E-BooksUnglue.it befreit Bücher

Das Portal unglue.it ist umgedrehtes Crowdfunding: Die Crowd kauft Bücher von Rechteinhabern frei und stellt sie anschließend unter Creative-Commons-Lizenz jedem zur Verfügung.

Grace ist zwanzig Jahre alt und versucht, sich von ihrer kreolischen Familie aus Louisiana, die von Dingen wie Gumbo-Eintopf oder Lala-Tänzen besessen ist, zu lösen. Die junge Frau entwickelt einen Zehn-Punkte-Plan, um ihre Familie zu schockieren: Sie will sich unter anderem dem Gumbo-Eintopf verweigern und ihre lesbische Geliebte in das erzkonservative Elternhaus einziehen lassen. Doch so leicht wird sie die Familie nicht los – selbst der tote Vater erscheint regelmäßig und bittet, Gumbo an sein Grab zu bringen.

Love like Gumbo war der Debutroman der amerikanischen Autorin Nancy Rawles. Er wurde 1998 mit dem American Book Award ausgezeichnet. Wenn es nach der Autorin geht, soll er künftig als E-Book unter einer Creative-Commons-Lizenz frei zur Verfügung stehen – sofern sich ausreichend Unterstützer finden.

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Nancy Rawles ist eine der ersten Autoren, die ihr Werk auf der Webseite unglue.it anbieten. Das Projekt ist eine Art nachträgliches Crowdfunding. Statt geplante Bücher wie bei Kickstarter vorzufinanzieren, kann die Crowd bereits publizierte Werke freikaufen.

Leicht zugängliche E-Books

Unglue.it ging im Mai 2012 an den Start. Betreiber ist das Startup Gluejar. Dessen Geschäftsführer Eric Hellman entwickelte zuvor Kommunikations- und Entwicklungsplattformen für Bibliotheken. "Ich habe überlegt, wie Bibliotheken leichter E-Books vertreiben können", sagt Hellman. "Da viele große Verlage in den USA ihre E-Books öffentlichen Bibliotheken vorenthalten oder ein umständliches Ausleihverfahren durch spezielle Lizensierungssoftware verlangen, müssen sich Bibliothekare neue Modelle überlegen, um ein breites, leicht zugängliches E-Book-Angebot zu haben."

Teilnehmen kann bei unglue.it jeder Autor oder Verleger, der die Rechte an einem Buch besitzt – egal ob es noch im Handel oder bereits vergriffen ist. Der Rechteinhaber bestimmt den Preis, der ihm die Freigabe des Buches wert ist. Derzeit liegen die Preise umgerechnet zwischen 8.000 und 20.000 Euro. Finden sich genug Spender, wird das Buch freigekauft. Als Gegenleistung erhalten die Unterstützer je nach Höhe ihres Beitrags ein Geschenk. Das kann eine namentliche Erwähnung im E-Book sein oder auch ein signiertes Poster des Buchcovers.

Unglue.it startete mit fünf Büchern. Ein Roman des Autors Joseph Nassise ist inzwischen wieder aus dem Angebot verschwunden, da nur etwa 1.200 Euro beziehungsweise zehn Prozent der geforderten Summe erreicht wurden. Ein anderes Buch wurde bereits freigekauft: Oral Literature in Africa von Ruth H. Finnegan aus den siebziger Jahren war den Nutzern mehr als 6.000 Euro wert.

Was sind die Bücher den Lesern wert?

"Die Kampagne ist eine Art Verhandlung. Wenn der Preis zu hoch ist, bieten die Leute nichts", sagt Hellman. Daher können die Rechteinhaber den Preis eines Buches während der Kampagne reduzieren. Es ist somit auch eine Möglichkeit für Buchautoren, den Wert ihrer Werke abzuschätzen.

