SharingMein Auto ist dein Auto

Besitz ist ein Konzept von gestern, heute wird geliehen und geteilt. Das Internet hilft dabei. Aber wie selbstlos und nachhaltig ist die Sharing Economy wirklich? von Astrid Herbold

Wer von Sharing schwärmt, erwähnt gerne Bohrmaschinen. Braucht man selten, muss man nicht unbedingt besitzen, kann man auch kurz vom Nachbarn borgen. Falls der Nachbar nicht zu Hause ist, dann hilft das soziale Netzwerk Frents weiter. Hier melden sich nicht nur Menschen an, sie bringen auch gleich ihren Hausrat mit. Den kann man dann gegen Gebühr tageweise ausleihen. Allerdings sind berlinweit erst sechs Bohrmaschinen verfügbar. Aber in Euskirchen könnte man einen Mankell-Roman bekommen und in Karlsruhe einen Beamer.

Auch wenn die Wirklichkeit der Utopie noch hinterher hinkt: Die CeBIT hat die "Shareconomy" für 2013 bereits zum Top-Thema erklärt . Der positiv konnotierte Begriff wird dabei weit gefasst, unter Teilen fällt irgendwie alles von Facebook bis Wikipedia, von Softwarenutzung in der Cloud (SaaS) bis zu gemieteten Plattformlösungen (PaaS), vom Fahrradverleih der deutschen Bahn bis zum Mietwagen, der per Smartphone geortet und reserviert werden kann.

"Alternative Besitz- und Konsumformen, die häufig von sozialen Medien unterstützt oder erst durch sie ermöglicht werden", stellen einen "neuen – wünschenswerten – gesellschaftlichen Trend" dar, schreiben auch die Verfasser der Studie Deutschland teilt! . Auftraggeber war AirBnB , die Plattform für private Zimmervermietung.

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Wünschenswert, alternativ, sozial, nachhaltig: Mit der Sharing Economy gehen große Hoffnungen einher. Gemeinschaftliches Nutzen, das heißt auch effizienterer und schonenderer Umgang mit Ressourcen. Temporäre Zugänge statt individueller Materialanhäufung – womöglich ist das sogar die Antwort auf viele drängende Fragen der Wachstumsgesellschaft. Und wenn sich Links, Wissen, Texte, Musik teilen lassen, warum dann nicht auch Betten und Tische, Gärten und Garagen, Stecheisen und Spielkonsolen? Zumal die mobile Vernetzung die Verleih- und Bezahlprozesse massiv vereinfacht und beschleunigt hat.

"Psychologische Hürde"

Nur: Wo ist wirklich Bedarf? Zurzeit wird viel ausprobiert. Es gibt Plattformen, bei denen von der Werkzeugkiste bis zum Dreirad alles angeboten werden kann. In Deutschland sind das neben Frents noch Leihdirwas und Whyown.it . Noch sind die Mitgliederzahlen dieser Leihnetzwerke überschaubar. "Bei Frents sind derzeit 18.000 Nutzer und 65.000 Gegenstände registriert", sagt Philipp Rogge, einer der Gründer des Berliner Start-ups Frents. Zwei Jahre nach dem Launch ist das Unternehmen damit noch lange nicht da, wo es gerne wäre.

Der Grund liegt einerseits in dem, was Rogge "die psychologische Hürde" nennt, denn Sharing ist als kulturelle Praxis (noch) ein Nischenphänomen. Andererseits ist vielen Nutzern der Aufwand schlicht zu hoch. Zumal die Mühen, die eigenen Besitztümer zu katalogisieren, oft in keinem Verhältnis zu den Verdienstmöglichkeiten stehen. Eine Leinwand mit Stativ kriegt man bei Leidirwas für 5,50 Euro am Tag. Dafür musste Besitzer "Nick Ri" aus Renningen sie fotografieren und beschreiben, mit einem möglichen Interessenten muss er die Abholung besprechen, eine Kaution vereinbaren, die Rückgabe regeln. "Das Leihen und Verleihen lohnt sich am ehesten bei sehr wertigen Sachen", meint Rogge, "bei Spezialwerkzeug, elektronischer Ausstattung, neuen Games."

Oder eben bei Autos. Etliche Netzwerke haben sich deshalb auf Privatfahrzeuge spezialisiert, in Deutschland heißen die bekanntesten Plattformen Tamyca , Nachbarschaftsauto und Autonetzer ; die amerikanischen Pendants sind RelayRides und Getaround .

Insgesamt geben sich die Amerikaner deutlich experimentierfreudiger: Private Parkplätze werden über Seiten wie ParkatmyHouse und Parkcirca angeboten. Haustiere können über DogVacay an eine private Ferienbetreuung vermittelt werden, Gartenbesitzer und Gartenbenutzer finden auf Hyperlocavore zueinander. Allerdings sind viele dieser Webseiten junge Start-ups, ihre Geschäftsmodelle entweder unklar oder noch nicht ausgereift. Entsprechend schnell verschwinden sie häufig wieder vom Markt, wenn die Nutzer ausbleiben.

