ZEIT ONLINE: Wie viele von den 100.000 neu gemeldeten Trojanern pro Tag schaut sich ein Mitarbeiter an?

Dirro: Ach, wenige. Ein richtig guter Researcher schafft es vielleicht, sich zehn flüchtig anzusehen. Wir setzen unsere Leute lieber darauf an, die automatischen Erkennungen zu generischen Erkennungen zusammenzufassen. Und die erkennt einen Trojaner vielleicht auch in modifizierter Form. Selbst dann bleibt unklar, ob damit jemand Daten klauen will oder ob es ein Ermittlungs- oder Spionagewerkzeug von Behörden ist.

ZEIT ONLINE: Was tun Sie, wenn jemand solche Software enttarnt hat? Nehmen Sie Kontakt auf? Lassen Sie sich Informationen geben, um Ihre eigenen Anti-Viren-Programme zu aktualisieren?

Dirro: Die Samples werden schon seit Ende der achtziger Jahre in der Anti-Viren-Industrie ausgetauscht. Täglich oder einmal die Woche, je nach Hersteller. Besonders interessante Sachen, sogenannte Hot Samples, gehen sehr schnell über Mailing-Listen und werden meist sofort bearbeitet. Bis Updates der Virenscanner herausgegeben werden, kann es aber auch mal ein paar Tage dauern.

ZEIT ONLINE: Bleiben wir beim Beispiel FinSpy von Gamma. Wissen Sie anhand der von US-Forschern veröffentlichten Dokumente jetzt schon genug, um das Programm zu erkennen?

Dirro: Anhand der Dokumente geht das überhaupt nicht. Wir bräuchten die Binärdateien . Und wenn ein Regime, das die Software einsetzt, nicht ganz dumm ist, modifiziert es die Binärdateien vor jedem Einsatz.

ZEIT ONLINE: Sie kennen die Szene: Wer entwickelt so raffinierte Überwachungssoftware? Warum arbeiten die für Gamma und nicht für Sie?

Dirro: Ich weiß nicht, ob wirklich vielen Entwicklern bewusst ist, wofür ihre Produkte eingesetzt werden. Die glauben vielleicht, sie arbeiten an Ermittlungswerkzeugen, die nur an freundliche Staaten verkauft werden, die damit Terroristen und Drogenhändler verfolgen. Auf der anderen Seite gibt es immer Leute mit wenig Skrupeln. Die freuen sich, weil sie bei Gamma Geld verdienen können.

ZEIT ONLINE: Das könnten die doch auch bei Ihnen, bei McAfee.

Dirro: Die haben vielleicht gar nicht die nötigen Fertigkeiten. Sie schreiben Fernsteuerungsprogramme, aber das heißt noch nicht, dass sie in der Lage wären, Trojaner zu analysieren und Kennungen zu schreiben.

ZEIT ONLINE: Sind es besonders fähige Programmierer, die man schon wieder bewundern muss – oder kochen die auch nur mit Wasser?

Dirro: Da steckt keine Magie dahinter. Nachdem, was der Chaos Computer Club festgestellt hat , ist das Wasser, mit dem die kochen, nicht mal besonders warm.

ZEIT ONLINE: Nun werden sich die meisten Ihrer Kunden wenig Sorgen darüber machen, dass sie vom Staat überwacht werden...

Dirro: Die machen sich schon Sorgen, vom Staat ausspioniert zu werden – allerdings nicht vom eigenen.