Social MediaDie Stimmung des Netzes erfassen

Was denken die Menschen? Ihre Meinungen können mit automatisierten Verfahren analysiert werden, fast in Echtzeit. Politiker und Unternehmen interessiert das brennend. von Astrid Herbold

Barack Obama nutzt für seinen Wahlkampf auch soziale Medien wie Twitter.

Barack Obama nutzt für seinen Wahlkampf auch soziale Medien wie Twitter.  |  © Brendan Smialowski/Getty Images

Erst mal keine Überraschung: Barack Obamas Net Sentiment , also die Stimmung in den sozialen Netzwerken zu seinen Gunsten, betrug während der drei TV-Duelle im Schnitt plus elf Prozent, Mitt Romney schaffte insgesamt nur minus acht Prozent. Beim republikanischen Herausforderer standen 2,3 Millionen negative Kommentare 1,9 positiven Erwähnungen gegenüber, beim Amtsinhaber waren es 2 Millionen positive versus 1,6 Millionen negative Äußerungen. Die Passion Intensity , also der Aufregfaktor Romneys, lag bei 55. Obama, über den sich die Gemüter insgesamt weniger erhitzten, kam auf einen Wert von 35.

Was sind das für Zahlen und Bewertungen, wer erhebt sie, wie kommen sie zustande? Der Softwarekonzern SAP hat sie zur Verfügung gestellt, das dazugehörige Sentiment Analysis Tool ist eigentlich ein Programm für Werbetreibende – und SAP einer von vielen Anbietern, die gerade mit einem solchen Werkzeug auf den Markt drängen. Fast in Echtzeit lässt sich mit ihnen auswerten, mit welchem Unterton im Internet über ein Thema, ein Produkt, ein Ereignis oder eine Person gesprochen wird.

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Bislang analysieren viele Unternehmen das Raunen der Massen noch mit teils manuellen Verfahren, die komplett automatisierte Softwarelösung ist die nächste Generation des Social Media Monitorings . Kein Praktikant mehr nötig, der Facebook-Foren überfliegt oder Twitter nach abwegigen Hashtags durchstöbert.

Kommentare auch verstehen

Nicht nur das Sammeln der gigantischen Datensätze, auch das Lesen und Interpretieren übernimmt nun der Computer. "Beim letzten amerikanischen Wahlkampf vor vier Jahren konnten wir lediglich auswerten, was die Menschen angeklickt oder weiterempfohlen haben", sagt SAP-Manager Craig Downing. "Jetzt können wir verstehen, was sie in ihren Kommentaren schreiben." Und das schon wenige Minuten, nachdem die Diskussion überhaupt stattgefunden hat.

Semantische Analyse heißt das Zauberwort. Interesse haben daran viele, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen . Doch ist das weitaus komplexer als das schlichte Zählen von Adjektiven oder Schimpfwörtern. Als Beispiel nennt Downing die Sätze "Das iPhone war noch nie so gut" und "Das iPhone war noch nie gut". "Ein zusätzliches Wort – und der Inhalt der Aussage unterscheidet sich fundamental." Dazukommen Slang oder Abkürzungen, grammatische Besonderheiten und mehrdeutige Modeworte wie sick (das von cool bis abartig alles heißen kann).

Damit nicht genug. Die aus dem Netz millionenfach zusammengeklaubten Mitteilungen müssen auch nach Relevanz gewichtet werden: Wer ist der Absender, wie einflussreich ist seine Meinung, wie oft wird sie gelesen, wie oft wird ihr widersprochen oder zugestimmt? Das Programm liest dazu – zum Teil im Sekundentakt – Hunderte von Newsseiten, Blogs und sozialen Netzwerken aus, bezieht bei der Auswertung der Quellen Informationen wie Seitenaufrufe, geografischer Standort, den Klout-Score und das mutmaßliche Geschlecht des Absenders mit ein. Doch wie korrekt, verlässlich oder vollständig sind diese zusätzlichen Parameter?

