NutzerfreundlichkeitFacebook beginnt zu nerven

Aufgezwungene Transparenz, totaler Kommerz: Facebook nimmt die Bedürfnisse seiner Nutzer nicht mehr ernst und könnte als besserer Terminplaner enden. von Philipp Laage

Facebook droht, ein ungemütlicher Ort im Internet zu werden.

Facebook droht, ein ungemütlicher Ort im Internet zu werden.  |  ©ED JONES/AFP

Facebook wächst immer noch – es könnte den Zenit seiner Attraktivität aber trotzdem schon überschritten haben. Die Zahlen steigen, doch die Nutzer sind unglücklich. Facebook ist in den USA fast so unbeliebt, wie es Myspace vor zwei Jahren war. Das sagt zumindest der American Customer Satisfaction Index (ACSI): Von möglichen 100 Punkten erreichte das größte Netzwerk der Geschichte im Juli nur noch 61. Das waren noch einmal fünf weniger als im Jahr zuvor. Facebook ist damit, abgesehen von Myspace, der unbeliebteste Social-Media-Dienst – weit hinter Google Plus.

Zuletzt machte Facebook vor allem Schlagzeilen, weil der Aktienkurs seit dem Börsengang abgestürzt ist. Viele sehen darin den Beweis, dass das Geschäftsmodell des Unternehmens nicht zukunftsfähig ist. In Asien, Afrika und Südamerika verzeichnet das Netzwerk trotzdem satte Zuwächse. Lediglich in den USA ging die Nutzerzahl laut einer Studie von Capstone Investment in der ersten Jahreshälfte 2012 um 1,1 Prozent zurück. Die Studie sei zweifelhaft, bloggt der Social-Media-Berater Thomas Knüwer. Der US-Markt ist dennoch praktisch gesättigt. Es geht für Facebook in solchen Ländern also nicht darum, noch mehr Nutzer zu gewinnen, sondern die vorhandenen Nutzer länger zu beschäftigen. Anders gesagt: Über den dauerhaften Erfolg von Facebook wird die Qualität entscheiden, nicht die Quantität.   

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Wer einen Ausblick auf die Zukunft geben will, muss sich mit den Motiven beschäftigen, die Nutzer millionenfach zu einer Anmeldung bewegen. Der Soziologe André Hoever von der Freien Universität Berlin etwa schreibt in einem Essay, Facebook biete den Menschen die Möglichkeit, "in einer sicheren Umgebung als Individuen wahrgenommen zu werden". Es ist die "Aufwertung der Individualität", nicht in einer totalen, sondern in einer persönlichen Öffentlichkeit. Hoever betont dabei die Zwanglosigkeit des Sich-Mitteilens und Kommentierens.

Thorsten Benkel von der Goethe Universität Frankfurt spricht von einer "Lesbarkeit des Lebens in selektiven Bildern", allerdings ohne einen "wahrheitsversessenen Dokumentationsanspruch". Mit dem eigenen Profil lasse sich eine kreative Ich-Konstruktion ausbuchstabieren. Facebook wurde deshalb so groß, weil es die Möglichkeit bietet, das eigene Leben in einem digitalen Raum genau so zu erzählen, wie man gerne möchte. Die Selbstinszenierung sei darauf gepolt, nur das sichtbar zu machen, was vor dem sozialen Umfeld akzeptabel und wünschenswert erscheint. Die Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle erklärte das Prinzip in einem Interview so: "Ich teile mich mit, also bin ich." Allerdings gelte dabei auch: Ich will die Kontrolle darüber haben, was ich preisgebe.

Vergessen ist nicht mehr vorgesehen

Facebook tut derzeit einiges dafür, um das riesige Potenzial dieser digitalen Lebenswirklichkeit zu zerstören. Das hat zwei fundamentale Gründe. Zum einen ist es Mark Zuckerbergs erklärter Anspruch, den Nutzer komplett transparent zu machen. Er soll möglichst alle Ereignisse seines Lebens mit jedem Kontakt teilen, am liebsten minutiös seit der Geburt. Dafür wurde die Chronik eingeführt. 

Dabei ist höchst fraglich, ob sich die Menschen wirklich ein allumfassendes, digitales Lebensarchiv wünschen. Vor einem Jahr ging vielleicht eine Liebesbeziehung in die Brüche, vor zwei Jahren fand man es schick, alle Beiträge in (teils falschem) Englisch zu posten, und vor drei Jahren galten peinliche Partyfotos vielleicht noch als Ausdruck einer lebensbejahenden Selbstzufriedenheit. An diese Dinge wollen viele heute einfach nicht erinnert werden – und andere sollen so etwas schon gar nicht sehen.

