App.net und MediumSeitenhiebe für Facebook und Twitter

Während sich die großen Netzwerke nur noch ums Geld kümmern, werden andere kreativ: Medium.com will das Bloggen revolutionieren, App.net mit Twitter konkurrieren. von 

Screenshot von der Medium-Collection "Been there. Loved that."

Screenshot von der Medium-Collection "Been there. Loved that."  |  © Screenshot ZEIT ONLINE

Wann hat Facebook eigentlich zuletzt etwas wirklich Cooles gemacht? Oder Twitter? Was die beiden in den vergangenen Monaten an Neuerungen eingeführt haben, kam jedenfalls nicht den Nutzern zugute, sondern allenfalls Unternehmen, die auf Facebook oder Twitter werben wollen . Beide haben den Punkt erreicht, an dem sie ihre Popularität in Einnahmen verwandeln wollen oder sogar müssen. Dabei büßen sie zwangsweise etwas von ihrer Lässigkeit ein. Der Begriff der Facebook Fatigue (Facebook-Müdigkeit) kursiert nicht umsonst schon länger. Es ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, um etwas Neues auszuprobieren, zum Beispiel App.net oder Medium.com .

Medium ist das Werk der Twitter-Mitbegründer Biz Stone und Evan Williams. Sie haben eine schlicht-schöne Plattform zum Veröffentlichen von eigenen Inhalten geschaffen – mit einem interessanten Kniff bei der Strukturierung eben dieser Inhalte, seien es Texte oder Bilder.

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Die Autoren und Fotografen, aber auch die Vernetzung rücken bei Medium in den Hintergrund, es zählt nur der Inhalt. Alle Artikel und Bilder, später vielleicht auch andere Medien, werden in vorgegebene "Kollektionen" einsortiert und innerhalb dieser Themengebiete durch Nutzer-Votings gewichtet. Oben auf der Seite der Kollektion steht, was viele Nutzer mögen. Wer es veröffentlicht hat, ist zweitrangig.

Noch ist Medium nicht für alle nutzbar. Wer mitmachen will, kann sich aber schon einmal registrieren . Auch die Zahl der sichtbaren Kollektionen ist bislang überschaubar. Sie heißen zum Beispiel Been There. Loved That oder Look What I Made und erinnern optisch an Pinterest . Die Gewichtung durch Nutzerabstimmung kennt man unter anderem von der Social-News-Plattform Reddit . Dafür gibt es aber keine Möglichkeit, Inhalte zu kommentieren oder irgendwie mit anderen Nutzern zu interagieren.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Ein Klick auf den jeweiligen Autor führt immer zu dessen Twitterprofil. Das aber bedeutet: Es gibt keine Möglichkeit, alle Medium-Beiträge eines Autoren oder Fotografen gesammelt zu sehen. Evan Williams schreibt in einer Einführung zu seinem neuen Dienst: "Das Veröffentlichen auf Medium ist elegant und einfach. Du musst dafür kein Blogger werden oder dir den Kopf darüber zerbrechen, wie du ein Stammpublikum anziehst."

Was er damit meint, ist: Professionelle Schreiber oder Fotografen mögen handwerkliche Vorteile haben, bei Medium haben sie aber zumindest keine strukturellen Vorteile, weil es keine Profile gibt. Profis und Amateure haben die gleiche Chance, mit ihren Inhalten weit oben in den jeweiligen Kollektionen zu landen. Das gilt theoretisch zwar auch für andere Plattformen, nicht zuletzt Twitter, aber ein Blick auf die Twittercharts zeigt, dass es Medienhäuser, Unternehmen und Prominente offenbar leichter als andere haben, viele Follower zu sammeln.

Zusammengefasst heißt das: Medium zielt – zunächst – auf Qualität statt Quantität. Das Design der Kollektionen ist schlicht, großzügig und ruhig. Die bisher veröffentlichten Fotos sind mehr oder weniger kunstvoll gehalten. Das Nutzerranking verhindert den Aufstieg von allzu Banalem. Werbung gibt es bislang nicht. Medium ist in dieser Hinsicht das Gegenteil von Facebook. Medium ist allerdings auch kein soziales Netzwerk, es könnte Facebook als Kommunikationsplattform nicht ersetzen. Als Inspirationsplattform dagegen schon.

Leserkommentare
  1. 50 Dollar pro Jahr mögen angemesen sein, wenn ADD.net der einzige Anbieter wäre.

    Aber es verkennt, dass die Internetnutzer nicht nur eine, sondern sehr viele Plattformen nutzen. Und ein Teil davon zahlt jetzt schon mehr oder weniger regelmässig für Content oder Nutzung eines Accounts.

    Ausserdem erlauben mir die kostenlosen Dienste auch einen anonymen Zugang mit Fakenamen, oder zumindest mit veränderten Angaben.

