"Bin seit gestern wieder Single, aber es gibt Schlimmeres", schrieb ein junger Mann vor drei Jahren seiner Berliner Bekannten bei Facebook . Sie ist überzeugt, die Botschaft als private Nachricht bekommen zu haben. Dennoch steht der Text heute auf ihrer Pinnwand, als Teil der Facebook-Chronik, zusammen mit weiteren Details aus dem Privatleben des Mannes. Darüber und darunter stehen in ihrer Chronik Hunderte weitere Nachrichten in ähnlicher Tonart von etlichen Freunden. Manche erzählen, dass sie jetzt ihren Spaß haben, weil ihr fester Freund das Weite gesucht hat, andere hinterlassen ihre Telefonnummer. Viele Nachrichten sind mit Anrede und Abschiedsgruß versehen.

Es gibt dafür zwei denkbare Erklärungen: Entweder Facebook hat einen Fehler gemacht und private Nachrichten auf Pinnwänden veröffentlicht. Das Unternehmen dementiert das. Oder die Facebook-Mitglieder haben ihr Kommunikationsverhalten so sehr verändert, dass sie 2012 schon nicht mehr glauben können, was sie 2009 öffentlich verbreitet haben.

In Frankreich regten sich die ersten Mitglieder über die vermeintliche Panne auf. Als Facebook dort die letzten Profilansichten in Timelines umwandelte, beschwerten sich etliche Nutzer, dass Privatnachrichten vergangener Jahre in ihrer neuen Chronik auftauchten. Einige Deutsche bekamen das mit, überprüften ihre eigenen Pinnwände und waren schockiert: Ihre Chroniken aus dem Jahr 2009 waren ebenfalls mit sehr privat anmutenden Einträgen gespickt.

Die heute 24-jährige Berlinerin hat im Dezember 2009 ein privates Gespräch mit ihrem amerikanischen Austauschschüler geführt. Jetzt stehen Teile seiner Antworten auf ihrer Pinnwand.

Ähnliches berichten auch einige Leser von ZEIT ONLINE. Die meisten haben sich aber so über die Pinnwandeinträge aufgeregt, dass sie sofort alles gelöscht haben. Nun sind sie zwar überzeugt, dass Facebook einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat, beweisen können sie es aber nicht.

Facebook sagt, es handele sich schlicht um alte Pinnwandeinträge. Es hätte keinerlei Verletzungen der Privatsphäre gegeben, technisch sei es gar nicht möglich, dass persönliche Mitteilungen auf der Pinnwand erscheinen, die Entwickler hätten das geprüft .

Mittlerweile kümmert sich der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schar um die Sache. Nach einer "provisorischen Prüfung" kommt seine Behörde zu dem Schluss, dass Facebooks Erklärungen "plausibel erscheinen", sagt eine Sprecherin. Dennoch hat Schaar die Facebook-Nutzer über Twitter aufgerufen , ihm Beweise für persönliche Nachrichten, die auf Pinnwänden aufgetaucht sind, zukommen zu lassen. Die würde er an die für Facebook zuständige irische Datenschutzbehörde DPC weiterleiten. "Bislang liegen aber keine entsprechenden Meldungen vor", sagt Schaars Sprecherin.

Tauchen keine Beweise für Gegenteiliges auf, bleibt nur Möglichkeit zwei: Die Nutzer sind von ihrem damaligen Gesprächsverhalten so entsetzt, dass sie es nicht wahrhaben wollen. Jens Wiese von allfacebook.de behauptet sogar: "Die aktuelle Panik zeigt vor allem eines, dass der Facebook Nutzer an sich in Sachen Medienkompetenz nicht aufgeklärt genug ist, um das Netzwerk zu nutzen!"

Heute sind Facebook-Nutzer sensibler

Tatsächlich lief Kommunikation auf Facebook vor ein paar Jahren anders ab als heute. Facebook hatte weniger Mitglieder, keine Kommentarfunktion für Pinnwandeinträge und auch den Gefällt-mir-Button führte das Unternehmen erst 2010 in Deutschland ein. Nutzer kommunizierten oft wall-per-wall , das heißt sie reagierten auf einen Pinnwandeintrag mangels Funktion nicht mit einem Kommentar, sondern mit einem Eintrag auf der Wand des Gesprächspartners.

Heute wird das Netzwerk häufiger beruflich genutzt, Gespräche haben sich teilweise in spezielle Gruppen ausgelagert, die Pinnwandeinträge klingen vorsichtiger. Viele Nutzer sind stärker auf ihr impression management bedacht, also darauf, welchen Eindruck sie bei anderen hinterlassen. Sie haben ein größeres, ein unübersichtlicheres Publikum, das sie teilweise in Gruppen einteilen, um ihre Privatsphäre besser zu schützen. Wenn sie heute etwas posten, das für alle ihre Freunde sichtbar ist, wissen sie eben, dass Mama, Ex-Freund, Chefin und Zahnarzt mitlesen könnten. Die Unbekümmertheit ist verschwunden.

Facebook-Mitglieder sind zudem misstrauischer gegenüber dem Unternehmen selbst geworden. Die vielen Meldungen über Datenschutz-Probleme im Netzwerk haben sie verunsichert. Schon als Facebook Anfang 2012 in Deutschland die Chronik verpflichtend einführte, befürchteten sie und viele Datenschützer, dass dadurch mehr öffentlich wird als beabsichtigt . Die jetzige Verwirrung zeigt, dass sie mit ihren Befürchtungen richtig lagen.