FacebookWenn die Chronik das alte Privatleben hochspült

Facebook-Nutzer haben alte persönliche Nachrichten auf ihrer Pinnwand entdeckt. Sie glauben an einen Fehler, nicht daran, dass sie früher viel offener kommuniziert haben. von Lisa Altmeier

Facebook-Pinnwand

Screenshot einer Facebook-Pinnwand: Die Texte sind Antworten auf persönliche Nachrichten. Die Profilinhaberin ist überzeugt, dass sie die Antworten nur privat erhalten hat.  |  © ZEIT ONLINE

"Bin seit gestern wieder Single, aber es gibt Schlimmeres", schrieb ein junger Mann vor drei Jahren seiner Berliner Bekannten bei Facebook . Sie ist überzeugt, die Botschaft als private Nachricht bekommen zu haben. Dennoch steht der Text heute auf ihrer Pinnwand, als Teil der Facebook-Chronik, zusammen mit weiteren Details aus dem Privatleben des Mannes. Darüber und darunter stehen in ihrer Chronik Hunderte weitere Nachrichten in ähnlicher Tonart von etlichen Freunden. Manche erzählen, dass sie jetzt ihren Spaß haben, weil ihr fester Freund das Weite gesucht hat, andere hinterlassen ihre Telefonnummer. Viele Nachrichten sind mit Anrede und Abschiedsgruß versehen.

Es gibt dafür zwei denkbare Erklärungen: Entweder Facebook hat einen Fehler gemacht und private Nachrichten auf Pinnwänden veröffentlicht. Das Unternehmen dementiert das. Oder die Facebook-Mitglieder haben ihr Kommunikationsverhalten so sehr verändert, dass sie 2012 schon nicht mehr glauben können, was sie 2009 öffentlich verbreitet haben.

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In Frankreich regten sich die ersten Mitglieder über die vermeintliche Panne auf. Als Facebook dort die letzten Profilansichten in Timelines umwandelte, beschwerten sich etliche Nutzer, dass Privatnachrichten vergangener Jahre in ihrer neuen Chronik auftauchten. Einige Deutsche bekamen das mit, überprüften ihre eigenen Pinnwände und waren schockiert: Ihre Chroniken aus dem Jahr 2009 waren ebenfalls mit sehr privat anmutenden Einträgen gespickt.

Die heute 24-jährige Berlinerin hat im Dezember 2009 ein privates Gespräch mit ihrem amerikanischen Austauschschüler geführt. Jetzt stehen Teile seiner Antworten auf ihrer Pinnwand.

Pinnwand

Screenshot des Gesprächsverlaufs, aus dem laut der Nutzerin Details durch einen Facebook-Fehler auf die Pinnwand gelangt sind.  |  © ZEIT ONLINE

Ähnliches berichten auch einige Leser von ZEIT ONLINE. Die meisten haben sich aber so über die Pinnwandeinträge aufgeregt, dass sie sofort alles gelöscht haben. Nun sind sie zwar überzeugt, dass Facebook einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat, beweisen können sie es aber nicht.

Facebook sagt, es handele sich schlicht um alte Pinnwandeinträge. Es hätte keinerlei Verletzungen der Privatsphäre gegeben, technisch sei es gar nicht möglich, dass persönliche Mitteilungen auf der Pinnwand erscheinen, die Entwickler hätten das geprüft .

Mittlerweile kümmert sich der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schar um die Sache. Nach einer "provisorischen Prüfung" kommt seine Behörde zu dem Schluss, dass Facebooks Erklärungen "plausibel erscheinen", sagt eine Sprecherin. Dennoch hat Schaar die Facebook-Nutzer über Twitter aufgerufen , ihm Beweise für persönliche Nachrichten, die auf Pinnwänden aufgetaucht sind, zukommen zu lassen. Die würde er an die für Facebook zuständige irische Datenschutzbehörde DPC weiterleiten. "Bislang liegen aber keine entsprechenden Meldungen vor", sagt Schaars Sprecherin.

Tauchen keine Beweise für Gegenteiliges auf, bleibt nur Möglichkeit zwei: Die Nutzer sind von ihrem damaligen Gesprächsverhalten so entsetzt, dass sie es nicht wahrhaben wollen. Jens Wiese von allfacebook.de behauptet sogar: "Die aktuelle Panik zeigt vor allem eines, dass der Facebook Nutzer an sich in Sachen Medienkompetenz nicht aufgeklärt genug ist, um das Netzwerk zu nutzen!"

Tatsächlich lief Kommunikation auf Facebook vor ein paar Jahren anders ab als heute. Facebook hatte weniger Mitglieder, keine Kommentarfunktion für Pinnwandeinträge und auch den Gefällt-mir-Button führte das Unternehmen erst 2010 in Deutschland ein. Nutzer kommunizierten oft wall-per-wall , das heißt sie reagierten auf einen Pinnwandeintrag mangels Funktion nicht mit einem Kommentar, sondern mit einem Eintrag auf der Wand des Gesprächspartners.

