10 Jahre Creative CommonsDer Ökoladen der Nerd-Elite

Blogger Michael Seemann findet: Creative Commons sind kompliziert, elitär und verhindern die Beschäftigung mit dem eigentlichen Problem – dem unzeitgemäßen Urheberrecht. von Michael Seemann

Ich mag die Creative Commons (CC) nicht. In internetaffinen Kreisen rangiert eine solche Aussage knapp über dem Geständnis, Videos von Katzenbabys abstoßend zu finden. Denn die CC-Lizenz bedeutet schließlich Freiheit, Gemeinschaftlichkeit und die Zukunft gleichzeitig. Eine Befreiung der Kreativen von den Restriktionen des Urheberrechts, ein Lizenzbaukasten, mit dem sie genau den Grad der Freiheit einstellen können, was andere mit ihren Fotos, Texten, Liedern und Filmen im Netz anstellen dürfen. Ein Kommunismus, der keinem weh tut, weil er freiwillig ist. Ein Kommunismus der Herzen, dem sogar die Tea Party ihren Segen geben würde. Seit zehn Jahren geht das schon so, und es nervt jeden Tag mehr.

Beinahe alle Urheberrechtsexperten sind sich einig, dass es in Zeiten, in denen jeder das Internet nutzt, um Inhalte zu teilen, ein Urheberrecht braucht, das so einfach ist, dass es sich jedem sofort erschließt. Die Antwort der Creative Commons sind sechs weitere Urheberrechte, die sich auf das unverständliche Original noch oben draufflanschen.

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Creative Commons ist das Gegenteil eines verständlichen Urheberrechts. Es braucht eine lange Einarbeitungszeit in den Lizenzwust, und selbst dann macht man ständig Fehler. Wirklich verstanden werden die Lizenzen nur in Nerdkreisen, die sich darauf spezialisiert haben. Es ist kein Zufall, dass es Alltag in Redaktionen und Blogs ist, gegen CC-Lizenzen zu verstoßen oder meist gleich zugunsten kommerzieller Angebote darauf zu verzichten. Das Urheberrecht mag unfrei sein, aber immerhin gibt es dort einfache Standards.

Michael Seemann
Michael Seemann

Seemann bloggt und twittert seit Jahren unter dem Pseudonym mspro und beschäftigt sich unter anderem mit dem gesellschaftlichen Phänomen des Kontrollverlustes.

Im Zweifel sind klassisch urheberrechtsgeschützte Angebote sogar günstiger, wenn man die ganzen kognitiven wie rechtlichen Transaktionskosten beim Einsatz der angeblich so "freien" CC-Inhalte mit einrechnet. Ich selbst verzichte lieber auf Bilder in meinen Blogposts, und von meinen Vorträgen gebe ich keine Folien mehr raus, statt mich mit dem Quatsch zu beschäftigen. Ich will kreativ sein, das Rechtsgetöse überlasse ich Anwälten.

Was es da alles gibt: mit Namensnennung (BY), Weiterverarbeitung nur unter gleicher Lizenz (SA), mit Namensnennung, aber bitte nicht bearbeiten (BY-ND), bitte nicht bearbeiten und nicht kommerziell verwerten, natürlich auch mit Namensnennung (BY-NC-ND), etc. Alles aufgeschlüsselt in sogenannte Module, die nach strenger Systematik miteinander kombinierbar sind. Hinzukommen die Fallstricke beim Einbinden. Worauf man alles achten muss: immer Original referenzieren, Autornamen angeben, Lizenz korrekt wiedergeben und auf die offizielle Creative Commons Page verlinken, aber auf keinen Fall die falsche Lizenz!

Zehn Jahre Creative Commons

Die Creative Commons (CC) sind ein alternatives Modell zur Verwaltung von Urheberrechten. Die verschiedenen CC-Lizenzen sollen es ermöglichen, Werke wie Bücher, Artikel oder Filme möglichst vielen Menschen zur möglichst freien Nutzung zu überlassen. Je nach gewählter Lizenz sind bei der Nutzung des Werks aber bestimmte Vorgaben des Urhebers zu beachten.

Creative Commons ist gleichzeitig der Name einer gemeinnützigen Organisation, die dazu vorgefertigte Lizenzverträge zur Verfügung stellt. Gegründet wurde die Organisation im Jahr 2001, federführend war dabei der Harvard-Professor Lawrence Lessig. Im Dezember 2002 wurden dann die ersten CC-Lizenzen veröffentlicht. Das feiert die Organisation mit Partys und Veranstaltungen in aller Welt.

Lob, Kritik und Ausblick

In drei Artikeln würdigt ZEIT ONLINE den Geburtstag der Creative Commons:

Wissenschaftler Leonard Dobusch hält die Creative Commons für den Schlüssel zur Versöhnung des Urheberrechts mit der digitalen Revolution.

Blogger Michael Seemann kritisiert die CC dagegen als komplizierte, elitäre Wichtigtuerei.

John Hendrik Weitzmann, zuständig für rechtliche Fragen bei Creative Commons Deutschland, gibt einen Ausblick auf die Entwicklung des Lizenzmodells.

