Netzfreiheit"Wir müssen programmieren lernen, um uns zu schützen"

Jillian York kämpft bei der Bürgerrechtsgruppe EFF für Meinungsfreiheit. Gesetze reichen nicht, sagt sie im Interview. Technikverständnis sei schon für Kinder wichtig. von  und

ZEIT ONLINE: Jahrelang stand das Wort Internet für Freiheit, mittlerweile steht es für Überwachung. Ist der Kampf um ein freies Netz schon verloren?

Jillian C. York: Nein, das würde ich nicht sagen. Es stimmt schon, es gab anfangs diese Utopie vom freien Netz. John Perry Barlow, der Gründer der EFF, hat 1996 die Erklärung der Unabhängigkeit des Cyberspace verfasst und darin gefordert, dass Regierungen das Internet in Ruhe lassen sollen. Wir haben mittlerweile verstanden, dass wir uns mit Regierungen und mit Unternehmen auseinandersetzen müssen, dass wir uns nicht zurückziehen und sie ignorieren können.

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ZEIT ONLINE: Was heißt das für den Kampf um ein freies Netz?

York: Wir haben es mit Regierungen zu tun, die uns überwachen, mit Unternehmen, die ihnen nur zu gerne dabei helfen – oder es aus eigenen Beweggründen tun. Und natürlich haben wir es mit anderen Menschen zu tun, die uns im Netz angreifen oder es auf unsere Daten abgesehen haben. Der Kampf ist nicht verloren. Aber er hat sich verlagert, von der politischen auf die technische Ebene: Die besten Mittel gegen Überwachung und Zensur werden technische sein, nicht Gesetze. Denn die Regierungen werden die heutige Überwachung nicht mehr zurückschrauben.

Jillian York
Jillian York

Jillian York leitet bei der Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation (EFF) den Bereich Meinungsfreiheit. Sie hat am Berkman-Center für Internet und Gesellschaft der Harvard-Universität gearbeitet und beschäftigt sich seit Jahren mit Zensur und digitalem Aktivismus. Sie ist Mitglied von Global Voices, einem internationalen Netz von Bloggern und bloggt außerdem auf ihrer eigenen Website.

ZEIT ONLINE: Also ist das Motto der Zukunft nicht 'Kenne das Gesetz', sondern 'Kenne den Code'?

York:Natürlich bleibt die politische Arbeit wichtig , und es gab auf dieser Ebene ja auch einige Erfolge für Bürgerrechtler wie im Fall Acta . Aber zukünftig wird es vor allem darum gehen, Programmieren zu lernen oder wenigstens die richtigen Werkzeuge zu benutzen. Also zum Beispiel TOR zur anonymen Web-Nutzung oder Verschlüsselungstechniken für E-Mails. Diese wirklich grundsätzlichen Dinge müssen alltäglicher für uns werden.

ZEIT ONLINE: Ist das Internet, so wie es heute aussieht, mit solchen Mitteln zu retten? Oder brauchen wir ein neues, ein zweites Internet?

York: Beides. Einerseits wird ja schon viel über sogenannte Mesh-Netzwerke geredet. Oder über dezentrale Netzwerke. Diaspora mag praktisch tot sein , aber was auch immer als nächstes kommt, wird bestimmt großartig sein. Andererseits: So furchtbar Facebook in Sachen Privatsphäre und Meinungsfreiheit sein mag – wenn ich Facebook verlasse, bin ich nicht länger Teil dieser globalen Konversation zwischen 950 Millionen Menschen aus aller Welt.

Dezentrale Netzwerke sind derzeit keine Lösung

Ich befürchte, dass wir mit dezentralen oder Mesh-Netzwerken die globale Kommunikation aufgeben würden. Solche Alternativen können wir aber nutzen, wenn es um Aktivismus geht, oder auch um journalistische Netzwerke.

ZEIT ONLINE: Ein Internet für die Massen und eines für die Spezialisten?

York: Oder eines für die Massen und viele für die Spezialisten.

ZEIT ONLINE: Aber dadurch entstünde eine neue Elite, eine Art Adel.

York: Ja, das stimmt. Deshalb müssten wir unsere Kinder im Umgang mit Computern anders schulen , als wir selbst geschult wurden. Und die Techniken, die sie brauchen, um sich schützen, müssen zugänglicher und einfacher werden als bisher. Das ist aber eine Frage des Designs.

ZEIT ONLINE: Sollten wir trotzdem darüber nachdenken, ein neues Internet zu bauen?

York: Sollten wir? Ja. Können wir ein zweites globales Netz schaffen? Ich weiß es nicht. In manchen Ländern sind bis heute nur zehn Prozent der Menschen online. Aber erinnern Sie sich an den Film Zurück in die Zukunft, Teil 2 ? Wissen Sie noch, in welchem Jahr der spielte? Das war 2012. [Anm. d. Red.: Er spielt im Jahr 2015, das ändert aber nichts an dem Argument. Dank an Leser 23gremlins ] In den achtziger Jahren haben wir also noch geglaubt, dass wir 2012 auf schwebenden Skateboards unterwegs sein würden. Sind wir aber nicht. Dafür gibt es andere Dinge, die sich damals niemand hätte träumen lassen. Vielleicht wird es in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren eine Technik geben, mit der die Verbreitung eines neuen Internets möglich ist. So lange sollten wir pragmatisch bleiben und mit dem arbeiten, was wir haben.

