Zukunftsvision : Die analoge Welt ist nur die halbe Realität
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Auch beim Digitalisieren der Umgebung ist Google Vorreiter

Das alles wird nicht von heute auf morgen passieren. Die Entwicklung der entsprechenden Hardware beginnt gerade. Außerdem setzt die Verschmelzung von analoger und digitaler Welt eine Annäherung auch jenseits der Geräte voraus.

Diese Annäherung wird darin bestehen, immer mehr Umgebung zu digitalisieren. Auch hier ist Google ein Vorreiter: Street View etwa dient längst nicht mehr nur dazu, Häuserfassaden abzufotografieren. Google wird immer besser darin, alles zu erkennen und in seinen Kartendienst Google Maps einfließen zu lassen, was auf den Street-View-Bildern zu sehen ist: Schilder, Schriftzüge, Marken – eben alles, was aus Buchstaben besteht. Man müsse sich die Street-View-Autos wie die frühen Webcrawler vorstellen, die Internetseiten nach Wörtern durchsuchten, schrieb das Magazin The Atlantic im September.

Google Glass könnte dieses Prinzip hinter den Häuserfassaden weiterführen, innerhalb der Gebäude. Was ein Google-Glass-Träger dort mit der integrierten Kamera aufnimmt, kann digitalisiert und nach verwertbaren Hinweisen durchsucht werden. Diese werden dann verknüpft mit passenden Zusatzinformationen, die in der analogen Welt nicht sichtbar sind. Anders gesagt: Die erweiterte Realität benötigt als Basis eine digitalisierte Umgebung.

Die Welt besteht aber nicht nur aus Objekten (und Personen), die sich auf Fotos festhalten und erkennen lassen. Auch Geräusche sind Teil der Umgebung, auch sie lassen sich digitalisieren und mit etwas anderem verknüpfen. Das könnte im Prinzip so funktionieren wie jetzt in der iPad-App MindMeld . Die hört immer zu, wenn jemand ihre Videochat-Funktion nutzt. Dabei analysiert sie, was gesagt wird, und sucht passende weiterführende Informationen, ohne danach gefragt zu werden.

Bausteine für solche semantischen Analysen sind auch Apples Siri , der IBM-Supercomputer Watson , der bereits Anfang 2011 zwei Menschen in der Quizshow Jepopardy besiegte, und natürlich Googles Spracherkennung.

Das Netz als Gesprächspartner

Wenn es nach Google geht, werden die Sensoren, die zusehen und zuhören, und die Bildschirme oder Lautsprecher, die antworten, nicht mehr die Form eines Smartphones oder Tablets haben. Sie müssen also nicht mehr von Ort zu Ort getragen werden, sie werden schon da sein, in den Wänden oder Möbeln. "Im nächsten Schritt, und darauf freuen wir uns schon, werden Google und die benötigten Informationen hier bei uns im Zimmer sein", sagte Google-Ingenieur Scott Huffman der New York Times . "Während wir reden, sagen wir einfach 'Hey Google ...' – und Google antwortet auf einem Display oder per Sprachausgabe."

In der Fernsehserie Star Trek wurde so etwas schon vor Jahren gedacht. Wer auf den Raumschiffen der Science-Fiction-Oper auf Daten zugreifen will, sagt an jedem beliebigen Ort lediglich "Computer". Huffman will genau so etwas, er will eine Künstliche Intelligenz zum normalen Gesprächspartner befördern. Was heute das Internet genannt wird, soll als Bestandteil der Umgebung wahrgenommen werden.

Wie gut das Google oder einem anderen Unternehmen gelingt, hängt davon ab, ob die Menschen die derzeitige Grenze zwischen analoger und digitaler Welt vergessen wollen – nämlich die Benutzeroberflächen ihrer Computer. Wer einen Computer in die Hand nimmt, kann ihn auch wieder loslassen und damit die digitalen Informationen aus seinem Wahrnehmungsfeld entfernen. Je integrierter Computer sind, desto seltener dürfte das werden. Eric Schmidt und seine Ingenieure wollen den Menschen die Computer wegnehmen, eben weil es schwierig ist, etwas loszulassen, das man nicht in der Hand hat.

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Kommentare

186 Kommentare Seite 1 von 32 Kommentieren

Zustimmung!

Wollte keine Kritik am Artikel üben. Im Gegenteil, ich finde die Darstellung gut und übersichtlich.
Aber ich stimme ihnen vollkommen zu, dass sich der Mensch durch den zunehmenden Gebrauch von Technik immer mehr in eine Abhängigkeit begibt, die gefährlich sein kann. Ich gehe davon aus, dass vielmehr Kapazitäten des Fortschritts genutzt werden, als gemeinhin bekannt bzw. bewusst ist.

Dieser Punkt ist schon lange überschritten

> Aber ich stimme ihnen vollkommen zu, dass sich der Mensch durch den zunehmenden Gebrauch von Technik immer mehr in eine Abhängigkeit begibt, die gefährlich sein kann.

Wenn man heute auf einen Schlag die Technik abschalten würde, dann würden sehr, sehr, viele Menschen, vor allem in Industrie(IT)ländern recht schnell verhungern und verdursten. Was die Vernetzung angeht, die ist heute schon so hoch, dass es eigentlich keinen Unterschied mehr macht. Ist ja auch recht gut dargestellt, das Smartphone wird lediglich weiter "integriert". Und das wird so kommen, da bin ich recht zuversichtlich.

