Internet of ThingsWenn Kühlschränke Gedanken lesen

Kommunizieren erst alle Geräte, wird das Netz zum großen Ganzen. Das Internet der Dinge ist ein Traum für Unternehmer, aber ein Albtraum für Datenschützer. von 

Muse InteraXon Ariel Garten Le Web Hirnströme

Die kanadische Künstlerin und Psychotherapeutin Ariel Garten präsentiert ihr Produkt "Muse". Das Gerät misst Hirnströme und stellt sie auf dem Smartphone oder Tablet dar.  |  © LeWeb12/Flickr/CC-BY-2.0

Mitte der Neunziger machte ich eine Erfindung. Ich schloss die Kaffeemaschine an eine Zeitschaltuhr an und programmierte sie auf 7.30 Uhr. Fortan musste ich die Maschine abends nur noch mit Wasser, Filter und Kaffeepulver bestücken und einschalten, um morgens von ihrem Gluckern und vom Geruch frisch gebrühten Kaffees geweckt zu werden. Anfangs fand ich das genial. Doch mit der Zeit wurde es langweilig. Zumal der Kaffee nicht so toll schmeckte. Über Nacht büßte das Pulver im Filter Aroma ein.

Viele der Ideen, die Erfinder, Programmierer und Gründer vergangene Woche in Paris auf Europas größter Konferenz für Netzthemen, LeWeb , präsentierten, ähneln meiner Kaffeemaschine mit Startzeitvorwahl. Mit dem Unterschied, dass sie nicht mit einem Wecker verbunden sind, sondern mit dem Internet.

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Das macht es möglich, dass bald die ganze Welt programmierbar sein wird. Jedes Auto, jede Waschmaschine, jede Armbanduhr wird irgendwie vernetzt sein. Geräte werden untereinander kommunizieren, sich aufeinander abstimmen. Künftig geht man nicht mehr "ins Internet", denn es wird immer irgendwo im Hintergrund arbeiten und nie weggehen. "Die physische und die digitale Welt werden verschmelzen", sagt Jeff Hagins, Mitgründer des Unternehmens SmartThings und ein Pionier in der Entwicklung vernetzter Geräte.

Soweit die Vision. Einige sehen darin schon die Zäsur eines neuen Zeitalters. Das bringt nicht nur Vorteile. Wie bei meiner Kaffeemaschine werden wir feststellen, dass die neue Welt anders ist, aber nicht unbedingt besser.

Müllberge aus Daten werden sich auftürmen

"Wenn wir jetzt schon überfordert sind, all unsere sozialen Netzwerke zu verfolgen, Feeds zu lesen und E-Mails zu checken – wie soll das erst werden, wenn all unsere Geräte permanent mit uns sprechen wollen?" Das fragt sich Dalton Caldwell. Er hat App.net mitgegründet, ein soziales Netzwerk, das Twitter Konkurrenz machen will. Und er beschäftigt sich mit der Frage, wie Nutzer mit den Unmengen an Daten zurechtkommen sollen, die so eine vernetzte Welt täglich produzieren wird.

Dagny Lüdemann
Dagny Lüdemann

Dagny Lüdemann leitet das Ressort Wissen, Digital und Studium bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Caldwell hob während seines Vortrages in Paris hervor, dass Kühlschränke und Kaffeeautomaten sich und uns viel zu sagen haben werden. Ohne leistungsfähige Informationsfilter werden wir in Daten versinken. Deshalb arbeitet sein Unternehmen an individuell programmierbaren APIs, Schnittstellen, mit denen Nutzer ihr eigenes Netzwerk nach selbst festgelegten Kriterien durchsuchen können.

Der Kühlschrank von morgen merkt sich also, was wir essen. Er weiß, wann wir aufstehen und Milch und Eier brauchen und kauft sie online für uns ein. Gleichzeitig werden Sensoren unseren Blutdruck, Blutzuckerspiegel und die beim Sport verbrauchten Kalorien überwachen und direkt an den Hausarzt und den Apotheker senden. Deren Computer werden dann unseren Diätplan für die nächsten Wochen entsprechend anpassen.

