Trolle : Von der Enttarnung eines Reddit-Trolls

Ein anonymer Reddit-Moderator, der Pornos und Gewalt gepostet hatte, flog auf und verlor seinen Job. Nun wird über Meinungsfreiheit debattiert. Dabei geht es darum nicht.
Michael Brutsch, ein ehemaliger Moderator bei Reddit, der als Troll enttarnt wurde. © CNN / Screenshot ZEIT ONLINE

Wo endet Meinungsfreiheit, wo beginnt Zensur? Was dürfen Onlineportale zeigen, was sollten sie verbannen? In den USA werden diese Fragen gerade heftig diskutiert . Auslöser ist ein Troll – jemand also, der es darauf anlegt, andere zu provozieren.

Michael Brutsch ist 49, lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Texas und arbeitet als Programmierer; beziehungsweise arbeitete, denn als seine Identität aufgedeckt wurde, verlor er seinen Job. Brutsch hatte unter dem Pseudonym Violentacrez jahrelang Fotos und Kommentare bei der Plattform Reddit gepostet, die geeignet sind, bei unbedarften Betrachtern heftige Emotionen auszulösen.

Brutsch schuf und betreute Unterforen, die Bilder getöteter Kinder zeigen, heimlich gemachte Aufnahmen von Teenagern in Unterwäsche oder von Frauen, die beim Sex gewürgt oder von Männern geschlagen werden. Er machte rassistische und sexistische Witze. Mit all dem war er ziemlich erfolgreich: Seine Beiträge und Unterforen bekamen bei Reddit viele Klicks und landeten immer wieder auf der Homepage.

Die dunklen Seiten des Netzes

Es gibt solche Foren, seit es das Internet gibt, denn es gibt solche Menschen. Seit 1996 beispielsweise zeigt rotten.com "pure evil" , wie die Betreiber werben, das reine Böse also: Bilder von Unfällen, Morden, Toten. Seit 2003 gibt es 4chan , das anonym und nahezu unmoderiert jeden Inhalt zulässt. Auch hier sammeln sich diverse Schrecklichkeiten, allerhand Pornografie und viel seltsamer Humor. Und das sind nur zwei der bekanntesten Beispiele.

Solche Foren sind Nischen, sie gelten als die dunkle Seite des Internets. Sie werden geduldet, solange kein Gesetz verletzt wird und beispielsweise Kinderpornografie verbreitet wird. Wer diese Inhalte nicht sehen will, geht eben nicht dorthin. Aufregung gibt es darüber eigentlich keine. Doch die Aufregung um Brutsch ist jetzt ziemlich groß, aus mehreren Gründen.

Erstens gibt es Aufregung über seine Postings selbst. Allerdings nicht, weil er ein Troll ist, also provozieren will. Dieses Verhalten wird im Internet zwar von der Masse der Nutzer nicht gemocht , aber als Teil des Konzeptes von anonymer Kommunikation akzeptiert. Im Trollen lässt sich im Zweifel sogar etwas Sinnvolles sehen .

Brutschs Postings waren, wie oft bei Trollen, weder schön noch wertvoll; sie bedienten seine sexuellen Fantasien und zeigten seinen Spaß am Bloßstellen und Erniedrigen von Menschen. Ansehen gewann er damit nicht. In einem Interview mit CNN formulierte er denn auch so etwas wie eine Entschuldigung : Er habe Fehler gemacht; er sei süchtig gewesen nach Reddit, nach der Aufmerksamkeit, die seine Beträge dort genossen, sagte Brutsch. Die große Zahl der Zuseher habe ihn bestärkt, immer weiter zu machen. 

Zweitens rührt die Aufregung daher, dass Reddit keine Nische mehr ist, sondern eine riesige, nahezu öffentliche Plattform.

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Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Danke für diesen Artikel! Seit ich zum ersten Mal auf "Schockseiten" wie rotten landete (mit 16, Mitte der 90er) stelle ich mir die Frage wie mit den dunklen Seiten des Internets umzugehen ist.

Die heruntergekommene Straße mit den Drogendealern, oder den Sexshop um die Ecke, das sind alles Orte um die man einen Bogen machen bzw. seinen Kindern einfach verbieten kann. Auf reddit sind Unterseiten wie "spacedicks" oder das wirklich abstoßende "deadkids" stets nur einen Klick entfernt, und ohne konstant hinter seinem Kind zu sitzen lässt sich nie kontrollieren was es sich anssieht.

