SchulunterrichtDie Cyber-Klasse kommt

Netbooks helfen beim Lernen, die Zukunft heißt 3-D. Doch die Digitalisierung scheitert oft am Geld. von Dorothee Nolte

Wenn die Berliner Schüler in ihre Klassenzimmer zurückkehren, dürfen sie gespannt sein, ob sie in ihren Räumen neue Geräte vorfinden. In mehr und mehr Schulen gibt es interaktive elektronische Tafeln oder Schwarze Bretter, die vom Schulcomputer aus gesteuert werden. Und das ist nur der Anfang dessen, was "Digitalisierung der Klassenzimmer" genannt wird: Langfristig könnte jeder Schüler, wie es in Laptopklassen bereits der Fall ist, mit einem eigenen Notebook oder iPad in die Schule kommen, sich dort oder auch zu Hause in eine mobile Lernumgebung einloggen und im Gerät seine Schulbücher und -aufgaben vorfinden und bearbeiten.

Wie der Unterricht der Zukunft aussehen könnte, können sich Interessierte demnächst auf der Frankfurter Buchmesse ansehen: Dort wird ein "3-D-Cyber-Classroom" aufgebaut werden, mit einer interaktiven "Powerwall mit 3-D-Kino-Effekt" und Multimediabrillen.

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Ob die Digitalisierung den Unterricht wirklich verbessert, ist allerdings umstritten. Man braucht gar nicht den Thesen des Hirnforschers Manfred Spitzer zu folgen, der in seinem neuesten Buch die Auffassung vertritt, E-Learning behindere die kreative Entfaltung und Bildung der Schüler und führe zu schleichendem Gedächtnisverlust (Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, Droemer Verlag).

Es reicht schon aus, sich die Probleme des Alltags vor Augen zu führen: Wenn Projektorlampen an den Tafeln kaputtgehen, Soft- oder Hardwareprobleme den Unterricht aufhalten oder Lehrer nicht mit den neuen Geräten umgehen können, reduziert sich der mit viel Geld erkaufte Fortschritt schnell auf ein Schneckchen. "Bei uns hängt in jedem Raum ein SMART Board", erzählt beispielsweise die Berliner Gymnasiastin Hannah Zabel (17). "Aber nur drei Lehrer kennen sich damit aus. Andere denken, das wären normale Whiteboards und man könnte mit Filzern drauf schreiben."

Lernmotivation steigt

Dennoch liegen die Vorteile und Chancen auf der Hand. Das European Schoolnet (EUN), ein Netzwerk von 31 europäischen Bildungsministerien, gibt das Ziel einer 1-zu-1-Pädagogik vor: Jeder Schüler soll ein eigenes Endgerät haben, damit recherchieren, Aufgaben lösen und in Kontakt mit den Lehrern treten. Wie Schüler und Lehrer damit zurechtkommen, hat das European Schoolnet untersuchen lassen. Die Firma Acer Computer, Vertragspartner des EUN, stattete in sechs europäischen Ländern insgesamt 245 Schulklassen an 124 Schulen mit Net- und Notebooks aus, anschließend wurden Lehrer, Eltern und Schüler befragt. In Deutschland waren 21 Schulen mit 40 Klassen in Thüringen und Niedersachsen beteiligt, außer Deutschland waren noch Frankreich, Italien, Spanien, die Türkei und das Vereinigte Königreich mit Pilotklassen dabei.

Über die Ländergrenzen hinweg ergab sich: 71 Prozent der Befragten fanden, dass der Einsatz von Netbooks die Lernmotivation fördere. Das meinten vor allem die Lehrer (80 Prozent) und Eltern (75 Prozent), während die Schüler selbst nur zu 58 Prozent dieser Meinung waren. Über 60 Prozent der Lehrer in allen Ländern hatten nach einem Jahr Netbook-Einsatz den Eindruck, dass sich die Atmosphäre in der Klasse und die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern verbessert hätten und das Lernen individueller geworden sei: Die Schüler hätten besser in ihrem eigenen Tempo arbeiten und ihren eigenen Interessen folgen können. 82 Prozent der Lehrer wollten die Netbooks auch im nächsten Jahr gerne wieder einsetzen und ihren Gebrauch auch ihren Kollegen empfehlen.

