WCIT-Treffen in DubaiFernmeldeunion fürchtet Proteste wie gegen Acta

Die Fernmeldeunion ITU hält Proteste gegen ihre geplanten Beschlüsse für möglich. Eine Gegenkampagne soll das verhindern und Kritik an ihren Plänen abschwächen. von 

ITU-Generalsekretär Hamadoun Touré

ITU-Generalsekretär Hamadoun Touré (Archivbild von 2008)  |  © FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images

Die Internationale Fernmeldeunion ITU hält es für möglich, dass es nach ihrer World Conference on International Telecommunications in Dubai (WCIT-12) zu Protesten kommen könnte, wie es sie schon beim Widerstand gegen Acta gab. Das geht aus einem internen und mit "vertraulich" gekennzeichneten Dokument hervor, das nun auf wcitleaks.org veröffentlich wurde. Das Dokument ist authentisch, wie die ITU auf Anfrage bestätigte. Es sei eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen.

Es handelt sich dabei um Unterlagen für führende ITU-Mitglieder – darunter auch Generalsekretär Hamadoun Touré – und externe Gäste, die sich im September am Genfersee getroffen haben, um darüber zu reden, was die ITU zuletzt erreicht hat und was ihr im Hinblick auf die WCIT in Dubai bevorsteht. Zwischen dem 3. und dem 14. Dezember werden dort Vertreter von bis zu 192 Staaten über eine Neufassung der International Telecommunication Regulations (ITR) verhandeln.

Anzeige

Die derzeit gültige Fassung der ITR beschäftigt sich mit internationalen Standards der Telefonie und stammt aus dem Jahr 1988. Sie soll in Dubai aktualisiert werden. Einige Länder haben allerdings Änderungsanträge eingereicht, mit denen die ITU künftig auch Teile der Internetverwaltung an sich ziehen würde .

Die Regulierung des Netzes wird derzeit von diversen nicht-staatlichen Organisationen wie der Internet Society , Icann oder dem World Wide Web Consortium W3C übernommen. Kritiker fürchten, dass die Kontrolle damit durch eine zentrale Regierungsstelle erledigt wird und nicht mehr durch viele, teils nichtkommerzielle Organisationen und Vereine.

Europäische Telekommunikationsfirmen wollen außerdem wohl erreichen, dass die ITU das Roaming-Prinzip des Telefonverkehrs auch auf das Internet überträgt, um Durchleitungsgebühren zum Beispiel von Google verlangen zu können. Auch das wird heftig kritisiert, unter anderem vom Europäischen Parlament.

Sechs mögliche Szenarien

Die interessantesten Stellen in dem jetzt veröffentlichten 33-seitigen Papier finden sich auf den Seiten 13 und 14. Dort fassen die nicht genannten Autoren die denkbaren Ergebnisse der Konferenz in Dubai zusammen – und beklagen eine "finanziell gut ausgestattete und gut organisierte Kampagne aus den USA " gegen die ITU und die WCIT.

Patrick Beuth
Patrick Beuth

Patrick Beuth ist Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Sechs Szenarien entwerfen die Autoren für die Konferenz in Dubai. Erstens: Die ITR bleiben im Großen und Ganzen, wie sie sind. Erweiterungen werden höchstens in Resolutionen festgehalten. Das sei das Ziel der USA und einiger europäischer Länder, heißt es in dem Dokument.

Zweitens: Eine große Mehrheit der Teilnehmerländer einigt sich auf ITR, die sich deutlich von der heutigen Fassung unterscheiden, aber insbesondere die in der OECD organisierten Länder verweigern die Ratifizierung.

Drittens: Fast alle Länder einigen sich auf grundlegend veränderte ITR, nur die USA und einige wenige Verbündete verweigern die Ratifizierung.

Viertens: Konsens über ein Abkommen, das sich grundlegend von den heute gültigen ITR unterscheidet, möglicherweise mit Bedenken einiger OECD-Staaten hinsichtlich bestimmter neuer Artikel.

Fünftens: Version drei oder vier, ergänzt um ein Protokoll mit Anmerkungen oder Bedenken einiger Staaten.

Leserkommentare
    • deDude
    • 27. November 2012 16:52 Uhr

    .... der ohne rot zu werden von sich behaupten kann er handle im Namen und im Interesse des Volkes?