Wollen wir das eigentlich? Und was wird aus solchen Daten? Mit derartigen Fragen hielten sich die Web-Unternehmer, die sich auf der Bühne der Konferenz euphorisch gegenseitiges Investment in ihre Produkte versprachen, nicht weiter auf. Sie sehen im Internet of Things vor allem eines: gigantisches Potenzial für Geschäftsmodelle.

Im Gegensatz zu den Visionen, wirkten viele der tatsächlich vorgestellten Produkte dann so mickrig wie meine Kaffeemaschine. Nette Spielereien waren dabei. Aber werden sie die Welt wirklich verändern?

Schlüsselkinder mit Netzanschluss

Zwei junge Gründer der Firma Api.gy mit Sitz in Palo Alto präsentierten eine neue Version ihres ferngesteuerten Türschlosses Lockitron. Das lässt sich mit dem Smartphone bedienen. Zwar hat man dann keinen Schlüssel mehr, den man irgendwo liegen lassen kann. Allerdings schützt nur ein Passwort dann noch vor Einbrechern. Und Menschen mit schlechtem Gedächtnis ist damit auch nicht geholfen.

Die France-Télécom-Tochter Orange stellte eine intelligente Steckdose namens MyPlug vor: Damit lassen sich gleich mehrere Geräte im Haus von unterwegs per SMS ein- und ausschalten. Den Stromverbrauch misst die Steckdose gleich mit. Und ein kleiner Bluetooth-Adapter am Schlüsselbund des Kindes genügt, um vom Arbeitsplatz aus zu kontrollieren, ob der Nachwuchs nach der Schule direkt nach Haus gekommen ist. Totale Kontrolle für nur 79,99 Euro.

Welche Risiken es bergen könnte, wenn das Netz zum großen Ganzen wird, wurde in Paris kaum diskutiert. Leider. Denn wenn das Internet der Dinge so kommt wie prophezeit, wird es in Zukunft nicht mehr genügen, zu diskutieren, wie Arztpraxen und Versicherungen Gesundheitsdaten sicher speichern oder wie soziale Netzwerke ihre Kundeninteressen verwalten. Denn auch der Kühlschrank sieht und hört dann alles. Und der Toaster. Und das Auto. Und wenn gewünscht, können diese Maschinen ihre eigenen Statusmeldungen automatisch twittern oder auf Facebook posten.

Wie das geht, zeigte Marcus Schappi von Ninja Blocks. Das ist ein Steuergerät, das es ermöglicht, ohne Programmieraufwand verschiedene Sensoren – etwa Geräusch-, Feuchtigkeits- oder Bewegungsmelder – mit dem Smartphone und dessen Kamera zu verschalten. Schappis Beispiel war lustig: Er präparierte seinen Hühnerstall mit einem Bewegungsmelder, der reagierte, wenn ein Fuchs sich näherte. Automatisch machte das Handy ein Foto von dem Räuber und twitterte es in die Welt. Praktisch, um zum Beispiel Einbrecher abzulichten. Aber ist es noch witzig, wenn damit Nachbarn, Mitarbeiter oder Partner bespitzelt werden? Für 199 US-Dollar kann man das Einsteiger-Set für Hobbyspione vorbestellen.

Hirnscan in Echtzeit

Das Internet of Things macht auch nicht Halt vor den intimsten Daten, die wir besitzen: den Vorgängen in unserem Gehirn. Die kanadische Unternehmerin und Psychotherapeutin Ariel Garten präsentierte bei der LeWeb ein futuristisches Stirnband namens Muse. Das misst die Hirnströme und sendet sie via Bluetooth ans Smartphone oder Tablet.

