Zukunftsvision : Die analoge Welt ist nur die halbe Realität

Google plant unsichtbare Computer und ein allgegenwärtiges Netz – "Augmented reality" wird zum Standard. Wer das nicht will, dem bleibt nur eine "reduced reality".

Google möchte allgegenwärtig sein. Es mag zunächst seltsam klingen, aber um das zu erreichen, will Googles Verwaltungsratschef Eric Schmidt den Menschen die Computer wegnehmen. Er will die Computer verstecken. Was er den Menschen dafür geben will, ist eine neue Form der Realität. Eine, in der die analoge Umgebung selbstverständlich mit digitalen Informationen angereichert ist. Was heute noch augmented reality heißt, soll der Normalfall werden. Was heute der Normalfall ist, wird dann vielleicht "reduced reality" genannt werden – reduzierte Realität.

"Irgendwann wird die Technik einfach verschwinden", sagte Schmidt vor Kurzem bei einer Google-Konferenz in Arizona . "Ich meine damit nicht, dass sie weg ist. Technik wird einfach alles durchtränken." Das Internet werde alles sein und nichts. "Es wird wie Elektrizität sein, die wir heute ja auch schon als selbstverständlich ansehen." Das sei Googles ultimatives Ziel.

So ähnlich schrieb es zuletzt auch die New York Times – und berief sich dabei wiederum auf die Ideen von Google-Ingenieuren: "Computer werden nicht länger Geräte sein, die wir anschalten. Sie werden so in unsere Alltagsumgebung integriert sein, dass wir sie benutzen können, ohne einen Finger zu rühren."

Dieses Unsichtbarwerden der Technik wird Auswirkungen haben, die weit über die Bedienung der Hardware hinausgehen, und weit über Geschäftsmodelle von Suchmaschinenbetreibern, die allgegenwärtig sein wollen. Denn je unauffälliger der Computer als Schnittstelle zwischen analoger Welt und digitaler Information wird, desto mehr werden sich beide Ebenen überlagern. Und das wird letztlich den Begriff Realität verändern.

Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Google Glass zum Beispiel, das Smartphone in einem Brillengestell, ist ein Schritt in diese Richtung: Wenn es nicht mehr nötig ist, ein Smartphone in die Hand zu nehmen, weil die Sprachsteuerung ausreicht, wenn es nicht mehr nötig ist, sich den Bildschirm vor die Augen zu halten, weil er die ganze Zeit dort ist, dann tritt die Technik in den Hintergrund . Dann werden die digitalen Informationen, die Google Glass dem Träger liefert, zu einem selbstverständlicheren Teil der Umgebung.

Es müssen nicht unbedingt Bilder oder Texte sein, die auf einem Display flimmern oder direkt ins Auge projiziert werden. Computer können heute schon sprechen und werden es bald sehr viel besser können. Sie werden Informationen zu Dingen in der Umgebung anbieten, durchaus auch ohne danach gefragt zu werden. Gesten werden zur Aktivierung ausreichen, aber auch der Tonfall eines Menschen oder andere Anzeichen für seine derzeitige Stimmung .

Die Realität mit Daten wird der Normalfall

Versuche, Computern über irgendeine Art von Sensoren den Kontext einer Situation begreiflich zu machen, so dass sie darauf reagieren können, gibt es längst. Natürlich arbeitet auch Google an solchen intelligenten Helfern, die gar nicht mehr gefragt werden müssen, bevor sie aktiv werden .

Heute existiert ein sogenannter digitaler Graben zwischen jenen, die sich im Netz bewegen und es im Alltag nutzen, und jenen, die das nicht oder nur eingeschränkt tun. Dieser Graben wird irgendwann zwischen denen verlaufen, die ihre analoge Umgebung permanent mit digitalen Zusätzen anreichern, und denen, die solche Zusätze herausfiltern möchten. Was sie dann noch zu sehen bekommen, könnte diminished reality oder eben reduced reality genannt werden. Früher oder später dürfte das durchaus abwertend gemeint sein.

