30 Jahre SmileyDas lustige Zeichen für Atomkrieg

Vor 30 Jahren entstand das Emoticon und wurde fantasievoll weiterentwickelt. Nicht nur Erfinder Scott Fahlman sieht darin heute einen Ausdruck mangelnden Sprachgefühls. von 

Illustration: Ein Smiley auf einem Smartphone

Illustration: Ein Smiley auf einem Smartphone  |  © Franziska Kraufmann / dpa

Die Geschichte des Emoticons beginnt im Jahr 1982, und zwar mit Physik. Im Bulletin Board der Carnegie Mellon University, einer privaten Forschungsuniversität in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania, spielen einige Diskutanten mit der Frage, was in der Schwerelosigkeit in einem abstürzenden Aufzug wohl mit einem Tropfen Quecksilber und einer Kerze passiert.

Bulletin Boards, kurz BBoards genannt, sind die Vorläufer von Newsgroups, Chats und Blogs: virtuelle Kommunikationsräume in Firmen- oder Uni-Netzen, in denen die Debattierenden einander weder sehen noch hören. Deshalb ist keine Ironie in der Stimme zu hören, kein Augenzwinkern zu sehen, als jemand den Aufzug-Kommentar so beantwortet: "Achtung! Wegen eines Physikexperiments ist der linke Aufzug mit Quecksilber verseucht."

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Jemand, der für diesen Spaß wenig übrig hat, stellt vier Stunden später klar: Das war ein Scherz. Er entschuldigt sich dafür, dass er ihn verdirbt, "aber es haben sich Leute aufgeregt. Es ist keine gute Idee, in einem vollen Theater 'Feuer' zu rufen."

Darauf entspinnt sich eine Debatte darüber, wie sich witzig gemeinte Kommentare kennzeichnen ließen: Mit einem Stern * in der Betreffzeile? Oder einem Prozentzeichen %? Einem * für gute, einem % für schlechte Witze? Einem *% für Witze, die so schlecht sind, dass sie schon wieder lustig sind? Oder ist nicht vielmehr & das witzigste Zeichen auf der ganzen Tastatur? Oder sieht das Doppelkreuz # nicht ein bisschen so aus wie ein lachender Mund, wie Lippen mit Zähnen dazwischen?

Und dann, am 19. September 1982, schreibt der Informatiker Scott Fahlman: "Ich schlage folgende Zeichenfolge als Witz-Markierung vor: :-) Lest es seitlich. Vielleicht wäre es angesichts der jüngsten Entwicklung aber ökonomischer, die Beiträge zu markieren, die KEINE Witze sind. Dafür gibt es :-( ."

(:-) für Nachrichten, in denen um Fahrradhelme geht

Fahlmans Erfindung basiert auf dem Smiley, dem seit den sechziger Jahren verbreiteten gelben Grinsesymbol. Es hat seine Wurzeln in älteren Piktogrammen und ist letztlich nichts anderes, als die schlichte Kinderzeichnung eines lächelnden Antlitzes: Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht.

Es dauert nicht lange und das seitliche Lächeln verbreitet sich an der Universität. Einer von Fahlmans Kollegen informiert die Mitarbeiter am Forschungszentrum Parc in Kalifornien, mit dem die Uni über den Internet-Vorläufer Arpanet verbunden ist, über den, so die Betreffzeile, "Kommunikations-Durchbruch". Auch das :-( setzt sich durch, aber nicht für witzlose Zeilen, sondern als Zeichen für Traurigkeit oder Verärgerung.

Schnell erfinden Witzbolde andere Zeichenfolgen: <:-) für dumme Posts, die sozusagen eine Eselsmütze tragen, (:-) für Messages, in denen es um Fahrradhelme geht, und oo für Leute, die Kollegen darauf aufmerksam machen wollen, dass an ihrem Auto das Licht brennt. Sogar der zylindertragende, kinnbärtige Abraham Lincoln bekommt ein Porträt: =|:)= Und es entsteht – als Zeichen der Zeit des Kalten Krieges – ein Symbol für Nachrichten, in denen es um einen Atomkrieg geht: @= .

Äquivalent zum Karnevalstusch

Heute forscht Fahlman vor allem zu Künstlicher Intelligenz. Immer mal wieder bekommt er Kritik am Emoticon zu hören: Das Zeichen sei eine Art Äquivalent zum Karnevalstusch und zerstöre jede feinere Form von Humor. William Shakespeare und Mark Twain hätten es doch auch nicht gebraucht.

Fahlman kontert, nicht alle Internet-Autoren hätten deren schriftstellerisches Talent. "Außerdem ist Shakespeares Werk voller Klischees und seine Rechtschreibung katastrophal ;-) ." Vor allem sei es aber nicht so schlimm, wenn einer von hundert Shakespeare-Lesern eine ironisch gemeinte Passage nicht erkenne: Anders als im Internet könne er nicht den anderen 99 den Spaß verderben, indem er sie mit empörten Kommentaren belästige.

Leserkommentare
    • Infamia
    • 19. September 2012 10:29 Uhr

    Was mal als Spaß begann, entwickelt sich inzwischen zur echten Pest. Blinkende Smileys und Emoticons in allen Variationen.

    Die Kunst ist es ja, pointierte Sprache so zu "Papier" zu bringen, dass der Leser erkennt, dass es sich um einen Gag oder eine Überzeichung handelt. Das ist sicher nicht ganz einfach und erfordert vom Leser natürlich auch Gespür und Fantasie. Natürlich ist es leichter, jemanden, der einem gegenüber sitzt, mit Mimik und Gestik darauf zu bringen, dass es sich um einen Gag oder eine Überzeichnung handelt.

