Leserartikel

Digitale DiskriminierungOhne Facebook geht nichts mehr

Leser Detlef Conrad Mielczarek hat kein Facebook-Profil. Das wird langsam zum Nachteil: bei Bewerbungen, um Informationen zu bekommen oder um Webdienste zu nutzen. von 

Vor einigen Jahren stellte ich mir im Scherz eine Zweiklassengesellschaft vor: Diejenigen, die Facebook nutzen, und diejenigen, die Facebook nicht nutzen. Damals lachte ich über Visionen, in der Leute ohne Facebook benachteiligt werden. Heute wird das Schreckensszenario langsam Wirklichkeit.

Vor Kurzem gab es einen TEDx Event an der University of Leeds, eine Konferenz zu "Technology, Entertainment and Design". Für Vorträge gab es einen Wettbewerb, bei dem Studenten Vorschläge für Präsentationen einreichen konnten – allerdings ausschließlich über Facebook. Ich hätte ohne weiteres Ideen gehabt. Aber ein Auswahlverfahren über Facebook? Da habe ich mich lieber mit einem Platz im Publikum begnügt.

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Die Facebook-Diskriminierung geht noch weiter: Barclaycard organisierte vor einiger Zeit eine Verlosung, die nur für registrierte Facebook-Mitglieder zugänglich war. Und wer manche Webdienste nutzen will, bekommt nur die Option angezeigt, sich mit einem Facebook- oder einem Twitter-Konto einzuloggen.

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Netzwerke mit Profilkonten, die Informationen zentral verwalten, sind sicherlich bequem – für Nutzer und Dienstleister zugleich. Andererseits führen sie gleichzeitig dazu, dass bestimmte Menschen von vornherein ausgeschlossen werden.

Wenn ein Restaurant Gutscheine über Facebook vergibt, um junges Publikum anzuziehen, kann ich dafür Verständnis aufbringen. Wenn offiziell organisierte Anlässe wie TEDx auf Facebook setzen, oder wenn Unternehmen wie Barclaycard ihre Nutzer ermuntern, die eigenen Daten vorbehaltlos an einen profitorientierten Konzern in den USA zu übermitteln, ist das mehr als zweifelhaft.

In Großbritannien protestieren viele Menschen gegen die dort geplante Identity Card. Facebook aber weiß mehr als jede Behörde. Doch während man Behörden misstraut, werden die Daten einem Unternehmen freiwillig übergeben. Dabei sind Behörden theoretisch dem Volk Rechenschaft schuldig, ein Unternehmen aber schuldet Rechenschaft nur seinen Eignern.

Sicherlich lässt sich argumentieren, dass ja niemand teilnehmen muss. Nur wenn man diesen Gedanken weiterführt, kommt man der Diskriminierung sehr nahe. Ein Beispiel ist die Credit History in den USA. Die braucht dort jeder, denn ohne Kreditkarte sind Menschen als Kunden suspekt. Wollen wir künftig Menschen danach sortieren, ob sie bereit sind, ihre Daten Facebook zu geben?

Abgesehen von den Datenschutzproblemen führt eine derartige Fokussierung auf zentrale Dienste zu Abhängigkeiten. Wer zum Beispiel Verlosungen zu Facebook auslagert, verliert letztlich dafür die Kompetenz in der eigenen IT-Abteilung.

Was mir aber vor allem Sorgen macht: Was passiert, wenn ein Facebook-Konto zur Voraussetzung des Lebens wird? Bekomme ich künftig bestimmte Dienstleistungen nicht mehr, wenn ich keinen solchen Account habe? Denn, dass ich bestimmte Angebote nicht mehr erhalte, ist ja bereits der Fall.

Was wird aus der digitalen Zukunft? Werden wir bald von einem einzigen Unternehmen dominiert?

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Leserkommentare
  1. ...Herr Mielczarek, durchhalten. Sie sind nicht allein, ich habe nämlich auch kein Facebook-Konto. Und ganz ehrlich: an Informationszugang hat es mir deswegen bisher noch niemals gemangelt.

    Fast könnte man sich in einem sozialen Netzwerk engagieren als Facebook-Gegner, aber irgendwie ist das ein bißchen wie das Aufstellen einer Nichtwähler-Partei ;-)

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  2. Natürlich meinten einige meiner Freunde, ich solle doch endlich zu Facebook kommen. Beinahe hätte ich mich überzeugen lassen, doch dann las ich, dass es schon längst ein Teil der Goldmann&Sachs-Krake geworden ist, und damit will ich nix zu tun haben.
    Vermisst habe ich bislang nichts.

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  3. ...den Fehler begehen da auch nur einen Freund einzutragen. Ich überprüfe mit denen nur, ob jemand irgendwelche Daten über mich dort einstellt und tue sonst nichts damit.

    Würde Facebook verifizierte Klarnamensaccounts zwingend vorschreiben, wäre ich da schneller raus als deren Server Daten speichern können.

    Es gibt schon genug Leute, die auch Daten ihrer Freunde an Konzerne verraten, die damit dann ihre Geschäfte machen. Ich verrate meine Freunde nicht an irgendwelche Konzerne. Wenn ich mit ihnen sprechen will, gehe ich sie besuchen. Da hört dann kein Telefon-Provider oder gar Skype oder Facebook mit.

    Ich habe kein Handy/SmartPhone, weil der Provider und selbst Privatleute mit Equipment im Wert von 100EUR und einem Laptop Handykommunikation mitlesen und Daten, z.B. aus dem elektronischen Adressbuch, auslesen können ohne das der Nutzer davon etwas mitbekommt.

    Damit ich bei meinen Freunden nicht im Handy auftauche habe ich zudem kein Festnetztelefon.

    Ich fühle mich trotzdem nicht von irgendwas ausgeschlossen und möchte darauf hinweisen, dass insbesondere Gewinnspiele ohnehin immer schon dazu benutzt wurden um an die persönlichen Daten der Leute die mitmachen zu kommen. Es ist also gut, davon "ausgeschlossen" zu sein.

    Es ist eher ein Gewinn Facebook nicht zu benutzen. Genauso wie es ein Gewinn ist auf das Fernsehen zu verzichten, welches heutzutage hauptsächlich der Massenverblödung dient.

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    Antwort auf "Guter Artikel"

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  • Schlagworte Barclaycard | Behörde | Design | Diskriminierung | Publikum | Unternehmen
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