Immerhin 44 Prozent der deutschen Schüler gaben an, sie hätten den Lernstoff dank der Netbooks leichter verstanden, 41 Prozent fühlten sich beim Lernen unabhängiger und konzentrierter, und 37 Prozent konnten sich ihren Lernstoff besser merken, wenn sie ihn sich mit Net- oder Notebook erarbeitet hatten. Soeben wurde ein ähnliches Projekt, diesmal mit Tablet-Computern statt Net- und Notebooks, in acht europäischen Ländern abgeschlossen, ebenfalls eine Kooperation des European Schoolnet mit Acer. Der Evaluationsbericht liegt noch nicht vor.

Leserkommentare
  1. über tatsächliche Lernzuwächse. Sicher muss man die Chancen (bzgl. Individualisierung etc.) nutzen, aber dennoch tut Differenzierung not. Wirklich unter kognitionspsychologischen Gesichtspunkten fürs Lernen nützliche Software ist vom sonstigen Schrott zu unterscheiden. Zudem müsste in lern- und neuropsychologischen Studien ein wirklicher Nutzen nachgewiesen werden. Oberflächliche Befragungen taugen zur Einschätzung der Verbesserung der Lernqualität nicht. Outputorientierte, empirisch hochwertige Studien sind vonnöten. Alles andere ist Kaffeesatzleserei.

    3 Leserempfehlungen
    • F.K.
    • 06. August 2012 14:46 Uhr

    Vor 40-45 Jahren hieß es, die Kinder werden durch Fernsehen blöd. Heute darf man wohl sagen, dass durch Fernsehen die im unteren IQ-Bereich angesiedelten Charaktere dort verweilt sind, während andere durch Fernsehen an zusätzliche Informationen gekommen und dadurch leistungsfähiger geworden sind. Und beim Computer ist es nicht anders. Und was ist denn "Digitale Demenz"? Genau so gibt es eine Taschenrechner-Demenz (veringerte Kopfrechen-Fähigkeit) oder vielleicht Maschinen-Demenz (Werkstückenicht nicht mehr mit Hand feilen können, weil Maschinen das heute übernehmen).

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  2. Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Parallele Fernsehen"
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    • F.K.
    • 06. August 2012 17:07 Uhr

    Die Grafik gibt einen Zusammenhang zwischen Fernsehzeiten und höchsten Bildungsabschluss wieder. Mir fehlen aber zwei entscheidende Größen. 1. Die Statistik für die totalen Fernseh-Verweigerer. Haben totale Fernseh-Verweigerer eine größere Chance, ein Hochschulstudium zu absolvieren, als Kinder, die weniger als eine Stunde schauen? 2. Die relative Größe der einzelnen Gruppen. Es geht ja nicht darum, ob mehr als 4 Stunden Fernsehen täglich im Kindergartenalter zur Verblödung führen (was unbestritten ist), sondern ob 1% oder 25% der Eltern das ihren Kindern angetan haben.

    • TimmyS
    • 09. August 2012 1:39 Uhr

    Ich habe mir mal dieses Video angesehen und es war schwierig dem Moderator zu zu hören, bei dieser ziemlich schlechten Darbietung und Erklärung einer Erhebung die enorm viele aber bedeutende Fragen offen lässt.
    Was mich an dem Video als erstes störte, war die Behauptung Signifikanz und hoher Bedeutung aber keiner sinnhaften Erklärung dieser Signifikanz. Aber egal.
    Was das Video allerdings zeigt, ist, dass angeblich wissenschaftliches und bildungsrelevantes so schlecht und ungenau dargeboten Weg. Und hier kommen wir an den Punkt der viele Fragen offen lässt.
    Aus welcher Perspektive heraus kann man behaupten, dass das Medium Fernsehen schlecht für die Bildung ist? Die enorme Angebotsvielfalt lässt Fernsehen schließlich in bestimmte Bereiche eingliedern, daher bleibt die Frage, was wurde gesehen? Ist wirklich das Fernsehen im allgemeinen ein Problem oder eher der dargebotene Inhalt?
    Oft wird bei solchen Debatten immer die Technik zum Problem gemacht, aber die Technik kann wohl schlecht etwas dafür sondern die Menschen, die die Technik für irgendwelchen Mist verwenden. Dabei gibt es gerade auch im Fernsehen sehr gute Formate, die leider seltener geworden sind, wie zum Beispiel das Kindernachrichten Magazin LOGO.

    Was den Artikel anbetrifft, muss ärgere ich mich, das ständig Gelder für Studien ausgegeben werden, für Inhalte, die bereits bekannt sind. Ich bin sogar für den Einsatz von Tablet als Bildungswerkzeug für eine stete Bildung. Technik ersetzt allerdings keine Lehrer.

