Wer zu einer Konferenz zum Thema Trolle geht, muss sich auf etwas gefasst machen. Trolle sind schließlich diejenigen, die im Netz die Provokation und Täuschungsmanöver auf die Spitze treiben. Und so waren die Besucher am vergangenen Wochenende zunächst nicht ganz sicher, ob hier im RaumZeitLabor in Mannheim tatsächlich eine Konferenz stattfindet – oder ob alles nur ein böser Spaß der Organisatoren ist, um nachher Bilder der angereisten Teilnehmer ins Netz zu stellen und sich über sie zu amüsieren.

Doch die Frage war schnell geklärt: Die Trollcon fand statt. Andere Fragen, die sich die Organisatoren und die Teilnehmer stellten, waren weniger eindeutig zu beantworten: Dürfen Trolle alles? Wo endet Trollerei und fängt destruktives Verhalten an? Gibt es eine Trollethik?

So zeigte sich schnell, dass selbst diejenigen, die sich der Troll-Kultur nahe sehen, nicht wirklich wissen, was einen Troll ausmacht. Der Düsseldorfer Strafverteidiger und Blogger Udo Vetter nennt zum Beispiel Strafverteidiger Trolle, wenn die ihre Mandanten nicht gut verteidigen. Für den Netzkünstler Dragan Espenschied ist Trollen ein Kommunikationsstandard aus der Frühzeit des Internets. Für den Philosophie-Studenten Tom Poljanšek hat das Trollen schon fast etwas Intimes: "Der Troll kommuniziert alleine für den Getrollten."

Designer Stefan Krappitz stellte die Ergebnisse seiner Diplomarbeit über Trolle vor. Er definiert das Trollen als "Tätigkeit des Störens von Menschen oder Systemen zur persönlichen Belustigung des Einzelnen oder von vielen." Wenn zum Beispiel ein Discobesucher das MacBook des DJs mit einer mitgebrachten Fernbedienung unter seine Kontrolle bringt, sei das ein gelungenes Beispiel des Trollens. Wer hingegen Täuschung zum Profit einsetze, falle nicht unter die Definition.

Manche Fälle geraten außer Kontrolle

Im Trollen sieht Krappitz einen Beitrag zum Diskurs, ein Spiel mit Erwartungshaltungen. Wenn man beispielsweise kandierte Zwiebeln unter kandierten Äpfeln verstecke, werde derjenige, der in die Zwiebel gebissen habe, künftig wohl nicht mehr auf diesen Trick hereinfallen. So lernten die Getrollten über sich selbst, auf welche Reize sie anspringen. Die Internet-Trollerei habe diese simplen Streiche auf eine neue Ebene gehoben.

So konnte zum Beispiel Ralph Pootawn die Bewohner von Second Life erfolgreich trollen, indem er ihnen mit seinem Avatar beim Cybersex zusah. Er brach damit die Illusion der Privatsphäre auf, der Intimität in der virtuellen Welt. Der Australier David Thorne narrte die Massenmedien mit einer Facebook-Party einer fiktiven 16-Jährigen, zu der sich 60.000 Feierlustige angemeldet hatten.

Doch zwischen Lausbubenstreichen und Systemkritik gibt es auch die Fälle des Trollens, die außer Kontrolle geraten. Krappitz zeigte das berühmte Video der Jessi Slaughter . Die damals 11-Jährige hatte sich mit einer Videochat-Community angelegt und ihren Frust in die Webcam geschrien: "Bekommt Aids und sterbt." Sie wurde Ziel zahlreicher Anfeindungen, so dass sich schließlich ihr Vater einschaltete und in einem weiteren Video neben dem weinenden Mädchen Drohungen in die Webcam brüllte. Eine schlechte Idee. "Das kann ganz schnell ganz böse werden", sagt Krappitz. Auch das Mannheimer Publikum lacht über den absurd anmutenden Auftritt des aufgebrachten Mannes. Das Lachen pausiert nur kurz, als Krappitz über die Folgen berichtet: Die Familie konnte nicht vor dem Internet-Spott fliehen, der Vater verprügelte seine Tochter und bekam das Sorgerecht entzogen, wenig später starb er. Doch seine Drohungen mit der Cyberpolizei sind immer noch auf YouTube zu sehen und amüsieren dort die Zuschauer.

Trollcon soll ein positiveres Bild vom Troll vermitteln

Mit den Trollen, die Witze über Tote machen, Hinterbliebene terrorisieren oder Teenager heimlich fotografieren , wollen die Teilnehmer in Mannheim wenig zu tun haben. Für sie sind diese Auswüchse – wenn überhaupt – nur die niederste Form des Trollens. Für sie ist Trollen eine Art der Auseinandersetzung, der positiven Diskussion. "Es ist ähnlich wie mit dem Begriff Hacker", erklärt Trollcon-Organisator Oliver Knapp im Gespräch: In der Öffentlichkeit seien Hacker früher immer nur als Zerstörer und Einbrecher gesehen worden, mit der Arbeit des Chaos Computer Clubs habe sich aber inzwischen ein positiveres Bild des Hackers etabliert. Mit der Konferenz wolle man auch ein anderes Bild vom Troll vermitteln.

Dazu nutzten die Organisatoren einen klassischen Medienmechanismus: die Preisverleihung. So kürten sie den Berliner Piraten-Fraktionschef Christopher Lauer zum Troll des Jahres. Lauer habe mit seinen provokanten Auftritten in Talkshows "erfahrene Berufspolitiker aus ihren inhaltsleeren Worthülsen" befreit. Er sei ein Beispiel für einen positiven Troll, der die Diskussion voranbringe. "Durch die absichtliche Überzeichnung neuralgischer Fragen entstehen gruppendynamische Synergieeffekte, die mit traditionellen Diskurstechniken nicht in der Geschwindigkeit möglich wären", heißt es in der Laudatio.

Referentin während des Vortrags selbst getrollt

Dass Trollen nicht nur ein Augenöffnen, sondern auch ein Mittel des handfesten Kampfes um Positionen und Überlegenheit ist, zeigte sich am zweiten Tag der Trollcon. Als die Journalistin Julia Seeliger über Trolle, Feminismus und rape culture referiert , wird sie selbst getrollt. Die Organisatoren verteilen rosa Überraschungseier für Mädchen – inakzeptabel für Feministinnen. Gleichzeitig pöbelten Zuhörer auf Twitter los: "Rede ruhig weiter", hieß es dort, "Orga sonnt sich in Deinem Hass". Ob der Dialog, der gesellschaftliche Diskurs, auf diese Weise einen Schritt nach vorne macht, darf bezweifelt werden.

Die erste Trollcon hat deutlich gemacht: Was die eine Seite als Höhepunkt der Kommunikationskunst empfindet, führt bei der anderen Seite unweigerlich zum Ende der Kommunikation. Die Konferenz war zumindest der Versuch einer Annäherung.