Netzneutralität"Kein Zurück in die alte Welt der Telefonie!"

Wer Netzneutralität aufgibt, gibt das Internet und seine Möglichkeiten auf, sagen Harald Summa und Arnold Nipper vom Netzknoten DE-CIX. Solche Pläne seien Wegelagerei. von 

Harald Summa, Geschäftsführer des Verbandes eco und der DE-CIX GmbH

Harald Summa, Geschäftsführer des Verbandes eco und der DE-CIX GmbH  |  © Michael Danner

ZEIT ONLINE: Es gibt eine Debatte um Netzneutralität . Firmen wie die Telekom wollen Daten in ihrem Netz unterschiedlich behandeln – sie nennen das Quality of Service. Der Verband eco, der den Knoten DE-CIX betreibt, gehört zu den Kritikern und argumentiert, er will nicht gezwungen werden, in die Datenpakete hineinzuschauen, um sie unterscheiden zu können. Wäre das denn überhaupt möglich, könnte beim DE-CIX der Datenverkehr priorisiert werden?

Harald Summa:Hier gehen zwei Terabit Daten pro Sekunde durch . Da können sie auch versuchen, die Niagarafälle mit einem Fingerhut auszuschöpfen. Aber darum geht es gar nicht. Wir sehen beim Thema Quality of Service ein grundsätzliches technisches Problem. Denn wie soll eine solche Unterscheidung der Inhalte überhaupt aufrechterhalten werden?

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Die Telekom kann so etwas zwar in ihrem eigenen Netz machen . Aber wenn ich ein Video aus den USA sehen will, gehen die entsprechenden Daten nicht nur durch das Netz der Telekom, sondern durch viele Netze – vermittelt durch Knoten wie den DE-CIX. Unterschiedliche Qualitätsklassen ließen sich also nur anbieten, wenn sich alle Anbieter darauf einigen. Wenn alle Marktteilnehmer mitmachen, dann wäre DE-CIX allerdings der richtige Ort, um das über alle Netze hinweg zu installieren.

Arnold Nipper: Priorisieren könnten wir, das ließe sich im Zweifel technisch implementieren. Derzeit ist es aber nicht der Fall.

ZEIT ONLINE: Technisch ist es also möglich, aber halten Sie es denn auch für sinnvoll, Inhalte im Netz unterschiedlich zu behandeln und Videos beispielsweise langsamer durchzulassen als E-Mails?

Harald Summa

Harald A. Summa war Unternehmensberater, bevor er 1995 den Verband der deutschen Internetwirtschaft eco gründete. Heute ist er Geschäftsführer des Verbandes. Außerdem ist er Chef des Unternehmens, das im Auftrag des eco den Netzknoten DE-CIX betreibt.

Summa: Die Telekom will an dem Content partizipieren, der über ihre Leitungen läuft – im Grunde ist das ein Zurück in die alte Welt der Telefonie: Ich leite deine Daten in einer hohen Qualität weiter, wenn du mir dafür was bezahlst. Damit verdient die Telekom gleich doppelt. Sie nimmt Geld von dem Anbieter der Inhalte dafür, dass sie seinem Content Priorität gibt – und von den Endkunden bekommt sie ja sowieso Geld für den Anschluss.

Arnold Nipper

Arnold Nipper ist Mathematiker und hat den Internetknoten DE-CIX 1995 mitgegründet. Damals bestand er aus nur drei Unternehmen, die sich dort vernetzten. Heute sind es um die 500. Nipper ist seit dem Jahr 2000 für die technische Entwicklung des Knotens zuständig und Technischer Leiter der Betreiberfirma.

Nipper: Dieser Ansatz soll auch auf der Konferenz der Internationalen Telekommunikationsunion in Dubai diskutiert werden. Es gibt ein Lager, das fordert, das alte Regime wieder zu installieren, also eine direkte Verbindung zwischen Sender und Betreiber, eben wie beim Telefon.

ZEIT ONLINE: Was hätten sie für ein Problem mit dem Modell?

Nipper: Was für den Telefonmarkt gilt, gilt nicht für das Internet. Im Netz lässt sich anhand des Traffics nicht identifizieren, wer die Verbindung initiiert hat. Bei der Telefonie wird eine Verbindung aufgebaut, im Internet nicht. Im Netz werden Datenpakete verschickt, das ist ein großer Unterschied. Sie können anhand eines Traffics nicht sagen, wer dafür zahlen soll.