Ich denke man muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass kleine Kinder versehentlich in solche Abgründe stolpern, von alleine kehrt machen und evtl später die Eltern darauf ansprechen und Fragen stellen. Ebenso muss man sich daran gewöhnen, dass jeder 12jährige Junge freiwillig auf die dunkle Seite geht, für Pornos und um die eigenen Grenzen zu testen (siehe Schockseiten).

Jetzt weiß ich nicht mehr worauf ich hinauswollte. Ich bin dann mal wieder weg, auf zu reddit!

Schon mal was von Vanillepudding gehört...

Sehr geehrter besorgter_mitbuerger!

was soll uns Ihre ausgesprochen knappe und nicht im Zusammenhang mit dem Artikel stehende Frage nach einem "Proxy" sagen?

Ich vermute, dass Sie der Ansicht sind, dass der schlichte Einsatz eines Proxys dem unkontrollierten Surf-Verhalten eines massiv triebgesteuerten Heranwachsenden etwas entgegensetzen kann.

Jeder, der einen Proxy installieren kann (oder sich zumindest mit der Materie auskennt), kann ihn auch umgehen. Das ist kein Hexenwerk, sondern erfordert nur einige kleine Einstellungen im Browser (IP-Adresse und Port des Proxies eintragen und Browser sagen, dass er ihn nehmen soll - fertig!).
Und wenn das nicht geht, dann eben ein anderer Browser am besten als PortableApp oder im TOR-Kontext - und auf einem USB-Stick, da können die Eltern ewig suchen!

In der Kinderschar meines Familien- und Freundeskreises sind ausreichende Kenntnisse reichlich vorhanden.
Und in praktisch jeder Klasse gibt es jemanden, der "freien" Zugang hat und der seinen Rechner als Proxy zur Verfügung stellt. Vielleicht auch gegen ein kleines Taschengeld?? Das lässt sich nicht sinnvoll dauerhaft blocken.

Sie sehen: "Hören" bedeutet nicht zwangsläufig "Verstehen".

Wenn in diesem Zusammenhang Ihr "solidarischer Gruß" keine hohle Phrase sein soll, dann müssen Sie sich die Frage gefallen lassen, mit wem oder wozu Sie sich hier solidarisch zeigen wollen.
Besorgte Eltern werden es zumindest nicht sein.

mit "wissendem" Gruß
tsc_saw

Einverstanden...

...Tor, bootfähiger USB Stick etc. alles auch für mich ein Begriff. Aber was sagt uns das? Entweder man ist ein ausgewiesener ITC-SpezialistIn der/die immer klüger ist wie ihre Kinder, diese Konstellation kommt jedoch nur selten vor.
Was also bleibt besorgten Eltern? Meiner Ansicht nach gibt es hier nur eines: Aufklärung! Sagen wie die Sache halt ist! Konkret beim Namen nennen: "Wisst ihr, im Internet gibt es Leute, die veröffentlichen Bilder von Kriegsopfern, aus welchen Gründen weiss ich nicht, solche Bilder vergisst man schwer..." Ein Kind wird wohl, dann nicht danach streben, solche Bilder sich anzusehen. Das ist so denke ich die einzige Möglichkeit, ausser bei "Kleinkindern" einen Adult-Filter einzurichten.

Da gebe ich Ihnen 100%ig Recht!

Trotz ausreichend technischem Wissen kann ich Ihnen keine befriedigende Antwort geben.

Das bereits auch im Artikel erwähnte Ausloten der "Schmerzgrenzen" ist ein Phänomen, dass ja immer schon vorhanden war. Die Abgründe und Motive sind letztlich die gleichen, lediglich der Kanal hat sich verändert.
Der technische Vorsprung vieler Kinder stammt auch und gerade aus der Motivation heraus, ihren Eltern etwas voraus zu haben - einen eigenen Kosmos zu entwickeln, in dem die Eltern keine Kontrolle haben.

Wir werden unsere Kinder letztlich nicht vor dem "Schlechten" in der Welt schützen können und eigentlich
auch nicht wollen. Die eigentlich Frage ist IMHO das Wie.

Ich habe mal auf die schwierige Frage, was Erziehung ist, als Antwort "Charakterbildung" gelesen und finde die Antwort sehr gut.
Ohne belehrend sein zu wollen, denke ich, dass es unser aller Aufgabe ist, Kinder in die Lage zu versetzen, mit diesen Abgründen umzugehen. Ab dem Alter in dem Kinder Computer haben müssen (Schule), wird genau das gebraucht!