Der Mensch ist darauf konditioniert, Dinge zu vergessen. Facebook sieht das nicht mehr vor. Dagegen wehren kann sich der Nutzer nur, wenn er sehr viel Zeit aufwendet, um die eigenen Beiträge zu managen. Durch komplizierte Privatsphäre-Einstellungen fällt es außerdem immer schwerer, das Publikum für die Selbsterzählung einzugrenzen. Was den Freunden imponiert, kann den Chef irritieren. Das führt am Ende eher dazu, dass jemand weniger von sich teilt.

Das zweite Problem: Seit dem Börsengang strebt Facebook noch stärker danach, die Daten der Nutzer wirtschaftlich zu verwerten. Mehr Datenpreisgabe bedeutet ein attraktiveres Werbeumfeld. Ein Beispiel: Klickt ein Nutzer den Like-Button eines Unternehmens an, macht er unter Umständen Werbung für die Firma auf den Profilen seiner Freunde, ohne es zu wissen. Gesponserte Meldungen nennt Facebook das. Eine subjektive Befindlichkeit wird monetarisiert. In den USA klagten zahlreiche Nutzer dagegen, inzwischen lässt sich die Funktion abschalten. Es ist aber typisch für Facebook, solche Änderungen erst einmal einzuführen, ohne den Nutzer zu fragen. Dadurch ist nicht sicher, wofür die eigenen Daten als nächstes benutzt werden.

Leserkommentare
  1. Na wenn die Facebook Nutzer sich wirklich einmal Gedanken darüber machen sollten, auf was sie sich eigentlich einlassen und wieviel Zeit sie sich vor der Kiste langweilen, nur um ihre persönlichsten Daten, Fotos und Erinnerungen mit Unbekannten in der Welt zu teilen, dann wird Facebook vielleicht wirklich einmal ein Terminkalender.
    Aber sicher kein "besserer" sondern eher der schlechteste den es gibt.
    Denn einem System, das schon jetzt die User hinters Licht führt, indem sie gezwungen werden manuell zu verhindern, mit wem ihre Daten geteilt werden und welches so in der Lage ist intimste Informationen von unbedarften Usern für Werbezwecke auszuschlachten und damit Steinreich zu werden, würde ich sicher nicht einmal einen Termin zum Brötchen holen anvertrauen. Geschweige denn Verabredungen und Theaterbesuche welche etwas über meine Person aussagen.
    Da ist mir der Hotmail Terminkalender schon lieber, bei dem man explizit Daten mit anderen teilen muss, damit sie diese sehen können.
    Facebook hat absichtlich das Pferd von hinten aufgezäumt und das Modell funktioniert nur, weil es genug neurotische, einsame und naive Nutzer gibt die Denken weniger einsam zu sein, wenn sie alles von sich in der ganzen Welt preisgeben.
    Es ist ein Kind unserer persönlichen Einsamkeit und resultiert aus dem Verlassenheitsgefühl, das Jugendliche oft haben, auch wenn sie es nicht zugeben.

    • JK68
    • 23. August 2012 11:42 Uhr

    Ich bin ein Ex, ich fand es gut, das man leicht in Kontakt bleiben kann aber ich muss nicht wissen ob jemand diese oder jene Firma, Kleidungsstueck oder was sonst gut findet. Das war/ist etwas uebertrieben und hat mich spaeter auch genervt.
    Besser ab und zu mal eine email und nicht nur einen Shout Out in die Welt!

  2. Haben Sie sich noch nie gefragt, ob Sie diese Informationen wirklich brauchen? Es ist doch durchaus ein Aufwand, ständig Informationen zu filtern und wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden.
    Und genau das stört mich extrem an Facebook: Dass aufgrund der Grundeinstellungen 99% von dem was eingeht der Müll von anderen ist, die sich nicht im Geringsten dafür interessieren mit mir zu kommunizieren aber ich trotzdem ständig Nachrichten erhalte, dass sie neue Fotos eingestellt haben oder dass sie irgendwohin gehen. Nicht weil sie es mir schreiben und weil sie daran interessiert sind, dass ich es erfahre, sondern weil sie (oft unwissentlich, weil Facebook dies beim einschreiben so grundsätzlich festlegt und es nicht gerade einfach ist, in dem Informationswirrwar die Einstellungen zu ändern) eingestellt haben, dass alle Kontakte und die Kontakte der Kontakte die Nachricht erhalten.
    Neben dem oben angedeuteten Informationswirrwar frißt diese Informationsfilterung extrem viel Zeit vor dem PC, so dass man 5 Stunden vergeigt, ohne auch nur etwas fertiggebracht zu haben.
    An dieser Stelle ist es doch viel netter, im Park spazieren zu gehen oder ins Café zu sitzen, wo man echte Menschen sieht, erfassen und sprechen kann.
    Dieser enorme Zeitaufwand für nichts als das bearbeiten von Informationsmüll war es, welcher mich hat meinen Facebook Account, den ich vor 7 Jahren angelegt hatte, nach 3 Wochen löschen lassen.
    Ich habe es nie bereut.