Bisher kann das Smartphone wenig mit den Daten anfangen. Das Anwendungsbeispiel, das Garten vorführte, war eher eine Spielerei: Kombiniert mit dem Programm Emotype können User Texte schreiben, während das Stirnband ein EEG aufzeichnet. Je nach Erregungszustand im Gehirn, verändert sich die Schriftart beim Schreiben. Eine schnörkellose kleine Schrift symbolisiert Konzentration. Regt sich der Schreibende auf, wird die Schrift größer und fetter, gerät er ins Träumen, erscheinen spielerische Serifen. Mehr nicht. Die Faszination für solche Ansätze ist jedoch riesig: Knapp 290.000 Dollar kamen auf der Crowdfunding-Platform Indiegogo für das Gerät bisher zusammen, das für 199 US-Dollar pro Stück ab kommendem Jahr ausgeliefert werden soll.

Bei allen Schwachstellen der ersten Anwendungen ist das durchaus nachvollziehbar, zeigen sie doch die faszinierenden Möglichkeiten, die im Internet of Things stecken. In Zukunft wird dank einfacher Sensoren in der Kleidung vielleicht kein Herzinfarkt mehr unerkannt bleiben, Geschwindigkeitsmesser könnten schwere Autounfälle verhindern, intelligente Haushaltsgeräte Energie sparen und Müll vermeiden. All das sind wünschenswerte Fortschritte. Es lassen sich Dutzende solcher Beispiele finden.

Bevor allerdings unsere Seele online geht, sollten wir vielleicht kurz darüber nachdenken, wer hier eigentlich wen steuert. Und wie viel Alltagsnetz wir wirklich wollen.

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Leserkommentare
  1. - nicht wenn ich es verhindern kann.

    Kaffee wurde mal von Hand aufgegossen,
    dann mit Maschine gebrüht,
    jetzt ist i.d.R. eine schweizer Präsizionsmaschine am Werk.
    Überall schmeckt alles gleich, vorgestanzt, beliebig.

    Vernetzte Küche, papierlosen Office, schuldenfreies Griechenland - Urban Legends, ist glaube ich, der Fachbegriff hier.

  2. Ich denke, dass viele dieser Ideen zum Glück wieder sterben werden. Man erinnere sich an die Zeit als die CD-Rom auf dem Markt kam. Augenblicklich wurde über die schönen neuen Möglichkeiten der multimedialen Welt von morgen spekuliert. Es hat sich zwar einiges in Richtung Multimedia geändert (Web 2.0), aber vieles ist beim Alten geblieben und vieles nervt einfach nur.

    Unsere Zeitung ist nach wie vor aus Papier, die Internetseiten werden meist mit AdBlockern oder nach deaktivieren von Flash erst richtig genießbar, weil die bunte blinkende multimediale Werbung einfach nur nervt.

    Im Gegensatz zu den ersten multimedialen Versuchen von Encarta kommen Enzykopedien (Wikipedia) sehr gut ohne Videos aus.

    Sehen wir es realistisch, auch wenn sich viele Anwendungen erdenken lassen, durchsetzen werden sich nur wenige (die MMS konnte die SMS nie wirklich annähernd gefährden).
    Und dadurch reich werden bestimmt noch weniger. Wer ist durch das Internet nachhaltig reich geworden? Keine große Hoffnung für die Menschheit.

    Im Bereich Sicherheit haben wir derzeit noch so viele Baustellen offen, dass die technische Entwicklung gerne mal ein Jahrzehnt stehen bleiben könnte und wir hätten ich noch keine zufriedenstellenden Lösungen. Stimmts Herr Minister Bahr?