Leserkommentare
  1. 1. Nun ja

    Ich persönlich finde den Gedanken, dass eine Bohrmaschine oder ein Lenkrad bereits von 100 Leuten betatscht wurde, eher unangenehm. Mittlerweile haben viele Leute ja auch überhaupt keinen Anstand mehr, und geben geliehene Gegenstände entweder überhaupt nicht, oder arg ramponiert zurück. Nein, wenn man etwas an eine Person verleiht, möchte man denjenigen doch kennen, oder zumindest vorher mal sehen.

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    Hallo, erstmal muss man sich nicht überall vor Keimen fürchten! Es gibt gewisse Verhaltensregeln, wobei die wichtigste ist sich nicht ständig ins Gesicht zu fassen, wo über die Schleimhäute leicht eine Ansteckung stattfindet.

    Jetzt aber zum eigentlichen Thema. Vor mehr als zehn Jahren hatten wir schon ein Carsharing für den Sportverein. Dabei ging es um einen VW-Bus der stand immer an einem bestimmten platz, dort hing ein Kalender und man hat sich Namentlich angemeldet, die Schlüssel hat nur der Wart herausgegeben.

    Wenn nun Unternehmen dieses Prinzip aufgreifen, so sind diese versicherungstechnisch entsprechend abgesichert und wer ein Auto leihen möchte muss sich zunächst einmal anmelden. Seine Identität wird zweifelsfrei geprüft, indem man vollen Namen, Anschrift und ID-nr. vom Perso angeben muss. Danach wartet man auf Freischaltung.

    Wenn nun jemand ein solches Auto nicht zurück bringt, beschädigt usw., dann braucht es nicht viel Kreativität was in der Folge geschieht.

    und was machen Sie im Zug,Flugzeug oder im Taxi oder der Einkaufswagen....alles wurde inzwischen schon mehr als 100 mal angegrabbelt, ich glaube Sie haben ein ganz anderes Prolem.

  2. Tja das mit dem verleihen ist generell so eine Sache. Als passionierter Hobbyhandwerker besitze ich eine Menge Werkzeug. Als Bücher und Filmfreund eine große Sammlung. In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert in meinem Familien und Freundeskreis, dass man sich bei mir alles Leihen könnte. Ich habe beobachtet, dass die Menschen da sehr verschieden sind. Manchen ist es sehr wichtig alles rechtzeitig und ordentlich zurückzubringen, anderen muss man ständig auf den Füssen stehen, bekommt z.B. Bücher verfleddert und mit Flecken zurück, Filme zerkratzt und das Werkzeug dreckig.

    Komischerweise reagieren viele verschnupft, wenn man dann mal sagt künftige kostet das Buch und Filmleihen 1 Euro. "Was nö... sehe ich nicht ein, dann kaufe ich's mir selber."
    Beim Werkzeug erntet man Unverständnis, wenn man etwas verlangt, weil z.B. Schleifscheiben und ähnliches Abnutzungsmaterial verschlissen wurden. Soll ich quasi verschenken? Nun gut ich leihe nun nur noch wenigen etwas aus und für mich die Erkenntnis gewonnen, das manche Menschen mit fremden Eigentum nicht umgehen können. Man muss schon die Menschen sehr gute und lange kennen mit denen man z.B. Gemeinschaftseigetum anschaffen möchte.

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    • Zack34
    • 18. November 2012 15:36 Uhr

    Die Idee mit der kl. Gebühr finde ich gut, entlarvt sie doch die folgende Lüge ("dann kaufe ich es mir...") Ihres Gegenüber.
    <a>
    Aber zum Werkzeug: leihen Sie nur die Maschinen aus, ohne Bohrer, Schleifpapier, usw. Wenn die "Freunde", die Ihnen sonst das Gerät mit der zerschlissenen Scheibe zurück bringen, das Werkzeug bei Ihnen ausleihen statt es zu kaufen, dann könnnen sie sich zumindest die paar Euro für´s eigene Verbauchsmaterial erlauben.
    <a>
    Mänschen, die so mit den Sachen anderer Menschen umgehen, gehen im Regelfall mit ihren eigenen Sachen ganz anders um. Und sind, zumindest für meine Wenigkeit, ab dem Zeitpunkt dieser Erkenntnis <em>persona non grata</em>.

    Ich gehe mit meinen kleinen Schätzen nicht mehr "hausieren",
    d.h. sie sind nicht gut sichtbar an der Garagenwand zur Schau gestellt. Ausgeleierte Maschinen bewahre ich auf, wer mich anbaggert, bekommt diese Geräte zur Nutzung, nicht die Neuen.
    So lässt das Interesse stark nach.

    • dëfr
    • 18. November 2012 14:15 Uhr

    "Im Vergleich zu realen Flohmärkten schneidet der Onlinetausch zwar im Bezug auf die Kohlenstoffdioxid-Emissionen besser ab..."

    Welche Daten wurden denn da herangezogen? Kann mir kaum vorstellen, dass ein laptop, server, und sonstige Geräte weniger Emissionen verbrauchen als nen Holztisch.

