Wann hat Facebook eigentlich zuletzt etwas wirklich Cooles gemacht? Oder Twitter? Was die beiden in den vergangenen Monaten an Neuerungen eingeführt haben, kam jedenfalls nicht den Nutzern zugute, sondern allenfalls Unternehmen, die auf Facebook oder Twitter werben wollen . Beide haben den Punkt erreicht, an dem sie ihre Popularität in Einnahmen verwandeln wollen oder sogar müssen. Dabei büßen sie zwangsweise etwas von ihrer Lässigkeit ein. Der Begriff der Facebook Fatigue (Facebook-Müdigkeit) kursiert nicht umsonst schon länger. Es ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, um etwas Neues auszuprobieren, zum Beispiel App.net oder Medium.com .

Medium ist das Werk der Twitter-Mitbegründer Biz Stone und Evan Williams. Sie haben eine schlicht-schöne Plattform zum Veröffentlichen von eigenen Inhalten geschaffen – mit einem interessanten Kniff bei der Strukturierung eben dieser Inhalte, seien es Texte oder Bilder.

Die Autoren und Fotografen, aber auch die Vernetzung rücken bei Medium in den Hintergrund, es zählt nur der Inhalt. Alle Artikel und Bilder, später vielleicht auch andere Medien, werden in vorgegebene "Kollektionen" einsortiert und innerhalb dieser Themengebiete durch Nutzer-Votings gewichtet. Oben auf der Seite der Kollektion steht, was viele Nutzer mögen. Wer es veröffentlicht hat, ist zweitrangig.

Noch ist Medium nicht für alle nutzbar. Wer mitmachen will, kann sich aber schon einmal registrieren . Auch die Zahl der sichtbaren Kollektionen ist bislang überschaubar. Sie heißen zum Beispiel Been There. Loved That oder Look What I Made und erinnern optisch an Pinterest . Die Gewichtung durch Nutzerabstimmung kennt man unter anderem von der Social-News-Plattform Reddit . Dafür gibt es aber keine Möglichkeit, Inhalte zu kommentieren oder irgendwie mit anderen Nutzern zu interagieren.

Ein Klick auf den jeweiligen Autor führt immer zu dessen Twitterprofil. Das aber bedeutet: Es gibt keine Möglichkeit, alle Medium-Beiträge eines Autoren oder Fotografen gesammelt zu sehen. Evan Williams schreibt in einer Einführung zu seinem neuen Dienst: "Das Veröffentlichen auf Medium ist elegant und einfach. Du musst dafür kein Blogger werden oder dir den Kopf darüber zerbrechen, wie du ein Stammpublikum anziehst."

Was er damit meint, ist: Professionelle Schreiber oder Fotografen mögen handwerkliche Vorteile haben, bei Medium haben sie aber zumindest keine strukturellen Vorteile, weil es keine Profile gibt. Profis und Amateure haben die gleiche Chance, mit ihren Inhalten weit oben in den jeweiligen Kollektionen zu landen. Das gilt theoretisch zwar auch für andere Plattformen, nicht zuletzt Twitter, aber ein Blick auf die Twittercharts zeigt, dass es Medienhäuser, Unternehmen und Prominente offenbar leichter als andere haben, viele Follower zu sammeln.

Zusammengefasst heißt das: Medium zielt – zunächst – auf Qualität statt Quantität. Das Design der Kollektionen ist schlicht, großzügig und ruhig. Die bisher veröffentlichten Fotos sind mehr oder weniger kunstvoll gehalten. Das Nutzerranking verhindert den Aufstieg von allzu Banalem. Werbung gibt es bislang nicht. Medium ist in dieser Hinsicht das Gegenteil von Facebook. Medium ist allerdings auch kein soziales Netzwerk, es könnte Facebook als Kommunikationsplattform nicht ersetzen. Als Inspirationsplattform dagegen schon.