Leserkommentare
    • JimNetz
    • 13. September 2012 13:51 Uhr

    aber er geht im Grundtenor von einer Guerilla-Mentalität aus, um sich vor Big Brothers zu schützen, - ohne zu konstatieren, wie sehr wir alle Teil des Systems und darauf angewiesen sind. - Das Netz ist kein unbekanntes Land voller Fallgruben, sondern ein Kosmos unbegrenzter digitaler Möglichkeiten. - Kommunikation ist nur eine davon, Selbstausdruck, Hintergrundinformation, künstlerisches Medium sind andere.

    Wir dürfen unseren Kindern vor allem die Spielfreude damit nicht verderben denke ich... und ihnen ständig erklären, wie man sich vor etwas schützen muß, das einem wohlverstanden und genutzt, - nützt.

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    Redaktion

    Ich bin überzeugt, wenn wir Kindern die Spielfreude an Computern / im Netz vermitteln oder erhalten, entwickeln sie genau daraus die neuen Wege, Big Brother zu umgehen.

  1. Redaktion
    10. Kinder

    Ich bin überzeugt, wenn wir Kindern die Spielfreude an Computern / im Netz vermitteln oder erhalten, entwickeln sie genau daraus die neuen Wege, Big Brother zu umgehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...die Frage ist ob Ewiggestrige in den Machtzentralen das nicht zu verhindern wissen.

    Überwachung von öffentlichen Plätzen dient ja nur dem Schutz, nicht der Vorbeugung....dieses Thema ist ein äusserst schmaler Grad und ich bin nicht so optimistisch, dass sich die richtigen durchsetzen.

    Bzw. ob diese überhaupt die Chanche bekommen alt genug zu werden um das Ruder noch herum zu reissen ehe das Kind schon in den Brunnen geworfen wurde. Von Menschen die von Netz quasi überfallartig überrascht wurden und es einfach nicht verstehen (lernen wollen).

  2. ...die Frage ist ob Ewiggestrige in den Machtzentralen das nicht zu verhindern wissen.

    Überwachung von öffentlichen Plätzen dient ja nur dem Schutz, nicht der Vorbeugung....dieses Thema ist ein äusserst schmaler Grad und ich bin nicht so optimistisch, dass sich die richtigen durchsetzen.

    Bzw. ob diese überhaupt die Chanche bekommen alt genug zu werden um das Ruder noch herum zu reissen ehe das Kind schon in den Brunnen geworfen wurde. Von Menschen die von Netz quasi überfallartig überrascht wurden und es einfach nicht verstehen (lernen wollen).

    Antwort auf "Kinder"
  3. 12. BTTF 2

    Marty McFly reist im Film übrigens ins Jahr 2015. Das ändert zwar nichts an ihrem Beispiel, aber ich wollte nur mal erwähnt haben. ;)

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    Redaktion

    Stimmt, er reist ins Jahr 2015. Das kommt davon, wenn man sich in einem Gespräch auf sein Gedächtnis verlässt und es nicht gleich googelt :)

    Wir machen eine Anmerkung im Text - korrigieren ist schwierig, da sie es ja so gesagt hat.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

  4. Redaktion
    13. Marty

    Stimmt, er reist ins Jahr 2015. Das kommt davon, wenn man sich in einem Gespräch auf sein Gedächtnis verlässt und es nicht gleich googelt :)

    Wir machen eine Anmerkung im Text - korrigieren ist schwierig, da sie es ja so gesagt hat.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    Antwort auf "BTTF 2"
  5. und drosseln diese dann, wenn sie für Tauschbörsen etc. benutzt werden oder ab einem bestimmten Datenvolumen (wenn das überhaupt mal vorher erreicht wird). Das entlarvt man nicht einemal mit einem handelsüblichen Speedtest, weil die Technik inzwischen schon soweit ist, dass Provider erkennen, dass die Geschwindigkeit auf solchen Seiten gemessen wird und der Anschluss für die Dauer des Tests in vollem Umfang wieder freigeschaltet wird. Da kommt man nur mit Trick 17 drauf indem man parallel Downloads laufen lässt. Da kann man von der Technik so viel verstehen wie man will. Ohne gesundes Misstrauen wird man darauf nicht kommen. Wäre schön auch mal was zu Dinge ausserhalb des Weichspülutopias zu lesen zu bekommen. Das würde uns in Sachen Technik viel mehr voranbringen. Da kommt das Verständnis dafür von ganz allein, wenn man sich damit beschäftigt. Sonst würde ja niemand begreifen, warum er davon Ahnung haben müsste.

  6. 15. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/jp

  7. 16. Flattr

    Bei solchen Artikeln finde ich es für Sie schade, dass Sie keinen Flattr-Button anbieten. Mir wär es was Wert.

    Danke

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  • Schlagworte Google | Acta | Adel | Computer | Cyberspace | Datenschutz
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