NetzaktivismusBloggt kaputt, was euch kaputt macht

Klare Ziele geben Protest im Netz Schlagkraft. Fehlen sie, führt es Aktivisten in die Selbstzerfleischung. Das zeigen Beispiele aus den USA und Deutschland.

Protest für Planned Parenthood am Rande des Parteitags der Republikaner

Protest für Planned Parenthood am Rande des Parteitags der Republikaner

Wie konnte ein Blog die größte Brustkrebsstiftung der USA nicht nur zum Rückzug einer angekündigten Kürzung, sondern auch zum massiven Umbau ihrer Führung bringen? Indem es Menschen ermöglichte, Protest spontan und unabhängig von der Bindung an eine Organisation zu äußern. Und weil die Aktivisten ein klares Ziel hatten: Sie wollten das US-Beratungsnetzwerk Planned Parenthood schützen.

Das finanziert in den USA örtliche Frauengesundheitszentren. Nachdem an der Spitze eines ihrer größten Förderer, der Susan G. Komen Stiftung, die Führung gewechselt hatte, wollte diese Stiftung dem Netzwerk Planned Parenthood Geld für Brustkrebsvorsorge streichen.  

Anzeige

Liberale Beobachter vermuteten, Ursache dafür sei die strenge Anti-Abtreibungshaltung der Vizepräsidentin der Stiftung, Karen Handel. Denn neben Brustkrebsprävention bietet Planned Parenthood auch Hilfe für Frauen an, die eine Abtreibung wollen.

An dem Tag, an dem Komen die Streichung der Mittel bekannt gemacht hatte, startete die Social-Media-Expertin Deanna Zandt einen Tumblr-Blog. Dort lud sie Menschen ein, zu erzählen, wie Planned Parenthood ihnen geholfen hatte und warum die Beratungsstelle nach ihrer Meinung weitere Unterstützung bekommen sollte. Nach nur zwei Tagen standen dort bereits mehr als einhundert Geschichten. Kurz darauf griffen Medien das Thema auf. Drei Tage nach der ursprünglichen Ankündigung nahm Komen die Streichung der Mittel für die Krebsvorsorge zurück. Außerdem haben seitdem neun Mitglieder der Geschäftsführung die Stiftung verlassen, darunter Karen Handel.

Zusammenspiel von Netzwerken
 
Dem Blog war es gelungen, drei Gruppen, die sich in völlig unterschiedlicher Intensität und Ausprägung mit dem Konflikt identifizierten, als Unterstützer zu gewinnen: die Planned-Parenthood-Mitarbeiter, deren Stellen durch die Streichungen betroffen gewesen wären; die Menschen, denen die Beratung geholfen hatte; und diejenigen, die es unabhängig vom aktuellen Streitfall für falsch halten, wenn weibliche Gesundheit Gegenstand politischer Machtkämpfe wird. 
 
Schlagkraft erhielt der Blog, weil es ihm gelang, diese drei Gruppen zu Aktivisten zu machen und ein Thema anzusprechen, das auch die Massenmedien beschäftigte: Wer kontrolliert die Gesundheitsvorsorge von Frauen und aus welchen Motiven? In den USA ist das ein wichtiges Thema. Es gibt dort seit Jahrzehnten Streit um Abtreibungen und die oft religiös motivierte sogenannte Pro-Life-Bewegung. Die Debatte ist so heftig, dass sie teilweise mit Gewalt ausgetragen wird.
 
Was hat das mit dem Internet zu tun? Erst das Netz ermöglicht es, diese Protestgruppen an einem Ort zu vereinen. Und zwar so, dass es für potenzielle Mitstreiter leicht ist teilzunehmen und den Protest in ihr eigenes Netzwerk weiterzutragen. Je mehr Unterstützer, desto größer der Druck, der auf die Gegenseite ausgeübt wird, desto größer die Protestwelle und die Wahrscheinlichkeit, dass sie von den Medien zur Kenntnis genommen wird. Womit sie noch weiter wachsen kann.

Selbstzerfleischung ist eine Gefahr

Hat Protest, der sich über das Internet organisiert, also per se Erfolgsaussichten? Das kommt auf die Ziele an. Im Fall des Berliner Slutwalk zeigt sich derzeit, dass nicht jeder Protest Schlagkraft entwickelt, nur weil sich Mitstreiter und Mitstreiterinnen im Netz organisieren.

