchtig.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Young: Viele meinen, Leaks oder Geheimnisse seien per Definition die brisantesten Informationen. Das hat aber nicht zwingend etwas mit Ethik zu tun.

ZEIT ONLINE: Nach WikiLeaks sind viele kleinere Enthüllungsplattformen entstanden. Warum sind sie wieder von der Bildfläche verschwunden?

Young: Seiten kommen und gehen, das ist völlig in Ordnung und sagt nichts darüber aus, wie erfolgreich sie sind. Jede Seite, die lange existiert, läuft Gefahr, korrumpiert zu werden. Wir haben übrigens auch bei Cryptome davor gewarnt: Nur weil es uns lange gibt, sind wir nicht gleich vertrauenswürdig. Sie sollten uns nicht vertrauen!

ZEIT ONLINE: Wieso gibt es Ihre Seite dann schon so lange?

Young: Weil sie süchtig macht.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, Sie sind süchtig?

Young: Das würde ich doch niemals zugeben! Ich würde immer sagen, dass die Welt meine Arbeit braucht.