Die amerikanische Wikimedia Foundation hat mit dem saudischen Mobilfunkbetreiber Saudi Telecom Company (STC) ein Abkommen geschlossen : Ab sofort können 25 Millionen Kunden in Saudi-Arabien mit ihrem Mobiltelefon Informationen in der Wikipedia nachschlagen, ohne dass ihnen der Telefonanbieter dafür Datengebühren berechnet.

Es ist nicht der erste Vertrag dieser Art, aber einer der wichtigsten: "Den Zugang zu Wikimedia-Projekten in der Arabisch sprechenden Welt zu verbessern, ist eine strategische Priorität für die Wikimedia Foundation", hieß es in einer Erklärung von Kul Takanao Wadhwa dazu. Der Manager der Foundation ist für die mobile Verbreitung der Wikipedia zuständig.

Was die amerikanische Stiftung nicht erwähnt: Saudi-Arabien ist eines der Länder, in denen die Wikipedia seit Jahren zensiert wird. Zwar sperrt die staatliche Telekommunikationsbehörde CITC die Enzyklopädie inzwischen nicht mehr komplett. Doch fischt ein "Filter-Service" der CITC einzelne Artikel heraus, die der Zensurbehörde zu freizügig erscheinen oder die als unislamisch oder unpassend eingestuft werden.

In den Berichten von Wikimedia über den Deal wird das an keiner Stelle erwähnt . Und es findet sich dort auch kein Hinweis darauf, dass sich die Wikipedia-Sperren umgehen lassen, zumindest am Rechner. Saudische Wikipedia-Leser können die Sperre am PC aushebeln, indem sie eine verschlüsselte Https-Verbindung zur Wikipedia aufbauen. Aber diese Verbindung gehört nicht zu dem kostenlosen Angebot von STC und Wikimedia. Wer am Handy wirklich ungefilterte Informationen aus der Wikipedia will, muss eben doch zahlen.

Politische Entscheidung

Dieses Schweigen ist zumindest seltsam. Denn in Saudi-Arabien ist Zensur gang und gäbe. Die Studie Freedom of the Net 2012 der US-Nichtregierungsorganisation Freedom House beispielsweise listet das Land als eines derjenigen, die standardmäßig "eine große Zahl politisch relevanter Websites" blockieren. Ein seit 2011 geltendes Gesetz fordert demnach außerdem, dass alle Dienste, die Videos oder Audio anbieten, bei der Regierung um Erlaubnis fragen, bevor sie ihre Angebote dort verbreiten dürfen.

Bei der Wikimedia-Foundation gibt man trotzdem vor, nicht allzu viel von dem Thema wissen. Auf mehrfache Nachfrage sagt Wikimedia-Manager Wadhwa, er habe nur eine vage Ahnung von der Zensur in dem Land: "Wikipedianer haben uns berichtet, dass in Saudi-Arabien einige Artikel blockiert oder gefiltert werden. Die Wikipedia Foundation ist sich der Realität bewusst, dass es in dieser Region Blockaden gibt."

Um Gewissheit über die Internetzensur in Saudi-Arabien zu bekommen, müsste Wadhwa freilich nicht lange recherchieren: Die Wikipedianer selbst haben eine Liste mit 141 Wikipedia-Artikeln aufgeführt, die in Saudi-Arabien gesperrt sind. Darunter sind viele Texte über sexuelle Praktiken, Geschlechtsteile, eine japanische Manga-Serie mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen, aber auch der arabische Artikel über Evolution. Auch die Artikel über die kontroversen Mohammed-Karikaturen sind dort nicht zugänglich.