John Young"WikiLeaks hat sich mit den Regierungen verbündet"

John Young ist der Gründer der ersten Online-Enthüllungsplattform, Cryptome.org. Im Interview geht der WikiLeaks-Kritiker vor allem mit Julian Assange hart ins Gericht. von Khuê Pham und Selma Stern

John Young in einem Interview mit RussiaToday

John Young in einem Interview mit RussiaToday  |  © YouTube /RussiaToday

ZEIT ONLINE: Herr Young, warum haben Sie Julian Assange 2006 dabei geholfen, WikiLeaks zu gründen?

John Young: Ich bekam eine anonyme Anfrage, ob ich unter meinem Namen eine Seite im Internet registrieren könnte. Solche Anfragen bekam ich von vielen Aktivisten, die etwas Ähnliches wie Cryptome aufbauen wollten. Ich half ihnen gern. Dann bekam ich regelmäßig E-Mails von einer Gruppe namens WikiLeaks.

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ZEIT ONLINE: Haben Sie Assange je kennengelernt?

Young: Nicht besser als Tausende anderer Leute, mit denen ich per E-Mail Kontakt habe.

ZEIT ONLINE: Sie haben auf Cryptome kürzlich Bilder der ecuadorianischen Botschaft in London hochgeladen, wo sich Assange momentan aufhält. Was haben Sie sich dabei gedacht?

John Young

Mit seinen 76 Jahren ist John Young der große alte Mann der Enthüllungsplattformen. Seit 16 Jahren betreibt er mit seiner Lebensgefährtin die Plattform Cryptome, die älteste dieser Art. 70.000 Dateien – teilweise aus vertraulichen Regierungsquellen – sind darauf frei zugänglich. Cryptome veröffentlichte unter anderem geheime Fotos von getöteten US-Soldaten im Irak und die Namen angeblicher britischer Geheimagenten. Young selbst bezeichnet seine unübersichtliche und wenig funktionale Seite lieber als Archiv denn als Enthüllungsplattform. Er lebt in New York und betreibt Cryptome nebenbei. Er arbeitet als Architekt.

Der streitbare Crytome-Betreiber gehört zu den schärfsten Kritikern von WikiLeaks. Im Jahr 2006 hatte Young die Seite von WikiLeaks noch selbst angemeldet, um Julian Assange zu helfen. Mittlerweile wirft er dem Australier und dessen Mitstreitern vor, sie seien eitle Selbstdarsteller, die mit westlichen Regierungen paktierten.

Young: Nun, ich habe noch immer keine Beweise dafür gesehen, dass er wirklich dort ist. Assange ist ein Meister der List und der Täuschung. Momentan kennen wir nur die Aussagen seiner Freunde, die ihn dort angeblich besucht haben. Die Interviews, die er von der Botschaft aus gegeben haben soll, könnten gefälscht sein.

ZEIT ONLINE: Assange behauptet, dass Schweden ihn in die USA ausliefern würde und dass ihm dort die Todesstrafe droht. Glauben Sie das?

Young: Assange kann sagen was er will, es herrscht ja Meinungsfreiheit. Ich kann auch sagen, was ich will, nämlich, dass er Unsinn redet. Er ist einfach ein Großmaul. Assange hat die amerikanische Regierung bisher sehr erfolgreich unter Druck gesetzt und ihre Reaktionen benutzt, um sich zu inszenieren.

ZEIT ONLINE: WikiLeaks hat nach langer Pause einen neuen Leak veröffentlicht, die syrischen Mails. Kommt WikiLeaks jetzt wieder?

Young: Nein, WikiLeaks ist längst keine Organisation mehr, die gegen mächtige Regierungen arbeitet. Sie hat sich mit ihnen verbündet durch die Veröffentlichung der syrischen Mails. Wer soll schließlich die Mails abgefangen haben, wenn nicht westliche Regierungen? WikiLeaks hat einmal wieder gezeigt, dass es ihnen nicht um das Gemeinwohl geht.

ZEIT ONLINE: Sie erklärten WikiLeaks schon im Dezember 2010 für tot, einen Monat nach dem Depeschen-Skandal. Warum scheitern viele Whistleblower-Gruppen so schnell?