Methoden sind noch ungenau

"Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Methoden vieler kommerzieller Anbieter intransparent und oft auch ungenau", sagt Stefan Stieglitz, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Münster . Er betreut derzeit zwei interdisziplinäre Forschungsprojekte zur Diskursanalyse und Themendynamiken in Social Media, eins davon finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung , das andere die Deutsche Forschungsgemeinschaft .

Zusammen mit Computerlinguisten und Kommunikationswissenschaftlern will Stieglitz in den kommenden Jahren die dringend nötige Grundlagenforschung betreiben. "Es geht darum, automatisierte Verfahren zu entwickeln, mit denen Meinungsfragmentierung und Konsensbildung im Netz abgebildet werden können." Die Sentiment-Analyse ist dabei nur ein methodischer Baustein, sie wird ergänzt von der sozialen Netzwerkanalyse (wie verbreiten sich Themen?) und einer automatisierten Inhaltsanalyse (welche Schlagworte tauchen gemeinsam auf?).

Leserkommentare
    • TDU
    • 28. Oktober 2012 10:57 Uhr

    "Obwohl überall, in jedem kommentierbaren online-Medium eine überdeutliche Ablehnung zum benannten Thema mehr als offensichtlich wurde, entschied sich die hiesige Politik in die komplett entgegen gesetzte Richtung."

    Offen bleibt allerdings wie intensiv und wie lange drüber nachgedacht wurde. Insofern finde ich die Frage "was denken die Bürger" eigentlich unvollständig. Was denken und fühlen die Bürger. Wobei beides in wechselseitiger Abhängigkeit stehen dürfte.

    Genauso wie in der Politik das Denken und die monetären Zwänge.

    • Glik
    • 28. Oktober 2012 12:17 Uhr

    In den letzten Monaten und Jahren scheint mir die Diskrepanz zwischen Medien- und Politikmeinung einerseits sowie Blog- bzw. öffentlicher Meinung immer grösser zu werden. Das gilt für fast alle wichtigen Themen.

    Vielleicht sollten sich Journalisten (die ZEIT inklusive!) und Politker einmal so eines Instrumentes bedienen, um festzustellen, wie weit sie sich von ihrer Ziel- bzw. Wählergruppe bereits entfernt haben.

  1. Nach Auswertung von Trillionen Trilliarden Twitterkommentaren ergibt sich folgendes Bild:

    Alles ist furchbar, es muss anders werden, wie weiß ich auch nicht, jedenfalls nicht so, da muss sich die Obrigkeit drum kümmern, die wird ja dafür bezahlt, Hauptsache nicht bei mir. Das Volk wird verraten, die da oben machen sowieso was sie wollen, und überhaupt die EU. Alles muss anders werden, und so bleiben wie jetzt, und früher war sowieso alles besser. Die Schulden müssen sinken, die Steuern auch und der Sozialstaat ausgebaut werden.

    Ich hoffe, das hilft Herrn Obama jetzt, ich habs auch umsonst gemacht.

    • VanPelt
    • 28. Oktober 2012 14:03 Uhr

    Ist die "Stimmung im Netz" dasselbe wie das politische Bewußtsein der Gesellschaft?

    "Welch großartiger Unsinn", schoß es mir durch den Kopf. Doch nach zweimaligem Überlegen muß ich vor der Brillianz des Gedankens voller Anerkennung demutsvoll mein Haupt beugen.

    Daß solche Untersuchungen interessant sind, steht außer Frage. "Wow - 'semantische Analyse' klingt sehr anspruchsvoll. Also muß das Ergebnis ja schon Hand und Fuß haben." Das Problem ist nur: Wenn die Daten nicht nur nicht repräsentativ sind, sondern eigentlich auch gar nicht das widerspiegeln können, was man darin zu suchen findet, nutzt auch das beste Werkzeug nichts.

