Illegale KopienHarvard-Professor Lessig fordert Urheberrecht fürs Netz

Der Krieg gegen illegale Kopien ist sinnlos und gefährlich, sagt Lawrence Lessig. Er fordert einen Friedensvertrag und ein neues Urheberrecht für die digitale Ära. von 

Lawrence Lessig

Lawrence Lessig  |  © Neilson Barnard/Getty Images

Das Urheberrecht müsse endlich die Tatsache anerkennen, dass es das Internet gibt, fordert Lawrence Lessig. Seit Jahren kämpft der Harvard-Professor für neue Urheberrechtsmodelle und nutzt als Beleg für deren Notwendigkeit die Remix-Kultur – das Abmischen bestehender Elemente zu einem neuen Werk. Denn dank des Netzes ist es leicht, Bestehendes zu kopieren und neu zusammenzubauen.

Für die Musikindustrie sind solche Neumischungen regelmäßig Anlass für Prozesse. Wegen eines Drei-Sekunden-Schnipsels aus ihrem Song "Metall auf Metall" klagte die Band Kraftwerk gar bis vor den Bundesgerichtshof und bekam recht . Für Lessig ist das galoppierender Wahnsinn. Wir sollten Remixe fördern, fordert er. Denn das sei letztlich eine Frage der Freiheit, und diese Kulturtechnik würde die Gesellschaft auch nicht zerstören, wie es die Gegner behaupteten, sondern sie voranbringen.

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Lessig ist Professor für Recht an der Universität Harvard und Gründer der alternativen Urheberrechtsinitiative Creative Commons . Er lehnt das Urheberrecht nicht ab, will es auch nicht abschaffen. Er sei kein "Abolitionist", wie er es beim netzpolitischen Kongress der Grünen im Bundestag gerade nannte. "Ich glaube an die Notwendigkeit des Urheberrechts", sagte er. 

Doch diene Recht der Regulierung von Technik. Und wenn die Technik sich ändere, müsse eben auch die Regulierung geändert werden, um noch ihren Zweck zu erfüllen. "Leider wird das beim Thema Copyright gerne vergessen", sagte Lessig. Dort werde mit Gesetzen aus der analogen Ära versucht, die digitale Ära zu regulieren. Doch ein Fakt lasse sich nicht mehr leugnen: "Es gibt ein Netz." Nun sei das Recht dran, sich zu ändern.

Kampf gegen Kopie ist verloren

Copyrights seien einst erfunden worden, um Autoren zu schützen. Das täten sie längst nicht mehr. Autoren würden von all diesen Regeln inzwischen am wenigsten profitieren. Das Urheberrecht diene immer häufiger dazu, Kreativität zu verhindern und zu beschneiden. "Es ist höchste Zeit, die Architektur des Urheberrechts zu überdenken."

Dass durch dieses Netz unerlaubtes Kopieren von geschützten Werken in den vergangenen fünfzehn Jahren zu einem massenhaften Phänomen geworden ist, bestreitet Lessig nicht. In seinen Augen belegt diese Tatsache aber nur seine These. Allerdings ist seine Schlussfolgerung eine andere als die vieler Verbände und Politiker. Die haben einen regelrechten "Krieg gegen die Raubkopie" ausgerufen und fordern immer neue Gesetze , um die Täter, oft Kinder und Jugendliche, zu finden und zu bestrafen.

Urheberrecht für Anfänger

Was ist ein Aggregator, warum wird die Gema kritisiert und wie viel verdienen Künstler am Verkauf von USB-Sticks mit? Unser Glossar zum Urheberrecht erklärt die wichtigsten Begriffe aus der Urheberrechtsdebatte von A wie Abmahnanwalt bis Z wie Zitate.

Lessig hält diesen Kampf für gefährlich und kontraproduktiv. Der sei längst verloren und führe nur dazu, dass das Recht weiter erodiere und niemand es mehr achte. Statt immer neue Waffen aufzufahren, sei es Zeit, einen Frieden mit den Gegnern zu verhandeln. Private Kopien, die nicht einem klaren Geschäftsinteresse gelten, will Lessig freigeben. Künstler und Nutzer hätten nichts von den Verboten, profitieren würden von dem Krieg allein die Anwälte.

