ProjektfinanzierungDas leise Sterben der Crowdfunding-Plattformen

Während alle von Crowdfunding schwärmen, geben die ersten deutschen Plattformen schon wieder auf. Zu groß ist der Konkurrenzdruck, zu klein der Verdienst. von Astrid Herbold

Traditionell beginnen Artikel über Crowdfunding mit einer Erfolgsmeldung wie dieser: Nicht einmal fünf Stunden brauchte Andreas Bogk, ehemaliger Pressesprecher des Chaos Computer Clubs, um die Berliner Weiße zu retten. Ein Tweet, dutzendfach weitergeleitet – schon stand die Finanzierung auf Inkubato.com . 3.000 Euro Investitionskosten hatte Bogk veranschlagt, mittlerweile sind über 18.000 Euro zusammengekommen . Demnächst wird in einem Kreuzberger Keller wieder nach altem Rezept gebraut.

"Bier, Berlin und Internet. Das ist natürlich die perfekte Mischung", sagt Konrad Lauten, Gründer und Geschäftsführer von Inkubato. Die Crowdfunding-Plattform hat schon einmal Schlagzeilen gemacht, das war vor knapp zwei Jahren, mit der Finanzierung eines Dokumentarfilms über die legendäre Bar25. Zwei Highlights, zwei schöne Geschichten, zwei von 14 erfolgreichen Projekten, um genau zu sein. 60 andere schafften es nicht. Und auch sonst ist es im Moment ziemlich ruhig bei Inkubato, neben dem Bogk-Bier sind nur vier weitere Projekte aktiv.

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Crowdfunding ist ein relativ junges Netz-Phänomen, die meisten deutschen Plattformen wie Inkubato, Startnext, Pling oder Visionbakery wurden erst im Herbst 2010 gegründet. Seitdem dümpelt die Szene vor sich hin. Keine der Seiten ist rentabel. Jetzt hat das erste Unternehmen offenbar Konsequenzen gezogen: Mysherpas ist zwar noch online, aber nicht mehr aktiv. Artikel über Crowdfunding könnten von nun an also auch weniger euphorisch beginnen.

Denn rosig ist die Lage auch bei der Konkurrenz nicht. Pling konnte bislang 25 Projekten zur Finanzierung verhelfen, den Gründern selbst hat das noch keinen Reichtum eingebracht. Das liegt am geringen Gesamtvolumen, aber auch daran, dass die durchschnittliche Höhe der Unterstützung seit einigen Monaten rückläufig ist: "Unsere Projekte erzielen zurzeit im Schnitt rund 1.000 Euro", sagt Geschäftsführer David Holetzeck. Was da an Provision übrigbleibt, reicht hinten und vorne nicht.

Ernüchternde Bilanz

Bei Visionbakery sehen die Zahlen kaum erfreulicher aus: Neun Projekte werben hier aktuell um Unterstützung, seit Gründung der Seite waren es insgesamt 142. Zwar sind seitdem auch 111.000 Euro an Künstler und Kreative geflossen, das Unternehmen selbst hat aber nur rund 10.000 Euro Umsatz gemacht. Davon kann man weder Gehälter noch Büros bezahlen. "Es ist zurzeit in Deutschland absolut illusorisch, dass eine Crowdfunding-Plattform sich selbst trägt", sagt Visionbakery-Geschäftsführer Stephan Popp.

Die Gründe für diese ernüchternde Bilanz sind vielfältig: Zum einen graben sich die Plattformen auf dem ohnehin kleinen deutschen Markt gegenseitig das Wasser ab, zum anderen übt der amerikanische Marktführer Kickstarter mit seiner riesigen weltweiten Community eine deutlich größere Anziehungskraft auf Künstler aus. Wer kann, inseriert dort. Erschwerend kommen außerdem die deutschen Konsumgewohnheiten und die Förderstrukturen des hiesigen Kulturbetriebs hinzu. Kurz: Noch ist Crowdfunding – trotz anhaltend überschwenglicher Medienberichte – nicht im Mainstream angekommen.

In der Branche macht man sich daher auch wenig Hoffnung, dass sich das Geschäft mit dem Geldeinsammeln kurzfristig doch noch lohnen könnte. Alle deutschen Plattformen werden querfinanziert, meist stecken kleinere oder mittlere Kommunikationsagenturen dahinter. Die Crowdfunding-Seiten sind Aushängeschild und Kontaktbörse in einem, das Geld wird drumherum verdient. "Trotzdem müssen wir uns ständig vor den Künstlern und Nutzern rechtfertigen, dass wir überhaupt eine Provision nehmen", sagt Popp. Branchenüblich sind zwischen 8 und 9 Prozent, nur bei Startnext entscheidet jeder Unterstützer selbst, was ihm die Vermittlungsarbeit wert ist. Spenden an die Plattform sind erwünscht, aber nicht zwingend.