Der Autorin Nancy Rawles war es wichtig, ein vergriffenes Buch über das Thema Homosexualität dauerhaft zugänglich zu machen. "Ich denke, die Geschichte von Love like Gumbo ist für junge Homosexuelle wichtig, die mit den Vorbehalten ihrer Familie und Kultur zu kämpfen haben." Selbst wenn es eine neue Nachfrage nach dem Buch gäbe, würde sie die Creative-Commons-Lizenz nicht bereuen. "Mein erstes Buch ist für mich etwas ganz besonderes – wie eine Art Geschenk, das ich hergeben möchte.

Michael Laser bietet auf unglue.it das autobiographische Jugendbuch 6-321 an. Es handelt von einem Schüler, der sich im New York der sechziger Jahre mit den Tücken des Erwachsenwerdens herumschlägt. Laser kennt Eric Hellman, weil beide Kinder im gleichen Kindergarten haben. Der Autor war zunächst skeptisch. Er möchte mit seinen Büchern Geld verdienen, anderseits nutzt er selbst freie Informationen im Internet. Am Ende überzeugte es ihn, dass er als Autor weitere Verwertungsrechte wie die Filmrechte behalten kann.

Laser bietet sein Buch für 11.000 Dollar an. "Soviel würde ich etwa bei einer Neuausgabe verdienen", sagt er. Er hofft zudem auf zusätzliche PR: "Vielleicht weckt die Kampagne das Interesse an meinen anderen Arbeiten." Unglue.it sei eine gute Balance zwischen Creative Commons und Verdienstmöglichkeit. Er hofft, dass insbesondere Bibliotheken mitmachen.

Bibliotheken unterstützen das Projekt

Tatsächlich stammen viele Unterstützer aus dem Bibliotheksbereich. Sarah Hashemi Scott etwa studierte Bibliothekswesen an der San José State University. "Bibliotheken müssen mit einem Durcheinander an Vertriebs- und Lizensierungssystemen zurecht kommen", sagt sie. "Creative Commons ist eine Alternative." Scott bot bei Oral Literature in Africa mit. Hank Sway, IT-Bibliotheksangestellter aus Belmont, bot bei bisher allen Kampagnen mit. "Ich finde den Erfolg der Idee wichtiger als den der einzelnen Bücher", sagt er. "Das Modell hat viel Potenzial – zumal es schlecht mit dem E-Book-Verleih läuft."

Eine im April 2012 veröffentlichte Studie des amerikanischen Pew Research Center, einem sozialwissenschaftlichen Think-Tank, ergab, dass 47 Prozent aller befragten Bibliotheksnutzer nicht wussten, ob ihre Bibliothek E-Books anbietet – obwohl das fast 75 Prozent der amerikanischen Bibliotheken machen. Und Nutzer, die es wussten, waren unzufrieden: 52 Prozent beschwerten sich über lange Wartelisten, 56 Prozent fanden gewünschte Bücher nicht als E-Books.

Das liegt vor allem an der Zurückhaltung der Verleger. Elinor Hirschhorn, die beim Großverlag Simon & Schuster für das digitale Geschäft zuständig ist, erklärte Ende 2011 in der New York Times, dass man sich angesichts der bequemen E-Book-Ausleihe Sorgen mache. Ein Buch auszuleihen und vor Ort abzugeben sei für Leute anstrengender, als ein Buch zu kaufen – und deshalb keine ernsthafte Konkurrenz. Mit E-Books sehe es anders aus. Der Verlag verkauft keine E-Book-Lizenzen an Bibliotheken.

Es gibt auch Zweifler

In Deutschland ist die Situation weniger dramatisch. "Derzeit sehen wir keine Zurückhaltung bei den Verlagen unser serielles Lizenzmodell vertraglich abzusichern", sagt Jörg Meyer, Geschäftsführer des Unternehmens ekz. Ekz betreibt die Onleihe, ein System, über das die meisten öffentlichen Bibliotheken in Deutschland Hörbücher, E-Books, E-Paper, E-Musik und E-Videos verleihen. "Die Anzahl der Verlagsverträge steigt, es gibt keine Kündigungen", sagt Meyer.