Europa als Hoffnung

Ganz abgesehen davon sei das Urheberrecht ineffektiv und kompliziert. "Nicht einmal ich verstehe dieses System, und ich lehre das Thema", sagte Lessig. Das Urheberrecht müsse einfacher, gezielter und effizienter werden. (Mehr dazu hier im Interview mit Lawrence Lessig.) Dazu brauche es politische Führung. Die USA seien in diesem Punkt hoffnungslos. "Aber Sie können uns führen", sagte Lessig den Anwesenden im Bundestag. "Die EU kann uns führen." Es gebe ein Netz. "Jetzt brauchen wir ein Urheberrecht für das Netz."

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Leserkommentare
  1. Das "Premium-Segment" war immer sehr gut alimentiert.

    Das Problem ist doch heute eher, dass man aus jedem "Stoff" gleich einben Blockbuster machen will.

    Wehe es floppt dann.

    Man könnte sich durchaus mal eine Korrelaition ansehen "was" denn "verfolgt" wird und "wer" vrerfolgen läßt.

    • oh.stv
    • 23. Oktober 2012 1:58 Uhr

    15thMD zustimmen.

    Keine qualitative Musik? Keine guten Filme? Ich weiss ja nicht wo sie danach suchen aber meiner Meinung nach gab es nie in der Geschichte der Menschheit mehr qualitativ hochwertige Musik und Filme.

    Ich mag vielleicht naiv sein, aber ich Denke sogar dass wirklich gute Musik in erster Linie nicht gemacht wird um Geld zu verdienen sonder aus Leidenschaft zur Kreativität.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Natürlich..."
    • tinnef
    • 23. Oktober 2012 8:36 Uhr

    Einlassungen haben sie sicherlich Recht, aber das ist auch nichts Neues.
    Und die Grünen zeigen doch in BW eindrucksvoll, dass sie es nicht können. Wohingegen das Problem der Piraten ist, dass sie keinen Plan haben, was bei der personellen Decke auch nicht verwundert.

    Nur mit Havard liegen sie etwas falsch, einfach mal besser informieren wer dort alles studieren kann und das Dank des sozialen Charakters Ehemaliger. Ist übrigens an anderen Elite-Universitäten in Nordamerika auch. Da ist das dt. Bildungssystem asozial gegen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    keine Sorge.
    Die einseitige Werbung für den NEtzdialog hatte dennoch ein Geschmäckle, wie der Schwabe sagt.

    Immer zu unterstellen , ich sei dumm , ist auch nicht gerade galant. Das mag zwar so sein, aber mit der Harvard Universität kenne ich mich eigentlch gut aus.

    affirmative action und legacy Regeln ,sehe ich nicht als Zeichen für besonders gerechte Auswahl . Übrigens die Mehrheit der amerikaner auch nicht.
    Also dieses Romantisieren des amerikanischen Bildungssystems ist einfach lächerlich: die bohren recht dünner Bretter.
    Die angeblichen Eliteuniversitäten sind wissenschaftlich nicht so toll, in der bEtreung sind sie es, was man für 30 Kilo Euro auch erwarten kann.
    Und , da ich selbst in Princeton studieren: unter 50 K wird ja zur Außenwirkung die GEbühren erlassen. Da werden aber eben auch Finanzanlagen etc. veranlagt

  2. Redaktion

    Sehr geehrte/-r riemannscheSumme,

    mir ist nicht ganz so klar, wie Sie von einem Artikel über Lawrence Lessig und Creative Commons auf die Piratenpartei kommen - beziehungsweise auf den von Ihnen implizierten Vorwurf, der Text sei Werbung für die Grünen und eine Verunglimpfung der Piratenpartei.

    In dem Text geht es allein um das Urheberrecht, das Internet und Creative Commons - unabhängig von irgendeiner Partei. Lessig ist nicht nur Gründer dieser Initiative, sondern auch ein anerkannter Experte für Verfassungs- und Urheberrecht, der unter anderem am US Supreme Court zu diesen Themen gearbeitet hat. Er hat, finde ich, zu diesem Thema etwas zu sagen und daher habe ich die von den Grünen geschaffene Möglichkeit genutzt, mir das anzuhören und darüber zu schreiben. Denn ich finde, das sind Thesen, die eine größere Öffentlichkeit verdient haben. Ich halte das für Berichterstattung.