Überwachung

"Soll heißen: Technik, die das Leben bequemer macht, wird auch genutzt."

das klingt so als wäre es unumgänglich, entweder nicht nutzen oder damit leben,

die Realitt ist dass es allein die Schuld des Gesetzgebers ist,
solche Tendenzen zu fördern und auch nicht teilweise strukturell zu entschärfen, was möglich wäre

man kann bei Software, die nicht nach Durchsicht des Quellcodes auf ein abgekapseltes System kopiert wird, nie 100% sicher sein,
aber man zumindest die Überwachung gesetzlich verbieten, bei Aufdeckung in signiert zugelassener Software des Herstellers schwere Strafen verhängen

das Internet hat keine Landesgrenzen sagt man, aber wenn Apple in Deutschland Smartphones verkauft, dann gibt es Läden, Angestellte, Konten, eingetragene Firmen usw.,
bei großen Firmen kann man immer ansetzen

eine strukturelle Verbesserung wäre z.B. wieder die Erlaubnis von anonymen Handys, zumindest erstmal zum reinen Telefonieren, mit Bargeld gekaufte Prepaid-Sim-Karten,

niemand muss Sprache über Telefon verfolgen, damit KANN keine ernsthafte Straftat begangen werden, ähnlich Post:
Beleidigungen + Fehlalarme verkraften, Vertragsabschlüsse sind ungültig, Konto-Abbuchungen ohne Freigabe zu verhindern,

gegen Trötenangriffe müssen die Handys selber Schutz bieten, Schwerverbrecher sind eh schlau, nur Normalbürger trifft die Überwachung

im gesamten Internet etwas kritischer, im Grunde auch viel möglich, aber das kann ich mir mal ersparen, eh kein Platz mehr ;)

bei heutigen Handys kann ein ängstlicher Mensch aber

die Batterie herausnehmen oder es gar gleich zu Hause lassen, falls er Bspw. auf ein Gewerkchaftstreffen etc. geht. Hat man nun Google als Implantat oder fest integriert in der Haustechnik, verfügt der Mensch über keinerlei Kontrolle mehr. Es wird sich noch herausstellen ob diese Technik den großen Durchbruch erreichen wird. Der Mensch ist hier (meiner Meinung nach) nicht genügend weit entwickelt. Dazu benötigt man eine für alle zufriedenstellend sichere Gesellschaft, ohne "Hadespolitik". Ich persönlich würde mich wohl nur für jene Technik entscheiden, welche ich auch vom Hals habe, so ich jene gerade nicht als permanenten Begleiter wünsche.

mfG Vidarr

Der Witz an der Geschichte soll ja sein, dass nicht sie

zu dieser Realität kommen sollen, sondern, dass diese Realität sie ummantelt ohne dass sie es merken. Das ist das Ziel. Sie selbst müssen dazu gar nichts betragen. Und wenn sie es nicht wünschen, dann haben sie einfach weniger Input, ansonsten ändert sich nichts.

Als beispiel, sie stehen vor irgendeien Sehenswürdigkeit und in ihrer Googlebrille bekommen sie umgehend den entsprechenden Wikipediaartikel eingeblendet. Wenn sie dies denn wollen.

Das alles ist nicht schlecht und aufgrund des schleichenden Prozesses ja schon lange Realität. Man muss ich nur anschauen welche Rechnerprozesse mitlerweile in einem Auto werkeln, seltsam, dass es noch immer nicht viel mehr als von A nach B fahren kann ;-)

Davon ab, die Gefahr an dieser Vision, die ich als realistisch einschätze, ist lediglich die Matrix.

Die Frage ist doch eher, ob Sie...

"... Mag albern klingen,
aber ich empfinde die Realität, trotz allem, als ziemlich befriedigend; da braucht es keine Erweiterung und kein Update.

Auf augmented reality werde ich dann und nur dann umstellen, wenn man digitales Brot essen kann...."

... überhaupt noch die Wahl haben werden. Und bis zum "digitalen Brot" ist es gar nicht mal so weit hin, wie Sie vielleicht glauben:

"... Herkömmliche Fleischproduktion setzt Treibhausgase frei, verbraucht Land, tötet Tiere. Ein Wissenschaftler von der Universität von Missouri will die Lösung die gefunden haben: Fleisch aus dem Labor - keine künstliche Nachahmung, sondern richtiges Fleisch. Der Clou: Es soll aus dem 3D-Drucker kommen...."

http://www.dradio.de/dlf/...

Ach was...

früher wurde auch das Auto als gigantischer Wandel verkauft - Vorraussagen reichten vom "Massengrab Straßenverkehr" bis "Meilenstein in der Evolution des Menschen". Letzten Endes wurde über Jahrzehnte hinweg alles etwas hektischer und dafür verschwanden die Pferdeäpfel aus dem Straßenbild.

So enorm, wie der angekündigte Wandel durch die (WAHNSINNING innovative) Sprachsteuerung Siri wird auch der Wandel durch interfacebewehrte Brillen und sprechende Kühlschränke: Sehr langsam aber stetig werden sie als zuwachst von Lebensqualität in den meisten Haushalten einziehen.

Immerhin müssen die Leute ihre Sms dann nicht mehr durch die S-Bahn schreien, sondern können erstmal ein richtiges Gespräch mit ihrer Wurst-mit-Gesicht führen. Ich bin gespannt, was die zu sagen hat.

Bis dahin werde ich diese nette Zukunftsanekdote nicht überbewerten, es werden noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. Und auch daran wird die Welt nicht zugrunde gehen.

Ausprobieren werde ich den ganzen Schnickschnack garantiert auch. Spätestens wenn beim Spazieren ein Pop-up auf meinem rechten Auge den Laternenpfahl verdeckt hat, schalte ich aber wieder auf die Realität um, an der man sich den Kopf anschlagen kann.