Setzt sich dieses Konzept durch, wird augmented reality – die erweiterte Realität – in Zukunft einfach nur die Realität sein. Für diejenigen, die es wollen, wird es der Normalfall sein, sich Daten aus dem Netz über die Ansicht der Welt zu legen, so wie es heute für viele der Normalfall ist, permanent online zu sein.

Ein Gradmesser für die Akzeptanz dieser Technik wird sein, ob man die erweiterte Realität standardmäßig aktivieren oder deaktivieren muss – opt-in oder opt-out . Die Entwicklung der vergangenen Jahre deutet eher auf ein opt-out hin: Denn wer heute ein Smartphone benutzt, sagt nicht mehr "Ich gehe ins Internet". Das Gerät ist ja immer online, sofern es eine Verbindung aufbauen kann.

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Kommentare

186 Kommentare Seite 1 von 32 Kommentieren

Zustimmung!

Wollte keine Kritik am Artikel üben. Im Gegenteil, ich finde die Darstellung gut und übersichtlich.
Aber ich stimme ihnen vollkommen zu, dass sich der Mensch durch den zunehmenden Gebrauch von Technik immer mehr in eine Abhängigkeit begibt, die gefährlich sein kann. Ich gehe davon aus, dass vielmehr Kapazitäten des Fortschritts genutzt werden, als gemeinhin bekannt bzw. bewusst ist.

Dieser Punkt ist schon lange überschritten

> Aber ich stimme ihnen vollkommen zu, dass sich der Mensch durch den zunehmenden Gebrauch von Technik immer mehr in eine Abhängigkeit begibt, die gefährlich sein kann.

Wenn man heute auf einen Schlag die Technik abschalten würde, dann würden sehr, sehr, viele Menschen, vor allem in Industrie(IT)ländern recht schnell verhungern und verdursten. Was die Vernetzung angeht, die ist heute schon so hoch, dass es eigentlich keinen Unterschied mehr macht. Ist ja auch recht gut dargestellt, das Smartphone wird lediglich weiter "integriert". Und das wird so kommen, da bin ich recht zuversichtlich.

Überwachung

"Soll heißen: Technik, die das Leben bequemer macht, wird auch genutzt."

das klingt so als wäre es unumgänglich, entweder nicht nutzen oder damit leben,

die Realitt ist dass es allein die Schuld des Gesetzgebers ist,
solche Tendenzen zu fördern und auch nicht teilweise strukturell zu entschärfen, was möglich wäre

man kann bei Software, die nicht nach Durchsicht des Quellcodes auf ein abgekapseltes System kopiert wird, nie 100% sicher sein,
aber man zumindest die Überwachung gesetzlich verbieten, bei Aufdeckung in signiert zugelassener Software des Herstellers schwere Strafen verhängen

das Internet hat keine Landesgrenzen sagt man, aber wenn Apple in Deutschland Smartphones verkauft, dann gibt es Läden, Angestellte, Konten, eingetragene Firmen usw.,
bei großen Firmen kann man immer ansetzen

eine strukturelle Verbesserung wäre z.B. wieder die Erlaubnis von anonymen Handys, zumindest erstmal zum reinen Telefonieren, mit Bargeld gekaufte Prepaid-Sim-Karten,

niemand muss Sprache über Telefon verfolgen, damit KANN keine ernsthafte Straftat begangen werden, ähnlich Post:
Beleidigungen + Fehlalarme verkraften, Vertragsabschlüsse sind ungültig, Konto-Abbuchungen ohne Freigabe zu verhindern,

gegen Trötenangriffe müssen die Handys selber Schutz bieten, Schwerverbrecher sind eh schlau, nur Normalbürger trifft die Überwachung

im gesamten Internet etwas kritischer, im Grunde auch viel möglich, aber das kann ich mir mal ersparen, eh kein Platz mehr ;)

