Soziales NetzwerkGoogle Plus vernetzt vor allem Googles Dienste

400 Millionen Nutzer hat Google Plus nun. Ein Facebook-Ersatz ist es zwar nicht geworden. Aber in Googles Strategie spielt das Netzwerk sowieso eine andere Rolle. von 

Baustelle Google plus

Baustelle: Google-Stand bei der CeBIT 2012  |  © Sean Gallup/Getty Images

Mit der simplen Botschaft "Four more years" und dem Foto einer innigen Umarmung von Barack und Michelle Obama verkündete das Team des US-Präsidenten dessen Wiederwahl und traf damit den Nerv des Webpublikums: Über 800.000 Retweets erreichte die Botschaft auf Twitter – ein Rekord. 4,4 Millionen "Likes" waren es bei Facebook .

Und auf Google Plus? Nichts. Zwar posteten einzelne Nutzer wie der deutsche Google-Sprecher Stefan Keuchel das Bild, doch der Account von Barack Obama blieb still. Erst einen Tag später setzte sich ein Wahlkampfmitarbeiter an den Computer, um auch hier die Siegesnachricht zu verkünden. Seitdem ist der Kanal wieder verstummt, während das Weiße Haus weiterhin eifrig seine Kanäle auf Facebook , Twitter und sogar Flickr bestückt.

Anzeige

Es war in diesem Fall nur ein einziger, bestimmter Nutzer, der Google Plus fehlte, aber es dürfte Google geschmerzt haben. Denn der Konzern setzt verstärkt auf Prominenz, um die im Juni 2011 gestartete Plattform in Schwung zu bringen. Eine Pressekonferenz mit Wladimir Klitschko hier, ein Album-Preview mit Alicia Keys da – die Botschaft ist klar: Google Plus ist der Platz, um Leute zu treffen, um am Leben teilzunehmen. Besonders von dem Videokonferenzsystem Hangout macht Google massiv Gebrauch, um Fans und Prominente zusammen zu bringen. Der unkomplizierte Live-Videochat für Gruppen ist bisher das Alleinstellungsmerkmal von Google Plus.

Auf den ersten Blick könnte Google mit den Zahlen hochzufrieden sein: Im September verkündete Google-Manager Vic Gundotra, dass Google Plus schon 400 Millionen Nutzer hat. Das sind zwar noch deutlich weniger als bei Facebook, das mittlerweile mehr als eine Milliarde Menschen nutzen – aber dafür benötigte Marc Zuckerberg acht Jahre, Google Plus gibt es noch nicht einmal anderthalb Jahre.

Auf den zweiten Blick sind die Zahlen jedoch nicht ganz so beeindruckend. Denn nur ein Viertel der Nutzer war nach Angaben von Gundotra im Vormonat aktiv. Das sind immer noch 100 Millionen – aber nur noch ein Zehntel dessen, was Facebook erreicht.

Mitglied wird man automatisch

Firmen und Prominente zögern. Warum sollen sie ein Publikum auf Google Plus unterhalten, wenn gleich nebenan sehr viel mehr Menschen auf sie warten? Zudem wenden sich viele Firmen auch schon vom Facebook-Modell ab, weil sie sich im Überschwang zu viel von den sozialen Investitionen versprochen hatten. Hinzu kommt: Google gewährt anderen Anwendungen keinen Schreibzugriff. Wer also Beiträge auf Google Plus parallel zu anderen Kanälen verbreiten will, muss sich nochmal separat einloggen. Bei Twitter und Facebook kann man auf zahlreiche Lösungen zur Automatisierung zugreifen.

Google hat sich alle Mühe gegeben, Nutzer auf die Plattform zu locken – oder auch zu zwingen. Wer sich ein Gmail-Konto zulegt oder sich bei YouTube registriert, wird automatisch auch Mitglied bei Google Plus. Aber das Netzwerk soll nicht nur eine Eins-zu-Eins-Kopie von Facebook sein. Es wird zur Schnittstelle zwischen Googles verschiedenen Angeboten. Google-Manager Nikesh Arora erklärte dem britischen Telegraph : "Für uns ist Google nicht einfach ein soziales Netzwerk." Vielmehr gehe es darum, soziale Signale aus den zahlreichen Produkten zu vereinen. Wer beispielsweise sein YouTube-Konto mit Google Plus verknüpft, postet seine Kommentare zu einem Video in der Standardeinstellung auch gleich auf Google Plus. Auch der Play Store soll offenbar mit dem Netzwerk verknüpft werden.

Diese sozialen Signale kann der Konzern verwenden, um seine Inhalte "relevanter" zu machen, eben indem sie mit mehr persönlichen Empfehlungen und individuellen Informationen angereichert werden. Das voll vernetzte Mitglied von Google Plus häuft dabei auch immer mehr Informationen an, die der Werbewirtschaft dienen können.

Schon früher hat Google alleine mit Hilfe des Surfverhaltens der Kunden recht zielgenau Alter, Geschlecht und Interessen der Surfer ermitteln und so passende Werbung zuteilen können. Zuletzt hatte Google aber mit leicht sinkenden Werbepreisen zu kämpfen. Mit der Verknüpfung der verschiedenen Google-Angebote kann der Konzern zum einen Anzeigenkunden an sich binden, zum anderen mehr und präzisere Informationen anhäufen, die zudem noch persönliche Wertungen und Empfehlungen beinhalten.

