10 Jahre Creative Commons : Es braucht kein neues Urheberrechtsgesetz

Urheberrechtspolitik ist auch ohne Reform des Urheberrechts möglich. Freie Lizenzen wie Creative Commons können Interessen versöhnen und Gewinn für alle bringen.

Der Reformbedarf im Urheberrecht ist groß, die Liste der Reformvorschläge lang. Viele dieser Vorschläge aber sind umstritten, unrealistisch oder beides. Ein Beispiel für die Schwierigkeit, die neue Ideen haben, ist die Forderung, die urheberrechtliche Schutzfrist zu verkürzen.

Die ist derzeit 70 Jahre lang – 70 Jahre nach dem Tod des Autors sind dessen Werke urheberrechtlich geschützt. Das mag für eine winzige Minderheit gut vermarktbarer Inhalte noch irgendwie nachvollziehbar sein, für Mickey-Mouse-Comics oder Musik von Elvis Presley zum Beispiel. Bei der großen Mehrheit an Werken, die bereits nach wenigen Jahren kaum mehr kommerziell genutzt wird, erschwert oder verhindert diese Schutzfrist aber den Zugang. Rechtsansprüche zu klären, wird mit den Jahren immer schwerer und teurer, die Nutzung komplizierter. Und bleibt deswegen schließlich völlig aus.

Eine kürzere Schutzfrist scheitert aber nicht nur am Widerstand großer Rechteinhaber, die an Longsellern wie den Beatles gut verdienen. Sie scheitert auch an internationalen Verträgen wie der Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur und Kunst. Weil die von über 100 Staaten ratifizierten Abkommen nur einvernehmlich geändert werden können, ist die Schutzfrist in Stein gemeißelt. Ähnliches gilt für Ausnahmeregelungen, für die sogenannten Schranken des Urheberrechts. Auch sie sind in den internationalen Verträgen festgeschrieben.

Eine Urheberrechtspolitik, die lediglich auf eine Reform des bestehenden Urheberrechts setzt, kann also entweder das Unmögliche versuchen und internationale Verträge verändern wollen, oder lediglich kleine, nationale Neuerungen erreichen.

Leonhard Dobusch

Leonhard Dobusch ist studierter Jurist und Betriebswirt und derzeit als Juniorprofessor für Organisationstheorie am Management-Department der Freien Universität Berlin tätig. Daneben schreibt er regelmäßig über das Thema Urheberrecht bei netzpolitik.org. Er twittert unter @leonidobusch.

Oder sie sucht sich einen dritten Weg. Denn glücklicherweise muss sich Urheberrechtspolitik nicht auf Veränderungen des Urheberrechts beschränken. In vielen Bereichen lässt sie sich sogar ganz ohne Änderung von Gesetzen betreiben. Der Schlüssel für eine Versöhnung des Urheberrechts mit der digitalen Revolution sind alternative Urheberrechtslizenzen wie Creative Commons. Sie basieren zwar auf dem Urheberrecht, räumen Dritten jedoch bestimmte Nutzungen ein, die längst zum Alltag gehören: öffentliches Zugänglichmachen, digitale Weitergabe und, je nach Lizenzmodul, auch Remix und kommerzielle Verwertung.

Wikipedia wäre ohne CC nicht möglich

Der bekannteste Nutzer von Creative Commons ist die Enzyklopädie Wikipedia. Erst die CC-Lizenz ermöglicht, dass aus Millionen von Einzelbeiträgen Hunderttausender Autoren ein gemeinsames Werk wird. Weil alle Beitragenden die Lizenzbedingungen akzeptieren, müssen zwischen den vielen Autoren keine Rechte geklärt werden – und auch Dritte können ohne nachzufragen Teile der Wikipedia wie zum Beispiel Fotos oder Kartenmaterial in ihre Werke einbinden.