Er bezweifelt allerdings, dass unglue.it funktioniert. "Für Bibliotheken ist es wichtig, dass sie die richtigen Titel anbieten und nicht irgendwelche", sagt er. "Ein Crowdfunding-Modell ist für Bibliotheken erst attraktiv, wenn man damit den Markt der Neuerscheinungen hinreichend abbildet." Ein neuer Dan Brown oder ein Mankell als Creative Commons? Da bedarf es sicher einiger Millionen Euro.

Die Entwickler der Idee sind optimistisch. Sie rufen dazu auf, den ersten Band der berühmten Serie von Douglas Adams freizukaufen: The Hitchhikers Guide to the Galaxy. Schätzungsweise 29.000 Interessierte müssten sich finden, schreiben sie, die jeder zehn Dollar geben, um mit den Erben des Autors und den Verlagen in den USA und Großbritannien zumindest "Gespräche beginnen zu können".

 
Leserkommentare
  1. ...ob dieses System bei Neuerscheinungen wirklich funktioniert. Interessant ist es für Bücher, die aus Marketinggründen nicht oder nicht mehr aufgelegt werden, für die aber noch Verwertungsrechte bestehen. Tolle Idee immerhin. Die Vorstellung ein "verlorenes" Buch wieder für alle zugänglich zu machen, hat etwas.

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    ...es gibt Millionen von Büchern die nicht mehr verfügbar sind, aber noch Verwertungsrechte besitzen.
    Und das auch von bekannten Autoren.
    Diese Bücher wieder auferstehen zu lassen hat schon was.

    Wieso sollte man Bestsellerautoren damit ansprechen wollen oder das ganze nur auf die Bibliotheksausleihe beschränken?

    Viel wichtiger ist es, dass kleinere Autoren ausreichend für ihre Mühen entlohnt werden. Und das sie dabei dann auch noch weitere Verwertungsrechte behalten ist nur begrüßenswert.

    Hoffentlich lässt sich so der ein oder andere vergriffene Schatz wieder heben, ich finde das ein tolles System.

    ...es gibt Millionen von Büchern die nicht mehr verfügbar sind, aber noch Verwertungsrechte besitzen.
    Und das auch von bekannten Autoren.
    Diese Bücher wieder auferstehen zu lassen hat schon was.

    Wieso sollte man Bestsellerautoren damit ansprechen wollen oder das ganze nur auf die Bibliotheksausleihe beschränken?

    Viel wichtiger ist es, dass kleinere Autoren ausreichend für ihre Mühen entlohnt werden. Und das sie dabei dann auch noch weitere Verwertungsrechte behalten ist nur begrüßenswert.

    Hoffentlich lässt sich so der ein oder andere vergriffene Schatz wieder heben, ich finde das ein tolles System.

  2. ...es gibt Millionen von Büchern die nicht mehr verfügbar sind, aber noch Verwertungsrechte besitzen.
    Und das auch von bekannten Autoren.
    Diese Bücher wieder auferstehen zu lassen hat schon was.

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  3. Wieso sollte man Bestsellerautoren damit ansprechen wollen oder das ganze nur auf die Bibliotheksausleihe beschränken?

    Viel wichtiger ist es, dass kleinere Autoren ausreichend für ihre Mühen entlohnt werden. Und das sie dabei dann auch noch weitere Verwertungsrechte behalten ist nur begrüßenswert.

    Hoffentlich lässt sich so der ein oder andere vergriffene Schatz wieder heben, ich finde das ein tolles System.

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  4. ... denn es ist im Grunde nur altruistischer und daher abzulehnender "Kultur-Sozialismus".
    Also ein Systemwechsel hin zu kollektivistischen, Privateigentum verneinenden Strukturen, bei denen niemand (Autor, Verlag, Werbewirtschaft, ...) mehr die Chance auf einen ANGEMESSENEN Gewinn hat. Und diese "Experimente" sind doch wohl wirklich oft genug verheerend schief gegangen (um mich nicht weitaus drastischer auszudrücken).

