Mitte der Neunziger machte ich eine Erfindung. Ich schloss die Kaffeemaschine an eine Zeitschaltuhr an und programmierte sie auf 7.30 Uhr. Fortan musste ich die Maschine abends nur noch mit Wasser, Filter und Kaffeepulver bestücken und einschalten, um morgens von ihrem Gluckern und vom Geruch frisch gebrühten Kaffees geweckt zu werden. Anfangs fand ich das genial. Doch mit der Zeit wurde es langweilig. Zumal der Kaffee nicht so toll schmeckte. Über Nacht büßte das Pulver im Filter Aroma ein.

Viele der Ideen, die Erfinder, Programmierer und Gründer vergangene Woche in Paris auf Europas größter Konferenz für Netzthemen, LeWeb , präsentierten, ähneln meiner Kaffeemaschine mit Startzeitvorwahl. Mit dem Unterschied, dass sie nicht mit einem Wecker verbunden sind, sondern mit dem Internet.

Das macht es möglich, dass bald die ganze Welt programmierbar sein wird. Jedes Auto, jede Waschmaschine, jede Armbanduhr wird irgendwie vernetzt sein. Geräte werden untereinander kommunizieren, sich aufeinander abstimmen. Künftig geht man nicht mehr "ins Internet", denn es wird immer irgendwo im Hintergrund arbeiten und nie weggehen. "Die physische und die digitale Welt werden verschmelzen", sagt Jeff Hagins, Mitgründer des Unternehmens SmartThings und ein Pionier in der Entwicklung vernetzter Geräte.

Soweit die Vision. Einige sehen darin schon die Zäsur eines neuen Zeitalters. Das bringt nicht nur Vorteile. Wie bei meiner Kaffeemaschine werden wir feststellen, dass die neue Welt anders ist, aber nicht unbedingt besser.

Müllberge aus Daten werden sich auftürmen

"Wenn wir jetzt schon überfordert sind, all unsere sozialen Netzwerke zu verfolgen, Feeds zu lesen und E-Mails zu checken – wie soll das erst werden, wenn all unsere Geräte permanent mit uns sprechen wollen?" Das fragt sich Dalton Caldwell. Er hat App.net mitgegründet, ein soziales Netzwerk, das Twitter Konkurrenz machen will. Und er beschäftigt sich mit der Frage, wie Nutzer mit den Unmengen an Daten zurechtkommen sollen, die so eine vernetzte Welt täglich produzieren wird.

Caldwell hob während seines Vortrages in Paris hervor, dass Kühlschränke und Kaffeeautomaten sich und uns viel zu sagen haben werden. Ohne leistungsfähige Informationsfilter werden wir in Daten versinken. Deshalb arbeitet sein Unternehmen an individuell programmierbaren APIs, Schnittstellen, mit denen Nutzer ihr eigenes Netzwerk nach selbst festgelegten Kriterien durchsuchen können.

Der Kühlschrank von morgen merkt sich also, was wir essen. Er weiß, wann wir aufstehen und Milch und Eier brauchen und kauft sie online für uns ein. Gleichzeitig werden Sensoren unseren Blutdruck, Blutzuckerspiegel und die beim Sport verbrauchten Kalorien überwachen und direkt an den Hausarzt und den Apotheker senden. Deren Computer werden dann unseren Diätplan für die nächsten Wochen entsprechend anpassen.

Wollen wir das eigentlich? Und was wird aus solchen Daten? Mit derartigen Fragen hielten sich die Web-Unternehmer, die sich auf der Bühne der Konferenz euphorisch gegenseitiges Investment in ihre Produkte versprachen, nicht weiter auf. Sie sehen im Internet of Things vor allem eines: gigantisches Potenzial für Geschäftsmodelle.

Im Gegensatz zu den Visionen, wirkten viele der tatsächlich vorgestellten Produkte dann so mickrig wie meine Kaffeemaschine. Nette Spielereien waren dabei. Aber werden sie die Welt wirklich verändern?

Schlüsselkinder mit Netzanschluss

Zwei junge Gründer der Firma Api.gy mit Sitz in Palo Alto präsentierten eine neue Version ihres ferngesteuerten Türschlosses Lockitron. Das lässt sich mit dem Smartphone bedienen. Zwar hat man dann keinen Schlüssel mehr, den man irgendwo liegen lassen kann. Allerdings schützt nur ein Passwort dann noch vor Einbrechern. Und Menschen mit schlechtem Gedächtnis ist damit auch nicht geholfen.

