Die offizielle Website des Londoner Olympia-Organisationskomitees (Locog) ist unter www.london2012.com zu erreichen. Auf ihr wird derzeit vor allem erwartbare Jubel-Berichterstattung über den Fackellauf und die Metropole London präsentiert, auch wenn die Stadt von ihren Einwohnern im Moment eher als Militärbasis wahrgenommen wird. Aber wer solche Sätze schreibt, wie den vorangegangenen, darf dabei nicht auf www.london2012.com verlinken – so steht es in den Nutzungsbedingungen

Unter Punkt fünf heißt es dort: "You … agree that no such link shall portray us or any other official London 2012 organisations (or our or their activities, products or services) in a false, misleading, derogatory or otherwise objectionable manner." Übersetzt: Sie erklären sich damit einverstanden, dass Sie keinen Link auf unsere Seite setzen, der uns oder andere offizielle Olympia-Organisationen, -Aktivitäten, -Produkte oder -Dienste in einem falschen, irreführenden, abfälligen oder in sonstiger Weise unangenehmen Licht darstellt.

Dieser Satz steht dort seit etwa zwei Jahren, mindestens. Die letzte Änderung der Nutzungsbedingungen stammt von September 2010. Aber erst am vergangenen Wochenende haben Blogger von indexoncensorship.org den Passus entdeckt. Nun entfaltet eine Variante des Streisand-Effekts seine volle Wirkung: Blogger und Journalisten berichten über den dreisten Zensurversuch der Organisation und verlinken in diesem Zusammenhang auf die Seite . Der Streisand-Effekt ist benannt nach der Schauspielerin Barbra Streisand , die mit einer Millionenklage verhindern wollte, dass Luftaufnahmen von ihrem Haus im Internet archiviert werden. Die Aufmerksamkeit, die ihr Vorgehen nach sich zog, führte erst Recht zur Verbreitung der Fotos.

Allen voran geht im Fall der Olympia-Organisatoren der Blogger Cory Doctorow. Auf boingboing.net beschimpft er das Komitee lustvoll als "gierigen, unmoralischen Haufen", der "London verkauft und den Sportsgeist betrogen hat" und in diesem Absatz gleich dreimal auf www.london2012.com verlinkt. Die Olympia-Organisatoren sollten also besser nicht darauf setzen, dass schlechte PR immerhin überhaupt PR ist. Denn zu schlechte PR ist zu schlechte PR.

Das Komitee hat auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE bisher nicht reagiert. So bleibt vorerst unklar, warum dieser Satz in den Nutzungsbedingungen steht, und ob das Komitee jemals vom Streisand-Effekt gehört hat. Möglich ist aber durchaus, dass es sich um eine Standardformulierung handelt, die viele Webmaster verwenden. John Halton von lawinthecloud.com weist darauf hin, dass eine Google-Suche nach genau dieser Formulierung viele weitere Websites aufzeigt, die den gleichen Satz verwenden, darunter zum Beispiel der Ketchup-Fabrikant Heinz .

Zu Ende gedacht ist der Passus natürlich nicht. Kein Betreiber eines Internetauftritts wird es jemals wagen, gerichtlich gegen den Link eines Kritikers vorzugehen. Die Erfolgsaussichten wären zumindest in den demokratischeren Regionen dieses Planeten äußerst gering. Außerdem würde der Versuch zu noch mehr kritischer Berichterstattung und Verlinkung führen.

Und auch sonst zeugt die Formulierung von einer gewissen Weltfremdheit und Unkenntnis vom Internet und seinen Nutzern. Denn es liegt in der Natur eines Netzes, dass seine Bestandteile vernetzt sind. Wer ein Netz ohne Maschen will, erhält ein Luftloch. Und es liegt glücklicherweise in der Natur des Menschen, besonders unsinnige Regeln bewusst zu brechen.

Ganz abgesehen davon liegt es in der Natur des Menschen, Nutzungsbedingungen nicht zu lesen.