NutzerfreundlichkeitFacebook beginnt zu nerven

Aufgezwungene Transparenz, totaler Kommerz: Facebook nimmt die Bedürfnisse seiner Nutzer nicht mehr ernst und könnte als besserer Terminplaner enden.

Facebook droht, ein ungemütlicher Ort im Internet zu werden.

Facebook droht, ein ungemütlicher Ort im Internet zu werden.

Facebook wächst immer noch – es könnte den Zenit seiner Attraktivität aber trotzdem schon überschritten haben. Die Zahlen steigen, doch die Nutzer sind unglücklich. Facebook ist in den USA fast so unbeliebt, wie es Myspace vor zwei Jahren war. Das sagt zumindest der American Customer Satisfaction Index (ACSI): Von möglichen 100 Punkten erreichte das größte Netzwerk der Geschichte im Juli nur noch 61. Das waren noch einmal fünf weniger als im Jahr zuvor. Facebook ist damit, abgesehen von Myspace, der unbeliebteste Social-Media-Dienst – weit hinter Google Plus.

Zuletzt machte Facebook vor allem Schlagzeilen, weil der Aktienkurs seit dem Börsengang abgestürzt ist. Viele sehen darin den Beweis, dass das Geschäftsmodell des Unternehmens nicht zukunftsfähig ist. In Asien, Afrika und Südamerika verzeichnet das Netzwerk trotzdem satte Zuwächse. Lediglich in den USA ging die Nutzerzahl laut einer Studie von Capstone Investment in der ersten Jahreshälfte 2012 um 1,1 Prozent zurück. Die Studie sei zweifelhaft, bloggt der Social-Media-Berater Thomas Knüwer. Der US-Markt ist dennoch praktisch gesättigt. Es geht für Facebook in solchen Ländern also nicht darum, noch mehr Nutzer zu gewinnen, sondern die vorhandenen Nutzer länger zu beschäftigen. Anders gesagt: Über den dauerhaften Erfolg von Facebook wird die Qualität entscheiden, nicht die Quantität.   

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Wer einen Ausblick auf die Zukunft geben will, muss sich mit den Motiven beschäftigen, die Nutzer millionenfach zu einer Anmeldung bewegen. Der Soziologe André Hoever von der Freien Universität Berlin etwa schreibt in einem Essay, Facebook biete den Menschen die Möglichkeit, "in einer sicheren Umgebung als Individuen wahrgenommen zu werden". Es ist die "Aufwertung der Individualität", nicht in einer totalen, sondern in einer persönlichen Öffentlichkeit. Hoever betont dabei die Zwanglosigkeit des Sich-Mitteilens und Kommentierens.

Thorsten Benkel von der Goethe Universität Frankfurt spricht von einer "Lesbarkeit des Lebens in selektiven Bildern", allerdings ohne einen "wahrheitsversessenen Dokumentationsanspruch". Mit dem eigenen Profil lasse sich eine kreative Ich-Konstruktion ausbuchstabieren. Facebook wurde deshalb so groß, weil es die Möglichkeit bietet, das eigene Leben in einem digitalen Raum genau so zu erzählen, wie man gerne möchte. Die Selbstinszenierung sei darauf gepolt, nur das sichtbar zu machen, was vor dem sozialen Umfeld akzeptabel und wünschenswert erscheint. Die Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle erklärte das Prinzip in einem Interview so: "Ich teile mich mit, also bin ich." Allerdings gelte dabei auch: Ich will die Kontrolle darüber haben, was ich preisgebe.

Vergessen ist nicht mehr vorgesehen

Facebook tut derzeit einiges dafür, um das riesige Potenzial dieser digitalen Lebenswirklichkeit zu zerstören. Das hat zwei fundamentale Gründe. Zum einen ist es Mark Zuckerbergs erklärter Anspruch, den Nutzer komplett transparent zu machen. Er soll möglichst alle Ereignisse seines Lebens mit jedem Kontakt teilen, am liebsten minutiös seit der Geburt. Dafür wurde die Chronik eingeführt. 

Dabei ist höchst fraglich, ob sich die Menschen wirklich ein allumfassendes, digitales Lebensarchiv wünschen. Vor einem Jahr ging vielleicht eine Liebesbeziehung in die Brüche, vor zwei Jahren fand man es schick, alle Beiträge in (teils falschem) Englisch zu posten, und vor drei Jahren galten peinliche Partyfotos vielleicht noch als Ausdruck einer lebensbejahenden Selbstzufriedenheit. An diese Dinge wollen viele heute einfach nicht erinnert werden – und andere sollen so etwas schon gar nicht sehen.