Die France-Télécom-Tochter Orange stellte eine intelligente Steckdose namens MyPlug vor: Damit lassen sich gleich mehrere Geräte im Haus von unterwegs per SMS ein- und ausschalten. Den Stromverbrauch misst die Steckdose gleich mit. Und ein kleiner Bluetooth-Adapter am Schlüsselbund des Kindes genügt, um vom Arbeitsplatz aus zu kontrollieren, ob der Nachwuchs nach der Schule direkt nach Haus gekommen ist. Totale Kontrolle für nur 79,99 Euro.

Überwachung leicht gemacht

Welche Risiken es bergen könnte, wenn das Netz zum großen Ganzen wird, wurde in Paris kaum diskutiert. Leider. Denn wenn das Internet der Dinge so kommt wie prophezeit, wird es in Zukunft nicht mehr genügen, zu diskutieren, wie Arztpraxen und Versicherungen Gesundheitsdaten sicher speichern oder wie soziale Netzwerke ihre Kundeninteressen verwalten. Denn auch der Kühlschrank sieht und hört dann alles. Und der Toaster. Und das Auto. Und wenn gewünscht, können diese Maschinen ihre eigenen Statusmeldungen automatisch twittern oder auf Facebook posten.

Wie das geht, zeigte Marcus Schappi von Ninja Blocks. Das ist ein Steuergerät, das es ermöglicht, ohne Programmieraufwand verschiedene Sensoren – etwa Geräusch-, Feuchtigkeits- oder Bewegungsmelder – mit dem Smartphone und dessen Kamera zu verschalten. Schappis Beispiel war lustig: Er präparierte seinen Hühnerstall mit einem Bewegungsmelder, der reagierte, wenn ein Fuchs sich näherte. Automatisch machte das Handy ein Foto von dem Räuber und twitterte es in die Welt. Praktisch, um zum Beispiel Einbrecher abzulichten. Aber ist es noch witzig, wenn damit Nachbarn, Mitarbeiter oder Partner bespitzelt werden? Für 199 US-Dollar kann man das Einsteiger-Set für Hobbyspione vorbestellen.

Hirnscan in Echtzeit

Das Internet of Things macht auch nicht Halt vor den intimsten Daten, die wir besitzen: den Vorgängen in unserem Gehirn. Die kanadische Unternehmerin und Psychotherapeutin Ariel Garten präsentierte bei der LeWeb ein futuristisches Stirnband namens Muse. Das misst die Hirnströme und sendet sie via Bluetooth ans Smartphone oder Tablet.

Bisher kann das Smartphone wenig mit den Daten anfangen. Das Anwendungsbeispiel, das Garten vorführte, war eher eine Spielerei: Kombiniert mit dem Programm Emotype können User Texte schreiben, während das Stirnband ein EEG aufzeichnet. Je nach Erregungszustand im Gehirn, verändert sich die Schriftart beim Schreiben. Eine schnörkellose kleine Schrift symbolisiert Konzentration. Regt sich der Schreibende auf, wird die Schrift größer und fetter, gerät er ins Träumen, erscheinen spielerische Serifen. Mehr nicht. Die Faszination für solche Ansätze ist jedoch riesig: Knapp 290.000 Dollar kamen auf der Crowdfunding-Platform Indiegogo für das Gerät bisher zusammen, das für 199 US-Dollar pro Stück ab kommendem Jahr ausgeliefert werden soll.

Bei allen Schwachstellen der ersten Anwendungen ist das durchaus nachvollziehbar, zeigen sie doch die faszinierenden Möglichkeiten, die im Internet of Things stecken. In Zukunft wird dank einfacher Sensoren in der Kleidung vielleicht kein Herzinfarkt mehr unerkannt bleiben, Geschwindigkeitsmesser könnten schwere Autounfälle verhindern, intelligente Haushaltsgeräte Energie sparen und Müll vermeiden. All das sind wünschenswerte Fortschritte. Es lassen sich Dutzende solcher Beispiele finden.

Bevor allerdings unsere Seele online geht, sollten wir vielleicht kurz darüber nachdenken, wer hier eigentlich wen steuert. Und wie viel Alltagsnetz wir wirklich wollen.