Leserkommentare
  1. Mir erschließt sich nicht ganz, was der Artikel aussagen will. Dass Botschaften im Internet klar und griffig sein müssen, um erfolgreich propagiert zu werden? Da brauch ich aber keine epische Einleitung in dieser Länge; und im zweiten Beispiel sehe ich die Internetrelevanz nicht wirklich. Abgesehen davon, dass man sicher auch viele Beispiele für komplexe Botschaften finden würde, die im Internet erfolgreich kommuniziert wurden: Die Entwicklung der Wikipedia, das Entstehen einer Partei samt Programm (Piraten), lokale Bürgerinitiativen bei zahlreichen Bauprojekten (ich kenne mehrere Beispiele, bei denen sehr komplexe UVP Gutachten online diskutiert wurden), etc...

    2 Leserempfehlungen
  2. Gutes Beispiel?

    http://missionimpressiona...

    he he he he...

    Lieben gruss.

  3. Redaktion

    Hallo Wolfadeus,

    Mir ging es darum, aktuelle Beispiele für erfolgreiche und minder erfolgreiche Grassroots- Kampagnen im Netz vorzustellen. Die Komen-Stiftung ist in den USA kein Leichtgewicht, sie hat in den dreißig Jahren ihres Bestehens fast zwei Milliarden Dollar gesammelt. Dass ein simpler Blog ausreicht, um diese Organisation zur Umbesetzung seines Vorstands zu bringen, finde ich beachtlich. Zu Ihren Beispielen komplexer Botschaften, die im Netz kommuniziert wurden: Gerade wikipedia ist ein von widerstreitenden Interessen umkämpfter Publikationsort. Das feministische Webportal "femgeeks" spricht in diesem Zusammenhang von "Editierschlachten". http://femgeeks.de/wessen...
    Das gemeinsame Ziel, einen offene Publikationsort zu befüllen, bedeutet also nicht, dass darunter keine Zielkonflikte auftreten können. Diese Konflikte schmälern dann die Kraft des gesamten Projekts. Und das kann man aufschreiben, finde ich.
    Beste Grüße,
    Juliane Leopold

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielen Dank für Ihre Antwort.

    Vielen Dank für Ihre Antwort.

  4. im deutschsprachigen Raum ist Campact -> https://www.campact.de/

    P.S.: Guter Artikel!

    • deDude
    • 31.08.2012 um 13:35 Uhr

    "Dass ein simpler Blog ausreicht, um diese Organisation zur Umbesetzung seines Vorstands zu bringen, finde ich beachtlich."

    Es geht ja nicht um "den simplen Blog" sondern vielmehr um die Idee/Vision/Überzeugung die dahinter steht. Letztlich übernimmt der Blog bzw. seine Betreiber dann die Funktion die früher einem "Anführer" einer Sache zugefallen ist - die Kräfte zu bündeln und auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.

    Das man es dabei niemals jedem Recht machen kann ist ja bekanntlich ein alter Hut. Es wird innerhalb von Gruppen immer Menschen geben die andere Ziele haben als ursprünglich formuliert wurden und auch solche die eigentlich gar keine Ziele haben und nur "mitlaufen".
    Das ist aber beispielsweise in der Politik auch nicht anders.

    • Solkar
    • 31.08.2012 um 14:02 Uhr

    Schon die Spannung zwischen der Überschrift und dem ersten Bild weist in die richtige Richtung:

    Protestbloggen - ja, aber...
    ...aber dann halt auch ggf die 4 Buchstaben klassisch auf die Strasse zur guten alten Demo bewegen mögen!

  5. Die Materie scheint sich etwas komplexer darzustellen.

    Es sei daran erinnert, das in der Plagiats-Affäre unter den zahlreichen Bloggern (Polizei-Deutsch: "Netzaktivisten") anfangs durchaus völlig konträre Meinungen über die Person Guttenbergs existierten (gefördert von Teilen der Medien), am Ende jedoch ein ziemlich breiter Konsens herschte (...wozu ebenfalls ein Teil der Medien beitrug). Wenn ein gewisser Schwellenwert überschritten ist und die Blogger und sich ggfs. noch ein "äußeres Feindbild" hinzugesellt (BILD - Zeitung), kann eine Bewegung sehr schnell an Dynamik gewinnen.

    Eine Leserempfehlung
  6. Vielen Dank für Ihre Antwort.

    Antwort auf "Mehrwert"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service