Der größte Wahnsinn dabei ist das NC-Modul – es steht für " noncommercial ", und eigentlich weiß keiner so genau, was das bedeutet. Ist mein Blog nicht kommerziell, obwohl ich über den Spendendienst Flattr Geld einnehme? Was, wenn ich irgendwann Werbung schalte? Muss ich die CC-NC-lizensierten Bilder dann alle wieder runternehmen? Oder will man mir zu verstehen geben: "Irgendwann werde ich für dieses Foto von meinem Gartenstuhl bestimmt 4.000 Euro bekommen, nicht, dass du mir das wegschnappst"? In welcher Welt leben diese NC-Menschen eigentlich? Das ist nicht mal Egoismus, das ist eingebildeter Egoismus und macht nebenbei die potenziellen Vorteile der CC-Lizenz zunichte .

CC-NC macht die lizensierten Inhalte unbrauchbar für freie Datenbanken, die Wikipedia , den Großteil der Blogs und damit für das Internet insgesamt. Und wofür das alles? Dass ja niemand je einen Cent verdient, der die Inhalte nutzt? Das Non-Commercial-Modul der Creative Commons ist wie der Heckspoiler am Opel Corsa – reine Wichtigtuerei.

Leserkommentare
  1. Die CC sind nicht perfekt - okay.
    Aber früher gab es nur das Urheberrecht und es gab gemeinfrei (Public Domain), was ja wohl die WPFTL auch nur meint (plus ein bisschen Provokation).

    CC machen das Thema für Nicht-Anwälte flexibel zugänglich - und sind trotzdem juristisch geprüft.
    Und CC gliedern das bestehende Urheberrecht in vier Bestandteile:
    - Weitergabe erlaubt: ja / nein
    - Verändern erlaubt: ja / nein
    - Öffentliche Aufführung erlaubt: ja / nein
    - Geld mit verdienen erlaubt: ja / nein
    Jeder kann für sein Werk jeweils "ja" oder "nein" sagen. Das war es.
    Bis auf den letzten Punkt ist das alles nicht so schwer, oder?

    Und eigentlich ist der letzte Punkt auch nicht schwer, wird aber von denen, die ein Werk nur nicht-kommerziell weitergeben möchten, oft missverstanden (weil Werbung, Flattr, Verwendung im kommerziellen Umfeld dann auch tabu sind). Das ist tatsächlich ärgerlich und hier stimme ich Ihnen in Ihrer Kritik auch zu.

    Ich habe jetzt die Vorteile und das Problem in ca. 20 Zeilen dargelegt.

    Gekürzt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlicher Kritik. Danke, die Redaktion/jz

  2. ... uns die Libertären, die überall aus dem Boden schießen wie Halimasch im von Erntemaschinen zerstörten Wald.

    Vermutlich hat der Autor noch nie in Wikipedia-ähnlichen Gruppen mitgearbeitet. Diese Gruppen sind voller Menschen die gerne ihr Wissen und ihre Zeit anderen Menschen zur Verfügung stellen, aber nicht erleben möchten, dass daraus dritte, ohne viel eigenen Arbeitseinsatz investieren zu müssen, Kapital schlagen. Open Streetmap ist ein weiteres fantastisches Projekt. Besonders für Open Streetmap ist es wichtig, dass z. B. App-Programmierer eine klare Ansage haben, was sie mit den Daten machen dürfen und was nicht.

    CC hat bei uns in Deutschland natürlich ein doppelt schweres Päckchen zu tragen. Zum Einen ist es das Neue, das Ungewohnte, das an das sich die Menschen erst noch gewöhnen müssen und zum Anderen tut z. B. die Gema alles, um es auszugrenzen und jede Kompatibilität zu verunmöglichen. In England läuft das besser.

    Das CC-nc (NonComercial) ist für all jene sinnvoll, die nicht an der Grenze zur Geschäftsmäßigkeit operieren (bspw. auf einer privaten Facebook-Seite). Im Text des obigen Autors ist z. B. eine VG-Wort-Leserzählmarke enthalten, die dem Autor am Ende des Jahres für den Text, selbst wenn er von der ZEIT kein Geld erhalten haben sollte, 50 Euro einbringen kann. Dass er da mit CC-nc ein bisschen unsicher ist, wunder mich kein bisschen. - Oder steckt die ZEIT das Geld stillschweigend ein?

    • faddeev
    • 07. Dezember 2012 14:06 Uhr

    Was möchten wie denn mit diesem Artikel sagen?

    "Worauf man alles achten muss: immer Original referenzieren, Autornamen angeben, Lizenz korrekt wiedergeben und auf die offizielle Creative Commons Page verlinken, aber auf keinen Fall die falsche Lizenz!"
    Das ist ja furchtbar, Leuten die ihr "geistiges Eigentum" zu Verfügung stellen auch noch nennen zu müssen... \Ironie aus

    Im Ernst: CC Lizenzen vereinfachen die Weitergabe von Daten (von dem von ihnen zurecht kritisierten beispiel NC mal abgesehen). Ich halte es für unverschämt sich noch darüber zu beschweren, dass einige Autoren (zurecht) ihren Namen unter der von ihnen verfassen Arbeit sehen möchten, oder ihr Werk nicht verändert sehen möchten. Wenn sie darauf verzichen wollen ist das sehr löblich - aber auch ganz allein ihre Sache.