Arnold Nipper ist Technischer Leiter des Netzknotens DE-CIX.

Arnold Nipper ist Technischer Leiter des Netzknotens DE-CIX.  |  © Michael Danner

ZEIT ONLINE: Können sie nicht feststellen, was für Daten durch einen Internet-Austauschknoten wie den DE-CIX geleitet werden?

Summa: Welche Daten die angeschlossenen Carrier aber über den DE-CIX schicken, wissen wir nicht. Die Datenpakete werden an einer Stelle unserer Infrastruktur angenommen und an einer anderen wieder ausgegeben.

Nipper: Das ist durchaus analog zur Post: Sie werfen einen Brief ein und derjenige, der ihn transportiert, schaut nicht hinein und darf das auch nicht . Er sieht nur die Adresse und liefert den Brief ab.

ZEIT ONLINE: Aber Datenpakete haben Metadaten, die aussagen, woher das Paket kam und wohin es übergeben werden soll. Diese Informationen können ausgelesen werden – der Sender lässt sich doch also feststellen, oder nicht?

Nipper: Ein einfaches Beispiel, das diese Idee ad absurdum führt, ist ein Denial-of-Service-Angriff . Wenn mich jemand mit Traffic zuballert, wer soll dann dafür bezahlen? Soll ich dafür zahlen, weil ich es bekomme? Oder der Provider, der die Daten an mich weitergeleitet hat? Oder der Verursacher, bei dem wahrscheinlich ein Schadprogramm auf dem Rechner sitzt und den Angriff ausgelöst hat?

Summa: Das Internet ist so nicht gedacht. Der Grundgedanke war, dass man sich gleichberechtigt vernetzt, dass man untereinander Daten austauscht, ohne sich dafür etwas zu berechnen. Das ist das Prinzip des Internets und es ist die Basis für seine enorme Entwicklung. Wenn sie dem nun einen neuen Mantel überstülpen wollen, wird es nicht funktionieren. Es wäre dann nicht mehr das Internet.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Nebenbei, an der Diskussion bei dem ITU-Treffen in Dubai sieht man, wer ein Interesse an einem solchen Umbau hat: Das sind Unternehmen, die mit der klassischen Telefonie groß geworden sind und deren Einkommensquelle gerade versiegt.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht nachvollziehbar? Immerhin sind es diese Unternehmen, die die Leitungen legen und dafür viel Geld ausgeben...

Nipper: Sie müssen im Internet neue Wege finden. Der Mehrwert wird nicht im Netz selbst generiert, sondern an den Rändern des Netzes, mit den Angeboten, die über das Netz verbreitet werden. Die Crux ist, dass die Unternehmen vor allem Flatrates verkaufen, um den Markt zu erobern. Dann aber stellen sie fest, dass sie mit dem Geld nicht hinkommen. Natürlich will nun keiner mehr zurück und das ändern, daher schauen sie jetzt, von wem sie vielleicht noch Geld verlangen könnten. So entstand die Debatte um die sogenannte Quality of Service, die Qualitätsklassen.

ZEIT ONLINE: Was wäre eine Lösung?

Nipper: Die Lösung wäre, sich das Geld vom Verbraucher zu holen, aus der bestehenden Beziehung zwischen Kunde und Anbieter. Und nicht an der Straße zu stehen und jeden zu überfallen, der dort vorbeikommt. Das ist genauso, als wenn sie einen Geldtransporter anhalten und von ihm Geld verlangen, nur weil er über ihre Straße fährt und genug Geld dabei hat.

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Leserkommentare
  1. .
    "... Das ist genauso, als wenn sie einen Geldtransporter anhalten und von ihm Geld verlangen, nur weil er über ihre Straße fährt und genug Geld dabei hat ..."

    Vielleicht sollten wir versuchen, stattdessen eine staatliche, von allen Teilnehmern gleichmässig geeignete und bezahlte, eine Gesellschafts-Strasse für Daten also zu haben, statt der überkommenen Eigentümerei der Netze durch Telekom und andere Profitgeier weiter anzuhängen?

    Auch die Strassen sind ja vergleichbar von allen besessene und finanzierte, essenzielle Infrastrukturbestandteile;
    und wie wir inzwischen wissen lässt sich ordentliche, zielorientierte Energiepolitik auch ausschliesslich dann machen, wenn die Gesellschaft das Verteilernetz eignet anstelle der Oligarchen, ebenso wie das natürlich für die Bundesbahn gilt, auch wenn die Fehler profigieriger Eigentumshuberei bei letzterer erst wieder korrigiert werden müssen.