    • Hainuo
    • 06. August 2012 15:42 Uhr

    Man kann doch an unserer hoffnungsvollen jungen Generation sehen, wie großartig das funktioniert. Können immerhin noch Fragmente von manch ausgewählten Klassikern lesen und wissen, wie man Dinge, die man sich nicht aneignen will, nachschlagen kann.

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    Immerhin kann man an Ihnen den Erfolg klassischer, undigitalisierter Bildung wunderbar ablesen. Kennen Sie den "So einfach ist das!"-Mann?

  3. Im Radio hörte ich tatsächlich, dass über den Vorschlag diskutiert wurde, den Kindern die Schreibschrift nicht mehr beizubringen, da in diesen Zeiten ohnehin nur mehr getippt wird.

    Das Grundproblem des Schulsystems sind die Akteure und nicht das fehlende smart-sonst-noch-was.

    Würde man es schaffen die unmotivierten Lehrer loszuwerden, die Kinder wieder richtig zu erziehen, so dass die Schule nicht auch noch primäre Erziehung übernehmen muss, dass stellen sich viel größere Lernerfolge ein, als wenn man den aufmerksamkeits-defizitären Kiddies Netbooks, am Besten mit FB, Twitter, etc. vorinstalliert, in die Hand drückt.

    Im Studium war es die für das Lernen aufgewendete Zeit und ein Mindestmaß an Disziplin das mich meine Prüfungen bestehen lies. Weder mein Notebook, noch das Farbenspiel des Beamers im Hörsaal noch sonst was elektronisches haben das Möglich gemacht.

    Fragen sie einen Techniker wie es ist Zusammenhänge oder Konstruktionen zu erklären. Die wichtigsten und mächtigsten Hilfsmittel sind Hintergrundwissen, ein umfangreicher Wortschatz, ein gutes Allgemeinwissen (um Analogien zu finden) und (wenn Worte nicht mehr reichen) Bleistift und Papier.

    Wer akademische Abschlussarbeiten oder Dokumentationen schreibt, weiß wie schwierig und vor allem langwierig es sein kann eine Skizze, die sich einfach so zeichnen lässt, in elektronische Form zu bringen, so dass auch diese qualitativ gut ist.

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  4. ...womöglich sogar den Kindern! Vielleicht haben wir in fünfzehn Jahren, dem Lehrermangel sei Dank, Mathelehrer gesponsert von Apple oder Google. Dann werden die Kleinen schon in der Krippe zu Super-Konsumenten erzogen. Dann können sie, von Schul-WLANs komplett verstrahlt, zuhause weiter brutzeln. Ich persönlich halte diese Kommerzialisierung, die den Kindern überhaupt keine freie Entfaltung mehr vorlebt, für pervers.

    Wenn jemand WIRKLICH etwas in der Schulpolitik ändern will, sollte er dafür eintreten, den steinzeitlichen Frontalunterricht abzuschaffen. Das ist das Übel. Und nicht die Kinder mit der schönen bunten Computerwelt betäuben, nur weil das Land kein Geld für Bildung hat und die Lehrer das bejubeln, die vermutlich so die "Meute" besser im Griff haben. Können die Kleinen schon in der Schule von derselben mithilfe des Rechners Abstand finden. Computer in der Schule sind im Prinzip eine gute Idee. Aber nicht in dieser Welt! Hä! Ist mir eben aufgefallen: Das Wörtchen WELT reimt sich akustisch auf GELD.

    "Jeder Schüler soll [...] in Kontakt mit den Lehrern treten." Das ist doch pervers! Ein Netzwerk aus EU-Ministerien lässt sich offenkundig von Acer kaufen, und verkauft das als Erfolg! Als ich zur Schule ging, hat man mit den Lehrern geredet! Und nicht Facebook-Nachrichten ausgetauscht. Ich kann wirklich nicht glauben, was ich hier lese. Absurdes Theater! Und am Ende zahlen die Konsumenten, die, die sich nicht wehren können. Vor allem unseren Kinder!!!

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  5. Abgesehen von der Diskussion, ob mit iPad besser gelernt wird, als mit Büchern, ist der Ersatz der Schulliteratur von Papier zu Pad eine deutliche Entlastung für Schulranzen.
    Einige Schulen rüsten zwar auf und bieten den Schülern Spints an, in denen sie Bücher ablegen können, aber mitschleppen müssen sie die ja trotzdem, vergessen können sie die auch. Alle Schulbücher auf einem Pad hätte ich mir gewünscht zu Schulzeiten. Rückenprobleme und Schiefstellungen waren bei uns an der Tagesordnung.
    Mit einem Zugang zum Internet während des Unterrichts könnten Schüler sich auch endlich viel selbst erarbeiten, Interessen finden, neugierig sein und nicht einfach abschreiben, was der Lehrer an die Tafel schreibt.
    Dabei ist es wichtig, dass neben der Nutzung des Internets auch Vertrauen zwischen Lehrer und Schüler gebildet wird, denn durch Kontrolle und verblockte Seiten reißt man gar nichts ;)
    Muss halt alles in einem gesunden Maße stattfinden...