Heute wird das Netzwerk häufiger beruflich genutzt, Gespräche haben sich teilweise in spezielle Gruppen ausgelagert, die Pinnwandeinträge klingen vorsichtiger. Viele Nutzer sind stärker auf ihr impression management bedacht, also darauf, welchen Eindruck sie bei anderen hinterlassen. Sie haben ein größeres, ein unübersichtlicheres Publikum, das sie teilweise in Gruppen einteilen, um ihre Privatsphäre besser zu schützen. Wenn sie heute etwas posten, das für alle ihre Freunde sichtbar ist, wissen sie eben, dass Mama, Ex-Freund, Chefin und Zahnarzt mitlesen könnten. Die Unbekümmertheit ist verschwunden.

Facebook-Mitglieder sind zudem misstrauischer gegenüber dem Unternehmen selbst geworden. Die vielen Meldungen über Datenschutz-Probleme im Netzwerk haben sie verunsichert. Schon als Facebook Anfang 2012 in Deutschland die Chronik verpflichtend einführte, befürchteten sie und viele Datenschützer, dass dadurch mehr öffentlich wird als beabsichtigt . Die jetzige Verwirrung zeigt, dass sie mit ihren Befürchtungen richtig lagen.

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Leserkommentare
  1. Früher konnte man m.E.n. auch bei Nachrichten noch nicht so genau festlegen, wer es jetzt wann wo wie lesen können soll/darf. Und wenn jetzt die alten Dinger von FB wieder vorgeholt werden, werden die Einstellungen von damals halt sehr kreativ ausgelegt.

    • Dogz
    • 28. September 2012 17:49 Uhr

    Kann man nicht den Gesprächsverlauf im privaten Chat bis ganz zum Anfang zurückverfolgen? Dauert zwar ein wenig, wäre dann aber Beweis genug oder?

    • Creo
    • 28. September 2012 17:51 Uhr

    ..da überhaupt nicht! Aber ich bin beim CIA 2.0 auch raus! Freunde und Kollegen von mir sind sich sicher, das es private Nachrichten waren...

  2. Facebook hat lange Zeit vor Einführung darauf aufmerksam gemacht, dass alte Beiträge nach Einführung der Chronik sichtbarsein könnten. Bei der Nutzung der Chronik wurde den Nutzern auch mitgeteilt das es eine Frist von 4(?) Tagen gibt, in denen die alten Beiträge manuell bearbeitet werden können. Gleichzeitig und dieses Feature gibt es ebenfalls schon sehr lange, kann man unter der Privatssphäreeinstellung gleich als einen Hauptpunkt
    *"Beschränke das Publikum für ältere Beiträge" auswählen und dort festlegen, was mit den Beiträgen passiert, die vor der damaligen, grundlegenden Änderungen in der Privatssphäreeinstellung erstellt wurden.

    Die von Facebook sind sicherlich keine Heiligen und das was dort passiert und was man zumindest erahnen kann ist äußerst kritisch zu betrachten. Diesen Schuh allerdings muss sich Facebook ausnahmsweise nicht anziehen. Hier haben die entsprechenden Nutzer einfach geschlafen...

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    • Bashu
    • 28. September 2012 20:33 Uhr

    als innerhalb einer 4-Tagesfrist allen Schriftverkehr auf Facebook der letzten Jahre zu durchforsten???

    Also ich bin arbeitstätig und habe keine Zeit für so einen Mist. Von einer Plattform wie Facebook erwarte ich einen professionellen Umgang mit meinen Daten , und damit meine ich nicht Privatdatenverkauf und kontextsensitive Werbung...

    wie viele Menschen Facebook glauben schenken. Was hier erwähnt wurde, die Frist, um alte Einträge zu löschen und nicht auf der Pinwand sichtbar zu madchen, habe ich genutzt und entsprechende Texte auch gelöscht. Und trotzdem habe ich gestern durch den Tip einer Freundin herausgefunden, dass auf meiner Pinwand urplötzlich Einträge zu finden sind, von denen ich sicher weiß, dass die privat waren. Ich habe mich schon immer ein wenig gegen fb gesträubt, trotzdem irgendwann aus Gründen der Bequemlichkeit (Kommunikation mit Freunden, die Semester im Ausland verbringen, usw.) darauf eingelassen. Und ich weiß eben noch genau, dass ich nie Gespräche, die in irgendeiner Art persönlich sein könnte, über meine Pinwand geführt habe, da ich peinlich genau darauf geachtet habe, dass ich so etwas immer sofort in den Chat verlegt bzw. einfach gelöscht habe.
    Daher finde ich es auch unerträglich, wie andere Kommentatoren meinen, sie könnten hier auf einmal mit ihrer Medienkompetenz prahlen und kategorisch ausschließen, dass fb irgendwo ein Fehler unterlaufen ist! Die Häme, die dabei manchmal zu Tage kommt, einmal ganz außen vor gelassen.
    Daher empfehle ich allen, erst einmal die Faktenlage genau zu überprüfen und nicht einfach einem Unternehmen und seinen Beteuerungen Recht zu geben, sondern auch einmal den Usern Gehör zu schenken und gegebenenfalls zu sehen, wo wirklich Mist seitens des Unternehmens gebaut wurde!!

