Mit Windows 8 geht Microsoft ein hohes Risiko ein. Derzeit hat das Unternehmen bei Betriebssystemen auf Schreibtisch- und Notebook-Rechnern weltweit einen Marktanteil von gut 90 Prozent . Die Chance, die vielen an Windows gewöhnten Computernutzer mit dem neuen System mitzunehmen, ist in etwa so groß wie die Gefahr, sie ernsthaft zu vergraulen. Denn erstmals verändert Microsoft das Bedienprinzip von Windows fundamental.

In der neuen Windows-Oberfläche namens Metro gibt es keine Fenster mehr, die nebeneinander stehen können, sondern nur noch den Vollbildmodus. Das entspricht dem Tipp- und Wisch-orientierten Einfensterprinzip auf Tablets und Smartphones, weshalb sich Windows 8 für solche Geräte naturgemäß besonders eignet.

Im Test macht das auch am Schreibtischrechner überraschend großen Spaß. Die Metro-Oberfläche setzt auf große Flächen und viele Farben, Menüs gleiten ins Blickfeld und die Programme wirbeln verspielt in den Vordergrund. Wer bei der Bildschirmarbeit auch ein wenig unterhalten werden will, kommt auf seine Kosten. Die Frage ist nur, ob der Nutzer sich auch zurechtfindet, wenn er produktiv sein will.

Schließlich ersetzt eine den ganzen Bildschirm füllende Wand aus farbigen Kacheln sowohl das gewohnte Startmenü als auch die alte Taskleiste. Die Kacheln sind die Startbuttons der Programme, die nun Apps heißen. An die Kachelwand, die in Windows 8 als "Startmenü" bezeichnet wird, lassen sich – um im Windows-8-Jargon zu sprechen – weitere Programmkacheln "anheften" und nach Bedarf in der Reihenfolge sortieren. Einige Kacheln aktualisieren sich fortwährend, etwa der Link zu den eigenen Bildern, die Kalenderkachel oder eine Social-Network-App. Wer die ständige Bewegung auf dem Bildschirm nicht unterhaltsam, sondern nervig findet, kann sie bei den betreffenden Apps aber auch ausschalten.

Es gibt zudem einige Unklarheiten und Inkonsistenzen in der Benutzerführung. Das bekannte Kontextmenü, der Rechtsklick also, den man beispielsweise zum Anheften von Kacheln benötigt, hat Microsoft zu einer länglichen Fläche am unteren Bildschirmrad umgebaut. Irritierend ist, dass es sich nicht mehr schließen lässt – etwa, indem man woanders hinklickt. Im Test half nur die Escape-Taste. Das ist nur ein Beispiel von vielen, und es belegt: Windows 8 ist visuell ansprechend, aber in der Bedienung oft nicht intuitiv, zumindest nicht an einem Schreibtischrechner. Geschuldet ist das einerseits dem Design, das vor allem für mobile Geräte geeignet ist, andererseits der Vereinheitlichung über alle Geräteklassen hinweg.

Ein weiteres Beispiel: Die Adresszeile des Webbrowsers befindet sich an derselben Stelle wie das Kontextmenü und ähnelt ihm auch optisch. Sie lässt sich ebenfalls mit Rechtsklick aufrufen. Doch wer soll darauf kommen, wenn er die Adresszeile wie gewohnt – aber vergeblich – im normalen Browserfenster sucht?

Zudem müssen Windows-8-Nutzer sich daran gewöhnen, dass sie Programmfenster am Desktop nur noch schließen können, indem sie diese mit gehaltener Maustaste vom Bildschirm herunter ziehen.

Die Entwickler von Windows 8 dürften geahnt haben, dass vielen Nutzern diese Umstellungen schwer fallen würden. Auch deshalb haben sie ihrem System eine Art doppelten Boden verpasst: den traditionellen Desktop, der einige gewohnte Windows-Funktionen bietet.