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    ein Systemwechsel ist das längst nicht.
    Letztlich spenden ein paar Leut für etwas, was ihnen wichtig ist. Das gibt es öfter (außer in Deutschland, wo man solcherlei kaum gewöhnt ist und für Teufelszeug hält).

    Im Übrigen hat der Autor seine angemessene Gewinnchance
    "Laser bietet sein Buch für 11.000 Dollar an. "Soviel würde ich etwa bei einer Neuausgabe verdienen", sagt er."

    • TDU
    • 09.07.2012 um 17:52 Uhr

    Alle Macht dem freien Markt und den "Konsumenten. Aber ich denke, Nischenmärkte "dürfen" oder müssen vielleicht mal sein. Wie bei der Independent Musik oder Vinyl Scheiben. Un daihc CD Zusmamnnstellungen sind manchmal grauenvoll.

    Und auf "moralische" Bewertungen und Kultstatus Versuche muss man sich ja nicht einlassen.

    ein Systemwechsel ist das längst nicht.
    Letztlich spenden ein paar Leut für etwas, was ihnen wichtig ist. Das gibt es öfter (außer in Deutschland, wo man solcherlei kaum gewöhnt ist und für Teufelszeug hält).

    Im Übrigen hat der Autor seine angemessene Gewinnchance
    "Laser bietet sein Buch für 11.000 Dollar an. "Soviel würde ich etwa bei einer Neuausgabe verdienen", sagt er."

    • TDU
    • 09.07.2012 um 17:52 Uhr

    Alle Macht dem freien Markt und den "Konsumenten. Aber ich denke, Nischenmärkte "dürfen" oder müssen vielleicht mal sein. Wie bei der Independent Musik oder Vinyl Scheiben. Un daihc CD Zusmamnnstellungen sind manchmal grauenvoll.

    Und auf "moralische" Bewertungen und Kultstatus Versuche muss man sich ja nicht einlassen.

  5. ein Systemwechsel ist das längst nicht.
    Letztlich spenden ein paar Leut für etwas, was ihnen wichtig ist. Das gibt es öfter (außer in Deutschland, wo man solcherlei kaum gewöhnt ist und für Teufelszeug hält).

    Im Übrigen hat der Autor seine angemessene Gewinnchance
    "Laser bietet sein Buch für 11.000 Dollar an. "Soviel würde ich etwa bei einer Neuausgabe verdienen", sagt er."

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  6. Was unterscheidet denn staatliche bzw. öffentliche Institutionen die "Kultugegenstände" erwerben von dem angeprangerten "Kultur-Sozialismus"?

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    • TDU
    • 09.07.2012 um 17:14 Uhr

    Kulturgegenstände gekauft durch dei öffentliche Hand sollten von allgemeinem Intersse bzw. gesamtgesellschaftlicher Relevanz sein. Dass gilt glücklicherweise (noch) nicht für jedes private Erzeugnis kultureller Art.

    • TDU
    • 09.07.2012 um 17:14 Uhr

    Kulturgegenstände gekauft durch dei öffentliche Hand sollten von allgemeinem Intersse bzw. gesamtgesellschaftlicher Relevanz sein. Dass gilt glücklicherweise (noch) nicht für jedes private Erzeugnis kultureller Art.

    • TDU
    • 09.07.2012 um 17:14 Uhr

    Kulturgegenstände gekauft durch dei öffentliche Hand sollten von allgemeinem Intersse bzw. gesamtgesellschaftlicher Relevanz sein. Dass gilt glücklicherweise (noch) nicht für jedes private Erzeugnis kultureller Art.

    Antwort auf "Kultur-Sozialismus"
    • TDU
    • 09.07.2012 um 17:52 Uhr

    Alle Macht dem freien Markt und den "Konsumenten. Aber ich denke, Nischenmärkte "dürfen" oder müssen vielleicht mal sein. Wie bei der Independent Musik oder Vinyl Scheiben. Un daihc CD Zusmamnnstellungen sind manchmal grauenvoll.

    Und auf "moralische" Bewertungen und Kultstatus Versuche muss man sich ja nicht einlassen.

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