    Der Telekom liesse sich der Netz-Hardware-Teil des Internets sicher ohne grössere Probleme aus der Hand winden, wenn sie beginnt das Internet wegen ein paar Silberlingen zu zerstören

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    • Muhme
    • 23. Mai 2013 21:35 Uhr

    Bevor man beschließt, die gesamte Infrastruktur wieder dem Staat zu übergeben, sollte man sich vllt damit auseinandersetzen, was der Staat überhaupt kann. Ich bin mir nämlich gar nicht so sicher, ob es besser gewesen wäre, wenn der Staat all dies weitergeführt hätte und nicht die Telekom. Die Entwicklung von Telefonie und Internet in den letzten Jahren ist mMn darauf zurück zu führen, dass privatisiert wurde. Es war also der Wettbewerb, der schließlich zum Fortschritt geführt hat, wenn auch nicht so schnell wie man es sich vllt wünscht.

    Dass die Telekom sich weigert, viel Geld in die Infrastruktur fließen zu lassen ohne Beteiligung der restlichen Provider, kann ich nachvollziehen. Wobei das teilweise auch ein hausgemachtes Problem ist.

    Insofern erscheint es auf den ersten Blick zunächst sinnvoll, die Infrastruktur wieder in Staatshand zu geben, denn der Staat würde ja dann für den Ausbau sorgen und die Provider sich dann einmieten und dann nur für Freischaltung, Service, etc bezahlt werden, nicht jedoch für die Instandhaltung und Modernisierung. Eventuell werden dadurch sogar Provider überflüssig.

    Viel wichtiger wäre aber: kann der Staat das überhaupt meistern? Oder bleiben wir dann noch die nächsten 40 Jahre auf Kupfer hängen? Ist das Geld dafür da bzw kann es bereit gestellt werden? Klappt das dann auch so gut wie mit der Instandhaltung der Straßen? Was ist mit irgendeinem Dorf auf der Schwäbischen Alb?

    Vom Regen in die Traufe brauchen und wollen wir nicht.

  2. ...die ist mal aus einem staatlichen Unternehmen hervorgegangen. Das nannte sich -Post- und eben diese Post hat die Leitung verlegt, die nun mittels DSL das Internet ermöglicht.
    Da ist also genau das Kupfer im Haus geblieben, das vor etwa 45 Jahren hineingelegt wurde und auch heute noch die Funktion ermöglicht ein Telefon von damals zu benutzen, selbst bei Sromausfall.

    Also, was Sie vorschlagen gibt es bereits, es ist nur nicht mehr staatlich, muß aber staatliche Auflagen erfüllen.

    Gut, das ist nicht mehr alles nur Kupfer, was zu Serviceleistungen verpflichtet die es beim echten Analognetzt so nicht gab, aber die muß man nicht nützen weil alte telefone ndas auch gar nicht können, besser gesagt ermöglichen.
    Das ist aber wiederum die Kernfrage: Welche Technik ermöglicht was ?
    Dabei ist zu bedenken:
    Die Technik der Anschlußgeräte ist nicht gleich der Technik die Netztechnik (kurz:Netz) genannt wird.

    • Rychard
    • 01. Dezember 2012 10:56 Uhr

    Service an diskriminierende Gebühren zu binden und nicht an moderne gesellschaftliche und technische Qualitäten reduziert die Netzkommunikation nicht nur auf Anwendungstandarts des Telefonierens sondern auf Bahnhofs-Postfächer mit Inhaltskontrolle ..

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    wenn man fragen darf, eine "gesellschaftliche Qualität zur Feststellung von Preisen und Gebühren von TK Anbietern" ?

    Auch das Schließfach am Bahnhof hat, so wie Sie's nennen, einen etwas lyrischen Hauch für mich.

  3. wenn man fragen darf, eine "gesellschaftliche Qualität zur Feststellung von Preisen und Gebühren von TK Anbietern" ?

    Auch das Schließfach am Bahnhof hat, so wie Sie's nennen, einen etwas lyrischen Hauch für mich.

    Antwort auf "Den Quality of .."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Rychard
    • 03. Dezember 2012 1:48 Uhr

    fragen. Meine Antwort dazu: Wenn TK Anbieter für die Luft gebühren verlangen würden, die verbraucht, während Telefonverbindungen genutzet werden, ist das auch nicht mehr Zeitgemäß. Das Netz und die damit mögliche Kommunikation ist Essentiell für Austausch von Informationen über heutige Länder- und Kulturgrenzen. Das können sogar Gedichte sein ..