Der Mensch ist darauf konditioniert, Dinge zu vergessen. Facebook sieht das nicht mehr vor. Dagegen wehren kann sich der Nutzer nur, wenn er sehr viel Zeit aufwendet, um die eigenen Beiträge zu managen. Durch komplizierte Privatsphäre-Einstellungen fällt es außerdem immer schwerer, das Publikum für die Selbsterzählung einzugrenzen. Was den Freunden imponiert, kann den Chef irritieren. Das führt am Ende eher dazu, dass jemand weniger von sich teilt.

Das zweite Problem: Seit dem Börsengang strebt Facebook noch stärker danach, die Daten der Nutzer wirtschaftlich zu verwerten. Mehr Datenpreisgabe bedeutet ein attraktiveres Werbeumfeld. Ein Beispiel: Klickt ein Nutzer den Like-Button eines Unternehmens an, macht er unter Umständen Werbung für die Firma auf den Profilen seiner Freunde, ohne es zu wissen. Gesponserte Meldungen nennt Facebook das. Eine subjektive Befindlichkeit wird monetarisiert. In den USA klagten zahlreiche Nutzer dagegen, inzwischen lässt sich die Funktion abschalten. Es ist aber typisch für Facebook, solche Änderungen erst einmal einzuführen, ohne den Nutzer zu fragen. Dadurch ist nicht sicher, wofür die eigenen Daten als nächstes benutzt werden.

Leserkommentare
  1. Ueber email muesste ich erst ueber die Suchfunktion die emailadressen raussuchen, eine Liste erstellen, dann hoffen, dass das auch jeweils eine Adresse ist, die noch benutzt wird (oft Arbeitsemail und der Arbeitgeber hat inzwischen womoeglich gewechselt, dann also doch ueber Facebok nach der aktuellen Adresse fragen). Und dann waere es ja zudem eine offizielle "Einladung" - man wuerde sich verpflichtet fuehlen, sich zu entschuldigen, wenn man nicht kommen kann, oder doch nur einen anderen "Termin" zu finden etc. Das wollte ich alles nicht.
    Obwohl auch ich facebooks Umgang mit den privacy settings sehr kritisch sehe, muss ich einfach einraeumen, dass es meinen Alltag sehr erleichtert hat. Sogar was Kommunikation mit Familienmitgliedern angeht. Das ist naemlich auch nicht so einfach, wenn man sehr weit weg wohnt. Frueher habe ich mich verpflichtet gefuehlt, zumindest alle 2 wochen mal anzurufen und da hat man oft (auch wegen der Zeitgrenzen) einen falschen Zeitpunkt erwischt. Jetzt weiss man so grob, was sie alle gerade machen und kann dann anrufen (z.B. auch mitten in der Nacht), wenn man sieht, dass sie gerade online (also noch wach!) sind. Es fiele mir schon schwer, darauf wieder zu verzichten.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Und Sie können nicht "
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    Ich sehe das zwar weiterhin anders, kann Sie aber jetzt etwas besser verstehe. Es ist wohl doch auch eine Frage der jeweiligen Kommunikationskultur. Ich stelle schon immer wieder fest, dass es da Unterschiede zwischen den Generationen gibt und ich gehöre nun mal nicht zu den Digital Natives.

    Im Grunde ist es ja eigentlich auch unproblematisch, wenn es mehrere Kommunikationssturkuren gibt und manche die, manche jene schwerpunktmäßig nutzen. Schwierig wird es aber, wenn nur noch eine Struktur genutzt wird, noch schwieriger wenn diese praktisch nur noch von einer Firma angeboten wird. Es ist ein bißchen so als gäbe es nur noch Ebay, aber keine Flohmärkte und keine Kleinanzeigen mehr. Insofern halte ich die Diskussion um Facebook schon für wichtig.

    Ein Wort zum Bezahlen noch: Ich denke, dass viele Leute grundsätzlich bereit sind, auch für Internetdienste zu bezahlen. Allerdings muss das einfach, sicher und vertrauenswürdig sein, ich zum Beispiel bin da skeptisch bis übervorsichtig. Ich denke für die Weiterentwicklung des Internetnets sind solche Bezahlsysteme unrerlässlich. Und wenn es die erst einmal gibt, könnten sich auch soziale Netzwerke ändern. Man würde dann für die reine Dienstleistung zahlen und wäre nicht mehr Datenlieferer. Der Datenschutz ist zwar nie 100-prozentig garantiert, aber es würde ihn erleichtern.

    Soweit für heute und eine gute Nacht allerseits.

