ZEIT ONLINE: Die Musikindustrie wird beherrscht von ignoranten, ängstlichen, hasserfüllten Dickköpfen, die das Internet für eine Modeerscheinung halten und es einfach wegklagen wollen. Das schreiben Sie jedenfalls in Ihrem Buch Year Zero , das heute, am 10. Juli, erscheint. Kennen Sie viele dieser ignoranten, ängstlichen, hasserfüllten Dickköpfe persönlich?

Rob Reid: Ja, aber die meisten sind ganz wundervolle Menschen. Erst wenn sie in Rudeln auftreten, werden sie gefährlich.

ZEIT ONLINE: Vor mehr als zehn Jahren haben Sie den Online-Streaming-Dienst Rhapsody gegründet, bei dem Nutzer für eine monatliche Gebühr so viel Musik im Stream hören können, wie sie wollen. Welche Erfahrungen haben Sie damals in den Verhandlungen mit Universal Records, EMI, Sony , BMG und Warner Bros . Records gemacht?

Reid: Es war schlimm. Heutzutage wollen die Labels ihre Kataloge ja durchaus für legale Dienste öffnen. In den ersten dreieinhalb Jahren von Rhapsody wollten sie das noch nicht. So ebneten sie den Weg für wilde Piraterie und veränderten ungewollt die Gewohnheiten von Milliarden Musikliebhabern, weil es keine Alternative zum illegalen Kopieren gab. Und solche Gewohnheiten, über Jahre eingeübt, sind schwer zu beseitigen.

ZEIT ONLINE: In Year Zero kopieren Außerirdische jahrzehntelang begeistert jeden Song unseres Planeten. Als sie merken, dass sie damit gegen das Urheberrecht verstoßen und der Musikindustrie mehr Geld schulden, als es im Universum gibt, wollen sie die Erde vorsichtshalber zerstören. Haben Sie auch zivilisierte Vorschläge, wie das Urheberrecht an die Realität angepasst werden kann? 

Reid: Habe ich. Die würden nur eine sehr viel langweiligere Geschichte ergeben, deshalb habe ich sie ignoriert. Aber manchmal verfolgen sie mich in meinen Träumen.

ZEIT ONLINE: Die Außerirdischen in Year Zero sind erleuchtete Wesen, für die das Teilen von Kulturgütern der Ausdruck größten Respekts gegenüber den Künstlern ist. Kann es sein, dass Sie eine etwas zu romantische Vorstellung von der Generation der Filesharer haben?

Reid: Eigentlich sind die Aliens keine Metapher für die heutigen Filesharer, auch wenn ich verstehe, warum Sie das so interpretieren. Aber meine Außerirdischen sind ja nicht nur große Kunstliebhaber, sondern durchaus dämliche bis jämmerliche Wesen. Ich romantisiere also sicherlich niemanden.

ZEIT ONLINE: Sollte die Kultur des Teilens denn in einem modernen Urheberrecht, wie Sie es sich wünschen, verankert sein?

Reid: Ich denke, Dienste wie Rhapsody oder Spotify vereinen die Interessen von Rechteinhabern und Musikkonsumenten am besten. Die Technik wird schon bald jedem Menschen den unbegrenzten und sofortigen Zugang zu allen Musikstücken per Stream ermöglichen, für einen festen monatlichen Betrag.

"Abmahnanwälte sind wie Algen in einem Teich"

ZEIT ONLINE:  Und Sie glauben, damit wären die Zeiten des illegalen Filesharings beendet?

Reid:  In solch einem Szenario ist Filesharing sinnlos, weil Dateien sinnlos werden. 80 Gigabyte Musikdateien über verschiedene Geräte zu synchronisieren und zu organisieren wird bald so unsinnig sein wie das Herumtragen eines Wasserkanisters in einer Stadt mit normaler Wasserversorgung. An die Stelle des Filesharings wird das Empfehlen von Musik an Freunde oder größere Kreise treten.

ZEIT ONLINE: Anwälte kommen in ihrem Buch besser weg als die Manager der Plattenfirmen. Warum eigentlich?

Reid: Meiner Meinung nach ist das Urheberrechtsproblem nur eine von vielen Manifestationen des alles erstickenden Einflusses, den Anwälte und Rechtsstreitigkeiten auf unsere Gesellschaft haben. In einer perfekten Welt ist das Gesetz so notwendig, sauber und unaufdringlich wie ein Team von guten Schiedsrichtern im Profisport. Leider kann es diese ideale Welt nicht geben, denn wenn ein Anwalt gute Arbeit leistet, schafft er damit immer Arbeit für andere Anwälte. Einer klagt, ein anderer verteidigt. Ein Anwalt mit einer unternehmerischen Ader wird eher neue Kategorien von Gesetzen, Regulierungen oder Sammelklagen vorantreiben, als ein produktives Unternehmen zu gründen.

ZEIT ONLINE: Sie haben also sogar Respekt vor Abmahnanwälten?

Reid: Das soll jetzt nicht nach einer Verschwörungstheorie klingen. Was ich eben beschrieben habe, ist nur ein natürlicher Nebeneffekt eines wachsenden Systems, so wie ein Teich, der an Algenbewuchs erstickt. Die Algen kommunizieren nicht untereinander. Sie machen nur ihr Algen-Ding, und eines davon ist, mehr Algen zu produzieren. Gesetze, Klagen und Anwälte produzieren mehr Klagen und Anwälte. Der Wahnsinn unseres Urheberrechtssystems ist nur eine Art Alge im Teich.