    Auf mich aber wirkt ihr Text eher wie die Aussage "Das Urheberrecht ist schrott - und CC auch". Wie soll denn ihr "neues" Urheberrecht aussehen? Ich bin mir sicher, dass die Antwort darauf ein interessanter Artikel geworden wäre im Gegensatz zu diesem unkonstruktiven Rumgenörgel. Wenn ich raten müsse würde ich sagen, dass sich der Artikel ließt wie ein Plädoyer für freie Verfügbarkeit von allen Inhalten die im Netz stehen. Das mag für sie ok sein, heißt aber nicht, dass es nicht Autoren gibt die das anders sehen.

    ...(-> Teil 2)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • faddeev
    • 07. Dezember 2012 14:09 Uhr

    Insbesondere ist es auch das gute Recht eines jeden Autors, dass er nicht möchte, dass mit den von ihn geschaffenen Inhalten Geld verdient wird. Natürlich wird es bei Gartenstuhlfotos lächerlich, allerdings werden nicht nur Gartenstuhlfotos unter CC gestellt. Wer soll dann ihrer Meinung nach entscheiden welches Werk es Wert ist unter NC veröffentlicht zu werden.

    Zum Abschluss:
    "Stattdessen leben wir im Urheberrechtsabmahn-Terror und trösten uns mit einer Flut meist minderwertiger CC-Inhalte."

    Glauben sie denn ersthaft, dass "hochwertigere" Angebote aufgrund einer "Rechtsunsicherheit" nicht unter CC veröffentlich werden? Oder ist es ggf. doch wahrscheinlicher, dass sie unter einer möglichst gewinnbringenden Lizenz veröffentlicht werden um eben jenen Gewinn zu maximieren?

    Ich - persönlich - finde den Artikel zumindest sehr schwach.

    • faddeev
    • 07. Dezember 2012 14:09 Uhr

    Insbesondere ist es auch das gute Recht eines jeden Autors, dass er nicht möchte, dass mit den von ihn geschaffenen Inhalten Geld verdient wird. Natürlich wird es bei Gartenstuhlfotos lächerlich, allerdings werden nicht nur Gartenstuhlfotos unter CC gestellt. Wer soll dann ihrer Meinung nach entscheiden welches Werk es Wert ist unter NC veröffentlicht zu werden.

    Zum Abschluss:
    "Stattdessen leben wir im Urheberrechtsabmahn-Terror und trösten uns mit einer Flut meist minderwertiger CC-Inhalte."

    Glauben sie denn ersthaft, dass "hochwertigere" Angebote aufgrund einer "Rechtsunsicherheit" nicht unter CC veröffentlich werden? Oder ist es ggf. doch wahrscheinlicher, dass sie unter einer möglichst gewinnbringenden Lizenz veröffentlicht werden um eben jenen Gewinn zu maximieren?

    Ich - persönlich - finde den Artikel zumindest sehr schwach.

    Antwort auf "Wiebitte? (Teil 1)"
  3. Schade mspro, der Artikel ist ganz gut, und ich stimme dir soweit voll zu. Was ich aber nicht verstehe, ist, warum du deinen Blog unter die WTFPL stellst und dann diejenigen beschimpfst (»Scherzbolde«, »Raubdrucker«), die sich genau an die Lizenz halten und mit deinen Blogeinträgen tun, was sie wollen. Unter der Lizenz sind es eben keine »Raubdrucker«, da sie dir nichts geraubt haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dir nichts geraubt haben."

    Sie müssen schon entschuldigen, der Autor schreibt doch, dass es ihm zu kompliziert ist.

  4. dir nichts geraubt haben."

    Sie müssen schon entschuldigen, der Autor schreibt doch, dass es ihm zu kompliziert ist.

    Antwort auf "Raubdrucker??"
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    Redaktion

    Die entfernten Anführungszeichen bei den "Raubdruckern" waren ein Fehler der Redaktion. Die Anführungszeichen sind jetzt wieder drin.

    • mspro
    • 07. Dezember 2012 14:28 Uhr

    Du hast recht, das ist sehr mißverständlich. Ich hatte im Original Raubdrucker in Anführungszeichen gesetzt, ist rausredigiert worden. Habe beantragt, das wieder in Anführungszeichen zu setzen.

  5. Eigentlich frage ich mich warum jemand bei einem privaten Blog Werbung braucht... oder einen Spenden Button - ich vermute damit wird ein Interesse an Einnahmen bekundet, oder etwas nicht?
    Wenn ein Interesse an Einnahmen besteht dann ist ein Produkt kommerziell - wo hat der Autor des Artikels da sein Problem?

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  • Schlagworte Wikipedia | Amazon | Blog | E-Book
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