Mein eigentliches Problem ist, dass mir die technische Entwicklung den für mich richtigen Zeitpunkt aus der Hand genommen hat. Aber das war wohl auch immer schon so.

Ich halte mich u.a. an die Hoffnung, dass diese Gedanken bereits von allen Eltern vor uns (auch unser beider Eltern) gedacht wurden, dass wir alle unsere Ekel- und sonstigen Grenzen ausgelotet und dass auch wir beide keine bleibenden Schaden davon getragen haben. (toi toi toi)

Gruß
tsc_saw

@22 joselopez: Falscher Weg

Sie schreiben: "Was also bleibt besorgten Eltern? Meiner Ansicht nach gibt es hier nur eines: Aufklärung! Sagen wie die Sache halt ist! Konkret beim Namen nennen:"

Damit erreichen sie genau das Gegenteil des Gewünschten: sie wecken die Neugierde, die über kurz oder lang die Kinder dazu verführt, sich das dann doch anzuschauen, und zwar heimlich. Heimlich deswegen, weil es ja den Wünschen der Eltern zuwiderhandeln.

Dann erst wird die Geschichte wirklich zum Problem und gewinnt schlimmstenfalls ein Eigenleben, das sich jeder Aufarbeitung entzieht.

#31 @lonetal: hat er (Recht)?

Ich muss zugeben, dass ich ein wenig erstaunt bin, dass es gerade hier und bei diesem Thema Erklärungsbedarf zu Begriffen wie "Charakter" oder "Charakterbildung" gibt.

Was erwarten Sie? Eine Definition in einem Satz, die vielleicht in einen Glückskeks oder auf einen Zuckerwürfel passt?
Ich bin mir sicher, dass Sie ganz konkrete Vorstellungen von so schwierigen und komplexen Begriffen, wie "Würde", "Gerechtigkeit" oder "Sicherheit" haben. Würden Sie diese auch in Frage stellen, wenn sie in einem anderen Beitrag als den Ihren auftauchen?

Ich empfehle einfach mal für den Anfang "http://de.wikipedia.org/w..."
Oder hatten Sie gehofft, mich hier bloßstellen zu können?

Ich muss gestehen, dass ich es mir verkniffen habe nach dem Namen "Luhmann" zu googlen. Ich habe keine Lust, mich nach jemanden zu erkundigen, der laut Ihrem Zitat gleich "die Flinte ins erzieherische Korn" wirft.
Ich brauche keine Begründung für mein Versagen, ich suche nach Möglichkeiten des Erfolgs!

Dass es Eltern gibt, die Ihr Vorbild Luhmann ganz offensichtlich sehr ernst und als General-Entschuldigung für das eigene Unvermögen oder schon die bloße Bereitschaft dafür nehmen, erlebe ich tagtäglich.

Auch von daher bin ich nicht erstaunt, dass Sie ausgerechnet der Person Recht geben, die Sie selbst als Zitat angeboten haben und die für Sie "kein Geringerer" ist.
Sie werden es wissen!

So wie ich das durchschnittliche Kind einschätze...

... wird es, zumindest ab einem gewissen Alter, sehr wohl danach streben sich entsprechende Bilder und Inhalte anzusehen.

Das ist normal und auch völlig in Ordnung, ein anderer Kommentator hat es Charakterbildung genannt.

Das Kind wird sich nämlich nach einem Gespräch hoffentlich kritisch mit den dahinterliegenden Themen auseinandersetzen... Betonung auf kritisch. Und alleine darauf darauf kommt es doch eigentlich an.

Eine weitere Seite...

... des ganze ist imo auch die Tatsache, dass solche Leute und deren Inhalte letztlich auch einen Teil zur fortschreitenden Überwachung, Kontrolle und Zensur des Internets beitragen. Sie liefern Behörden und Politikern täglich neues Material, mit dem diese ihre Forderungen begründen können und auch abseits des konservativen Lagers und der Internetausdrucker, wird man damit auf Zuspruch stoßen. Welche Mutter würde sich gegen Kontrolle und Überwachung aussprechen wenn man ihr öffentliche Seiten zeigt, auf denen Leiche, Pornografie, Gewalt etc für jedes Kind frei zugänglich sind? Wohl die wenigsten.

Für seine Familie tut es mir trotzdem Leid, der Jobverlust ist sicher n harter Schlag, an dem die Familie zu knabbern haben wird.