bei heutigen Handys kann ein ängstlicher Mensch aber

die Batterie herausnehmen oder es gar gleich zu Hause lassen, falls er Bspw. auf ein Gewerkchaftstreffen etc. geht. Hat man nun Google als Implantat oder fest integriert in der Haustechnik, verfügt der Mensch über keinerlei Kontrolle mehr. Es wird sich noch herausstellen ob diese Technik den großen Durchbruch erreichen wird. Der Mensch ist hier (meiner Meinung nach) nicht genügend weit entwickelt. Dazu benötigt man eine für alle zufriedenstellend sichere Gesellschaft, ohne "Hadespolitik". Ich persönlich würde mich wohl nur für jene Technik entscheiden, welche ich auch vom Hals habe, so ich jene gerade nicht als permanenten Begleiter wünsche.

mfG Vidarr

Der Witz an der Geschichte soll ja sein, dass nicht sie

zu dieser Realität kommen sollen, sondern, dass diese Realität sie ummantelt ohne dass sie es merken. Das ist das Ziel. Sie selbst müssen dazu gar nichts betragen. Und wenn sie es nicht wünschen, dann haben sie einfach weniger Input, ansonsten ändert sich nichts.

Als beispiel, sie stehen vor irgendeien Sehenswürdigkeit und in ihrer Googlebrille bekommen sie umgehend den entsprechenden Wikipediaartikel eingeblendet. Wenn sie dies denn wollen.

Das alles ist nicht schlecht und aufgrund des schleichenden Prozesses ja schon lange Realität. Man muss ich nur anschauen welche Rechnerprozesse mitlerweile in einem Auto werkeln, seltsam, dass es noch immer nicht viel mehr als von A nach B fahren kann ;-)

Davon ab, die Gefahr an dieser Vision, die ich als realistisch einschätze, ist lediglich die Matrix.

Die Frage ist doch eher, ob Sie...

"... Mag albern klingen,
aber ich empfinde die Realität, trotz allem, als ziemlich befriedigend; da braucht es keine Erweiterung und kein Update.

Auf augmented reality werde ich dann und nur dann umstellen, wenn man digitales Brot essen kann...."

... überhaupt noch die Wahl haben werden. Und bis zum "digitalen Brot" ist es gar nicht mal so weit hin, wie Sie vielleicht glauben:

"... Herkömmliche Fleischproduktion setzt Treibhausgase frei, verbraucht Land, tötet Tiere. Ein Wissenschaftler von der Universität von Missouri will die Lösung die gefunden haben: Fleisch aus dem Labor - keine künstliche Nachahmung, sondern richtiges Fleisch. Der Clou: Es soll aus dem 3D-Drucker kommen...."

http://www.dradio.de/dlf/...

Ach was...

früher wurde auch das Auto als gigantischer Wandel verkauft - Vorraussagen reichten vom "Massengrab Straßenverkehr" bis "Meilenstein in der Evolution des Menschen". Letzten Endes wurde über Jahrzehnte hinweg alles etwas hektischer und dafür verschwanden die Pferdeäpfel aus dem Straßenbild.

So enorm, wie der angekündigte Wandel durch die (WAHNSINNING innovative) Sprachsteuerung Siri wird auch der Wandel durch interfacebewehrte Brillen und sprechende Kühlschränke: Sehr langsam aber stetig werden sie als zuwachst von Lebensqualität in den meisten Haushalten einziehen.

Immerhin müssen die Leute ihre Sms dann nicht mehr durch die S-Bahn schreien, sondern können erstmal ein richtiges Gespräch mit ihrer Wurst-mit-Gesicht führen. Ich bin gespannt, was die zu sagen hat.

Bis dahin werde ich diese nette Zukunftsanekdote nicht überbewerten, es werden noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. Und auch daran wird die Welt nicht zugrunde gehen.

Ausprobieren werde ich den ganzen Schnickschnack garantiert auch. Spätestens wenn beim Spazieren ein Pop-up auf meinem rechten Auge den Laternenpfahl verdeckt hat, schalte ich aber wieder auf die Realität um, an der man sich den Kopf anschlagen kann.