  3. Ich bin auf Facebook in ein paar regionalen Gruppen, wo man sich entweder bei unterschiedlichen Fragen oder Problemen gegenseitig hilft ("Wer kann mir meine Lampe anschließen?", "Biete Umzugshilfe an" usw.) oder wo man Waren günstig verkauft oder sogar verschenkt. Kürzlich zickte mein Netzwerkkabel herum und ich hatte schon vorgehabt, mir ein neues zu kaufen, doch wurde glücklicherweise ein Netzwerkkabel in der Verschenkegruppe angeboten. Ein Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel habe ich sowieso und damit sah der Tausch emissionsmäßig ganz gut aus.

  4. Was hat ein schon vorhandenes Monatsticket mit den tatsächlich verursachten Emissionen zu tun...?!?

  5. Ich erlebe auch, dass das Verleihen von Eigenem oft unbefriedigend ist (man bekommt es selten im urspruenglichen Zustand oder zuegig zurueck etc.). Was besser funktioniert ist das Teilen von Dingen, die von vorneherein gar keiner Einzelperson gehoeren, bei denen sich aber alle finanziell an der Nuetzung und Instandhaltung beteiligen (und sich daher auch im selben Rahmen verantwortlich fuehlen). Carsharing, das Teilen weniger Waschmaschinen im Keller von Mietshaeusern (Bonsystem), gemeinsam einen Garten mieten und bewirtschaften. Ich kann mir gut vorstellen, dass kommunal organisierte "Leih-Stationen" ueber Vereinsmitgliedschaft funktionieren wuerden: Jeder zahlt einen bestimmten Jahresbeitrag und davon werden dann all die Dinge angeschafft und instandgehalten, die man tasaechlich nur selten braucht: Teppichschamponiergeraete, Schleifmaschinen, Stichsaegen, grosse Leitern... da waer ich sofort dabei.

  6. Ich habe früher auch gerne Dinge verliehen, bin aber mittlerweile so weit gereift, dass ich nur noch an mir sehr nahestehende und persönlich sehr gut bekannte Personen verleihe - insb. aus der eigenen Familie. Vieles kam nur nach etlichen Bitten und Ermahnungen oder entsprechend ramponiert zurück. Manches sogar gar nicht. Hinzu kommt das Gefühl ausgenutzt zu werden, denn Gegenangebote kamen kaum. Der Respekt vor dem Eigentum anderer oder ganz allgemein vor öffentlich genutzten Sachen, tendiert gen Null. Tenor: mir gehört es nicht, also was kümmert mich es? Wer den Wert einer Dienstleistung oder eines Gegenstandes nicht erkennt, der verdient diese auch nicht!
    Um Ressourcen zu schonen, gäbe es darüberhinaus effizientere Methoden, die unser Wirtschaftssystem jedoch in Frage stellen würden: der geplanten Obsoleszenz den Kampf ansagen und Produkte langlebig und reparaturfreundlich herstellen. Es ist nicht notwendig, jedes Jahr Smartphone, TV-Gerät oder ähnliches auszutauschen. Die Lebenszyklen eines Produkts müssen wieder verlängert werden und das Recycling muß weitaus effizienter als bisher betrieben werden.

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    und um das zu gewaehrleisten, die Oboleszenzzeiten zu erhoehen, sollten man viele Produkte gar nicht mehr kaufen, sondern gleich beim Hersteller mieten. Wenn ich, statt eine Waschmaschine zu kaufen, sie fuer 10Euro im Monat beim Hersteller miete, dann hat dieser doch ein interesse daran, dass sie ganz lange stoerungsfrei laeuft.

    Da stimme ich dir vollauf zu.

  7. Eine geniale Kuehlschrankloesung habe ich in einem franzoesischen Studentenwohnheim gesehen. In den mehrstoeckigen Haus gab es genau eine einzige Tiefkuehltruhe und keinen einzigen Kuehlschrank. Die Loesung: in der Tiefkuehltruhe (im Foyer) befanden sich fast ausschliesslich Kuehlelemente. auf dem Weg in ihre Zimmer namen die Studenten jeweils 1-2 davon mit - denn in jedem Zimmer befand sich eine Kuehlbox. Beim Rausgehen wurden die zwischenzeitlich erwaermten Elemente wieder in die Truhe gelegt.

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    • ASasse
    • 18. November 2012 20:11 Uhr

    Die Idee statt vieler Kühlschränke eine gemeinsame Tiefkühltruhe und wandernde Kühlelemente zu verwenden erhöht den Stromverbrauch ganz erheblich (siehe auch zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, Kehrwert des Carnot-Wirkungsgrads). Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht.

    Etwas zu nutzen obwohl ich es nicht brauche (hier Tiefkühlung obwohl nur normale Kühlung erreicht wird) wird nicht dadurch besser, dass diese Verschwendung gemeinsam stattfindet.

    Beim Carsharing ist das umgekehrt: während Privatautos häufig für Urlaubsreisen ausgelegt sind, obwohl die Eigentümer sie meist nur im Nahverkehr nutzen, können Carsharing-Nutzer bedarfsgemäß ein passendes Fahrzeug buchen.

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  • Schlagworte Heinrich-Böll-Stiftung | Auto | USA | Berlin | Europa | Karlsruhe
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