    Inzwischen muss man die Parlamente und "Ausschüsse" wirklich ununterbrochen im Auge behalten, ansonsten sind wir schneller bei George Orwells Überwachungsstaat als wir "1984" sagen können.

    Wie sagte schon Charlie Chaplin in seiner Rolle als "der große Diktator"?

    "Ein Volk sollte keine Angst vor seiner Regierung haben, eine Regierung sollte Angst vor ihrem Volk haben!"

    Vielleicht muss den Damen und Herren "Volksvertretern" diese "Furcht" vor dem Wahlvolk mal wieder eingetrichtert werden.

    11 Leserempfehlungen
    • DerDude
    • 27. November 2012 17:03 Uhr

    Sie scheinen verstanden zu haben, dass es Grenzen gibt, deren erkennbare Überschreitung Konsequenzen nach sich ziehen kann (à la ACTA). Ich würde sagen: Ein Etappenziel ist erreicht.

    Aber es bleibt das Ärgernis, dass man immer und immer wieder versucht an der Öffentlichkeit vorbei die gleichen Forderungen durchzusetzen, in der tumben Annahme, nun werde es schon niemand merken... oder die Öffentlichkeit habe in der Zwischenzeit ihre Meinung geändert...

    Wie kann man nur so arrogant/borniert sein?

    5 Leserempfehlungen
    • GDH
    • 27. November 2012 18:20 Uhr

    Das ist wirklich bezeichnend:

    Da versteht die WCIT-Spitze offensichtlich, dass es schwerwiegende Bedenken gegen ihre Pläne gibt. Anstatt diesen Bedenken aber inhaltlich zu begegnen (z.B. indem man ein klares Bekenntnis zur Netzneutralität und anonymen Kommunikation in die Papiere schreibt), trifft man sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und setzt eine Propagandakampagne an.

    Hier scheint geradezu ein Bündnis zwischen den finanziellen Interessen einiger Provider und den Überwachungs- und Kontrollfantasien einiger Regierungen zu entstehen.

    Hoffentlich misslingt die Gradwanderung, gerade soviel an Kontrollmechanismen zu verabschieden, dass es noch ohne großen Widerstand ratifiziert wird.

    5 Leserempfehlungen
    • ST_T
    • 27. November 2012 17:23 Uhr

    Ein informativer Artikel über die eigentlichen Hintergründe dieser ganzen Farce:

    http://www.heise.de/netze...

    Mich wundert nicht, dass man bei einem solchen Verhalten skeptisch ist...

    2 Leserempfehlungen
  1. Wieviele von den 192 Staaten, deren Vertreter sich in Dubai treffen, sind demokratisch?
    In einer Diktatur, in dem durch Erdöl sehr reichen Dubai,
    treffen sich Diktatoren und Vertreter Europäischer Telefonkonzerne, um mir Schaden zuzufügen.
    Sie wollen zu meinem Nachteil heute noch für den Nutzer kostenfreie Dienste im Internet kostenpflichtig machen,
    und sie wollen meine Informationsfreiheit und meine Veröffentlichungsfreiheit einschränken.
    Da Dubai kein freies Land ist, brauchen die Teilnehmer der überflüssigen Konferenz vor Demonstrationen keine Angst zu haben.

    2 Leserempfehlungen
  2. des Internet auch in Zukunft zu erhalten!

    Sie wollen, dass das Internet auch in Zukunft frei bleibt vom Zugriff internationaler Organisationen wie der ITU? Dann schreiben Sie dies der ITU, um die Meinung der Internetuser hierzu deutlich zu artikulieren.

    Hier E-Mail-Adressen der ITU:

    itumail@itu.int
    brmail@itu.int
    tsbmail@itu.int
    bdtmail@itu.int
    pressinfo@itu.int
    telecom@itu.int
    sales@itu.int
    membership@itu.int
    library@itu.int
    ServiceDesk@itu.int
    webmaster@itu.int
    hostmaster@itu.int
    gary.fowlie@itu.int

    Kämpfen auch Sie für die Freiheit des Internet!

    Eine Leserempfehlung
  3. genau zu diesem Thema:
    http://gewalltag.wordpres...

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fernmeldeunion ITU | Google | Dubai | OECD | Acta | Internet
Service