Das sechste Szenario sticht heraus: Es sieht aus wie Version drei oder vier, "gefolgt von einer intensiven Antiratifizierungskampagne in den OECD-Staaten, basierend auf dem angeblichen Mangel an Offenheit des WCIT-Prozesses, mit dem Ergebnis einer signifikanten Anzahl an Ländern, welche die neuen ITR nicht ratifizieren (das sogenannte Acta-Szenario)". Gemeint sind damit massive Proteste, wie sie im vergangenen Frühjahr europaweit zu sehen waren, als Hunderttausende gegen das Handelsabkommen Acta auf die Straßen gingen.

Es gäbe ein gewisses Risiko, dass dieses Acta-Szenario eintritt, schreiben die anonymen Autoren. Eine Kommunikationskampagne der ITU solle das aber abschwächen. Die ITU habe "eine Gegenkampagne gestartet, die außerhalb der USA bereits recht erfolgreich sei" und innerhalb der USA zumindest etwas verändert habe. Einige der Aussagen, mit denen die ITU und die WCIT verunglimpft würden, seien so extrem, dass es leicht sei, sie zu widerlegen.

Wie transparent ist das WCIT?

Wie das aussieht, zeigt zum Beispiel ein Blogeintrag der ITU . Darin kritisiert ITU-Berater Richard Hill den Aufruf des EU-Parlaments an den Rat und die Kommission , sich in Dubai gegen eine Ausweitung der ITR auf das Internet einzusetzen, als uninformiert. Die Parlamentarier hätten offenbar ein falsches Verständnis von der ITU und der WCIT, das offenbar durch – insbesondere nicht-europäische – Unternehmen beeinflusst sei, die ihre Geschäftsmodelle verteidigen wollten.

Die Vorbereitung der WCIT sei entgegen der Vorwürfe des EU-Parlaments "vollständig transparent" gewesen. Jeder Abgeordnete hätte alle Dokumente von seiner eigenen Regierung oder von der EU-Kommission bekommen können. Transparenz in der EU werde im Übrigen auf nationaler Ebene erreicht. Außerdem dürften sowohl Unternehmen als auch Bürgerrechtsorganisationen nach Dubai kommen und dort für ihre Interessen werben.

Laut Jerry Brito von wcitleaks.org zeigt das geleakte Dokument, dass die Geschäftsführung der ITU entgegen ihrer öffentlichen Bekundungen durchaus ernsthafte Bedenken hat, was den Ausgang der Verhandlungen in Dubai angeht. Brito schreibt in einer E-Mail an ZEIT ONLINE, die Beteuerungen der Geschäftsführung, die WCIT nur auszurichten und nicht an deren Ergebnis an sich interessiert zu sein, seien damit widerlegt.

Update:  Paul Conneally, Kommunikationschef der ITU, schreibt in einer E-Mail an ZEIT ONLINE: "Das Dokument ist ohne Authorisierung der ITU von einem internen ITU-Server an die Öffentlichkeit gelangt, und wurde von nicht ermächtigten Benutzen extern weiterverbreitet. Es ist nur eines von zahlreichen solcher internen ITU-Dokumente, wie sie vielfach vom ITU-Sekretariat erstellt werden, in Vorbereitung interner Diskussionen und der Planung von Szenarien. Aus diesem Grund ist das erwähnte Dokument nur im Gesamtzusammenhang mit allen anderen in Bezug stehenden internen ITU-Dokumenten verständlich und sinnvoll; eine isolierte Betrachtung des erwähnten Dokumentes trägt jedoch zu nichts weiter bei als zur bloßen Spekulation und Interpretation. Es ist inzwischen als veraltet anzusehen und spiegelt im Übrigen nicht mehr die Meinung und Ansichten der ITU-Leitung wieder."