ZEIT ONLINE: Jahrelang stand das Wort Internet für Freiheit, mittlerweile steht es für Überwachung. Ist der Kampf um ein freies Netz schon verloren?

Jillian C. York: Nein, das würde ich nicht sagen. Es stimmt schon, es gab anfangs diese Utopie vom freien Netz. John Perry Barlow, der Gründer der EFF, hat 1996 die Erklärung der Unabhängigkeit des Cyberspace verfasst und darin gefordert, dass Regierungen das Internet in Ruhe lassen sollen. Wir haben mittlerweile verstanden, dass wir uns mit Regierungen und mit Unternehmen auseinandersetzen müssen, dass wir uns nicht zurückziehen und sie ignorieren können.

ZEIT ONLINE: Was heißt das für den Kampf um ein freies Netz?

York: Wir haben es mit Regierungen zu tun, die uns überwachen, mit Unternehmen, die ihnen nur zu gerne dabei helfen – oder es aus eigenen Beweggründen tun. Und natürlich haben wir es mit anderen Menschen zu tun, die uns im Netz angreifen oder es auf unsere Daten abgesehen haben. Der Kampf ist nicht verloren. Aber er hat sich verlagert, von der politischen auf die technische Ebene: Die besten Mittel gegen Überwachung und Zensur werden technische sein, nicht Gesetze. Denn die Regierungen werden die heutige Überwachung nicht mehr zurückschrauben.

ZEIT ONLINE: Also ist das Motto der Zukunft nicht 'Kenne das Gesetz', sondern 'Kenne den Code'?

York:Natürlich bleibt die politische Arbeit wichtig , und es gab auf dieser Ebene ja auch einige Erfolge für Bürgerrechtler wie im Fall Acta . Aber zukünftig wird es vor allem darum gehen, Programmieren zu lernen oder wenigstens die richtigen Werkzeuge zu benutzen. Also zum Beispiel TOR zur anonymen Web-Nutzung oder Verschlüsselungstechniken für E-Mails. Diese wirklich grundsätzlichen Dinge müssen alltäglicher für uns werden.

ZEIT ONLINE: Ist das Internet, so wie es heute aussieht, mit solchen Mitteln zu retten? Oder brauchen wir ein neues, ein zweites Internet?

York: Beides. Einerseits wird ja schon viel über sogenannte Mesh-Netzwerke geredet. Oder über dezentrale Netzwerke. Diaspora mag praktisch tot sein , aber was auch immer als nächstes kommt, wird bestimmt großartig sein. Andererseits: So furchtbar Facebook in Sachen Privatsphäre und Meinungsfreiheit sein mag – wenn ich Facebook verlasse, bin ich nicht länger Teil dieser globalen Konversation zwischen 950 Millionen Menschen aus aller Welt.

Dezentrale Netzwerke sind derzeit keine Lösung

Ich befürchte, dass wir mit dezentralen oder Mesh-Netzwerken die globale Kommunikation aufgeben würden. Solche Alternativen können wir aber nutzen, wenn es um Aktivismus geht, oder auch um journalistische Netzwerke.

ZEIT ONLINE: Ein Internet für die Massen und eines für die Spezialisten?

York: Oder eines für die Massen und viele für die Spezialisten.

ZEIT ONLINE: Aber dadurch entstünde eine neue Elite, eine Art Adel.

York: Ja, das stimmt. Deshalb müssten wir unsere Kinder im Umgang mit Computern anders schulen , als wir selbst geschult wurden. Und die Techniken, die sie brauchen, um sich schützen, müssen zugänglicher und einfacher werden als bisher. Das ist aber eine Frage des Designs.

ZEIT ONLINE: Sollten wir trotzdem darüber nachdenken, ein neues Internet zu bauen?

York: Sollten wir? Ja. Können wir ein zweites globales Netz schaffen? Ich weiß es nicht. In manchen Ländern sind bis heute nur zehn Prozent der Menschen online. Aber erinnern Sie sich an den Film Zurück in die Zukunft, Teil 2 ? Wissen Sie noch, in welchem Jahr der spielte? Das war 2012. [Anm. d. Red.: Er spielt im Jahr 2015, das ändert aber nichts an dem Argument. Dank an Leser 23gremlins ] In den achtziger Jahren haben wir also noch geglaubt, dass wir 2012 auf schwebenden Skateboards unterwegs sein würden. Sind wir aber nicht. Dafür gibt es andere Dinge, die sich damals niemand hätte träumen lassen. Vielleicht wird es in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren eine Technik geben, mit der die Verbreitung eines neuen Internets möglich ist. So lange sollten wir pragmatisch bleiben und mit dem arbeiten, was wir haben.