ITU-Treffen in DubaiEU fürchtet um Freiheit und Grundrechte im Netz

Die obersten Telefon-Regulierer der ITU wollen nun auch das Internet kontrollieren. Das EU-Parlament warnt: Die Freiheit des Netzes wäre damit in Gefahr. von 

Das Europäische Parlament fürchtet, am 3. Dezember könnten die Freiheit und die Neutralität des Internets verloren gehen. An diesem Tag beginnt in Dubai die Weltkonferenz für Internationale Telekommunikation (WCIT) . Die Internationale Fernmeldeunion (ITU), eine Organisation, die zu den Vereinten Nationen gehört, will dabei auf Regierungsebene neue internationale Vorschriften zur Telekommunikation verhandeln. Verschiedene Länder wollen das nutzen, um mehr Einfluss auf das Netz und seine Infrastruktur zu bekommen, und verschiedene Konzerne versuchen, sich neue Pfründe zu sichern.

Angesichts dessen fordert das EU-Parlament den Rat und die EU-Kommission auf , sich bei dem Treffen in Dubai dafür einzusetzen, dass das Internet ein öffentlicher Raum bleibt. Eventuelle Änderungen der internationalen Richtlinien müssten "die Menschenrechte und Grundfreiheiten, insbesondere das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit" achten.

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Dass sich das EU-Parlament zu einer solchen Warnung veranlasst sieht, lässt für die Pläne der ITU nichts Gutes erahnen. Ganz offensichtlich befürchten die Parlamentarier, dass Freiheiten bei dem Treffen beschnitten werden. Mit dieser Sorge sind sie nicht allein.

Schon längerprotestieren Aktivistengegen das Treffen in Dubai. Gründe gibt es genug, beispielsweise die fehlende Transparenz. Nicht einmal die einzelnen Themen und Besprechungen der Tagung sind öffentlich . Sehen können das Dokument nur Mitglieder des Gremiums. Auch die Pläne und Vorstellungen, die die teilnehmenden Länder hegen, sind Verschlusssache.

Das Europaparlament "bedauert" in seinem Aufruf, dass es bei den Verhandlungen "an Transparenz und einer angemessenen Einbeziehung der Öffentlichkeit mangelt". Zwei Wissenschaftler der George Mason University bei Washington D.C. haben es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. Auf ihrer Seite WCITLeaks wollen sie so viele Dokumente des Treffens wie möglich zugänglich machen. Inzwischen hat sich auch eine Organisation namens .nxt entschieden, alle Dokumente des Treffens zu veröffentlichen . Denn jedes Detail, das bisher bekannt wurde, sorgte sofort für Protest.

UN als Netzregierung?

So gibt es einen Vorstoß verschiedener Länder, die ITU zu einem entscheidenden Gremium im Netz zu machen. Die Idee: Das Internet sollte von den Vereinten Nationen reguliert, daher faktisch "regiert" werden. Jedes Mitgliedsland der UN solle dabei eine Stimme haben, Entscheidungen sollten mit einfacher Mehrheit getroffen werden.

Was erst einmal harmlos klingt, relativiert sich, betrachtet man, wer das fordert: Russland , China , Usbekistan, Tadschikistan . Ihr Argument lautet, damit werde der bislang große Einfluss der USA auf das Netz begrenzt. Allerdings fürchten Beobachter nicht ganz ohne Grund, dass es diesen Ländern vor allem darum geht, im Netz weltweit mehr Überwachung zu installieren.

Kai Biermann
Kai Biermann

Kai Biermann ist Redakteur im Team Investigativ/Daten bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Entsprechende Hinweise gibt es durchaus. Internetprovider sollten in die Lage versetzt werden, lautet ein Plan, die Herkunft jedes Datenpaketes, das durch ihre Leitungen befördert wird, identifizieren zu können. Nur so könnte die Kriminalität im Netz bekämpft werden, heißt es. Solche Werkzeuge wären allerdings hervorragend geeignet, unliebsame Inhalte zu zensieren und politische Gegner zu identifizieren.

Das EU-Parlament fordert daher in seinem Dokument die Mitgliedsstaaten auf, "alle Änderungen der Internationalen Telekommunikationsvorschriften zu verhindern, die sich nachteilig auf den offenen Charakter des Internets, die Netzneutralität, das Ende-zu-Ende-Prinzip, die Universaldienstverpflichtungen und die partizipatorische Verwaltung auswirken würden".