    Ich sehe das zwar weiterhin anders, kann Sie aber jetzt etwas besser verstehe. Es ist wohl doch auch eine Frage der jeweiligen Kommunikationskultur. Ich stelle schon immer wieder fest, dass es da Unterschiede zwischen den Generationen gibt und ich gehöre nun mal nicht zu den Digital Natives.

    Im Grunde ist es ja eigentlich auch unproblematisch, wenn es mehrere Kommunikationssturkuren gibt und manche die, manche jene schwerpunktmäßig nutzen. Schwierig wird es aber, wenn nur noch eine Struktur genutzt wird, noch schwieriger wenn diese praktisch nur noch von einer Firma angeboten wird. Es ist ein bißchen so als gäbe es nur noch Ebay, aber keine Flohmärkte und keine Kleinanzeigen mehr. Insofern halte ich die Diskussion um Facebook schon für wichtig.

    Ein Wort zum Bezahlen noch: Ich denke, dass viele Leute grundsätzlich bereit sind, auch für Internetdienste zu bezahlen. Allerdings muss das einfach, sicher und vertrauenswürdig sein, ich zum Beispiel bin da skeptisch bis übervorsichtig. Ich denke für die Weiterentwicklung des Internetnets sind solche Bezahlsysteme unrerlässlich. Und wenn es die erst einmal gibt, könnten sich auch soziale Netzwerke ändern. Man würde dann für die reine Dienstleistung zahlen und wäre nicht mehr Datenlieferer. Der Datenschutz ist zwar nie 100-prozentig garantiert, aber es würde ihn erleichtern.

    Soweit für heute und eine gute Nacht allerseits.

    • Unno
    • 22.08.2012 um 23:31 Uhr
    50. Anonym

    nur so macht es Spass. Danke der ZEIT für die Möglichkeit hier. Personalisierte Voten wie auf Facebook, sind durchwegs mühsam wegzubekommen, wenn sie mal geschrieben sind. Ich habe immer fleissig gelöscht und am Schluss gleich mein Account.

  2. Google+ ist wie eine coole Lounge die keiner besucht. Facebook ist (noch) die Dorfdisco in die alle gehen.

    Ich war nie ein Fan von Dorfdiscos, bin aber als Teenager auch hingegangen weil man seine Freunde treffen will.

    Antwort auf "google+"
  3. Ich sehe das zwar weiterhin anders, kann Sie aber jetzt etwas besser verstehe. Es ist wohl doch auch eine Frage der jeweiligen Kommunikationskultur. Ich stelle schon immer wieder fest, dass es da Unterschiede zwischen den Generationen gibt und ich gehöre nun mal nicht zu den Digital Natives.

    Im Grunde ist es ja eigentlich auch unproblematisch, wenn es mehrere Kommunikationssturkuren gibt und manche die, manche jene schwerpunktmäßig nutzen. Schwierig wird es aber, wenn nur noch eine Struktur genutzt wird, noch schwieriger wenn diese praktisch nur noch von einer Firma angeboten wird. Es ist ein bißchen so als gäbe es nur noch Ebay, aber keine Flohmärkte und keine Kleinanzeigen mehr. Insofern halte ich die Diskussion um Facebook schon für wichtig.

    Ein Wort zum Bezahlen noch: Ich denke, dass viele Leute grundsätzlich bereit sind, auch für Internetdienste zu bezahlen. Allerdings muss das einfach, sicher und vertrauenswürdig sein, ich zum Beispiel bin da skeptisch bis übervorsichtig. Ich denke für die Weiterentwicklung des Internetnets sind solche Bezahlsysteme unrerlässlich. Und wenn es die erst einmal gibt, könnten sich auch soziale Netzwerke ändern. Man würde dann für die reine Dienstleistung zahlen und wäre nicht mehr Datenlieferer. Der Datenschutz ist zwar nie 100-prozentig garantiert, aber es würde ihn erleichtern.

    Soweit für heute und eine gute Nacht allerseits.

    Eine Leserempfehlung
  4. womit der LikeNot-Buttom Geschichte geworden ist, will man sich hier im Kommentarbereich von ZeitOnline aber doch als ein gutes soziales Netzwerk präsentieren.

    Wobei ZeitOnline bei dieser Art der sozialen Kommunikation - ich nenne es eine Vermeidungsstrategie - beileibe nicht alleine dasteht.

    Oder sehe ich da etwas falsch ;-)

    Antwort auf "Warum es Facebook gibt"
  5. Antwort auf "Redaktionsempfehlung?"
  6. Zweifelsohne nervt Facebook, aber weniger Facebook selbst, als viel mehr die Debatte um Facebook. Ich bin wahrlich kein Fan von Zuckerberg und dessen was er aufgebaut hat bzw. aufbauen will, aber was er aufgebaut, verdient für mich Respekt, denn zweifelsohne spricht die ganze Weltvon Facebook.