Leserkommentare
  1. und trotzdem baut Startnext eigene Crowdfunding-Plattformen für städtische oder institutionelle Auftraggeber bzw. sieht darin ein Standbein?
    Kein Wunder, dass noch viele davon sterben werden, wenn jeder mit seiner eigenen Plattform frickelt.

    Ein großer Vorteil von kickstarter ist neben der Ansprache des globalen Marktes die mittlerweile stattfindende Beteiligung von Profis auf der Anbieterseite, die crowdfunding zur Marteinführung / zum Vorabverkauf neuer Produktlinien benutzen und damit auch schon mal siebenstellige Summen einholen, wo dann für die Plattform natürlich auch genug hängenbleibt.
    Nur von 3000 € - Projekten auf einer Stadt-Plattform kann halt keiner leben.

    • Zerga
    • 29. August 2012 16:10 Uhr

    Ich glaube ein Grund für die Schwierigkeiten von Crowdfunding hierzulande ist sicherlich die skeptische Einstellung der Deutschen gegenüber neuen Projekten fremder Personen. In den USA ist es sehr üblich, dass sich die Menschen mit selbständigen Projekten verwirklichen, was sicher mitunter an dem immer wiederkehrenden Predigden des "American Dream" liegt und natürlich auch auf der Tatsache beruht, dass die Arbeitsverhältnisse nicht als viel sicherere Geldquelle anzusehen sind (es ist dort bekanntlich sehr leicht gekündigt zu werden). Der Deutsche hingegen analysiert selbst bei einstelligen Beträgen hin und her, ob sich seine Investition für ihn selbst lohnt und eben nicht ob er damit jemand anderem zum Erreichen eines Traumes führt. Es fehlt einfach an der zu Grunde liegenden Ideologie (sei diese nun gut oder schlecht)...

    3 Leserempfehlungen
  2. einen fond auch einen fond nennen
    unter anderem nahmen so zu tun als währe es etwas anderes um die margen drücken zu können ist einfach nur unredlich

  3. ich habe den Eindruck, dass vieles was auf den großen Plattformen gut läuft, einen tatsächliche materiellen Nützlichkeitseffekt für die Unterstützer hat.
    Ein reines Kindertheater-Projekt hat es da wohl schwerer und sollte evtl. auf anderem fundraising-Wegen Sponsoren oder Mäzene suchen.

  4. Bereinigen? Das glaube ich nicht. Es werden die Plattformen übrig bleiben, die sich irgendwie bezahlt machen bzw. bezahlt werden. Dass das die reinsten, besten, tollsten sein werden, glaube ich eher nicht.

    Ein Markt hat sich noch nie selbst gereinigt im Sinne von gebessert. Alle Märkte tendieren zu Filz, Korruption, Zwang, Absprachen und Monopolen. Wenn etwas für den Menschen besser werden soll, muss das von Menschen selber ausgehen.

    Page und Brin gaben z. B. das Treueversprechen "Don't be evil" aus und haben sich, was die Intrernet-Community angeht, daran bisher größtenteils gehalten. Das war aber Zufall, dass Brin aus einem totalitären Staat kommt, und totalitäre Methoden eher verabscheut.

    Andere erfolgreiche Firmenführer denken geradezu, dass ihre Ideen die Leute beglücken müssen und lassen den Menschen eher keine Wahl. Besser wird in solchen Fällen, ohne dass der Mensch selbst Hand anlegt, gar nichts.

    Mit ebay ist auch nicht der tollste Flohmarkt übriggeblieben, sondern der, der alle anderen verdrängen konnte. Ich würde Ebay nie als besonders rein bezeichnen. Auch nicht in marktwirtschaftlichem Sinne, da Ebay heute keine ernstzunehmende Konkurrenz hat. Der Markt ist auch in diesem Fall komplett gescheitert.

    Eine Leserempfehlung
  5. Hallo!
    Crowd funding stirbt in Deutschland nicht. In Summe ergibt sich für Crowd funding ein Finanzierungsvolumen von knapp 2 Mio. € im Jahr 2012, was einer Vervierfachung im Vergleich zu 2011 entspricht.

    [...] Bitte nutzen Sie die Kommentarbereiche nicht als Werbefläche für eine andere Website. Danke. Die Redaktion/kvk

    Beste Grüße

    René Klein

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  • Schlagworte Euro | Sterben | Berlin | Dresden | Hamburg
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