ZEIT ONLINE: Es gibt eine Debatte um Netzneutralität . Firmen wie die Telekom wollen Daten in ihrem Netz unterschiedlich behandeln – sie nennen das Quality of Service. Der Verband eco, der den Knoten DE-CIX betreibt, gehört zu den Kritikern und argumentiert, er will nicht gezwungen werden, in die Datenpakete hineinzuschauen, um sie unterscheiden zu können. Wäre das denn überhaupt möglich, könnte beim DE-CIX der Datenverkehr priorisiert werden?

Harald Summa:Hier gehen zwei Terabit Daten pro Sekunde durch . Da können sie auch versuchen, die Niagarafälle mit einem Fingerhut auszuschöpfen. Aber darum geht es gar nicht. Wir sehen beim Thema Quality of Service ein grundsätzliches technisches Problem. Denn wie soll eine solche Unterscheidung der Inhalte überhaupt aufrechterhalten werden?

Die Telekom kann so etwas zwar in ihrem eigenen Netz machen . Aber wenn ich ein Video aus den USA sehen will, gehen die entsprechenden Daten nicht nur durch das Netz der Telekom, sondern durch viele Netze – vermittelt durch Knoten wie den DE-CIX. Unterschiedliche Qualitätsklassen ließen sich also nur anbieten, wenn sich alle Anbieter darauf einigen. Wenn alle Marktteilnehmer mitmachen, dann wäre DE-CIX allerdings der richtige Ort, um das über alle Netze hinweg zu installieren.

Arnold Nipper: Priorisieren könnten wir, das ließe sich im Zweifel technisch implementieren. Derzeit ist es aber nicht der Fall.

ZEIT ONLINE: Technisch ist es also möglich, aber halten Sie es denn auch für sinnvoll, Inhalte im Netz unterschiedlich zu behandeln und Videos beispielsweise langsamer durchzulassen als E-Mails?

Summa: Die Telekom will an dem Content partizipieren, der über ihre Leitungen läuft – im Grunde ist das ein Zurück in die alte Welt der Telefonie: Ich leite deine Daten in einer hohen Qualität weiter, wenn du mir dafür was bezahlst. Damit verdient die Telekom gleich doppelt. Sie nimmt Geld von dem Anbieter der Inhalte dafür, dass sie seinem Content Priorität gibt – und von den Endkunden bekommt sie ja sowieso Geld für den Anschluss.

Nipper: Dieser Ansatz soll auch auf der Konferenz der Internationalen Telekommunikationsunion in Dubai diskutiert werden. Es gibt ein Lager, das fordert, das alte Regime wieder zu installieren, also eine direkte Verbindung zwischen Sender und Betreiber, eben wie beim Telefon.

ZEIT ONLINE: Was hätten sie für ein Problem mit dem Modell?

Nipper: Was für den Telefonmarkt gilt, gilt nicht für das Internet. Im Netz lässt sich anhand des Traffics nicht identifizieren, wer die Verbindung initiiert hat. Bei der Telefonie wird eine Verbindung aufgebaut, im Internet nicht. Im Netz werden Datenpakete verschickt, das ist ein großer Unterschied. Sie können anhand eines Traffics nicht sagen, wer dafür zahlen soll.

Wer zahlt für Spam und DOS-Attacken?

Arnold Nipper ist Technischer Leiter des Netzknotens DE-CIX. © Michael Danner

ZEIT ONLINE: Können sie nicht feststellen, was für Daten durch einen Internet-Austauschknoten wie den DE-CIX geleitet werden?

Summa: Welche Daten die angeschlossenen Carrier aber über den DE-CIX schicken, wissen wir nicht. Die Datenpakete werden an einer Stelle unserer Infrastruktur angenommen und an einer anderen wieder ausgegeben.

Nipper: Das ist durchaus analog zur Post: Sie werfen einen Brief ein und derjenige, der ihn transportiert, schaut nicht hinein und darf das auch nicht . Er sieht nur die Adresse und liefert den Brief ab.

ZEIT ONLINE: Aber Datenpakete haben Metadaten, die aussagen, woher das Paket kam und wohin es übergeben werden soll. Diese Informationen können ausgelesen werden – der Sender lässt sich doch also feststellen, oder nicht?

Nipper: Ein einfaches Beispiel, das diese Idee ad absurdum führt, ist ein Denial-of-Service-Angriff . Wenn mich jemand mit Traffic zuballert, wer soll dann dafür bezahlen? Soll ich dafür zahlen, weil ich es bekomme? Oder der Provider, der die Daten an mich weitergeleitet hat? Oder der Verursacher, bei dem wahrscheinlich ein Schadprogramm auf dem Rechner sitzt und den Angriff ausgelöst hat?

Summa: Das Internet ist so nicht gedacht. Der Grundgedanke war, dass man sich gleichberechtigt vernetzt, dass man untereinander Daten austauscht, ohne sich dafür etwas zu berechnen. Das ist das Prinzip des Internets und es ist die Basis für seine enorme Entwicklung. Wenn sie dem nun einen neuen Mantel überstülpen wollen, wird es nicht funktionieren. Es wäre dann nicht mehr das Internet.

Nebenbei, an der Diskussion bei dem ITU-Treffen in Dubai sieht man, wer ein Interesse an einem solchen Umbau hat: Das sind Unternehmen, die mit der klassischen Telefonie groß geworden sind und deren Einkommensquelle gerade versiegt.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht nachvollziehbar? Immerhin sind es diese Unternehmen, die die Leitungen legen und dafür viel Geld ausgeben...

Nipper: Sie müssen im Internet neue Wege finden. Der Mehrwert wird nicht im Netz selbst generiert, sondern an den Rändern des Netzes, mit den Angeboten, die über das Netz verbreitet werden. Die Crux ist, dass die Unternehmen vor allem Flatrates verkaufen, um den Markt zu erobern. Dann aber stellen sie fest, dass sie mit dem Geld nicht hinkommen. Natürlich will nun keiner mehr zurück und das ändern, daher schauen sie jetzt, von wem sie vielleicht noch Geld verlangen könnten. So entstand die Debatte um die sogenannte Quality of Service, die Qualitätsklassen.

ZEIT ONLINE: Was wäre eine Lösung?

Nipper: Die Lösung wäre, sich das Geld vom Verbraucher zu holen, aus der bestehenden Beziehung zwischen Kunde und Anbieter. Und nicht an der Straße zu stehen und jeden zu überfallen, der dort vorbeikommt. Das ist genauso, als wenn sie einen Geldtransporter anhalten und von ihm Geld verlangen, nur weil er über ihre Straße fährt und genug Geld dabei hat.