Science-Fiction ist vielleicht auch deshalb so beliebt, weil die Dummheit heutiger Technik den Menschen von einer besseren Zukunft träumen lässt. Besser jedenfalls als in der Nacht auf Sonntag, als eine Software den Livestream der Hugo-Award-Verleihung unwiederbringlich stoppte, weil sie die dort eingespielten Clips zur Vorstellung der Nominierten als Urheberrechtsverletzungen einstufte.

Der Hugo-Award ist einer der bedeutendsten Preise für Science-Fiction-Literatur, benannt nach dem Erfinder des Begriffs Science-Fiction, Hugo Gernsback . In diesem Jahr fand die Preisverleihung in Chicago statt, während der 70. World Science Fiction Conference ( Worldcon ). Übertragen wurde sie live über die Streamingplattform Ustream . So sollten Fans im Internet, aber auch Gäste, die im Saal keinen Platz mehr gefunden hatten und in Nebenräumen vor Bildschirmen saßen, die Show verfolgen können.

Das funktionierte so lange, bis der britische Autor Neil Gaiman für seine Arbeit an der britischen TV-Serie Doctor Who ausgezeichnet werden sollte. Ein Ausschnitt der Serie sowie kurze Clips der anderen Nominierten wurden gezeigt, dann setzte Gaiman zu seiner Dankesrede an – und der Livestream brach ab. "Worldcon banned due to copyright infringement" (Worldcon gesperrt wegen Urheberrechtsverletzung) stand auf der Seite von Ustream.

Für Science-Fiction-Fans ist das in etwa so, als würde die Fernsehübertragung der Oscar-Verleihung in dem Moment und endgültig beendet werden, in dem zum ersten Mal Ausschnitte der nominierten Filme gezeigt werden.

Der angeblich Schuldige war schnell gefunden. Ustream arbeitet mit Vobile zusammen. Vobile stellt eine Software zur Verfügung, die Videos auf Ustream mit einer Datenbank abgleicht. Erkennt sie, dass jemand gerade einen urheberrechtlich geschützten Film oder ein solches Video streamt, meldet die Software dies Ustream, damit das Unternehmen die Übertragung nötigenfalls unterbrechen kann. Genau das passierte, als bei der Show die Clips der nominierten Beiträge eingespielt wurden. Wer nun die Übertragung unterbrach, ist nicht ganz klar.

Der Chef der Streamingplattform entschuldigte sich zunächst in einem Blogeintrag für den Abbruch der Übertragung und kündigte an, vorerst nicht mehr mit Vobile zusammenarbeiten zu wollen: "Unser Team nahm eine Flut von Twitter-Nachrichten zur gesperrten Übertragung wahr und versuchte, den Stream wieder in Gang zu bringen. Unglücklicherweise gelang es uns nicht, die Sperre vor dem Ende der Show zu beseitigen."Demnach hatte die Vobile-Software die Entscheidung zur Sperrung der Übertragung selbständig und unwiederbringlich getroffen.

Mittlerweile hat sich aber auch Vobile geäußert – und dementiert. Vobile liefere nur Informationen, welche Konsequenzen daraus gezogen werden, entscheide der Auftraggeber, also in diese Fall Ustream.

Urheberrecht versus freie Meinungsäußerung

Aber wer auch immer die Übertragung unterbrochen hat: Die Rechteinhaber hatten die betreffenden Videos selbst zur Verfügung gestellt – sie wollten ja schließlich vorgestellt und bestenfalls mit einem Preis ausgezeichnet werden. Und selbst wenn sie das nicht gewollt hätten: Nach der Fair-Use-Regelung im amerikanischen Urheberrecht wäre die Ausstrahlung der kurzen Clips nicht zu beanstanden gewesen.

Was passiert, wenn man Science-Fiction-Fans dermaßen vor den Kopf stößt, lässt sich am besten am Bericht auf iO9.com – Motto: " We come from the future " – erkennen. Chefredakteurin Annalee Newitz schreibt: "Der Punkt ist, dass die Fähigkeit zur Übertragung vollkommen von schlecht programmierten Bots abhing. Und sobald diese ihre falschen Entscheidungen getroffen hatten, gab es absolut nichts mehr, was man noch hätte tun können, um den Stream neuzustarten. Falls noch irgendjemand glaubt, Urheberrechtsgesetze könnten die freie Meinungsäußerung nicht stoppen, den wird die automatisierte Zensur der Hugo Awards eines Besseren belehren. Roboter haben eine legitime Übertragung gekillt. Willkommen in der Gegenwart."

Streng genommen ist die Vobile-Software zwar kein "Roboter" , aber das ist hier nicht entscheidend. Newitz hat den Kern des Problems erkannt: Das Urheberrecht ist so kompliziert geworden, dass auch Computer nicht unterscheiden können, was erlaubt ist und was nicht. Zumindest sollten sie die Entscheidung darüber nicht allein fällen dürfen.