Dezentrales NetzwerkDie Gründer von Diaspora ziehen sich zurück

Die Macher der viel gelobten Facebook-Alternative Diaspora übergeben die Kontrolle an die Nutzer. Der nächste Schritt in der Entwicklung des Projekts – oder der letzte? von 

Diaspora-Projekt

Screenshot von der Website des Diaspora-Projekts  |  © Diaspora Project

Diaspora bedeutet so viel wie verstreut leben. Als vier junge Männer vor zwei Jahren das gleichnamige soziale Netzwerk gründeten, meinten sie damit die Daten der Netzwerk-Mitglieder. Diaspora ist ein dezentrales Netzwerk , jeder Nutzer kann seine Daten auf einem Server seiner Wahl parken – eine kommerzielle Verwertung wie bei Facebook findet nicht statt. Nun hat der Begriff für die Macher noch eine andere Bedeutung bekommen: Am Montagabend kündigten sie an, das Projekt Diaspora nicht mehr leiten zu wollen. Stattdessen wollen sie es "der Community übergeben".

In einem Blogpost schreiben Daniel Grippi und Maxwell Salzberg: "Heute übergeben wir die Kontrolle über Diaspora an die Community. Als ein soziales Free-Software-Projekt sind wir geradezu verpflichtet, dieses Projekt weiterzubringen, zum Wohle der Gemeinschaft rund um Diaspora."

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Der Abschied soll kein vollständiger Rückzug sein: "Wir als Gründer werden weiterhin ein wichtiger Teil dieser Gemeinschaft bleiben, aber wir wollen sicherstellen, dass wir alle Menschen einbinden, denen Diaspora wichtig ist, und wir wollen, dass es ein Erfolg wird."

Ab wann es als Erfolg gilt, hängt von der Sichtweise ab. Einerseits hat Diaspora nie eine relevante Nutzerzahl erreicht. Die dezentrale Struktur und der Schutz der Privatsphäre haben Diaspora viel Beifall eingebracht – aber eine kritische Masse lässt sich mit diesem Ansatz bisher nicht erreichen . So gesehen ist Diaspora vorerst gescheitert.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Befürworter des Projekts betonen dagegen, dass es nicht primär um Wachstum gehe, sondern um Qualität. Die sogenannten Aspekte etwa waren eine gelungene Idee zur Verwaltung der Diaspora-Kontakte. So gelungen, dass Google sie als "Kreise" in Google+ übernahm . Unter Open-Source-Enthusiasten gilt Diaspora nicht nur deshalb als beispielhafter Ansatz und insofern durchaus als erfolgreich.

Die Gründer selbst schreiben, Diaspora werde von Tausenden Menschen genutzt, die Hunderte Server – sogenannte Pods – betreiben. Laut einer Statistik des Projekts sind es derzeit rund 380.000 Nutzer. Die große Frage ist: Sind unter diesen 380.000 genug Entwickler, die Diaspora vorantreiben wollen?

Die ersten Reaktionen im Netz sind eher niederschmetternd. Von großer Enttäuschung ist die Rede , von naiv optimistischen Erwartungen, geweckt von den Gründern, und sogar von Verschwendung des Startkapitals in Höhe von 200.000 Dollar, einst eingesammelt bei Kickstarter. Auch bei Twitter gibt es vor allem Statements der Sorte "Sie werfen das Handtuch" und "Diaspora gibt auf" .

Jan-Christoph Borchardt dagegen, ein Freund der Diaspora-Erfinder und ihrer Idee, betont, dass sich die Gründer erstens nicht vollkommen zurückziehen werden. Und zweitens sei die Community "schon sehr stabil und verbreitet". Eine Weiterentwicklung ist seiner Meinung nach möglich, auch ohne die Gründer an der Spitze.

The Next Web schreibt, von "Versagen" würden jetzt nur die größten Zyniker sprechen. Für die technisch Interessierten und die Datenschutzbesorgten könne Diaspora noch auf Jahre hinaus reizvoll bleiben.

"Völlig normal"

Auch die Gründer widersprechen denen, die schon vom Ende des Projekts sprechen. Salzberg schrieb in einer E-Mail an Techcrunch , der Vorgang sei "völlig normal für erfolgreiche Free-Open-Source-Software-Projekte. Wordpress ist ein tolles Beispiel dafür."

Salzberg und Grippi werden sich in Zukunft auf Makr.io konzentrieren, einen "Meme Generator" oder auch "kollaboratives Web-Remixing-Werkzeug", bei dem die Nutzer gemeinsam Fotos aus dem Netz mit lustigen Bildunterschriften versehen sollen.

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Leserkommentare
  1. dort Mitglied zu werden. [...]

    Gekürzt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/lv

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Diaspora | Facebook | Privatsphäre | Twitter | Wordpress
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