Young: Wenn man freiwillig seine Zeit für eine Sache opfert, sucht man Anerkennung, sonst fehlt der Anreiz, weiterzumachen. Das führt häufig zu Konflikten zwischen den Aktivisten, sie sind frustriert, fühlen sich nicht genügend gewürdigt. All dies ist WikiLeaks passiert, und das ist bei Whistleblowing-Plattformen nicht ungewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Haben sich diese Konflikte durch den Medienhype um Assange verschärft?

Young: Möglicherweise, ja. So viel Publicity, wie WikiLeaks hatte, ist für diese Art von Arbeit gar nicht notwendig, im Gegenteil: Zu viel Ruhm korrumpiert. Ich hatte die WikiLeaks-Aktivisten davor gewarnt: Achtet darauf, nicht permanent im Rampenlicht zu stehen, weil ihr unter einen unglaublichen Druck geraten werdet, dem ihr möglicherweise nicht standhalten könnt.

ZEIT ONLINE: Sie und Assange waren Mitglieder derselben Cypherpunk-Gruppe in den späten achtziger Jahren. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Young: Das Anliegen von Cypherpunks war es, mehr Transparenz in die Weltpolitik zu bringen. Wir glauben, dass Geheimniskrämerei einer Demokratie schadet. Sobald Sie akzeptieren, dass Geheimhaltung für dieses und jenes notwendig sei, verbreitet sie sich wie ein Virus.

ZEIT ONLINE: Was wollen Sie mit Cryptome erreichen?

Young: Wir wollen zeigen, dass ein Paar wie meine Lebensgefährtin und ich für Informationsfreiheit kämpfen kann. Wir brauchen dafür kein Geld und keine große Organisation. Das Internet ist eine starke Waffe, wenn man es zu nutzen weiß.

ZEIT ONLINE: Sie betreiben Ihre Seite seit 16 Jahren. In dieser Zeit hat sich das Internet gewandelt. Bekommen Sie heute anderes Material zugeschickt als früher?

Young: Ja, es gibt viel mehr Material über Unternehmen, die Einzelpersonen ausspionieren. Es gibt auch viel mehr Informationen über Personen, die sich gegenseitig ausspionieren, weil sie jetzt die technischen Möglichkeiten dazu haben. Das Internet ist eine einzige große Spionagemaschine, so etwas hat es noch nie gegeben.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie schon einmal Ärger mit dem Gesetz?

Young: Unsere Seite ist schon gehackt und ausspioniert worden, unsere E-Mails wurden gelesen und das FBI beobachtet uns. Das gehört bei dem, was wir tun, dazu. Wir machen aber nichts Illegales.

ZEIT ONLINE: Was hat das FBI denn bei Ihnen gemacht?

Young: Sie haben uns drei- oder viermal besucht, waren aber immer höflich. Sie haben uns nur einmal gedroht, weil wir angekündigt hatten, die Namen der Agenten zu veröffentlichen, die bei uns waren. Aber es ist dann doch nichts passiert.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Zukunft von Whistleblowing-Seiten aus?

Young: Whistleblowing ist mittlerweile ein abgenutzter Begriff, es geht auch nicht nur darum, geheime Informationen ans Licht zu bringen. Wir begreifen uns als eine Art Bibliothek. Dieser Ansatz ist viel nachhaltiger, als immer nur nach dem neuesten Leak zu suchen. Das macht nur süchtig.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Young: Viele meinen, Leaks oder Geheimnisse seien per Definition die brisantesten Informationen. Das hat aber nicht zwingend etwas mit Ethik zu tun.

ZEIT ONLINE: Nach WikiLeaks sind viele kleinere Enthüllungsplattformen entstanden. Warum sind sie wieder von der Bildfläche verschwunden?

Young: Seiten kommen und gehen, das ist völlig in Ordnung und sagt nichts darüber aus, wie erfolgreich sie sind. Jede Seite, die lange existiert, läuft Gefahr, korrumpiert zu werden. Wir haben übrigens auch bei Cryptome davor gewarnt: Nur weil es uns lange gibt, sind wir nicht gleich vertrauenswürdig. Sie sollten uns nicht vertrauen!

ZEIT ONLINE: Wieso gibt es Ihre Seite dann schon so lange?

Young: Weil sie süchtig macht.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, Sie sind süchtig?

Young: Das würde ich doch niemals zugeben! Ich würde immer sagen, dass die Welt meine Arbeit braucht.

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Leserkommentare
  1. Ich halte die Theorie auch nicht so abwegig, dass sich westliche Regierung Wikileaks bemächtigt haben. Macht auch Sinn. Nachdem Wikileaks ihnen als Bein gepinkelt hat, standen CIA & Co. vor der Wahl das Netzwerk und Infrastruktur zu zerstören oder sich ihrer zu bemächtigen.