    Genauso wie fast jede Privatperson dort mittlerweile sich dort mitteilen will, genauso ist dort auch jedes zweite... (?) Unternehmen zu finden.
    Man kommt nicht drum rum, selbst ich nicht. Und so richtig erschließt sich der Sinn dieses Netzwerks jetzt noch nicht, außer dass man vielleicht Infos noch schneller bekommen kann. Und die bekommt man. Die Frage danach, ob man diese Infos braucht, stellt sich dabei nicht mehr, weil man dann schon zu langsam ist und was verpasst bzw. verpasst hat.

    Ich schaue ca. eins/zweimal die Woche in meinem Facebook-Account nach, hab 12 "Freunde", diverse "Gefällt mir"-Links und Abos und komme schon kaum noch hinterher. Informativ ist es trotzdem!

    Antwort auf "Warum es Facebook gibt"
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    Haben Sie sich noch nie gefragt, ob Sie diese Informationen wirklich brauchen? Es ist doch durchaus ein Aufwand, ständig Informationen zu filtern und wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.
    Und genau das stört mich extrem an Facebook: Dass aufgrund der Grundeinstellungen 99% von dem was eingeht der Müll von anderen ist, die sich nicht im Geringsten dafür interessieren mit mir zu kommunizieren aber ich trotzdem ständig Nachrichten erhalte, dass sie neue Fotos eingestellt haben oder dass sie irgendwohin gehen. Nicht weil sie es mir schreiben und weil sie daran interessiert sind, dass ich es erfahre, sondern weil sie (oft unwissentlich, weil Facebook dies beim einschreiben so grundsätzlich festlegt und es nicht gerade einfach ist, in dem Informationswirrwar die Einstellungen zu ändern) eingestellt haben, dass alle Kontakte und die Kontakte der Kontakte die Nachricht erhalten.
    Neben dem oben angedeuteten Informationswirrwar frißt diese Informationsfilterung extrem viel Zeit vor dem PC, so dass man 5 Stunden vergeigt, ohne auch nur etwas fertiggebracht zu haben.
    An dieser Stelle ist es doch viel netter, im Park spazieren zu gehen oder ins Café zu sitzen, wo man echte Menschen sieht, erfassen und sprechen kann.
    Dieser enorme Zeitaufwand für nichts als das bearbeiten von Informationsmüll war es, welcher mich hat meinen Facebook Account, den ich vor 7 Jahren angelegt hatte, nach 3 Wochen löschen lassen.
    Ich habe es nie bereut.

    Haben Sie sich noch nie gefragt, ob Sie diese Informationen wirklich brauchen? Es ist doch durchaus ein Aufwand, ständig Informationen zu filtern und wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.
    Und genau das stört mich extrem an Facebook: Dass aufgrund der Grundeinstellungen 99% von dem was eingeht der Müll von anderen ist, die sich nicht im Geringsten dafür interessieren mit mir zu kommunizieren aber ich trotzdem ständig Nachrichten erhalte, dass sie neue Fotos eingestellt haben oder dass sie irgendwohin gehen. Nicht weil sie es mir schreiben und weil sie daran interessiert sind, dass ich es erfahre, sondern weil sie (oft unwissentlich, weil Facebook dies beim einschreiben so grundsätzlich festlegt und es nicht gerade einfach ist, in dem Informationswirrwar die Einstellungen zu ändern) eingestellt haben, dass alle Kontakte und die Kontakte der Kontakte die Nachricht erhalten.
    Neben dem oben angedeuteten Informationswirrwar frißt diese Informationsfilterung extrem viel Zeit vor dem PC, so dass man 5 Stunden vergeigt, ohne auch nur etwas fertiggebracht zu haben.
    An dieser Stelle ist es doch viel netter, im Park spazieren zu gehen oder ins Café zu sitzen, wo man echte Menschen sieht, erfassen und sprechen kann.
    Dieser enorme Zeitaufwand für nichts als das bearbeiten von Informationsmüll war es, welcher mich hat meinen Facebook Account, den ich vor 7 Jahren angelegt hatte, nach 3 Wochen löschen lassen.
    Ich habe es nie bereut.

  7. schreibt, während rechts neben seinem Text die Rubrik

    "Empfehlungen bei Facebook
    [...]
    Zeit online auf facebook"

    prangt und der Leser am Ende des Textes den Drückknopf
    "mögen auf facebook" vorfindet.

    Vielleicht sollte der Autor mal seinen Kollegen vorschlagen, diesen Müll von der Internetseite der "Zeit" zu entfernen.

    Eine Leserempfehlung

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