  3. ..leider, leider, muß ich hier dem mir verhassten Unternehmen beipflichten: es liegt an der vollkommenen Ignoranz der Benutzer die nicht mehr unterscheiden wie und wo sie antworten. Auch ich habe dutzendfach "persönliche Nachrichten" auf meiner Pinnwand bekommen, aber bewusst jeweils mit einer tatsächlichen Nachricht und keinem weiteren Kommentar geantwortet und den Eintrag gelöscht. Irgendwann habe ich meine Pinnwand komplett für alle gesperrt, da die Medieninkompetenz und offensichtliche Gleichgültigkeit unerträglich war. Was aber eigentlich bringt FB ausser Kontakt mit für das eigene Leben vollkommen unwichtigen Personen zu halten und somit alles unnötig zu verdichten? Alle 2-3 Tage hat irgendwer Geburtstag...Email/Telefon/SMS/IM/Postkarte. Alles auch nicht sicher, aber man 'postet' es wenigstens nicht selbst plakativ an die eigene Hauswand und hat endlich wieder Ruhe von all den (meist) belanglosen Ereignissen in den Leben einem kaum unverbundener Personen....
    Ende Dezember wird der Account gelöscht und ich bin den Ballast los.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    #kaum verbundener Personen#
    natürlich ^^

  4. #kaum verbundener Personen#
    natürlich ^^

    Antwort auf "Leider, leider, .."
  5. Ich bin erstaunt, wie viele Leute Facebook in seiner Aussage bekräftigen, und hoffe trotzdem, dass die Wahrheit auch bald von den Leitmedien vebreitet wird anstatt Facebooks Aussage unkritisch als wahr zu betrachten.
    Als meine Chronik aktiviert wurde, habe ich mich sogleich an die Löschung älterer Einträge gemacht und dafür mehrere Stunden investiert - das ist jetzt mittlerweile 2 Monate her.

    Heute morgen wurde ich durch eine Freundin auf den neuen Umstand aufmerksam, kurz gecheckt, und:

    TATSÄCHLICH!
    Angefangen im Juli 2012 bis zu Beginn meiner Facebook-Aktivität, sind neue Pinnwandeinträge aufgetaucht.
    Natürlich weiß ich nicht mehr genau, was ich Anfang 2009 in Facebook kommuniziert habe, aber nun soll mir einer erzählen, ich wisse nicht, was ich vor 2 Monaten mit guten Freunden kommuniziert habe und was nicht.
    Anfänge von Konversationen von Freunden zu mir sind auf meiner, entsprechend Anfänge von Konversatioen von mir sind auf der Pinnwand der entsprechenden Freunde wiederzufinden.

    Nun habe ich leider alles eilig gelöscht, da der Inhalt zum Teil sehr privat war. So habe ich leider kein Beweismittel mehr, ähnlich wird es anderen gehen.

    Aber ich bin wirklich erstaunt ob der Tatsache, dass so viele Leute nicht zwischen Pinnwandeinträgen oder Statusmeldungen (die meistens ja "Likes" oder Kommentare mit sich ziehen) und unkommentierten, oft vielzeiligen privaten Äußerungen DER LETZTEN WOCHEN unterscheiden können...

  6. Dann ist es also wirklich wahr. Eine Freundin (anderes Land) hat mich vor ein paar Tagen genau DAVOR gewarnt, ich solle mich ein paar Tage abmelden. Sie kennt jemanden sehr gut, der bei fb arbeitet und hat gesagt, dass es diesen Bug gibt und der vermutlich auch für Deutschland gilt...und ich alle meine Freunde informieren soll. Sie hat es mir an dem Abend gesagt, an dem das Problem tagsüber bei facebook bekannt wurde. Ich habe nicht dran geglaubt bzw. dass es uns auch betrifft aber wie krass! Es war tatsächlich so. Das Märchen vonwegen alter Pinnwandeinträge glaube ich daher absolut nicht!!

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  • Schlagworte Chronik | Facebook | Medienkompetenz | Privatsphäre | Single | Twitter
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