Ein Cyborg wird am heutigen Donnerstagnachmittag auf einer Bühne im Tempelhofer Flughafen stehen. Er wird seine Zuhörer dazu ermutigen, ebenfalls Cyborgs zu werden. Es ist der dritte Tag der Campus Party in Berlin , der Cyborg heißt Neil Harbisson.

Der 30-Jährige nimmt die Welt seit seiner Geburt nur in Hell-Dunkel-Kontrasten wahr. Farben kann er nicht sehen. Achromatopsie heißt diese Störung. Aber Harbisson hat einen alternativen Weg gefunden, Farben wahrzunehmen. Seit acht Jahren trägt er ein Gerät an seinem Kopf, mit dessen Hilfe er Farben zwar nicht sehen, aber hören kann. Das Gerät heißt Eyeborg . Es zeichnet Farben im Sichtfeld seines Trägers mit einem Sensor auf, der vor der Stirn baumelt, wandelt sie in Schallwellen um und transportiert diese bis zum Ohr. Harbisson nimmt zum Beispiel die Farbe Gelb als Note G wahr, die Farbe Rot klingt für ihn wie ein F.

Noch ist der Eyeborg nur mit viel Druck an Harbissons Kopf festgeklemmt. In wenigen Wochen wird er das Gerät mit Schrauben in seinem Schädel verankern lassen. Aber schon 2004 konnte er die britischen Behörden überzeugen, dass der Eyeborg ein Teil seines Körpers ist und mit auf sein Passfoto gehört. Seitdem bezeichnet sich Harbisson als erster offiziell anerkannter Cyborg.

Vor zwei Jahren hat er eine Stiftung gegründet, die Cyborg Foundation. Ihr Ziel ist es, zusammen mit verschiedenen Forschungseinrichtungen daran zu arbeiten, die Sinne des Menschen mithilfe von implantierbarer Technik zu erweitern oder ihm gleich neue Sinne zu verschaffen. "Wir lassen uns dabei von Tieren und der Natur inspirieren", sagt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Anders gesagt: Die Sinne, die er meint, gibt es schon – nur nicht beim Menschen. "Viele glauben, wer ein Cyborg wird, wird dadurch weniger menschlich. Aber ich glaube, es erlaubt uns nur, anderen Lebewesen aus dem Tierreich näher zu kommen."

Harbisson nennt Haie als Vorbilder, weil sie elektromagnetische Felder wahrnehmen und sich damit orientieren können. Die Fähigkeit mancher Vögel, ultraviolette Strahlung wahrzunehmen, sei ebenfalls nützlich: "Wenn wir das auch könnten, wüssten wir, ob es ein guter Tag zum Sonnenbaden ist oder nicht."

Er selbst wird nach seiner anstehenden Operation in der Lage sein, Ultraschall und Infraschall wahrzunehmen. "Knochen leiten Schall sehr gut", erklärt er. "Wenn die Schallwellen, die mein Eyeborg erzeugt, erst einmal direkt über eine Schraube in meinen Schädelknochen wandern, werde ich höhere und tiefere Töne hören können als jetzt."

Seine Partnerin Moon Ribas trägt Ohrringe mit Infrarotsensoren, die vibrieren, wenn sie Bewegung wahrnehmen. Werden die Sensorstäbchen nach hinten ausgerichtet, nimmt Ribas wahr, wenn sich jemand von hinten nähert. Die Cyborg Foundation hat aber eher Implantate im Sinn, die Mensch und Technik verschmelzen lassen. Eines der Fernziele sei zum Beispiel ein innerer Kompass, sagt Harbisson, oder ein Bewegungssensor, aufgeschraubt auf die Rückseite des Kopfes. "Damit würden wir unsere Wahrnehmung von Raum und Umgebung wirklich verstärken."