    • Rychard
    • 03. Dezember 2012 1:48 Uhr

    fragen. Meine Antwort dazu: Wenn TK Anbieter für die Luft gebühren verlangen würden, die verbraucht, während Telefonverbindungen genutzet werden, ist das auch nicht mehr Zeitgemäß. Das Netz und die damit mögliche Kommunikation ist Essentiell für Austausch von Informationen über heutige Länder- und Kulturgrenzen. Das können sogar Gedichte sein ..

    Antwort auf "Und was ist das,"
    • Muhme
    • 23. Mai 2013 21:35 Uhr

    Bevor man beschließt, die gesamte Infrastruktur wieder dem Staat zu übergeben, sollte man sich vllt damit auseinandersetzen, was der Staat überhaupt kann. Ich bin mir nämlich gar nicht so sicher, ob es besser gewesen wäre, wenn der Staat all dies weitergeführt hätte und nicht die Telekom. Die Entwicklung von Telefonie und Internet in den letzten Jahren ist mMn darauf zurück zu führen, dass privatisiert wurde. Es war also der Wettbewerb, der schließlich zum Fortschritt geführt hat, wenn auch nicht so schnell wie man es sich vllt wünscht.

    Dass die Telekom sich weigert, viel Geld in die Infrastruktur fließen zu lassen ohne Beteiligung der restlichen Provider, kann ich nachvollziehen. Wobei das teilweise auch ein hausgemachtes Problem ist.

    Insofern erscheint es auf den ersten Blick zunächst sinnvoll, die Infrastruktur wieder in Staatshand zu geben, denn der Staat würde ja dann für den Ausbau sorgen und die Provider sich dann einmieten und dann nur für Freischaltung, Service, etc bezahlt werden, nicht jedoch für die Instandhaltung und Modernisierung. Eventuell werden dadurch sogar Provider überflüssig.

    Viel wichtiger wäre aber: kann der Staat das überhaupt meistern? Oder bleiben wir dann noch die nächsten 40 Jahre auf Kupfer hängen? Ist das Geld dafür da bzw kann es bereit gestellt werden? Klappt das dann auch so gut wie mit der Instandhaltung der Straßen? Was ist mit irgendeinem Dorf auf der Schwäbischen Alb?

    Vom Regen in die Traufe brauchen und wollen wir nicht.

    Antwort auf "Netzeigentum"
  4. explodieren in den nächsten Jahren, v.a. durch die erhöhte Nutzung der Cloud-Technologien, durch Videostreaming und IPTV. - Die Telekom weiß ganz genau, warum sie ihren Vorstoß jetzt und trotz des erwartbaren Shitstorms unternimmt! Immerhin ist sie meist ja auch für die sogenannte Last-Mile zuständig, also für die Leitung die vor Ort zum Endkunden führt, hat also im Zweifel mit das größte Problem mit den hohen Datenmengen.

    Ich nenne dieses Vorgehen einmal 'indirekt', denn es zielt im Grunde nicht darauf ab, die Geschwindigkeiten oder Mengen wirklich zu drosseln. Das wird politisch schnell klar werden und scheint mir bald passé, wie in den Niederlanden vorgemacht. - Sondern darauf, sich die heute per Gesetz festgelegte Last-Mile-Unterstützung teurer entlohnen zu lassen.

    Insofern ist es wohl ein Telekom-typisches Problem und die Öffentlichkeit sollte ein wenig achtgeben, vor wessen Wagen sie sich spannen läßt...!

    Im Interview, der letzte Satz mit der 'Lösung', dem stimme ich zu. Das sind Dinge, bei denen es der Nutzer selbst in der Hand hat, welche Services er möchte und in welcher Qualität das geschehen soll. Dafür will und soll er dann eben auch bezahlen, denke ich. Ein Beispiel: Jeder schummrige Freeware-Download-Anbieter hat heute schon mehrere Optionen im Angebot, kostenlos (und langsam) oder bezahlt (und schnell). --

    Das QoS-Thema ist eines zwischen Anbieter und Endkunde. Vom Netz erwarte ich, daß es transportiert. - Nicht kontrolliert.

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  • Schlagworte Telekom | Alte | Flatrate | Geld | Internet | Netzneutralität
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