Solche Empfehlungen von Bekannten auf Google Plus finden sich dann in den Suchergebnissen oder der YouTube-Startseite eines Nutzers wieder. Wer das nicht möchte, kann die Personalisierung auch abschalten. Googles übergreifende Strategie ist jedoch, den Nutzer zu überzeugen, seine Daten zur Verfügung zu stellen. So lange der das tut, kommt Google Plus ohne Werbung aus – die sonstigen Angebote des Konzerns haben reichlich davon.

Gleichzeitig setzt Google darauf, immer mehr Produkte direkt zu vermarkten: Der Play Store, der zunächst nur als Einkaufsplattform für Android-Programme diente, bietet mittlerweile auch Videofilme, Musik und sogar Hardware an – und stößt damit ins Geschäftsmodell des Konkurrenten Amazon vor. Statt an einer geringen Werbepauschale verdient Google hier direkt am Umsatz. Wenn Google Plus einen Beitrag leistet – und zum Beispiel neben dem Hangout mit Alicia Keys auch direkt den Link zur Musik im Play Store einblendet – macht sich die Plattform schon bezahlt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Und die sind alle aktiv? Kaum vorstellbar, mir selber ist keiner bekannt. Wobei ich auch als Nichtuser von Facebook in dieser Hinsicht nicht als Maßstab gelten kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    als Nichtleser von Texten, die Sie kommentieren. Der Autor schrieb, dass gerade einmal 100Mio Nutzer im Vormonat online waren. Dann kann man sich ja denken, dass es noch weniger wirklich regelmäßig nutzen.

    • krams
    • 21. November 2012 18:08 Uhr

    Was für diese Unternehmen natürlich ein dicker Nachteil ist, macht es für mich als Benutzer aber wesentlich interessanter. Kein automatisch von Twitter übernommenen Posts, kein Marketinggeblubber sondern Nachrichten von echten Menschen.

    Ich benutze Facebook inzwischen nur noch passiv, konsumiere also nur noch das was andere meinen gerade als wichtig zu erachten. Das meiste ist dabei für mich nicht interessant. Das ist bei Google+ anders. Das liegt in meinem Fall aber auch an meinem technisch orientierten Interesse und gilt mit Sicherheit nicht für alle Benutzer, ich selbst poste aber bei Google+ immerhin ab und an etwas, was für meine Kreise dort interessant sein könnte.

    Von meinem Fall ausgehend sieht man aber ganz gut das Google+-Dilemma. Interessant vor allem für technisch orientierte Benutzer (Ich habe keine anderen in meinen Kreisen), alle anderen bleiben lieber bei Facebook.

  2. als Nichtleser von Texten, die Sie kommentieren. Der Autor schrieb, dass gerade einmal 100Mio Nutzer im Vormonat online waren. Dann kann man sich ja denken, dass es noch weniger wirklich regelmäßig nutzen.

    Antwort auf "400 Millionen Nutzer?"
  3. Der Autor sagt: "Google gewährt anderen Anwendungen keinen Schreibzugriff." So wie ich das verstehe, wäre ich mir nicht so sicher.
    Ich benutze das Tool "hootsuite", mit dem ich einwandfrei gleichzeitig auf Facebook, Twitter und Google + posten kann (auch mit der kostenfreien Version). Kann es sein, das sich der Autor/die Autorin darauf bezieht, dass Google + nicht von von Twitter- oder Facebook-Accounts gefüttert wird? Das habe ich noch nie getestet.

  4. Facebook ist nur Facebook. Man kann darin viel tun, aber man ist immer "in Facebook". Wenn ich eine eMail schreibe und Gmail nutze, wenn ich dabei im Hintergrund Musik bei Google Play oder Youtube laufen lasse, mir danach die Route zum nächsten Kunden in Google Maps angucke und zwischendurch immer mal wieder die Suche benutze... dann habe ich im Internet viele für mich wichtige Dinge getan. aber ich war immer bei Google.

    Google ist überall, Google + nur die Klammer drumherum, meine persönlicher kleiner Mond im Google Universum. Ich denke diese Strategie wird auf Dauer gesehen Facebook überleben.

    Facebook ist ein Teil des digitalen Lebens. Google IST das digitale Leben. Selbst die die es hassen suchen gelegentlich mit Google, oder bekommen einen Videolink zu YTube, oder emailen mit Leuten die einen GMail Account haben, oder suchen sich ne Route, bzw. gucken sich interessante Weltgegenden in GoogleWorld an.

    Hinzu kommt dass bei Google+ momentan noch die Avantgarde kommuniziert, was zu deutlich niveauvolleren und respektvolleren Diskussionen führt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mr. Page? Didn't know you were fluent in marketing-german.

    Ich nutze Facebook quasi nur als eMail Service. Google+ allerdings für interessante Unterhaltungen und um neuen "content" zu entdecken. Finde G+ spannender und übersichtlicher. Würde mir gMail, Calendar und youtube "Apps" für G+ wünschen, dann könnte man sich ein paar offene Tabs sparen.

  5. Mr. Page? Didn't know you were fluent in marketing-german.

    Antwort auf "Google +"
  6. 7. Genau.

    Ich nutze Facebook quasi nur als eMail Service. Google+ allerdings für interessante Unterhaltungen und um neuen "content" zu entdecken. Finde G+ spannender und übersichtlicher. Würde mir gMail, Calendar und youtube "Apps" für G+ wünschen, dann könnte man sich ein paar offene Tabs sparen.

    Antwort auf "Google +"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Google | Alicia Keys | Amazon | Facebook | Flickr
Service