    Eine Enthüllungsplattform, die selektiv nur das veröffentlicht, was man möchte? Garnicht so dumm der Plan.

    Ich glaube Wikileaks wurde gekarpert.

    Was ist z.B. mit den superbrisanten Enthüllungsdokumenten zu den US-Banken? Kann sich noch jemand erinnern?

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    Jap.

    Ich habe auch Woche für Woche, Tag für Tag darauf gewartet.
    Aber bekanntlicherweise kam da nichts mehr.

    http://www.google.de/webh...

    "Was ist z.B. mit den superbrisanten Enthüllungsdokumenten zu den US-Banken?"
    Da müsste man Herrn Domscheit-Berg mal befragen, was z.B. die Bank of America angeht.

    Ich denke, dass es ausgesprochen clever ist, Zweifel an jeder Art von Enthüllungsplatform zu etablieren, anstatt sie zu zerstören. Speziell dann, wenn die eine Plattform die andere beschuldigt.

    Ich kann der Kritik an der Person Assange viel abgewinnen, aber was interessiert mich die Person, wenn ich die US Cables oder auch die deutschen Verträge zur Gelddruckmaschine "deutsches Mautsystem" auf Wikileaks lesen kann und gleichzeitig sehe, auf was die Großstadtpresse solche Dinge reduziert bzw. reduzieren möchte.

    Also selbst dann, wenn "Leak"-Bereiche kompromittiert wurden, erlaubt der Blick auf Dinge, welche nicht Erwähnung finden oder aber kleingeschrieben werden, Einsichten, die eine reguläre Presse schon länger nicht mehr bietet.

    Dass die USA das Hühnchen Assange rupfen wollen, steht außer Frage. Wo der Mann sich nun versteckt, ist mir in diesem Zuge vollkommen egal, allein sein Status und das Gebaren um die vermeintlichen Straftaten spricht Bände.

    Sicherlich keine Heldenfigur, aber durchaus eine, die, mitsamt der Organisation im Hintergrund, schon mehr zur Transparenz beigetragen hat als jede scheinheilige Bekundung zum Weltfrieden seitens der Politik.

  2. Ich lese aus diesem Beitrag nur den Neid eines zu kurz gekommenen Nerds heraus, der die Mediengesellschaft nicht verstanden hat.

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    Die gibt es wirklich schon lange und niemals in der Art, als dass man Aufsehen erregen wollte, rein des Aufsehens wegen.
    Also ich kann nur für mich sprechen, aber Hr. Young ist kein Unbekannter und sicherlich - im Sinne des Transparenzgedankens - auch kein Schlechter.

    Assange hat er noch nie gemocht, darüber geben die Texte auf seiner Seite deutlich Auskunft. Nachvollziehbar, in Teilen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er von DSB viel hält. Alles mit großem Öffentlichkeitsdrang ist ihm zuwider.

    • dacapo
    • 09. Juli 2012 22:40 Uhr

    ...... schon lange geändert. Nun kennen sich auch andere, ausser Sie, mit der Mediengesellschaft aus. Und eins haben Sie ja offenbart, Sie kennen lediglich nur die Nerds, die alle kennen, wie heißt mit 40-jähriger Verspätung in Ihren Kreisen, im Mainstream.

    • DIELOGE
    • 16. August 2012 18:41 Uhr

    wer angst vor der zerstörerischen wirkung des rampenlichts hat, kann sich ja gern damit begnügen, die schnüffeleien gehörnter ehemänner zu archivieren. den pulitzerpreis bekommt man damit aber nicht.

  3. Assange-Schelte ein interessantes Interview mit Gedankenansätzen zum weiterverfolgen. Was genau wollen wir eigentlich mit den geleakten Informationen, brauchen wir immer die neuesten usw.?
    Mal so mal so - was man in welcher Situation für Argumente braucht. Natürlich wäre bei einem so international brisantem Thema wie der Lage in Syrien interessant umfassendere Internas zu erfahren, um der eigen Entscheidungsfindung näher zu kommen, die dann weniger auf Glauben und scheinbare Loyalität aufbaut, statt kraft Wissen gefällt werden kann.
    Wir sollen in demokratisch verfassten Staaten ja angeblich volkssouverän über Krieg und Frieden entscheiden.
    Ich hätte da gerne zeitnahe Informationen, um Abgeordneten und Repräsentanten über meine Meinung dazu stichhaltig informieren zu können.