Aber nicht nur Staaten würden gern mehr Einfluss auf die Architektur des Netzes haben, auch Unternehmen erhoffen sich einiges davon. Europäische Telekommunikationsfirmen haben ein Konzept für das Treffen geschrieben, um ein Prinzip des Telefonnetzes auf das Internet zu übertragen: das sogenannte Roaming. Wer Daten aus seinem Teilnetz in das Teilnetz eines Betreibers in einem anderen Land schicken will, soll diesem Betreiber eine Gebühr für die Durchleitung zahlen.

Leserkommentare
  1. Man wünscht sich, das EU-Parlament würde sich mit ähnlichem Nachdruck um den Splitter im eigenen Auge kümmern, Stichwort "Clean IT".

    http://www.chip.de/news/C...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DerDude
    • 23. November 2012 13:46 Uhr

    Es gibt tatsächlich so viele verschiedene Programme, dass man den Überblick zu verlieren droht.

    Angesichts Clean-IT könnte man fast meinen, das EU-Parlament sorge sich lediglich darum, Kompetenzen an eine andere Organisation abgeben zu müssen.

    Der Inhalt der Programme dürfte sich kaum unterscheiden. Man kennt es ja inzwischen - kaum ist der eine Vertrag gescheitert, schon landen die Forderungen in der Wiedervorlage.

    • war-hog
    • 23. November 2012 13:49 Uhr

    Aber hat auch was.

    Wenn ich mir vornehmen sollte eine Straftat zu begehen, spamme ich einfach das Internet voll und alle Beamten sind dann sowas von damit beschäftigt den ganzen "Müll" zu entsorgen, dass ich in aller Ruhe meinen "Geschäften" nachgehen kann... ;-)

  2. Staaten oder die EU als Ganzes ist an Konventionen und Beschlüsse der ITU nicht gebunden. Die ITU gibt nur Empfehlungen, welche widerum der Übernahme durch nationale Regierungsbehörden wie etwa der Bundesnetzagentur oder diverser Normierungs-Organisationen (z. B. ISO) bedürfen, um zur Norm zu werden. Wie man unsere Regierung kennt, kommen ihr die Beschlüsse der ITU jedoch gerade recht, um baldmöglicht (wieder) die freie Meinung einzudämmen, das Primat der deutschen Verlagsoligopolisten wiederherzustellen und privaten Firmen Privilegien einzuräumen, für die sie an Parteien gespendet haben.

    • bayert
    • 23. November 2012 13:38 Uhr

    Auch die europäische Initiative Clean IT sollte gestoppt werden.

    • TDU
    • 23. November 2012 13:40 Uhr

    "Dass sich das EU-Parlament zu einer solchen Warnung veranlasst sieht, lässt für die Pläne der ITU nichts Gutes erahnen."

    Das ist aber gut, wenn man es so versteht, wie Herr Biermann es gemeint haben dürfte. Die Pläne der ITU lassen nichts Gutes erahnen.

    • cleteu
    • 23. November 2012 13:41 Uhr

    Und schon wieder einmal, will man das Internet kontrollieren, so dass einfach nur noch das drin steht was einem passt.

    Ich will nicht das ständig meine Freiheitsrechte auf solche listige Art und Weise hintergangen werden. Für mich ein weiterer Grund die Piraten zu wählen!

    • DerDude
    • 23. November 2012 13:46 Uhr

    Es gibt tatsächlich so viele verschiedene Programme, dass man den Überblick zu verlieren droht.

    Angesichts Clean-IT könnte man fast meinen, das EU-Parlament sorge sich lediglich darum, Kompetenzen an eine andere Organisation abgeben zu müssen.

    Der Inhalt der Programme dürfte sich kaum unterscheiden. Man kennt es ja inzwischen - kaum ist der eine Vertrag gescheitert, schon landen die Forderungen in der Wiedervorlage.

    Antwort auf "Splitter und Balken..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Fachbereichsbibliotheken der chemischen Institute "aufgeräumt" werden, heißt dann

    clean-bib oder so?

    Irrsinn!

    MFG KM

    • war-hog
    • 23. November 2012 13:49 Uhr

    Aber hat auch was.

    Wenn ich mir vornehmen sollte eine Straftat zu begehen, spamme ich einfach das Internet voll und alle Beamten sind dann sowas von damit beschäftigt den ganzen "Müll" zu entsorgen, dass ich in aller Ruhe meinen "Geschäften" nachgehen kann... ;-)

    Antwort auf "Splitter und Balken..."
  3. In Schweden heißen die FRA.
    Können alle Kanäle abhören.

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