    Ich weiß nicht, was Sie an Lessig und seinen Haltungen stört, aber ich finde Ihren Kommentar zu dem Text unpassend und ungerechtfertigt. Daher wurden zwei frühere Kommentare von Ihnen auch gelöscht. So besser?

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    4 Leserempfehlungen
  3. "Nicht einmal ich verstehe dieses System, und ich lehre das Thema", sagte Lessig.

    Bin Musiker, suche Veränderung und möchte mich an seiner Uni als Physik-Prof. bewerben - kennt jemand diesen Typen?

  4. Es ist ein Irrglaube, dass Raubkopierer zu Käufern werden, wenn es die Raubkopien nicht gäbe.

    Wie auch? Viele davon sind Schüler, diese haben gar nicht das nötige Kleingeld um die ganzen Spiele zu kaufen.

    Um nur mal eine Zielgruppe zu nennen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "schon gewagt."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Alle Studien die es zu dem Thema gibt sagen einhellig aus daß Filesharer im Durchschnitt mehr für Musik und Filme ausgeben als andere.
    Viele geben auch an daß sie das meiste was sie runterladen nur einmal anhören gefällt es nicht wird es gelöscht, gefällt es kauft man sich das Original, alleine schon wegen der Widergabequalität, natürlich gefällt nicht alles. Dann gibt es auch noch die "Jäger und Sammler" die laden alles wahllos herunter nur um es zu besitzen aber das sind dann solche Mengen das sie gar nicht alles Konsumieren können, die kaufen natürlich auch nichts, denen geht es ja auch nicht um die Musik oder den Film sondern nur um das Sammeln.
    Die die einfach kein Geld haben um sich entsprechende Medieninhalte kaufen zu können gibt es natürlich auch, so wie früher auch, da haben wir die neuesten Alben auf dem Schulhof getauscht und auf Kassette kopiert oder aus dem Radio aufgenommen, heute versorgen sich die Kids eben aus dem Netz.

    • 15thMD
    • 23. Oktober 2012 19:40 Uhr

    Die Schüler, Studenten (um eine weitere Zielgruppe zu nennen) und andere junge Menschen (Auszubildende etc.) sind doch eben auch die, die die Konzerthallen von vielen Künstlern füllen und die Rock am Ring und viele viele andere Festivals mit ihren Zelten bevölkern.

    Musik wird und wurde schon immer geteilt und der klassische Musiktipp kam doch schon immer von Freunden oder zur Zeit des weniger liberalen Radios in Deutschland von Radio Luxemburg oder der hohen See.
    Heute kommt man eben online mit neuer Musik in Berührung. Foren, Soundcloud und YouTube-Channel kommen zu Tipps von Freunden hinzu.

    Und nur über Verbreitung von Musik bekommt man Konzerthallen voll. Was wäre viele der heute bekannten und dazu reichen Künstler ohne Filesharing.
    Und heute lassen einige genau deswegen abmahnen und die GEMA sperrt genau die Videos, durch die sie bekannt wurden. Pervers ist das.
    Einige Musiker laden inzwischen ihre Musik zusätzlich zu YT auf Vimeo und posten es auf Facebook mit dem Satz "für unsere deutschen Fans".

    Ich bin ein wenig von den SChülern abgeschweift, aber das musste gesagt werden. ;)

  5. "Es ist ein Irrglaube, dass Raubkopierer zu Käufern werden, wenn es die Raubkopien nicht gäbe."

    > Können Sie den den behaupteten Irrglauben belegen?
    Eigentlich belegen die mir bekannten Untersuchungen (die einem so begegnen) dass die Gruppe der bösen Filesharer mehr Geld für Musik, Filme ausgeben, als die anderen.
    Für jedes Individuum gilt das natürlich nicht (wie immer halt).

    "Viele davon sind Schüler, diese haben gar nicht das nötige Kleingeld um die ganzen Spiele zu kaufen."

    > richtig. Und? Schüler haben noch nie viele Medien kaufen können. Schüler haben immer kopiert. Gäbe es kein Filesharing, hätten Schüler auch nicht mehr Geld.

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Grüne | Architektur | Europäische Union | Recht | Bundesgerichtshof | Bundestag
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