    Was bedeutet ein "Link", was bedeutet ein "Like" und was bedeutet ein "Friend", wenn es das Ziel ist, von allem möglichst viel zu haben? Und selbst, wenn das noch etwas bedeutete: wo findet sich dieses Abbild unverzerrt wieder, wenn das Ranking der Links in Suchmaschinen und in sozialen Netzen gekauft werden können?
    Welcher bedeutungstragende Inhalt verbirgt sich in einem Tweet? Es gibt in den USA ganz einfache Maße, nach denen aus Wortlänge (gemessen in Silben) und anderen einfachen statistischen Methoden auf den Bildungsstand des Verfassers schließen lassen. Wer also sind die utzer von Twitter? Richtig: Es sind twits.

    Das also schoss mir durch den Kopf, als ich dachte, welch dumme Idee das doch sei. Doch anders herum wird in der Tat ein Schuh daraus:

    • Olivar
    • 28. Oktober 2012 14:06 Uhr

    Ich frage mich, warum die Wissenschaftler sich für solche Spähprogramme hergeben. Eine sehr ungute Entwicklung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aus dem sich Mathematiker und Physiker dazu hergeben,
    Alogarythmen und Systemberechnungen zur wundersamen Geldvermehrung der Finanzindustrie zu entwickeln.
    Sie wollen oder müssen Geld verdienen!

    Kommentaren jedem zugänglich machen dann liegt es an den Usern die "Spähprogramme" so weit zu beschäftigen das ihre Interessenten an ihrer eigenen Sch.... ersticken.

    Wenn diese Leute Leute Informationen abzocken wollen dann tun sie es doch jetzt schon. Aufregung Fehl am Platz.

  2. aus dem sich Mathematiker und Physiker dazu hergeben,
    Alogarythmen und Systemberechnungen zur wundersamen Geldvermehrung der Finanzindustrie zu entwickeln.
    Sie wollen oder müssen Geld verdienen!

    Antwort auf "Schlechte Entwicklung"
    • VanPelt
    • 28. Oktober 2012 14:22 Uhr

    Facebook und Co *sind* das politische Bedürfnis der Gesellschaft. Was der Bürger will, ist Präsenz genau dort, wo die Politik nun versucht, ihn abzuholen: Im Internet. Nicht das reale Leben ist das, was eine Rolle spielt - sondern das virtuelle, das man in der irrealen Welt vorspielen kann.
    Dann ist es natürlich nur konsequent, wenn die Politik dem Volk das gibt, was es will. Likes und Internet. Ungefähr so wie Brot und Spiele.

    Die soziale Gesellschaft hat nichts mit der irrealen Netzwelt zu tun - und während die erste politisch ist aber vernachlässigbar ist, kümmert sich die Politik dort um sich selbst, wo sie unnötig ist, aber eine Daseinsberechtigung findet und diese auch noch konsequent festigen kann: Im quasireligösen Raum der Volksbetäubung, wo die Lenkung der willenlosen Masse noch möglich und sicher ist.

    Die Netzwelt ist wirklich die konsequente Weiterentwicklung unserer nur eindimensionalen realen Welt. Wir flüchten uns in eine Welt, in der Machiavelli mit Jack Dorsey und Mark Zuckerberg an der Opiumpfeife zieht, während Marx den Klassenbegriff durch die Anzahl von Likes umdefiniert und Larry Page im ersten vatikanischen Konzil des neuen Zeitalters die Heiligsprechung durch Pageranking einführt.

    Wer will schon Hunger aus Mangel an echtem Brot haben - und wer will nicht seine Macht mehren, wenn es statt mit echtem Brot auch mit virtuellem Kuchen geht?

    Guten Hunger!

  3. Kommentaren jedem zugänglich machen dann liegt es an den Usern die "Spähprogramme" so weit zu beschäftigen das ihre Interessenten an ihrer eigenen Sch.... ersticken.

    Wenn diese Leute Leute Informationen abzocken wollen dann tun sie es doch jetzt schon. Aufregung Fehl am Platz.

    Antwort auf "Schlechte Entwicklung"

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