    4 Leserempfehlungen
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    Ich finde die Entlastung durch das Ipad oder besser noch Kindle sehr sehr wichtig, nichts mehr vergessen und auch nicht mehr soviel rumzuschleppen.

    Auch die Zeitersparnis beim Lernen, wenn etwas nachgeschlagen werden muss, finde ich total wichtig. Locker werden ein paar Stunden durch dict oder wiki gespart. Fehlende Unterlagen sind kein Problem mehr, weil meist schnell online beschafft.

    Bin auch sehr für eine weitere Digitaliserung und einen Mix mit den klassischen Medien.

    • em-y
    • 07. August 2012 8:21 Uhr

    Ob das eine gute Idee ist?
    Laut Gehirnforschern folgen die Augen den Worten beim Lesen einer gedruckten Seite von links auch rechts mit kleinen Stops, umsaus soeben gelesene zu verarbeiten, während man sich systematisch durch die Seite durcharbeitet von oben nach unten. Anfangs ist das Lesen am Monitor ähnlich, jedoch nach einer Weile hören die Augen auf, die ganze Seite zu erfassen und bleiben am linken Rand hängen. Sie fangen an, sich vertikal, statt horizontal zu bewegen. Am Komputer liest man nicht eine Seite nach der anderen, sondern durchläuft sie schnell von oben nach unten, nur selten verbringt man mehr als eine Minute auf einer Seite.

    Lehrer beklagen, dass Schüler nicht für längere zeit still sitzen und konzentriert arbeiten können. Es ist doch so, dass wenn kleine Kinder nie zeit damit verbracht haben, ein Buch von vorne bis hinten zu lesen, wenn sie nie gelernt haben, dass Lernen Konzentration und Arbeit erfordert, wird man alle schulischen Aktivitäten, jeden Unterricht als Unterhaltung gestalten muessen.

    Am Komputer und im Internet überfliegen die Schüler die Worte und Bilder auf suche nach Informationen. Wie anders ist das zu der Erfahrung, ein Buch zu lesen und sich in ihm zu verlieren.

    Man argumentiert, dass Komputer das lernen erleichtern und verbessern werden. Es ist aber wohl nicht so einfach, denn Untersuchungen der Ergebnisse internationaler Tests in Mathe, Physik etc. zeigen, dass Komputer hinderlich sind.

    "Mit einem Zugang zum Internet während des Unterrichts könnten Schüler sich auch endlich viel selbst erarbeiten, Interessen finden, neugierig sein und nicht einfach abschreiben, was der Lehrer an die Tafel schreibt."

    Wenn ich nur das gelernt hätte, was mich interessiert hat, wäre aus mir nie was geworden. Ist Unterricht nicht eigentlich dafür da, den Schülern den Lernstoff zu vermittteln? Da ist ich es eher hinderlich, wenn man nebenher recherchieren und das tun kann, was man gerade will. Es lenkt nur ab und führt nur zu Aufmerksamkeitsdefiziten. Die Lehrer schreiben ja schließlich nicht zum Spaß auf der Tafel rum. Genau das sollen die kids doch lernen, oder habe ich da was falsch verstanden?

    Und zum schweren Schulranzen ... das schadet keinem, mal paar Sachen tragen zu müssen. Vergessen? Ist doch fein, wer hat nie etwas absichtlich vergessen??? Aber mal ehrlich, mit Gesundheit hat der Einsatz von PC's und Tablets nun wirklich nichts zu tun. Lasst die Kinder doch mal was tragen und gebt ihnen die Chance in kleinen Dingen Zuverlässigkeit zu lernen.

    • reineke
    • 06. August 2012 16:05 Uhr

    Zitat:
    "E-Learning behindere die kreative Entfaltung und Bildung der Schüler und führe zu schleichendem Gedächtnisverlust"

    das es zu Gedächtnisverlust führt ,würde ich bezweifeln
    die kreative Entfaltung ist in diesem Medium aber doch auf erhebliche Eiseitigkeit reduziert
    die Generation Web wächst diesbezüglich in eine zunehmend vorgefertigte Welt hinein,die sich mit einigen Klicks so oder so verändern lässt

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