Der Reformbedarf im Urheberrecht ist groß, die Liste der Reformvorschläge lang. Viele dieser Vorschläge aber sind umstritten, unrealistisch oder beides. Ein Beispiel für die Schwierigkeit, die neue Ideen haben, ist die Forderung, die urheberrechtliche Schutzfrist zu verkürzen.

Die ist derzeit 70 Jahre lang – 70 Jahre nach dem Tod des Autors sind dessen Werke urheberrechtlich geschützt. Das mag für eine winzige Minderheit gut vermarktbarer Inhalte noch irgendwie nachvollziehbar sein, für Mickey-Mouse-Comics oder Musik von Elvis Presley zum Beispiel. Bei der großen Mehrheit an Werken, die bereits nach wenigen Jahren kaum mehr kommerziell genutzt wird, erschwert oder verhindert diese Schutzfrist aber den Zugang. Rechtsansprüche zu klären, wird mit den Jahren immer schwerer und teurer, die Nutzung komplizierter. Und bleibt deswegen schließlich völlig aus.

Eine kürzere Schutzfrist scheitert aber nicht nur am Widerstand großer Rechteinhaber, die an Longsellern wie den Beatles gut verdienen. Sie scheitert auch an internationalen Verträgen wie der Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst. Weil die von über 100 Staaten ratifizierten Abkommen nur einvernehmlich geändert werden können, ist die Schutzfrist in Stein gemeißelt. Ähnliches gilt für Ausnahmeregelungen, für die sogenannten Schranken des Urheberrechts. Auch sie sind in den internationalen Verträgen festgeschrieben.

Eine Urheberrechtspolitik, die lediglich auf eine Reform des bestehenden Urheberrechts setzt, kann also entweder das Unmögliche versuchen und internationale Verträge verändern wollen, oder lediglich kleine, nationale Neuerungen erreichen.

Oder sie sucht sich einen dritten Weg. Denn glücklicherweise muss sich Urheberrechtspolitik nicht auf Veränderungen des Urheberrechts beschränken. In vielen Bereichen lässt sie sich sogar ganz ohne Änderung von Gesetzen betreiben. Der Schlüssel für eine Versöhnung des Urheberrechts mit der digitalen Revolution sind alternative Urheberrechtslizenzen wie Creative Commons. Sie basieren zwar auf dem Urheberrecht, räumen Dritten jedoch bestimmte Nutzungen ein, die längst zum Alltag gehören: öffentliches Zugänglichmachen, digitale Weitergabe und, je nach Lizenzmodul, auch Remix und kommerzielle Verwertung.

Wikipedia wäre ohne CC nicht möglich

Der bekannteste Nutzer von Creative Commons ist die Enzyklopädie Wikipedia. Erst die CC-Lizenz ermöglicht, dass aus Millionen von Einzelbeiträgen Hunderttausender Autoren ein gemeinsames Werk wird. Weil alle Beitragenden die Lizenzbedingungen akzeptieren, müssen zwischen den vielen Autoren keine Rechte geklärt werden – und auch Dritte können ohne nachzufragen Teile der Wikipedia wie zum Beispiel Fotos oder Kartenmaterial in ihre Werke einbinden.

Creative Commons bietet sich aber nicht nur für digitale Gemeinschaften wie die Wikipedia an. Die Lizenzen sind, weil sie modular aufgebaut sind, so flexibel einsetzbar, wie es angesichts der vielfältigen Anwendungsbereiche des Urheberrechts notwendig ist. Fotografen, die nichts dagegen haben, wenn ihre Werke in privaten Blogs und auf Facebook auftauchen, können sich mit dem Non-Commercial-Modul eine kommerzielle Nutzung vorbehalten. Eine Tageszeitung muss sie trotzdem wie gehabt für einen Abdruck des Fotos bezahlen. Ähnlich bei Musik: Filesharing und Verwendung in privaten Videos können erlaubt sein, der Einsatz in Werbespots oder Spielfilmen ist es deswegen noch lange nicht. Zumindest, solange keine Vergütung gezahlt wird.

Besonders groß ist das Potenzial von Creative Commons im öffentlichen Bereich – bei der Vergabe öffentlicher Kulturförderungen, im öffentlichen Rundfunk sowie bei Bildung und Wissenschaft. Wo Verwertungsinteressen nicht im Vordergrund stehen, bietet Creative Commons eine einfache Lösung, um digitale Verbreitung und Weiternutzung möglich zu machen, ja zu fördern. Umso erstaunlicher, dass es in diesem Sektor bislang noch kaum zum Einsatz kommt.

Bei der Vergabe öffentlicher Kulturförderung muss die Lizenzierung geförderter Werke überhaupt erst einmal zum Thema gemacht werden. Denn würde eine freie Lizenz verwendet, wäre damit ein Zusatznutzen für die Allgemeinheit verbunden. Bibliotheken und Schulen könnten frei lizenzierte Werke kostenlos zugänglich machen und andere Kreative solche Werke unkompliziert in neue Schöpfungen einbauen.