    Das K.O Kriterium für diesen Dienst als Massenangebot wäre die Angabe von Zahlungsdaten bzw. Bankverbindung.

    Kostenpflichtige Geschäftsmodelle im Massen-User-Markt werden sich nur dann durchsetzen können, wenn für deren Nutzung Beträge in der Grössenordnung unter einem Euro bzw. Dollar pro Jahr, oder 1/10 Cent pro Zugriff
    und Tag anfallen und die Zahlungsmodalitäten Anonymität erlauben. Die Summe darf nicht spürbar oder auffällig sein.

    Ein Anbieter muss sich Klarheit darüber verschaffen, wieviel der durchschnittliche User in den Wohlstandsländern bereit ist jährlich auszugeben. Schliesslich kommen auch die Anschlusskosten der Povider dazu. Sollten es z.B 150 Euro pro jahr sein, dann müssen sie klären,wieviele Anbieter schon an diesem Kuchen nagen und sich preislich entsprechend einordnen.

    Wer zuviel verlangt, würde schnell rausfliegen. 50 Dollar für bloss einen Dienst unter 1000 potentiellen Konkurrenten ist zu optimistisch.

    Das begreift man dann, wenn man sich vorstellt, alle würden etwa soviel verlangen wollen. 50.000 zahlen die User nicht.

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    Redaktion

    Ich gebe Ihnen Recht, anonymes Bezahlen wäre mehr als wünschenswert. Der Kreis derer, die überhaupt bezahlen würden, dürfte auch auf so etwas Wert legen.

  2. Redaktion

    Ich gebe Ihnen Recht, anonymes Bezahlen wäre mehr als wünschenswert. Der Kreis derer, die überhaupt bezahlen würden, dürfte auch auf so etwas Wert legen.

  3. Es dürfte auf der Hand liegen dass USD 50 vielen potentiellen Nutzern zu viel sind. Es spricht aber auch nichts dagegen den Preis auf USD 10-12 zu senken. Dann aber eben ohne Garantie dass der Twittername noch frei ist. Appdotnet muss jetzt nur schnell handeln solange der Brei noch heiß ist.
    Ganz generell sehe ich aber auch bei Appdotnet Probleme da es keinerlei Garantie gib dass nicht doch irgendwann Werbung geschaltet und der Nutzer zum Produkt wird.

  4. "Das begreift man dann, wenn man sich vorstellt, alle würden etwa soviel verlangen wollen. 50.000 zahlen die User nicht."

    -> das tun sie wohl wirklich nicht, aber sie melden sich ja auch gar nicht erst bei eintausend Anbietern an. Selbst wenn die alle umsonst sind.

    Im Ergebnis stimme ich Ihnen zu, aber die Herleitung find ich nicht ganz schlüssig.

    • Thems
    • 20. August 2012 19:47 Uhr

    Ein guter Ansatz, der mich allerdings noch nicht überzeugt hat:

    1. User, die eben keine 50 Dollar über haben, werden ausgeschlossen. Das ist ein ethisches/politisches Problem, auf das es so bald keine Lösung geben wird. Für Schüler und Studenten wäre das zum Beispiel nicht immer ohne Probleme möglich. Und die nutzen Soziale Netzwerke am intensivsten.
    2. Was hält denn die Bot-User/SEOs davon ab, mich mit Werbung voll zu spammen? Was , wenn mich BMW mit Nachrichten auf ihre "tollen" Produkte aufmerksam machen will?
    3. Wie geht der Konzern mit User-Daten um? Werden Daten wieder zentral gespeichert? Und wenn ja, stehen die Server in den USA?

    Falls sie das zweite Problem in den Griff bekommen, werde ich wohl mal reinschauen. Mich stört einfach das Gefühl, dass Facebook oder Google irgendwann mal richtig Mist mit meinen Daten bauen. Zumindest Facebook kratzt da schon ziemlich lange an der Schmerzgrenze.

    Was mich bei App.net hoffnungsvoll stimmt ist, dass der Service NICHT kostenlos ist. Denn eigentlich ist kein Dienst kostenlos. Entweder man bezahlt mit Geld oder seinen Daten. Es gibt einfach nur sehr sehr selten etwas gutes wirklich kostenlos. Ich hoffe, dass App.net mit seinem Erfolg dies deutlich macht und eventuell mehr Bewusstsein darüber Schaft, was man in werbefinanzierten Netzwerken so veröffentlicht.

    • Olivar
    • 20. August 2012 20:52 Uhr

    Das Konzept von Medium wird keinerlei Erfolg haben. Es geht im Netz selten um echte Qualität. Von Usern erzählte Geschichten werden langweilig sein. Nein, es geht um Kommunikation, um Spass und um Selbstdarstellung. Niemand produziert freiwillig Inhalte, bei denen sein Name dann fehlt. Immerhin ist das Netz ein Medium, das genau das feiert: die - mutmaßliche - Individualität.

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