  3. Alles, wirklich alles, was denkbar ist, ist auch irgendwie, wenn nicht gleich, so doch später machbar. Selbst das Undenkbare ist im Moment seiner Feststellung bereits gedacht und damit schon Teil des Machbaren. Das kann der Mensch nicht abstellen, Neugierde und eine Gabe für Kombinatorik sind elementare Grundbestandteile seines Wesens mit denen er kontinuierlich Neues schafft. Aber dann kommt die Nutzenabwägung. Erst wenn das Machbare einen Nutzen bringt kann es einen Sinn ergeben. Und erst wenn es einen Sinn ergibt wird es sich in der Breite durchsetzen. Die Idee intelligenter Kühlschränke wird seit zwanzig Jahren durch die Feuilletons der Fach- und Nichtfachpresse getrieben. Mann könnte hämisch postulieren, wenn einer Gruppe von Produktdesignern nichts mehr zum Thema Kühlschrank einfällt, dann kleben sie reflexhaft einen Monitor drauf und deklarieren ihn zum intelligenten Kühlschrank. Aber die Häme greift nicht, da die Dinge eben zum Zeitpunkt ihrer Postulierung lediglich keinen Sinn machen, wohl aber Machbar sind und Zum Teil sogar Nutzen bringen. Die Frage ist also nicht, ob uns jetzt aktuell der intelligente Kühlschrank sinnig erscheint, die Frage ist, ob uns denkbare Welten in denen ein intelligenter Kühlschrank Sinn macht auch sinnig und erstrebenswert erscheint. Und genau da verläuft die ewige Frontlinie zwischen den Verweigerern, den Wertkonservativen, den gedankenlosen Machbarkeitshedonisten all den anderen qua Handeln um die Gestaltung von Gesellschaft ringenden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • meander
    • 14. Dezember 2012 8:41 Uhr

    Das Problem liegt weder im technisch Machbaren noch im Thema Effizient. Ein "intelligenter" Kühlschrank wird eben eines nie sein, menschlich. Er wird immer nur seiner Programmierung folgen können. Es ist eine Verleugnung der Wirklichkeit und dem Fehlen sinnvoller Tabus zuzuordnen, dass wir gerade im heutigen informationstechnischen Mittelalter uns solchen Fantasien hingeben.

    Genauso wie die individuelle Werbung im Internet mir die Sicht auf wirklich interessante neue Dinge versperrt, nicht meinen aktuellen Bedürfnissen entspricht, genauso wird kein Kühlschrank oder intelligenter Fernsehen mir jemals das eigene Bauchgefühl oder den lieben Menschen, Freund oder Freundin ersetzen können.

    Allerdings werden kommunizierende Kühlschränke und Fernseher irgendwann einfach die Netze mit Datenmüll verstopfen und die Kommunikation der Menschen notfalls wieder auf alte analoge Technik zurückführen, damit die Kühlschränke und Multimediageräte sich mit ihren Herstellern und Internetmärkten verständigen können - gesetzlich geschützt. Ungestört von unserem unstrukturierten Gesprächen und Dokumenten.

    • meander
    • 14. Dezember 2012 8:41 Uhr

    Das Problem liegt weder im technisch Machbaren noch im Thema Effizient. Ein "intelligenter" Kühlschrank wird eben eines nie sein, menschlich. Er wird immer nur seiner Programmierung folgen können. Es ist eine Verleugnung der Wirklichkeit und dem Fehlen sinnvoller Tabus zuzuordnen, dass wir gerade im heutigen informationstechnischen Mittelalter uns solchen Fantasien hingeben.

    Genauso wie die individuelle Werbung im Internet mir die Sicht auf wirklich interessante neue Dinge versperrt, nicht meinen aktuellen Bedürfnissen entspricht, genauso wird kein Kühlschrank oder intelligenter Fernsehen mir jemals das eigene Bauchgefühl oder den lieben Menschen, Freund oder Freundin ersetzen können.

    Allerdings werden kommunizierende Kühlschränke und Fernseher irgendwann einfach die Netze mit Datenmüll verstopfen und die Kommunikation der Menschen notfalls wieder auf alte analoge Technik zurückführen, damit die Kühlschränke und Multimediageräte sich mit ihren Herstellern und Internetmärkten verständigen können - gesetzlich geschützt. Ungestört von unserem unstrukturierten Gesprächen und Dokumenten.

  4. All dies habe ich kuerzlich literarisch ueberwaeltigend gelesen in "loecher - life and death in my personalized internet hole" von lars roeper.

  5. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

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  • Schlagworte Bewegungsmelder | Bluetooth | Internet | Smartphone | Paris | Palo Alto
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