  4. Jap.

    Ich habe auch Woche für Woche, Tag für Tag darauf gewartet.
    Aber bekanntlicherweise kam da nichts mehr.

    http://www.google.de/webh...

    Antwort auf "Nicht so abwegig"
  5. "Was ist z.B. mit den superbrisanten Enthüllungsdokumenten zu den US-Banken?"
    Da müsste man Herrn Domscheit-Berg mal befragen, was z.B. die Bank of America angeht.

    Ich denke, dass es ausgesprochen clever ist, Zweifel an jeder Art von Enthüllungsplatform zu etablieren, anstatt sie zu zerstören. Speziell dann, wenn die eine Plattform die andere beschuldigt.

    Ich kann der Kritik an der Person Assange viel abgewinnen, aber was interessiert mich die Person, wenn ich die US Cables oder auch die deutschen Verträge zur Gelddruckmaschine "deutsches Mautsystem" auf Wikileaks lesen kann und gleichzeitig sehe, auf was die Großstadtpresse solche Dinge reduziert bzw. reduzieren möchte.

    Also selbst dann, wenn "Leak"-Bereiche kompromittiert wurden, erlaubt der Blick auf Dinge, welche nicht Erwähnung finden oder aber kleingeschrieben werden, Einsichten, die eine reguläre Presse schon länger nicht mehr bietet.

    Dass die USA das Hühnchen Assange rupfen wollen, steht außer Frage. Wo der Mann sich nun versteckt, ist mir in diesem Zuge vollkommen egal, allein sein Status und das Gebaren um die vermeintlichen Straftaten spricht Bände.

    Sicherlich keine Heldenfigur, aber durchaus eine, die, mitsamt der Organisation im Hintergrund, schon mehr zur Transparenz beigetragen hat als jede scheinheilige Bekundung zum Weltfrieden seitens der Politik.

    Antwort auf "Nicht so abwegig"
  6. Die gibt es wirklich schon lange und niemals in der Art, als dass man Aufsehen erregen wollte, rein des Aufsehens wegen.
    Also ich kann nur für mich sprechen, aber Hr. Young ist kein Unbekannter und sicherlich - im Sinne des Transparenzgedankens - auch kein Schlechter.

    Assange hat er noch nie gemocht, darüber geben die Texte auf seiner Seite deutlich Auskunft. Nachvollziehbar, in Teilen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er von DSB viel hält. Alles mit großem Öffentlichkeitsdrang ist ihm zuwider.

    Antwort auf "Cryptome nie gehört."
    • Svarr
    • 09. Juli 2012 15:34 Uhr

    Es ist für mich schon höchst verwunderlich, dass nach all dem Misstrauen, dass den Artikeln hier entgegengebracht wird, nur ein Kommentar dabei ist, der die Legitimität und Sachlichkeit dieses Interviews in Frage stellt.
    Ich habe nie von diesem Mann oder seiner Webseite gehört und ich denke, dass ich nicht damit alleine bin, keinen Grund zu haben, ihm zu glauben.

    Dass die Anklage Assanges eine Verschwörung der USA ist, ist genauso wahrscheinlich, wie die Übernahme von WikiLeaks durch die CIA. Das schließt sich beides auch nicht aus.
    "Cryptome" kann jedoch genausogut übernommen worden sein, etc. (nur als kleiner Denkanstoß)

    Für mich sieht dieses Interview danach aus, eine Plattform für "den Neid eines zu kurz gekommenen Nerds[...], der die Mediengesellschaft nicht verstanden hat" zu liefern. (Zitat vom Kommentar #2, verfasst von 'damals wars')

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    • 2eco
    • 09. Juli 2012 15:49 Uhr

    Ich wurde schon hellhörig, als er die Verschwörungstheorie äußerte, dass A. sich gar nicht in der Botschaft aufhält.
    Also er hat gar keine Anhaltspunkte, wieso er dieser Meinung ist, aber hält es für eine Fälschung, weil es keine Beweise dafür gibt.

    Wobei ich die Aussagen der britischen Polizei und der Politiker/Botschafter aus Equador als glaubwürdig genug einstufen würde.

  7. Mann!

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  • Schlagworte FBI | Information | Internet | Todesstrafe | WikiLeaks | Agent
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