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    • Laoyafo
    • 23. August 2012 12:47 Uhr

    Ich kriege nur die Meldungen von Leuten, die in meinem Freundeskreis sind, und auch die sind handverlesen. Dafür aber mal mit New Jersey, Illinois, Essex oder Israel zu plaudern, oder dass sich eine Nachbarin nach 30 Jahren meldet: Das hat was! Das möchte ich nicht missen.

    • Laoyafo
    • 23. August 2012 12:44 Uhr

    und das weiß ich zu schätzen. Sie ist aber leider nicht sehr schnell damit, denn diesen Artikel fand ich in meiner Timeline, als er schon 9 Seiten Kommentare hatte. Trotzdem: Das Prinzip der ZEIT unterscheidet sich von Facebook erheblich, weil alle Kommentare in FB Eintagsfliegen bleiben, solange nicht jemand darauf antwortet, während sie in der ZEIT archiviert und als "Kommentare von..." nachlesbar bleiben. Das gibt dem Meinungsaustausch eine viel größere Tiefe. Eine solche Funktion habe ich in FB noch nicht gefunden, das vielmehr Unsäglichkeiten anbietet. "Finde weitere Freunde: Gib Dein Mail-Passwort ein." Ich bin doch nicht plemplem!

    • Laoyafo
    • 23. August 2012 12:47 Uhr

    Ich kriege nur die Meldungen von Leuten, die in meinem Freundeskreis sind, und auch die sind handverlesen. Dafür aber mal mit New Jersey, Illinois, Essex oder Israel zu plaudern, oder dass sich eine Nachbarin nach 30 Jahren meldet: Das hat was! Das möchte ich nicht missen.

    Antwort auf "Zu viel Information"
    • Laoyafo
    • 23. August 2012 12:48 Uhr
    70. Geduld.

    Lesen, posten, kommentieren, Freunde finden. Das wird schon. Auch in einem sehr kritisierbaren Portal. Aber da sind nun mal alle drin. Oder ist da niemand, den Sie kennen?

  3. als externe Festplatte nutzen - und zwar auf 2 Wegen - im Austausch mit jemand anderem über die messagefunktion kann man sich dateien zusenden, auf die man dann gemeinsam einfach Zugriff hat - oder man kann eine geschlossene Gruppe gründen, in der nur man selbst Mitglied ist und dort beliebig viele Dokumente hochladen. Ab und an kann man auch Mitarbeiter in die Gruppe einladen - nach Abschluss des Projektes verlassen sie sie dann wieder.

    Anders als bei Dropbox oder ähnlichen Diensten gibt es hier kein Speicherlimit für den kostenfreien account. Ist zwar nicht im Sinne des Erfinders, aber das soll mir egal sein.

    Ich würde allerdings nichts hochladen, was dauerfhaft und für immer gespeichert werden soll - es eignet sich aber sehr gut fur längerfristige Projekte an denen man gerade arbeitet.

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    • Laoyafo
    • 23. August 2012 13:15 Uhr

    bedeutet immer Auslagerung auf Server, über die man keine Kontrolle hat. Das bietet sich natürlich an, seit die Preise für Festplatten so in die Höhe geschossen sind. Andere Portale wie friendica -- hier früher erwähnt -- gehen, wenn ich das bei einem kurzen Besuch richtig verstanden habe, den umgekehrten Weg: Sie hosten Ihre eigene Seite und haben volle Kontrolle über die Daten.

    • Laoyafo
    • 23. August 2012 13:15 Uhr

    bedeutet immer Auslagerung auf Server, über die man keine Kontrolle hat. Das bietet sich natürlich an, seit die Preise für Festplatten so in die Höhe geschossen sind. Andere Portale wie friendica -- hier früher erwähnt -- gehen, wenn ich das bei einem kurzen Besuch richtig verstanden habe, den umgekehrten Weg: Sie hosten Ihre eigene Seite und haben volle Kontrolle über die Daten.

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