Online und offline gehen zunehmend ineinander über – oder nicht?

Kürzlich war ich mit einem Bekannten zum Essen verabredet. Er erzählte mir von seinem Elternbesuch in der Provinz. Da es dort weder Internet noch 3G-Mobilfunk gibt, musste er tatsächlich drei Tage lang offline ausharren. Es war, in seinen Worten, zunächst "ein bisschen strange" und dann "total entspannend". Vergangene Woche versprach die Titelseite des Spiegels  eine "Anleitung zu einer digitalen Diät". Moment, dachte ich – gab es das nicht schon einmal? Richtig: Vor zwei Jahren lebte der Journalist Christoph Koch für sein Buch Ich bin dann mal offline einige Wochen ohne Internet und Handy. Seine Erkenntnis: Ja, es geht auch offline! Aber es ist nicht besser.

Der Trend zum Offlinesein kommt in Zyklen. Wenn das unaufhörliche Rauschen des Online-Diskurses wieder einmal zu laut wird, wird die digitale Diät verordnet. Und so schwärmen und prahlen vor allem diejenigen vom vermeintlichen Echt-Leben, die noch in einer Offline-Welt aufgewachsen sind. Dabei dürften die meisten von ihnen ausgesprochen gerne online sein. Wieso loben sie sich also ausgerechnet dafür, es gerade nicht zu sein? Ist die Trennung zwischen online und offline nicht unsinniger denn je?

Abschalten als Allheilmittel

Vielleicht ist es ja die Angst vor der Digitalisierung. Wissenschaftler und Netzphilosophen warnen schließlich seit Jahren vor den Folgen: Der Soziologe Hartmut Rosa etwa sieht den Menschen der modernen Beschleunigungsgesellschaft und ihren neuen Zeitstrukturen ausgeliefert . Seine amerikanische Kollegin Sherry Turkle warnt in ihren Büchern vor dem Verlust des Gemeinschaftssinns, da immer mehr Menschen alleine vor dem Rechner sitzen und ihr "zweites Ich" pflegen . Und natürlich ist da auch F.A.Z. -Herausgeber Frank Schirrmacher , der vor einigen Jahren in seinem Buch Payback seine persönliche kognitive Krise inmitten der Informationsflut offenlegte . Entmündigung, Kontrollverlust, Sucht – geht es nach den Kritikern, kappen uns die Fallbeile der digitalen Welt noch den letzten Draht zur Realität.

Die Rettung liegt im Abschalten – buchstäblich. Einzig das Ausloggen verheißt heute Entspannung, das Offlinesein verspricht Katharsis für informationsgeplagte Seelen. Krankenkassen bieten spezielle Offline-Kurse an, es gibt sogar – kostenpflichtige – Programme und Apps , die uns die Internetverbindung sperren. Websites rufen Nutzer zur Selbstverpflichtung auf : Meidet Technik! Liebt! Esst Brot!

Das Offlinesein als Obsession

Für die Mehrheit der Internetnutzer wirken solche dogmatischen Abschaltszenarien übertrieben. Auch unter regelmäßigen Onlinern dürfte niemand daran zweifeln, dass ein Spaziergang oder ein Wochenende des Nichtstuns gesund und entspannend ist. Im Gegenteil, die meisten haben ein Sozialleben abseits des Bildschirms, treiben Sport auch jenseits der PlayStation und freuen sich über Sonne, Meer und gutes Essen. Was sie leider auch haben: das Bedürfnis, ständig von dieser Nicht-Online-Zeit zu erzählen.

Etwa dieser eine Freund, der nicht auf Facebook ist und es bei jeder Gelegenheit erwähnt. Oder der andere, der das iPhone nicht mit in den Urlaub nimmt und sich über die mailfreie Zeit freut. Nicht ohne vorher allen mitzuteilen, dass er garantiert nicht erreichbar sein wird. Wieder andere sind stolz darauf, einen Film geguckt zu haben, ohne zwischendurch zu surfen. Nur um diese scheinbare Sensation anschließend zu twittern. Ein Wochenende ohne Internet gleicht für einige einem Überlebensakt. Woher nur kommt diese Faszination mit dem scheinbar Alltäglichen?