Creative Commons bietet sich aber nicht nur für digitale Gemeinschaften wie die Wikipedia an. Die Lizenzen sind, weil sie modular aufgebaut sind, so flexibel einsetzbar, wie es angesichts der vielfältigen Anwendungsbereiche des Urheberrechts notwendig ist. Fotografen, die nichts dagegen haben, wenn ihre Werke in privaten Blogs und auf Facebook auftauchen, können sich mit dem Non-Commercial-Modul eine kommerzielle Nutzung vorbehalten. Eine Tageszeitung muss sie trotzdem wie gehabt für einen Abdruck des Fotos bezahlen. Ähnlich bei Musik: Filesharing und Verwendung in privaten Videos können erlaubt sein, der Einsatz in Werbespots oder Spielfilmen ist es deswegen noch lange nicht. Zumindest, solange keine Vergütung gezahlt wird.

Besonders groß ist das Potenzial von Creative Commons im öffentlichen Bereich – bei der Vergabe öffentlicher Kulturförderungen, im öffentlichen Rundfunk sowie bei Bildung und Wissenschaft. Wo Verwertungsinteressen nicht im Vordergrund stehen, bietet Creative Commons eine einfache Lösung, um digitale Verbreitung und Weiternutzung möglich zu machen, ja zu fördern. Umso erstaunlicher, dass es in diesem Sektor bislang noch kaum zum Einsatz kommt.

Bei der Vergabe öffentlicher Kulturförderung muss die Lizenzierung geförderter Werke überhaupt erst einmal zum Thema gemacht werden. Denn würde eine freie Lizenz verwendet, wäre damit ein Zusatznutzen für die Allgemeinheit verbunden. Bibliotheken und Schulen könnten frei lizenzierte Werke kostenlos zugänglich machen und andere Kreative solche Werke unkompliziert in neue Schöpfungen einbauen.

Problem Verwertungsgesellschaften

Dass das funktioniert, zeigt die österreichische Stadt Linz. Seit sie 2009 Kulturhauptstadt Europas war, erhalten geförderte Künstler, die ihre Werke unter einer freien Lizenz veröffentlichen, einen Förderbonus in Höhe von zehn Prozent. Wichtiger noch als diese Vergütung und die damit verbundene Anerkennung des gesellschaftlichen Mehrwerts offener Lizenzierung ist aber der Aufklärungseffekt: Antragssteller setzen sich dadurch oft zum ersten Mal mit der Option Creative Commons auseinander. Ein guter Weg, um auf kommunaler Ebene Urheberrechtspolitik zu machen.

Der größte öffentliche Produzent urheberrechtlich geschützter Inhalte ist aber wohl der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Dort aber gibt es nur ein kleines, gallisches Dorf von Creative-Commons-Nutzern, das Medienmagazin ZAPP des NDR. Dessen Beiträge stehen unter einer CC-Lizenz. Angenehmer Nebeneffekt: Auf diese Weise bleiben die Sendungen trotz der gesetzlichen Pflicht zum Depublizieren dauerhaft online verfügbar.

In beiden Fällen, bei der Kulturförderung und beim öffentlichen Rundfunk, sind es vor allem zwei Hürden, die verhindern, dass Creative Commons genutzt wird. Erstens sind an Film- und Tonwerken meist viele Urheber beteiligt. Sie alle müssen einer freien Lizenz zustimmen. In den Standardverträgen ist diese Option derzeit aber weder vorgesehen, noch wird sie entsprechend vergütet. Was notwendig wäre, schließlich fallen dadurch Wiederholungshonorare weg.

Vergütungen anpassen

Zweitens sind die meisten beteiligten Künstler Mitglieder in Verwertungsgesellschaften. Diese verbieten aber, wie im Musikbereich die GEMA, die Verwendung von Creative Commons für ausgewählte Werke. Da sie sich als alleinige Verwerter der Rechte begreifen, verbauen sie damit diesen Weg.

Eine Lösung für beide Probleme, für die Vertragsgestaltung genauso wie für die Verwertungsgesellschaften, bedarf keiner Änderung des Urheberrechts. Urheberrechtspolitik bedeutet vielmehr, Geschäftspraktiken und Verwertungsgesellschaften mit freien Lizenzen wie Creative Commons kompatibel zu machen – und Vergütungen entsprechend anzupassen.

