Es gibt verschiedene Definitionen des Begriffs Cyborg. Manche halten schon jeden Smartphone-Besitzer und jeden Träger eines Herzschrittmachers für einen Cyborg . Für Harbisson aber sind drei Dinge entscheidend: Erstens muss die Technik mit dem Menschen verschmelzen, er muss sie als Teil seines Körpers betrachten. Zweitens muss sie seine Fähigkeiten steigern, wobei der Ausgangspunkt das Individuum ist, nicht der Durchschnittsmensch. Ein blinder Mensch wird nach Harbissons Definition also zum Cyborg, wenn er mit technischer Hilfe eine zumindest minimale Sehkraft erlangen würde. Und drittens muss sein technisches Hilfsmittel mit dem Körper und dem Gehirn kommunizieren. Prothesen wie die Kohlefaser-Schenkel des südafrikanischen Sprinters Oscar Pistorius gehörten zum Beispiel nicht in diese Kategorie, sie seien "mechanisch, nicht kybernetisch".

Auch Tim Cannon aus der Umgebung von Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania sagt, er sei ein Cyborg, seit er sich einen Magneten unter die Fingerkuppe hat implantieren lassen. Es gibt Piercingstudios, in denen solche Eingriffe vorgenommen werden, auch in Deutschland. Ein Magnet ist zwar nicht kybernetisch, er kommuniziert nicht mit dem Körper. Aber Cannons Definition eines Cyborgs ist eben eine andere als die von Harbisson. Cannon gehört zu einer Gruppe von sogenannten Bodyhackern, die sich Grinder nennen – Schleifer. Das US-Onlinemagazin The Verge hat Grinder kürzlich porträtiert. In Onlineforen wie Biohack.me diskutieren sie, wie sie sich mit technischen Hilfsmitteln neue Fähigkeiten aneignen können, die über die normalen menschlichen hinausgehen.

Magnetimplantate sind dabei nur der Anfang. Diese besondere Form der Body Modification gibt es bereits seit einigen Jahren. Schon 2005 schrieb etwa die Techjournalistin Quinn Norton über ihre Erfahrungen mit dem Magneten unter der Haut ihres Ringfingers. Sie kann damit kleinere metallische Gegenstände anziehen. Vor allem aber erweitert der Magnet die Wahrnehmung: Implantatsträger spüren elektromagnetische Felder zum Beispiel bei Mikrowellengeräten, Stromleitungen oder Transformatoren. Ihre Finger kribbeln dann, während andere Menschen nichts spüren. Der Blogger und Journalist Dann Berg , der ebenfalls ein Implantat trägt, schreibt: "Mein Magnetimplantat verschafft mir keinen sechsten Sinn, aber es erweitert meinen normalen Tastsinn."

Tim Cannon will einen Schritt weitergehen. Zusammen mit anderen Biohackern hat er ein Gerät namens Bottlenose entwickelt, ein Radar-System. Es ist so groß wie eine Zigarettenschachtel und sendet elektromagnetische Impulse aus. Werden die von der Umgebung reflektiert, nimmt Cannon das in seinem Magnetfinger wahr, sagt er im Gespräch mit The Verge . Bottlenose und der Magnet ermöglichen es ihm so, sich mit verbundenen Augen in einem Raum zu orientieren. Ein YouTube-Video zeigt ihn bei mehreren erfolgreichen Tests mit einer frühen Version des Geräts, das allerdings nicht unter die Haut gepflanzt werden kann und deshalb von manchen auf Biohack.me als Sackgasse empfunden wird.

Ein anderes Gerät von Cannon und seinen Mitstreitern dagegen soll unter die Haut gehen. Es heißt HELEED, ist so groß wie ein Feuerzeug und kann nach Angaben von Cannon die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Körpertemperatur erfassen sowie die Daten per Bluetooth auf ein Smartphone übertragen. Andersherum soll es aber auch funktionieren: Textnachrichten vom Smartphone können auf das HELEED übertragen werden. Kleine LED-Leuchten geben die Texte dann wieder und machen sie durch die Haut des Trägers sichtbar. Es ist eine Art subkutanes Display. Ab Oktober, so heißt es auf der Website der Grinder , soll es vertrieben werden. Auf die Frage von ZEIT ONLINE, ob es bei dem Plan bleibt, hat der US-Amerikaner bislang nicht geantwortet.