Der Acta-Moment: Im Februar 2012 demonstrieren wie hier in Berlin europaweit schätzungsweise 120.000 Menschen.

Sandra Mamitzsch sitzt auf der Außentreppe der C-Base, schaut auf die Spree und ist müde. Es ist der 4. Juli 2012, der Abend des wohl größten Triumphes der netzpolitischen Bewegung in Europa . Das Europäische Parlament hat gerade mit 478 zu 39 Stimmen den internationalen Handelsvertrag mit der Abkürzung Acta begraben und in der C-Base, einem Hackerspace in Berlins Mitte, trinken etwa hundert Aktivisten fröhlich Bier. Mamitzsch ist Teil dieser Bewegung. Doch ihr ist nicht nach feiern. Die Monate zuvor waren anstrengend, sie will nur noch ins Bett.

Jahrelang hatten Staaten und Industrie unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt, um illegale Kopien und die Verletzung von Urheberrechten weltweit verfolgen zu können – von Tunrschuhen und Handtaschen bis hin zu Filmen und Musik. Es geht dabei um Milliardensummen. Doch mit dem Ausstieg der Europäischen Union ist das Vorhaben praktisch erledigt.

Dass die Parlamentarier ausgestiegen sind, ist nachgerade ein Wunder. Noch wenige Monate zuvor waren sie überwiegend der Meinung, mit Acta etwas Gutes und Wichtiges zu tun. Die Proteste Zehntausender Menschen in ganz Europa haben sie vom Gegenteil überzeugt. Proteste, die von Leuten wie Sandra Mamitzsch organisiert wurden.

Schwarze Klamotten, braune Haare, breites Lachen und eine leise, freundliche Stimme: Mamitzsch drängt sich nicht auf, agitiert nicht. Sie hört zu, sie fragt, sie hilft. Ihre Berufsbeschreibung? "Dinge-Koordiniererin", sagt sie.

Der Protest gegen Acta kam nicht schrill daher und nicht mit Gewalt. Er wurde nicht von einer einzelnen Gruppe oder einer Partei organisiert. Er wuchs. An sehr vielen Orten. Erst im Netz, in Blogs, bei Twitter, bei Facebook und bei YouTube.

Immer mehr Menschen verstanden, dass sie von dem Vertrag betroffen sein könnten. Immer mehr störten sich daran, dass ein so wichtiges Konstrukt geheim verhandelt wurde, dass niemand sagen wollte, worum es eigentlich geht. Immer mehr hörten denen zu, die wie Mamitzsch versuchten, auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Dann gingen sie auf die Straße, europaweit.

Am 11. Februar demonstrierten nach Schätzungen der Veranstalter europaweit 120.000 Menschen, am 25. Februar waren es allein in Deutschland noch einmal 46.000.

 Sandra Mamitzsch gehört zu jenen, die die Hintergründe des Handeslabkommens erklären und auf Probleme aufmerksam machen. Immer wieder. "Für mich war es selbstverständlich, dass ich mich dafür interessiere", sagt sie. Technik, Internet, Computer hätten sie schon immer beschäftigt. Und man könne ja nicht immer nur darüber lesen und sich im Stillen darüber aufregen. Irgendwann wollte sie auch etwas tun.