Um neue Geschäfts- und Finanzierungspraktiken geht es auch bei Bildung und Wissenschaft. Auch hier werden Werke öffentlich finanziert, sind aber deshalb noch lange nicht öffentlich zugänglich. Besonders bizarr: Öffentlich finanzierte Forscher schreiben Aufsätze, die von anderen öffentlich finanzierten Forschern begutachtet werden. Wollen öffentlich finanzierte Universitätsbibliotheken sie dann in ihren Katalog aufnehmen, müssen sie sie zu exorbitanten Preisen von Wissenschaftsverlagen zurückkaufen. Obwohl den Urhebern weder für das Verfassen noch für die Begutachtung etwas bezahlt wurde, kosten Abos wissenschaftlicher Zeitschriften bis zu 20.000 Euro pro Jahr.

Angesichts dessen setzen die großen Wissenschaftsorganisationen wie Max-Planck-Gesellschaft und Deutsche Forschungsgemeinschaft auf die Förderung von Open-Access-Zeitschriften, die ihre Inhalte unter Verwendung von Creative-Commons-Lizenzen frei zugänglich machen.

Offene Schulbücher

Schule und Universität sind noch weiter zurück. Schulbücher werden immer noch gedruckt und in Rucksäcken durch die Gegend geschleppt; trotz Finanzierung über öffentliche Gelder oder Elternbeiträge sind sie nicht frei online verfügbar. Ja, nirgends bewegt man sich so schnell in der Illegalität wie im Bereich von Lehr- und Lernunterlagen. Zwar gibt es im Urheberrecht Ausnahmen für den Bildungsbereich – ausgenommen von dieser Ausnahme sind aber just jene Materialien, die speziell für die Bildung hergestellt werden.

In anderen Ländern wie den USA, Kanada oder Polen investieren öffentliche und private Bildungsträger längst in offene Lernunterlagen unter Creative-Commons-Lizenz, sogenannte Open Educational Ressources (OER). Wird das Erstellen von frei lizenzierten Lernmitteln offen ausgeschrieben, sorgt es für mehr Wettbewerb und gleichzeitig dafür, dass der digitalen Nutzung durch Lehrer und Schüler kaum Grenzen gesetzt sind.

Auch hier gilt: Urheberrechtspolitik ist jenseits von Urheberrechtsreform möglich. In Deutschland braucht es dazu vor allem neue Ausschreibungsregeln und neue Qualitätssicherungsverfahren. Jenseits des Urheberrechtsgesetzes erlauben Modelle wie CC eine Annäherung der verschiedenen Interessen.

Mehr noch: Die Beispiele zeigen, dass Lizenzen wie Creative Commons es möglich machen, gezielt jene Bereiche zu fördern, die für die Entwicklung einer Gesellschaft besonders wichtig sind.

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Das Brot des Antiquitätenhändlers

Frage zu Absatz 2: Werke, die nach längerer Zeit "kaum noch kommerziell genutzt werden" sollen also den Autoren oder Komponisten aus der Hand genommen werden, damit andere Geschäfte damit machen können? Das soll gerecht sein? Wenn ja, dann schlage ich vor, Kaufhäuser zu zwingen, ihre Schlussverkaufsartikel zu verschenken. Und Antiquitätenhändler zu enteignen.
Es gibt auf allen Gebieten Revivals. Die Autoren und die von ihnen beauftragten (!!!) Verwertungsgesellschaften, Verlage, Labels, haben das Recht, davon zu profitieren. Wer denn sonst und mit welchem Recht?
Und übrigens, wussten Sie es schon: Ladendiebstahl wird nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Gehört ja schließlich "zum Alltag" ...
Abgesehen davon bietet Creative Commons eine natürlich prima Möglichkeit, seine Werke zu verschenken. Wer das möchte, darf aber nicht einer Verwertungsgesellschaft beitreten, den dort geht es wie der Name schon sagt, um Verwertung, sprich Broterwerb.