Dieses wirtschaftliche Ausschlachten des Nutzers unterhöhlt sein Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Er will die Hoheit über seine Lebenserzählung behalten.

Ein weiteres Problem ist die zunehmende mobile Nutzung des Internets. Facebook mausert sich am stationären Rechner zwar zum "Internet im Internet" – es ist beispielsweise nach YouTube zur zweitgrößten Videoplattform aufgestiegen. Auf Smartphones ist aber eher eine Fragmentierung der Dienste zu beobachten – ein Service pro App. Instagramm war bisher der bessere Bilderdienst als Facebook, und Messenger wie Whatsapp sind die unkomplizierte Alternative zum mobilen Facebook-Chat.

Es sind diese Entwicklungen, die womöglich zur bereits häufiger diskutierten Facebook Fatigue beitragen, eine Müdigkeit im Angesicht von Überforderung und Kommerzialisierung. Da ist dieses Gefühl: Facebook ist nicht mehr meine Plattform, sondern: Ich muss mich stets gegen Facebook wehren.

Facebook nur noch zur Kontaktverwaltung

Es ist nicht ausgemacht, dass Zuckerbergs Netzwerk den Weg von Myspace gehen wird, also den Weg des Niedergangs. Doch schon jetzt entsteht der Eindruck, dass vor allem viele Early Adopter das Netzwerk fast nur noch zum Organisieren und Kontakthalten nutzen. Der Reiz einer digitalen Lebenswelt, in der man sich gerne lange aufhält, geht verloren. Facebook könnte zu einer besseren Chat-Nachrichtenplattform werden.

Die Nutzerzahlen müssen deshalb nicht zurückgehen – dafür ist der Lock-In-Effekt zu groß. Kaum jemand ist nicht auf Facebook, daher werden sich nur wenige Menschen wirklich abmelden. Die Nutzer könnten in Zukunft aber weniger Zeit auf Facebook verbringen, besonders wenn neue attraktive Dienste dem Netzwerk Konkurrenz machen. Zuckerberg fürchtet das: Facebook muss seine Mitglieder nun noch intensiver an sich binden.

Wenn der Nutzer aber das Gefühl hat, auf Facebook nicht mehr Herr seiner Lebenserzählung zu sein, wird er sich Stück für Stück aus dem Netzwerk zurückziehen. Wenn Facebook durch die totale Durchdringung aller Lebensbereiche nach kapitalistischer Verwertungslogik das identitätsstiftende Element des Netzwerks zurückdrängt, wird es für Nutzer nicht mehr der zentrale Anlaufpunkt im Web sein. Dann endet Facebook vielleicht schon in wenigen Jahren als Rummelplatz des Internets: zu grell, zu unübersichtlich, zu kommerziell. Da schaut die Mehrheit höchstens kurz vorbei und sagt Hallo.

Nachtrag: Der Text wurde ergänzt um einen Hinweis auf einen Beitrag Thomas Knüwers über die Sinnhaftigkeit der Mitgliederzahlenstudie. (Kai Biermann)