    Aber so ist das mit Menschen. Manche kapieren einen Gag oder eine Überzeichnung ja noch nicht einmal, wenn man Fratzen schneidet. Wie soll das dann im Schriftverkehr klappen?

    Ich habe mir angewöhnt, nur noch sehr sparsam mit Smileys (so gut wie gar nicht) und Emoticons umzugehen. So mancher erkennt einen Gag oder eine Überzeichnung auch dann nicht, wenn mit Smileys und Emoticons verdeutlicht. Wer sich ans Bein gepinkelt fühlen möchte, tut dies auch mit. Das ist die übliche Aufgeregtheit im Netz.

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    Vor allem in Englischsprachigen Foren, wo die halbe Weltbevölkerung mitdiskutiert - verschiedene Kulturen haben unterschiedliche Auffassungen von Humor, und da hilft es, wenn man kennzeichnen kann, was man nicht ernst gemeint hat.

    >>Die Kunst ist es ja, pointierte Sprache so zu "Papier" zu
    bringen, dass der Leser erkennt, dass es sich um einen Gag
    oder eine Überzeichung handelt.<<

    Ist auch schwierig, das zu tun.

    Schreibt man in einem ZEIT-Kommentar einen Satz wie 'Damit die einen in Schampus ersaufen können, müssen die anderen im Dreck verrecken' im Bezug auf einige Auswüchse des Kapitalismus, wird man dafür wegen 'respektloser' Wortwahl gekürzt.
    Dabei bin ich mir relativ sicher, daß die Leser so etwas sehr wohl als Überzeichnung erkannt hätten, mal abgesehen davon, daß es prinzipiell ja wahr ist.
    Nur die Redaktion scheint damit manchmal ein paar Probleme zu haben - was mich veranlaßt, dieses Zeichen ;-) zu benutzen.

    Insgesamt ist das dann aber eher :-(

    • Dogz
    • 19. September 2012 10:31 Uhr

    ich vermute, dass da ein "es" fehlt.

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    ... würde ich am liebsten eine Empfehlung mit angefügtem Smiley geben ;-) ...

  1. Vor allem in Englischsprachigen Foren, wo die halbe Weltbevölkerung mitdiskutiert - verschiedene Kulturen haben unterschiedliche Auffassungen von Humor, und da hilft es, wenn man kennzeichnen kann, was man nicht ernst gemeint hat.

    Antwort auf "Sprache"
    • Slater
    • 19. September 2012 10:55 Uhr

    wäre eine solche allgemeine freie Einführung quasi nicht mehr möglich,
    Firmen wie Apple würden sich diese hochkomplexen Zeichenfolgen als Geschmachsmuster oder was auch immer eintragen

    wenn schon eine einfache Wischbewegung..

    • HerrS
    • 19. September 2012 11:20 Uhr

    Die Kunst der Schriftsprache, Shakespeare, ist ja schön und gut.
    Aber wenn wir von Emoticons reden, reden wir von Alltagskommunikation - ein kurzer Kommentar an den Kollegen, ein Eintrag in einem Forum usw., das sollte jedem klar sein.
    Mag sein, dass ich unbegabt bin oder einfach zu viel Rücksicht auf die Empfänger nehme, aber jede kurze Nachricht klar auszuformulieren, so dass auch jeder jegliche Ironie versteht? Da nutze ich lieber Emoticons.
    Zwar tue ich das selten und mit Bedacht, aber in der formlosen Alltagskommunikation ist in meinen Augen nichts dagegen einzuwenden.

    • Levalb
    • 19. September 2012 12:01 Uhr

    Das :-) sollte nur dann verwendet werden, wenn gezeigt werden soll, dass eine Aussage nicht ernst gemeint war, d.h. nicht ernst genommen werden muss bzw. ignorriert werden kann. Ich habe aber den Eindruck, mit dem :-) wollen viele sagen: "Das, was ich gerade geschrieben habe, war lustig. Lach doch mal!" Dieser Druck, Aussagen lustig finden zu sollen, die nicht als lustig angekommen sind, ist unangenehm und stört die weitere Kommunikation. Das :-) wird also oft verwendet, um den (vermeintlich lustigen) Gehalt einer Aussage zu betonen, statt - wie es eigentlich gedacht war - zu betonen, dass eine Aussage keinen Gehalt hatte.

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    :-) bedeutet ganz allgemein "lächeln" - ein ausdruck von freude. mit ironie hat das nichts zu tun ... ironie wird mittels ;-) ausgedrückt.

    es gibt sicherlich emoticons deren bedeutung hier und da unterschiedlich interpretiert werden ... aber die klassischen grund-smileys sind klar definiert.
    https://de.wikipedia.org/...

    das schützt natürlich nicht vor der falschen verwendung durch die menschen, die bspw. manchmal auch lächeln, wenn es nichts zu lachen gibt! ;-)

    • eazy-i
    • 19. September 2012 12:17 Uhr

    Der Frowny(TM) ist seit 2000 eingetragenes Warenzeichen der Despair, Inc. (kein Scherz!).

    http://tsdr.uspto.gov/#ca...

    Durch die Verwendung im Artikel, wie auch in E-Mails o.ä., macht sich der Autor strafbar. Zum Glück kann man sich aber, solange der Vorrat ausreicht, bei Despair, Inc. mit kostenlosen legalen Frownies eindecken (Mindestbestellsumme sind allerdings $8.95).

    http://www.despair.com/fr...

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    • Statist
    • 19. September 2012 14:01 Uhr

    was einem Australier wohl tatsächlich geglückt sein soll....

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